{"id":28,"date":"2003-12-01T12:03:01","date_gmt":"2003-12-01T10:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=28"},"modified":"2024-10-13T01:06:08","modified_gmt":"2024-10-12T23:06:08","slug":"die-initiative-neue-soziale-marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28","title":{"rendered":"Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkungen zu einer 100-Millionen-Kampagne der Wirtschaftsverb&auml;nde. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p><em> 11. M&auml;rz 2001<\/em><\/p><p><strong>I. Zur Einf&uuml;hrung<\/strong><\/p><p>Die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Debatte in unserem Land leidet seit &uuml;ber zehn Jahren darunter, dass um eines Platzvorteils im Verteilungskampf willen die Qualit&auml;ten des Wirtschaftstandorts Deutschland schlecht geredet wurden; sie leidet unter einem Kampf der &ouml;konomischen Schulen und unter der Neigung, Ver&auml;nderungen im weltwirtschaftlichen und im wirtschaftsstrukturellen Gef&uuml;ge immer gleich zu gro&szlig;en historischen und strukturellen Br&uuml;chen zu stilisieren: Digitaler Kapitalismus, Informations- und Wissensgesellschaft, Globalisierung, New Economy &ndash; das waren und sind die Schlagworte, die die Debatte eher belasten als weiterbringen.<br>\nEs gibt Anzeichen daf&uuml;r, dass sich die Diskussion versachlichen k&ouml;nnte und damit eine wichtige Voraussetzung f&uuml;r gute politische Entscheidungen geschaffen werden k&ouml;nnte: Zum Beispiel wird unser Land nicht mehr st&auml;ndig schlecht geredet; der Standort Deutschland erh&auml;lt gute Noten; auch Pers&ouml;nlichkeiten aus der Wirtschaft beginnen zu verstehen, dass es keinen Sinn macht, seine angeblich schlechten Qualit&auml;ten zu beschw&ouml;ren und dann den mangelnden Zuflu&szlig; an Direktinvestitionen vom Ausland hier in Deutschland zu beklagen. Letztere sind beachtlich gestiegen &ndash; von 20 Milliarden Euro in 1998 auf 50 in 1999 und den Rekord von 218 Milliarden in den ersten drei Quartalen des Jahres 2000.<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a> &ndash; Zum Beispiel ist die r&uuml;ckhaltlose Bewunderung f&uuml;r die New Economy einer eher n&uuml;chternen Einsch&auml;tzung gewichen, bei der die Leistung der sogenannten Old Economy wieder gesehen wird.<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a> &ndash; Zum Beispiel wird unter dem Eindruck sinkender Kurse an der B&ouml;rse wieder gesehen, dass eine Volkswirtschaft nicht von Spekulation und Geldverm&ouml;genswertsteigerungen, sondern von der Produktion von G&uuml;tern und Dienstleistungen lebt. &ndash; Zum Beispiel verlieren in Anbetracht einer kritischen wirtschaftlichen Entwicklung in den USA die undifferenzierten Bewunderungen des amerikanischen Modells an Gewicht.<\/p><p>Insgesamt bekommen wir zusehends die Chance, dass sich die ideologischen Fronten aufl&ouml;sen und wir so zu differenzierteren, tiefergreifenden und umsichtigeren Analysen unserer wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Situation und dessen, was notwendig ist, kommen.<br>\nIn diese Entwicklung &bdquo;platzt&ldquo; die Gr&uuml;ndung einer &bdquo;Initiative&ldquo;, die wie ein Nachklapp auf die von Schlagworten gepr&auml;gte Diskussionskultur der 90er Jahre wirkt: die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.