{"id":27988,"date":"2015-10-20T09:27:33","date_gmt":"2015-10-20T07:27:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27988"},"modified":"2019-07-23T10:19:24","modified_gmt":"2019-07-23T08:19:24","slug":"datenschutz-made-by-a-merkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27988","title":{"rendered":"Datenschutz, made by A. Merkel"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich (wie ich) immer wieder mit schleichendem Wandel besch&auml;ftigt, findet selten verl&auml;ssliche &bdquo;Daten&ldquo; f&uuml;r seine Thesen. Unsere kulturelleren Orientierungsrahmen (die sog. &bdquo;shifting baselines&ldquo;) &auml;ndern sich &uuml;blicherweise still und langsam, meist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Daher betrachtete ich es als einen gro&szlig;en Gl&uuml;ckfall, dass ausgerechnet Angela Merkel als Kronzeugin f&uuml;r diese Form des gesellschaftlichen Wandels zitierf&auml;hig wurde.<br>\nAuf einer Autofahrt von Stuttgart in den Schwarzwald h&ouml;rte ich im Radio einen Auszug aus ihrer Rede anl&auml;sslich der Er&ouml;ffnung des &bdquo;Zentrums f&uuml;r Forschung und Vorausentwicklung der Robert Bosch GmbH&ldquo; (&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Rede\/2015\/10\/2015-10-14-merkel-bosch.html\">Bosch-Campus<\/a>&ldquo;). Vielleicht war dies einer der F&auml;lle, in denen ein sich selbst steuerndes Auto ein echter Sicherheitszugewinn gewesen w&auml;re. Denn ein Satz dieser Rede irritierte mich massiv. Ich dachte nur: Was passiert hier gerade vor unser aller Augen? Endlich einmal wurde der Wandel unsere Referenzrahmens sichtbar. Von <strong>Stefan Selke<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27988#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDer neue Forschungscampus des Traditionsunternehmens Bosch soll nach Aussage von Angela Merkel &bdquo;neue Ma&szlig;st&auml;be&ldquo; setzen (alle folgenden Zitate stammen aus der Rede von Frau Dr. Merkel). Er wurde am 14. Oktober 2015 <a href=\"http:\/\/www.bosch-renningen.de\/de\/renningen\/home_1\/home.html\">in Renningen bei Stuttgart eingeweiht<\/a>. Das ist wichtig f&uuml;r unser Land, denn Forschung ist schlie&szlig;lich der &bdquo;Schl&uuml;ssel zum anschlie&szlig;enden wirtschaftlichen Erfolg&ldquo;. Soweit die Festrede, wie immer, alles erwartbar.<\/p><p>Nun geht es aber am Bosch-Campus auch &bdquo;darum, dass mithilfe vieler Daten neue Produkte entstehen k&ouml;nnen&ldquo;. Wir befinden uns in der sch&ouml;nen neuen Welt von &sbquo;Big Data&rsquo;. War das nicht auch die Welt, in der Werkzeuge entstanden, mit deren Hilfe, das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin abgeh&ouml;rt wurde? Nun aber singt eben diese Kanzlerin das Hohelied des entfesselten Datenflusses. Ihre Vorstellung von der &Ouml;konomisierung digitaler Daten &ndash; &bdquo;Datenschutz, made by A. Merkel&ldquo; &ndash; h&ouml;rte sich dann so an, ich zitiere: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unser Verh&auml;ltnis zu Daten ist in vielen F&auml;llen zu stark vom Schutzgedanken gepr&auml;gt (&hellip;) und vielleicht noch nicht ausreichend von dem Gedanken, dass man mithilfe von Daten interessante Produkte entwickeln kann. Mit einer falschen Gewichtung entsteht aber auch die Sorge, dass durch Digitalisierung einerseits Arbeitspl&auml;tze wegfallen und auf der anderen Seite nicht gen&uuml;gend neue Arbeitspl&auml;tze entstehen. Deshalb muss das &sbquo;Data Mining&rsquo; (&hellip;) die Erhebung und der Umgang mit gro&szlig;en Datenmengen, etwas werden, das sozusagen ein Hoffnungssignal sendet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieses Hoffnungssignal soll daf&uuml;r sorgen, dass Deutschland bei &bdquo;R&uuml;ckst&auml;nden, die wir im IT-Bereich an einigen Stellen durchaus haben&ldquo; wieder aufholt. Denn wie die Kanzlerin fast schon s&uuml;ffisant bemerkt, &bdquo;die in Indien schlafen auch nicht&ldquo;. <\/p><p>K&ouml;nnen Unternehmen wie Bosch nun auf eine Lockerung des Datenschutzes im Sinnes eines volkswirtschaftlichen Standortvorteils rechnen? Fast h&ouml;rt es sich so an. &bdquo;Wir werden versuchen, durch unsere politische Arbeit Ihre noch erfolgreicher zu machen&ldquo; verspricht die Bundeskanzlerin (Politik) den anwesenden Bosch-Vertretern (Wirtschaft). <\/p><p>Warum klingt das alles so beunruhigend?