<\/p><p><strong>II. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft<\/strong><\/p><p>Am 12. Oktober 2000 wurde die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (im weiteren Verlauf &bdquo;Initiative&ldquo; genannt) in Berlin der &Ouml;ffentlichkeit vorgestellt. Sie ist eine Gr&uuml;ndung der Arbeitgeberverb&auml;nde der Metall- und Elektroindustrie und wird von anderen Wirtschaftsverb&auml;nden einschlie&szlig;lich des BDI unterst&uuml;tzt.<br>\nDie &bdquo;Initiative&ldquo; versteht sich als eine partei- und branchen&uuml;bergreifende Kommunikationsplattform. Sie betreibt unter dem Slogan &bdquo;Chancen f&uuml;r alle&ldquo; vor allem &Ouml;ffentlichkeitsarbeit. Sie bedient sich dabei prominenter Unterst&uuml;tzung aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Vertreter aller Bundestagsparteien mit Ausnahme der PDS geh&ouml;ren zu ihren sogenannten Botschaftern bzw. zum Kuratorium. Als prominente Unterst&uuml;tzer werden Wolfgang Clement (SPD), Oswald Metzger (B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen), Sigmar Mosdorf (SPD), Professor Dr. Dagmar Schipanski (CDU), Dr. Edmund Stoiber (CSU) und Carl-Ludwig Thiele (F.D.P.) genannt. Dem Kuratorium der Initiative sitzt Professor Dr. Hans Tietmeyer vor, fr&uuml;her Pr&auml;sident der Deutschen Bundesbank und Staatssekret&auml;r in der Regierung Helmut Kohl. Tietmeyer ist eine Art Repr&auml;sentant der &bdquo;Initiative&ldquo;. Unter seinem Namen sind eine Reihe von programmatischen Beitr&auml;gen zu den Zielen und Messages der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erschienen.<br>\nDie &bdquo;Initiative&ldquo; will f&uuml;r die Bereitschaft zu &bdquo;Reformen&ldquo;, f&uuml;r die Marktwirtschaft und f&uuml;r das Unternehmertum werben. Die Initiatoren halten eine Anpassung der Sozialen Marktwirtschaft an &bdquo;neue Realit&auml;ten&ldquo; f&uuml;r notwendig. Als &bdquo;neue Realit&auml;ten&ldquo; werden die Globalisierung, das &bdquo;demographische Problem&ldquo; und die dramatisch ge&auml;nderte Arbeitswelt in Zeiten der New Economy genannt. Es wird beklagt, dass die sozialen Sicherungssysteme und der Anteil des Staates und seine Regulierungsdichte dramatisch zugenommen h&auml;tten. An die Stelle pers&ouml;nlicher Verantwortung sei vielfach &bdquo;staatliche Vollversorgung&ldquo; getreten. Eine R&uuml;ckbesinnung auf die grundlegenden Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft und ihre &bdquo;Erneuerung&ldquo; seien erforderlich. Wir br&auml;uchten mehr Flexibilit&auml;t auf dem Arbeitsmarkt und mehr Mobilit&auml;t bei allen Besch&auml;ftigten, ein Steuersystem, &bdquo;das Leistung f&ouml;rdert anstatt sie zu bestrafen&ldquo;, der Sozialstaat m&uuml;sse von seinen &bdquo;Ausuferungen befreit&ldquo; werden und die &ouml;ffentliche Hand solle sich &bdquo;auf die wirklich notwendigen Aufgaben beschr&auml;nken&ldquo;. Der &bdquo;Initiative&ldquo; gehe es um einen &bdquo;Klimawechsel in unserer Gesellschaft&ldquo; und um eine &bdquo;strukturelle Erneuerung&ldquo;. So hei&szlig;t es in den einschl&auml;gigen Publikationen.<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a><\/p><p>Der Gr&uuml;ndung der &bdquo;Initiative&ldquo; ging eine Umfrage des Instituts f&uuml;r Demoskopie Allensbach voraus. Ein Bericht &uuml;ber die Ergebnisse wurde vom Institut der deutschen Wirtschaft ver&ouml;ffentlicht; die Ver&ouml;ffentlichung wurde durch Mittel der &bdquo;Initiative&ldquo; gef&ouml;rdert.<br>\nDie &bdquo;Initiative&ldquo; hat, auf f&uuml;nf Jahre verteilt, f&uuml;r ihre &Ouml;ffentlichkeitsarbeit 100 Millionen DM zur Verf&uuml;gung. J&auml;hrlich werden 20 Millionen ausgegeben.<br>\nDie Initiative wird von einer eigens gegr&uuml;ndeten Gesellschaft, von berolino.pr gmbh, gemanagt. Der Werbe\/PR-Etat wird von der Agentur Scholz &amp; Friends in Kooperation mit zwei Sub-Agenturen betreut.<br>\nDie &bdquo;Initiative&ldquo; wirbt mit Fernsehspots, Anzeigen, Themenheften, Brosch&uuml;ren und B&uuml;chern, im Internet und auf Veranstaltungen f&uuml;r ihre Botschaft. In Spots, Anzeigen und auf den Veranstaltungen treten Prominente und Nicht-Prominente auf.<br>\nF&uuml;r die Kommunikation im Jahr 2001 sind sechs Themenschwerpunkte vorgesehen:<\/p><ul>\n<li>\"Liberalisierung des Arbeitsmarktes\"<\/li>\n<li>\"Reform der Bildungspolitik\"<\/li>\n<li>\"F&ouml;rderung der Selbst&auml;ndigkeit\"<\/li>\n<li>\"Weniger Staat\"<\/li>\n<li>\"Reform der Sozialen Sicherung\"<\/li>\n<li>\"Innovationsstandort Deutschland\".<\/li>\n<\/ul><p>Zu allen sechs Themen wird es sogenannte Town-Meetings, also gr&ouml;&szlig;ere Veranstaltungen, geben. Sie werden begleitet von Anzeigen, TV-Spots, sogenannten Themenheften, von Newslettern, einem Buch, intensiver Medienarbeit und einem vielf&auml;ltigen Auftritt im Internet. Hauptzielgruppe sollen Multiplikatoren sein.<br>\n&Uuml;ber regionale Podien sollen auch die regionalen und lokalen Organisationen der Verb&auml;nde, die die &bdquo;Initiative&ldquo; tragen, f&uuml;r die Vervielf&auml;ltigung der Wirkung genutzt werden.<br>\nDas Medienecho war bisher recht freundlich, wenn auch nicht &uuml;berw&auml;ltigend gro&szlig;.<\/p><p><strong>III. Sieben Anmerkungen zur Initiative<\/strong><\/p><p><strong>1. Sie ist eine PR-Organisation zur Vertretung von Arbeitgeberinteressen, getarnt als &uuml;berparteiliche Initiative f&uuml;r das Gemeinwohl.<\/strong><br>\nDer Slogan &bdquo;Chancen f&uuml;r alle&ldquo; signalisiert Vertretung von Gemeinwohl und verbirgt, dass es sich bei der &bdquo;Initiative&ldquo; um die Gr&uuml;ndung von Arbeitgeberverb&auml;nden handelt. Der Spagat zwischen diesem in der &Ouml;ffentlichkeit zu vermittelnden Eindruck von Allgemeininteresse und der internen Befriedigung der Arbeitgeber gelingt beachtlich gut. Es wird offen von einer &bdquo;neuen Kommunikationsoffensive der Wirtschaft&ldquo;!<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a> gesprochen; in den Texten wird beklagt, dass die Unternehmensrenditen immer noch nicht hoch genug seien; und dies, obwohl Gewinne und Verm&ouml;genseinkommen in den letzten zwei Jahrzehnten den Einkommen der Arbeitnehmer davon liefen und eigentlich die Lohneinkommen Nachholbedarf haben; dem Wunsch vieler Menschen nach sozialer Sicherheit begegnen die Initiatoren mit Skepsis bis Hohn, seinem Abbau wird das Wort geredet<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>; der Sinn solidarischer Organisation von Arbeitnehmern in Gewerkschaften wird in Frage gestellt<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a><a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_7\" name=\"note_7\"> 7<\/a>. &ndash; Das sind Vorstellungen jenseits der Mitte aufgekl&auml;rten Unternehmertums.