<br>\nDaf&uuml;r gibt es drei Gr&uuml;nde:<\/p><ul>\n<li>Erstens wissen wir l&auml;ngst, dass sog. Nebenfolgengesellschaften immer st&auml;rker von den &ouml;kologischen, &ouml;konomischen und sozialen Nebenfolgen ihrer bisherigen wissenschafts- und technikgetriebenen Erfolge beeinflusst werden. Diese Folgen k&ouml;nnen nicht mehr allein mit dem bisherigen Modell von Immer-mehr-Wissenschaft und Immer-mehr-Technologie behandelt werden. Daten hin oder her. Hinter diese Grunderkenntnis der &bdquo;reflexiven Moderne&ldquo; (Ulrich Beck) kann man eigentlich nicht mehr zur&uuml;cktreten. Deswegen sind immer neue &bdquo;High-Tech-Strategien&ldquo; der Bundesregierung eher Ausdruck stabiler Realit&auml;tsverweigerung. Das bisherige Modell von Wissenschaft und Technik st&ouml;&szlig;t zunehmend an seine Grenzen. Ein &uuml;berholtes Wissenschaftssystem braucht neue Leitbilder, um seinen gesellschaftlichen Aufgaben in Zukunft gerecht zu werden. Die Dominanz einer unmittelbaren wirtschaftlich-technologischen Verwertungsorientierung (&bdquo;zum anschlie&szlig;enden wirtschaftlichen Erfolg&ldquo;) missachtet die Tatsache, dass die Herausforderungen der Zukunft v.a. kulturelle und kommunikative sind. Dies setzt ein revidiertes Innovationsverst&auml;ndnis voraus und damit das Zusammenspiel technologischer und sozialer Innovationen bzw. die Einbettung technologischer Entwicklungen in sozio-kulturelle Kontexte. Davon aber ist am neuen Bosch-Campus nichts zu bemerken. Mit einem Wissenschaftsleitbild, das noch aus den 1970er Jahren stammt, lassen sich aber die Probleme der Zukunft noch nicht einmal angemessen erfassen, geschweige denn l&ouml;sen.<\/li>\n<li>Zweitens bedeutet die Dynamisierung der globalen Wirtschaft und der damit zusammenh&auml;ngenden Wertsch&ouml;pfungsketten nicht automatisch, dass es keine Alternative zu einem industriezentrierten Leitbild innerhalb der Forschungspolitik gibt. Unternehmen profitieren in gro&szlig;em Umfang von F&ouml;rdergeldern &ndash; Geldern, die aus dem Portemonnaie des Steuerzahlers stammen. Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger werden aber viel zu selten (so gut wie nie!) am Agenda-Setting f&uuml;r Themen im Bereich &bdquo;Forschung und Entwicklung&ldquo; (FuI) beteiligt. Stattdessen sitzen unternehmensnahe Lobbyisten (am praktischsten ehemalige Manager) in den Gremien, die z.B. beim Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung (BMBF) &uuml;ber die Forschungslinien und die Vergabe von F&ouml;rdergeldern entscheiden. Eine Wissenschaft, die statt des &bdquo;Mehrwerts&ldquo; f&uuml;r die Unternehmen eher den Mehrwert f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung im Blick h&auml;tte (&bdquo;public value&ldquo;), gibt es leider noch nicht. Als Legitimation f&uuml;r intransparente Forschung ohne basisnahe Demokratie reicht es immer noch aus, einfach auf den &bdquo;Rohstoff Wissen&ldquo; zu verweisen, der in Deutschland angeblich unsere einzige Chance f&uuml;r die Zukunftssicherung darstellt.<\/li>\n<li>Drittens wird in den Zitaten von Angela Merkel der lockere Umgang mit Entgrenzungen deutlich, der heute wie selbstverst&auml;ndlich zum Selbstdarstellungsrepertoire vermeintlich &bdquo;fortschrittlicher&ldquo; Politikerinnen und Politiker geh&ouml;rt. Es scheint beim informationellen Vampirismus allein darum zu gehen, &bdquo;moderne&ldquo; und &bdquo;interessante&ldquo; Produkte zu schaffen. Daf&uuml;r m&uuml;ssen Daten aus m&ouml;glichst vielen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern &bdquo;gesaugt&ldquo; werden. Auch hier reicht es aus, dass Schreckgespenst des auf der Lauer liegenden Inders zu skizzieren, um einen fast schon totalit&auml;r anmutenden Bruch unserer kulturellen Matrix zu legitimieren.