<\/p><p>Und dennoch bleibt in der bisher erreichten &Ouml;ffentlichkeit vermutlich h&auml;ngen, die &bdquo;Initiative&ldquo; sei im Interesse des Gemeinwohls t&auml;tig. Dass dies gelingt, ist sicherlich auch dem Eindruck der &Uuml;berparteilichkeit zu verdanken. Und das, obwohl z. B. der Kuratoriumsvorsitzende Tietmeyer CDU-Mitglied ist und obwohl der Chef der f&uuml;r die Initiative arbeitenden Werbeagentur Scholz &amp; Friends Internet-Beauftragter der CDU ist. Dies gelingt, obwohl die CDU-Vorsitzende Angela Merkel gut einen Monat nach der Pr&auml;sentation der Initiative in einem Grundsatzartikel<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a> die &bdquo;Neue soziale Marktwirtschaft&ldquo; als Projekt der CDU pr&auml;sentierte und damit den gleichen Begriff f&uuml;r die CDU besetzte. Und Gesamtmetallchef Martin Kannegie&szlig;er &ndash; sozusagen Hauptinitiator der &bdquo;Initiative&ldquo; &ndash; ist Mitglied der CDU-Kommission &bdquo;Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;. Ein Schelm, der dabei Koordination unterstellt.<br>\nTrotz dieser Deckungsgleichheit bleiben die Nicht-CDU\/CDU-Mitglieder in der Initiative bisher bei der Stange. Der b&uuml;ndnis-gr&uuml;ne Haushaltsexperte Oswald Metzger trat k&uuml;rzlich in einem vermutlich von der &bdquo;Initiative&ldquo; vermittelten Beitrag f&uuml;r die &bdquo;Welt&ldquo; ausdr&uuml;cklich als Botschafter der Initiative &bdquo;Neue soziale Marktwirtschaft&ldquo; auf<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>. Bei den Sozialdemokraten, die f&uuml;r die &bdquo;Initiative&ldquo; auftreten, kann man nur hoffen, dass sie die Texte nicht kennen.<br>\n<strong>Die &bdquo;Initiative&ldquo; mu&szlig; darauf hoffen, da&szlig; sich kritische Zeitgenossen nicht mit ihren Wirken besch&auml;ftigen. Denn das bisher verbreitete Gemeinwohl-Image und der Eindruck von &Uuml;berparteilichkeit werden nicht zu halten sein, wenn sich mehr Beobachter mit den Texten und Absichten der &bdquo;Initiative&ldquo; besch&auml;ftigen und nicht nur die Slogans wahrnehmen. <\/strong><\/p><p><strong>2. Die Initiatoren wollen eine andere Republik &ndash; ihre Einstellung zur Sozialstaatlichkeit deckt sich nicht mit dem Auftrag des Grundgesetzes <\/strong><\/p><p>Die gesellschaftlichen Kr&auml;fte, die die &bdquo;Initiative&ldquo; tragen und finanzieren, haben 16 Jahre lang, von 1982 bis1998, in Deutschland regiert bzw. die Regierung beeinflu&szlig;t. Man kann Einflu&szlig; und Macht an der Person des Kuratoriumsvorsitzenden festmachen. Hans Tietmeyer war schon vor dem Regierungswechsel 1982 ein einflu&szlig;reicher Mitarbeiter des damaligen Bundeswirtschaftsministers Graf Lambsdorff, er war dann bei Kohl Staatssekret&auml;r im Finanzministerium, ab 1990 Mitglied im Direktorium der Deutschen Bundesbank und von 1991 bis 1999 deren Pr&auml;sident. Einflu&szlig;reicher geht es wohl kaum. &ndash; Warum gr&uuml;nden die Initiatoren und er erst jetzt im Jahre 2000 die &bdquo;Initiative&ldquo; und fordern einen &bdquo;Klimawechsel&ldquo;? Man mu&szlig; dies als einen eher propagandistischen Schachzug verstehen. Bisher schon ist die Wirtschaft mit einer &auml;hnlichen Propaganda ganz gut gefahren: Die Realeinkommen der Arbeitnehmer sind in den letzten 20 Jahren kaum gestiegen.<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a> Zwischen 1982 und 1998 wurden die Steuern f&uuml;r Unternehmen und auf hohe Einkommen und Verm&ouml;gen mehrmals gesenkt, die Verm&ouml;genssteuer fiel beispielsweise genauso weg wie die Gewerbekapitalsteuer. Das Ergebnis: der Lastenanteil der Lohnsteuer am Gesamtsteueraufkommen stieg.<br>\nWenn die f&uuml;r diese Umverteilung notwendige ideologische Begleitmusik &ndash; wie &bdquo;Leistung mu&szlig; sich wieder lohnen&ldquo; oder &bdquo;Die hohen Spitzensteuers&auml;tze gef&auml;hrden den Standort Deutschland&ldquo; &ndash; erfolgreich war, warum sollte man sie nicht in Variation fortsetzen? So gesehen ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nur eine Neuauflage des bisher Dagewesenen. Es ist sozusagen ein vorl&auml;ufiger Schlu&szlig;stein in der Propaganda konservativer Kr&auml;fte zur Ver&auml;nderung des Meinungsklimas und zur Festigung ihrer Hegemonie. Dass Tietmeyer sich daf&uuml;r zur Verf&uuml;gung stellt, ist verst&auml;ndlich, warum dies andere, die nicht dem konservativen Lager zuzurechnen sind, tun und warum sie sich als Zeugen der &Uuml;berparteilichkeit mi&szlig;brauchen lassen, bleibt ihr Geheimnis.<br>\nEinschl&auml;gig f&uuml;r die Zielsetzung der &bdquo;Initiative&ldquo; ist die Brosch&uuml;re &bdquo;Gesellschaft im Zwiespalt&ldquo;: Die Tatsache, dass 40 % der Deutschen laut Allensbach-Umfrage an der sozialen Marktwirtschaft vor allem sch&auml;tzen, dass sie keine reine Marktwirtschaft ist, sondern ein soziales System, l&ouml;st bei den Interpreten vom Institut der deutschen Wirtschaft eher Sorge als Anerkennung aus. Wenn dann noch die meisten Deutschen auf die Frage, wer f&uuml;r die soziale Sicherheit sorgen soll, den Staat nennen, dann sind die Initiatoren alarmiert. Sie stellen fest, der Wunsch vieler Mitb&uuml;rger nach mehr staatlicher F&uuml;rsorge hei&szlig;e umgekehrt logischerweise auch, dass sie sich vor ihrer Eigenverantwortung davonstehlen.<br>\nDie Auftraggeber dieser Umfrage waren dar&uuml;ber hinaus entt&auml;uscht: <\/p><ul>\n<li>dass 60 % der Deutschen das hohe Sozialniveau nicht verantwortlich machen f&uuml;r die Arbeitslosigkeit,<\/li>\n<li>dass eine Mehrheit nicht f&uuml;r eine Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes eintrat<\/li>\n<li>dass immerhin 42 % der Deutschen meinten, wir br&auml;uchten bei uns im Land eine neue Politik, einen neuen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, nur 34 % meinten dies nicht<\/li>\n<li>dass nur 10 % der Befragten sich vorstellen k&ouml;nnen, dass niedrigere L&ouml;hne Arbeitspl&auml;tze schaffen.<\/li>\n<\/ul><p>Die Autoren sehen nicht, dass f&uuml;r die meisten Menschen die soziale Sicherung immer noch das einzige nennenswerte Verm&ouml;gen ist, das sie besitzen, und dass sie den Staat nicht als Feind begreifen, sondern als eine gemeinsame Einrichtung, die diese soziale Sicherung gew&auml;hrleisten k&ouml;nnte. Wie in vielen anderen Publikationen aus der konservativen Ecke unserer Gesellschaft wird auch in den Texten der Initiative sichtbar, dass sie im Grunde ihren Frieden mit dem Verfassungsgebot Sozialstaatlichkeit nicht gemacht haben.