<\/li>\n<\/ul><p>&bdquo;Disruptive&ldquo; Technologien wie Big Data ver&auml;ndern schleichend und langfristig die Regeln des Zusammenlebens. Wir freuen uns &uuml;ber die vermeintlichen Gewinne, die uns Rabattprogramme f&uuml;r personenbezogene Daten suggerieren. Wir erg&ouml;tzen uns am l&auml;cherlichen Zuwachs von Bequemlichkeit durch Automation als einer Form von Wohlstandsverswahrlosung durch &bdquo;smarte&ldquo; K&uuml;hlschr&auml;nke, H&auml;user und demn&auml;chst auch Autos. Und dabei werden wir blind f&uuml;r den Preis, denn wir daf&uuml;r zahlen oder bald zahlen werden. <\/p><p>Angela Merkel hat es klar und deutlich auf den Punkt gebracht: Unser Schutzimpuls ist zu ausgepr&auml;gt. <\/p><p>Das klingt fast wie ein Befehl, ein Befehl zum R&uuml;ckzug aus der Kuschelecke informationeller Selbstbestimmung. Wer in Zukunft noch Privatheit fordert, muss sich als Fortschritts- und Modernisierungsverweigerer an den Pranger stellen lassen, weil er oder sie verhindert, dass &bdquo;interessante Produkte&ldquo; von Bosch und anderen Firmen entwickelt werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Aber wer fragt eigentlich noch nach, f&uuml;r wen diese Produkte &bdquo;interessant&ldquo; sind? Wohl am ehesten doch f&uuml;r die Unternehmen selbst, die sie absetzen. Brauchen wir wirklich diese &bdquo;interessanten Produkte&ldquo; als &bdquo;Hoffnungssignal&ldquo;? Oder ist dies nur Ausdruck eines Blicks auf eine Leerstelle, dorthin, wo es fr&uuml;her einmal politische Utopien gab? F&auml;llt Politikern wirklich nichts anderes mehr ein, als die ideologisch grundierten Wachstums- und Fortschrittsmythen nachzubeten, mit denen Unternehmen lieb&auml;ugeln &ndash; und dabei wie bislang &uuml;blich auf die gro&szlig;z&uuml;gige F&ouml;rderung durch Steuergelder hoffen? <\/p><p>H&auml;tte Frau Merkel zumindest irgendeine Vision von &bdquo;public value&ldquo; und w&uuml;rde sie diese nur ann&auml;hernd in den Mittelpunkt ihrer Rede gestellt haben, ihr Gru&szlig;wort h&auml;tte sich wohl ein wenig anders angeh&ouml;rt: <\/p><p>&bdquo;Unser Verh&auml;ltnis zu Daten ist in vielen F&auml;llen zu stark von den Interessen von Unternehmen gepr&auml;gt. Zwar lassen sich mithilfe von Daten interessante Produkte entwickeln, aber nicht jede M&ouml;glichkeit verpflichtet zu ihrer Nutzung. Mit einer falschen Gewichtung entsteht aber auch die Sorge, dass durch &sbquo;Data Mining&rsquo; (&hellip;) elementare B&uuml;rgerrechte erodieren. Bei der Erhebung und dem Umgang mit gro&szlig;en Datenmengen m&uuml;ssen die Interessen einzelner Unternehmen hinten angestellt werden. Eine derartige &sbquo;moralische Orthop&auml;die&rsquo; ist ein Hoffnungssignal, gerade auch f&uuml;r ein Land, das weltweit Vorreiter in der Wissensarbeit sein m&ouml;chte.&ldquo;<\/p><p>Bleibt abschlie&szlig;end zu fragen: War es Leichtsinn oder Absicht? Warum gab und gibt es keinen Aufschrei in einem Land, dessen Bundeskanzlerin &ouml;ffentlich die Aufweichung des Datenschutzes proklamiert? Unterhalb der Wahrnehmungsschwelle war diese Aussage jedenfalls nicht. Man musste nur zuh&ouml;ren. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.stefan-selke.de\/\">Stefan Selke<\/a> vertritt das Lehrgebiet &ldquo;Soziologie &amp; Gesellschaftlicher Wandel&rdquo; an der Hochschule Furtwangen. Er selbst bezeichnet sich als &bdquo;Soziologe und Experte f&uuml;r Mogelpackungen&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich (wie ich) immer wieder mit schleichendem Wandel besch&auml;ftigt, findet selten verl&auml;ssliche &bdquo;Daten&ldquo; f&uuml;r seine Thesen. Unsere kulturelleren Orientierungsrahmen (die sog. &bdquo;shifting baselines&ldquo;) &auml;ndern sich &uuml;blicherweise still und langsam, meist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Daher betrachtete ich es als einen gro&szlig;en Gl&uuml;ckfall, dass ausgerechnet Angela Merkel als Kronzeugin f&uuml;r diese Form des gesellschaftlichen Wandels zitierf&auml;hig<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27988\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[184,17,11,154],"tags":[850,315,1554,1386],"class_list":["post-27988","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ueberwachung","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-strategien-der-meinungsmache","category-wichtige-debatten","tag-datenschutz","tag-merkel-angela","tag-orwell-2-0","tag-wissenschaftlich-technischer-fortschritt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27988","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27988"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27988\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53585,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27988\/revisions\/53585"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}