<\/p><p><strong>3. Die Lasten der Deutschen Einheit dem Sozialstaat anzulasten &ndash; ein ziemlich mieser Trick. <\/strong><\/p><p>Wie ein roter Faden zieht sich die Sorge &uuml;ber den Anstieg der Kosten f&uuml;r Sozialleistungen und der sogenannten Staatsquote durch die Texte der Initiative. Beides wird dramatisiert und zu einer Abkehr von den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft hochstilisiert. Man habe sich von Ludwig Erhard weit entfernt, dies mache eine Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft notwendig. Wollte man polemisch werden, dann k&ouml;nnte man sagen: bestens sozial Abgesicherte machen sich &uuml;ber das soziale Sicherungsbed&uuml;rfnis der weniger Beg&uuml;terten her.<br>\nTietmeyer beklagt in der FAZ <a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>, dass zwischen 1970 und 1999 der Anteil der Sozialleistungen an der Bruttowertsch&ouml;pfung von 26 auf &uuml;ber 33 % angestiegen sei (Versehentlich oder damit es eindrucksvoller aussieht, beklagt Tietmeyer dann in der offiziellen Brosch&uuml;re der &bdquo;Initiative&ldquo;, die FOCUS und SPIEGEL beigeheftet war, einen Anstieg von 20 Prozent (!) auf ein Drittel)<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>; er beklagt, dass die Staatsquote mit rund 50% viel zu hoch liege. In anderen Publikationen der &bdquo;Initiative&ldquo; wird vor allem der Anstieg in den 90er Jahren beklagt. Dabei wird verschwiegen, dass der Anstieg der Belastungen der Arbeitnehmerschaft in den 90er Jahren wesentlich mit den Kosten der Deutschen Einheit zu tun hatte. Rund 150 Milliarden j&auml;hrliche Transfers nach Ostdeutschland &ndash; das l&auml;&szlig;t sich nicht aus der Portokasse bezahlen. Ein Vergleich der Sozialleistungsquote zwischen 1991 und 1999 zeigt deutlich, wie sehr sich die schwierige Situation in Ostdeutschland in der Sozialleistungsquote insgesamt niedergeschlagen hat.<\/p><p><em>Tabelle 1: Entwicklung der Sozialleistungsquote<\/em><\/p><table>\n<tr>\n<th>Jahr<\/th>\n<th colspan=\"3\">Sozialleistungsquote (Prozent)<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<th>&nbsp;<\/th>\n<th>Alte Bundesl&auml;nder<\/th>\n<th>Neue Bundesl&auml;nder<\/th>\n<th>Deutschland<\/th>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1960<\/td>\n<td>21,6<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1965<\/td>\n<td>23,1<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1970<\/td>\n<td>25,9<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1975<\/td>\n<td>33,3<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1980<\/td>\n<td>32,0<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1985<\/td>\n<td>31,3<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1991<\/td>\n<td>27,6<\/td>\n<td>58,1<\/td>\n<td>29,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1992<\/td>\n<td>28,2<\/td>\n<td>64,7<\/td>\n<td>31,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1993<\/td>\n<td>29,4<\/td>\n<td>58,9<\/td>\n<td>32,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1994<\/td>\n<td>29,6<\/td>\n<td>54,6<\/td>\n<td>32,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1995<\/td>\n<td>30,4<\/td>\n<td>54,6<\/td>\n<td>32,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1996<\/td>\n<td>31,3<\/td>\n<td>55,3<\/td>\n<td>34,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1997<\/td>\n<td>31,0<\/td>\n<td>54,6<\/td>\n<td>33,7<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1998<\/td>\n<td>30,5<\/td>\n<td>55,8<\/td>\n<td>33,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>1999<\/td>\n<td>30,8<\/td>\n<td>56,0<\/td>\n<td>33,7<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p><em>Quelle: Bundesarbeitsblatt 12\/2000<\/em><\/p><p>Die Sozialleistungsquote betrug 1991 in den alten Bundesl&auml;ndern 27,6 %, in den neuen Bundesl&auml;ndern 58,1 %. Allein durch die Vereinigung der beiden Teile Deutschlands ergab sich f&uuml;r Gesamtdeutschland eine Erh&ouml;hung der Quote um 2,2%-Punkte auf 29,8 %.<br>\nDie Sozialleistungsquote f&uuml;r die neuen Bundesl&auml;nder liegt auch 1999 noch bei 56%, in Gesamtdeutschland bei 33,7 und in den alten Bundesl&auml;ndern bei 30,8 %. Das ist in der Tat mehr als 1970 mit 25,9 %, aber unter Beachtung der sehr viel h&ouml;heren Arbeitslosigkeit und in Anbetracht des Gewichts, mit der die sozialen und wirtschaftlichen Probleme Ostdeutschlands zu Buche schlagen, verbietet sich jede Dramatisierung.<\/p><p>Der Anstieg der Sozialleistungsquote f&uuml;r Gesamtdeutschland fand &uuml;brigens vor allem zwischen 1991 und 1995 statt. Seitdem schwankt die Quote zwischen 33 und 34%. Um diese Belastungen richtig zu bewerten, bleibt noch anzumerken: Anfangs der 90er Jahre holte die Regierung Kohl viele Aussiedler nach Deutschland. Neben den Lasten der Deutschen Einheit d&uuml;rfte dieser Faktor ordentlich zu Buche schlagen. Jedenfalls machen diese beiden Sonderfaktoren &ndash; Deutsche Einheit und Zuzug vieler Aussiedler &ndash; deutlich, dass die Klagen der Initiatoren &uuml;ber den Anstieg der Sozialleistungsquote ein &uuml;bler Trick sind: sie missbrauchen die Vereinigung Deutschlands zur Diskreditierung der Sozialstaatlichkeit.<br>\n<strong>Dieser Trick, mit dem die einheitsbedingte Mehrbelastung der Arbeitnehmerschaft und der Sozialkassen heute, ohne auch ein einziges Mal diese Ursache zu erw&auml;hnen, in Stellung gebracht wird gegen die Sozialstaatlichkeit und gegen &ouml;ffentliche Leistungen, spricht schon f&uuml;r einen bemerkenswerten Zynismus der Initiatoren. Sie wollen weg von der sozialen Sicherung und hin zu einer Grundsicherung mit privat organisierter Zusatzversorgung, die dann &ndash; wie jetzt bei der Rente &ndash; von den Arbeitnehmern alleine bezahlt werden soll. Dieser Zweck heiligt offenbar alle Mittel.  <\/strong><br>\nWie unangebracht die Dramatisierung ist, die als Ursache f&uuml;r die Gr&uuml;ndung der &bdquo;Initiative&ldquo; herhalten mu&szlig;, zeigt erg&auml;nzend auch ein Vergleich mit Sozialleistungsquoten anderer L&auml;nder Europas. Tabelle 2<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a> zeigt die Werte von EUROSTAT f&uuml;r 1998.<\/p><p><em>Tabelle 2<\/em><\/p><table>\n<tr>\n<th colspan=\"2\">Ausgaben des Sozialschutzes 1998<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a><\/th>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>EU der 15<\/td>\n<td>27,7<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Italien<\/td>\n<td>25,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Gro&szlig;britannien<\/td>\n<td>26,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Niederlande<\/td>\n<td>28,5<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>&Ouml;sterreich<\/td>\n<td>28,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Deutschland<\/td>\n<td>29,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>D&auml;nemark<\/td>\n<td>30,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Frankreich<\/td>\n<td>30,5<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Schweden<\/td>\n<td>33,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Schweiz<\/td>\n<td>27,9<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p>Selbst bei Einbeziehung der einheitsbedingten Sozialausgaben liegt Deutschland noch unterhalb der beiden von der &bdquo;Initiative&ldquo; &ndash; aus anderem Anla&szlig; &ndash; zu Vorbildern hochstilisierten L&auml;nder D&auml;nemark und Schweden und knapp oberhalb der ebenfalls bewunderten Niederlande. Wenn man die 2,2% einheitsbedingte Erh&ouml;hung abzieht, f&auml;llt Deutschlands Sozialleistungsquote f&uuml;r 1998 unter den EU-Durchschnitt, und unter die Quote der Schweiz (!).<br>\nZur Abrundung noch ein Blick auf die Entwicklung der Sozialleistungen im gesamten Zeitraum der Existenz der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft. Die Initiatoren suggerieren ja, insbesondere in den 70er bzw. in den 90er Jahren habe eine Expansion stattgefunden, die heute ein Einschreiten gegen &bdquo;Ausuferungen&ldquo; n&ouml;tig mache. Tats&auml;chlich sind die Sozialleistungen in den 50er und 60er Jahren, also zu Zeiten von CDU-Kanzlern, aufgrund neu eingef&uuml;hrter Leistungen &ndash; wie der dynamischen Rente zum Beispiel &ndash; kontinuierlich angestiegen. Zwischen 1960 und 1970 stieg die Quote immerhin von 21,6 auf 25,9 an. Sp&auml;ter kamen dann beispielsweise die Pflegeversicherung oder die Hilfen und Renten f&uuml;r Aussiedler hinzu. Beides, beschlossen von CDU\/CSU-gef&uuml;hrten Bundesregierungen, schlug sich im Anstieg von Sozialleistungen nieder. &ndash; Will die &bdquo;Initiative&ldquo; diese Leistungen streichen? Will sie die verst&auml;rkten Leistungen f&uuml;r Familien streichen?<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a><\/p><p><strong>4. Die &bdquo;Initiative&ldquo; ist eine Propagandamaschine ohne Bezug zur Realit&auml;t <\/strong><\/p><p> Wer im Oktober des Jahres 2000 eine Initiative f&uuml;r eine Neue Soziale Marktwirtschaft vorstellt und eine &bdquo;weitreichende&ldquo; &bdquo;Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft&ldquo; verlangt, der mu&szlig; irgendwie begr&uuml;nden, warum dies gerade jetzt neu n&ouml;tig ist. Was in den Verlautbarungen als &bdquo;v&ouml;llig neu&ldquo; dargestellt wird, kennen wir jedoch zur Gen&uuml;ge aus der Standortdebatte. Das sind ziemlich alte H&uuml;te.<\/p><p>In den Texten der Initiative hei&szlig;t es: &bdquo;Globalisierung, Digitalisierung und der demographische Umbruch stellen Deutschland vor v&ouml;llig neue Herausforderungen&ldquo;. Was ist daran neu? Das sind die Schlagworte, die nun schon seit Beginn der Standortdebatte, also schon l&auml;nger als ein Jahrzehnt, die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Diskussion in Deutschland beherrschen, ohne unser Land weitergebracht zu haben.<br>\nDie Argumente sind d&uuml;rftig: Globalisierung ist nichts grundlegend Neues. Deutschland war auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon in die Weltwirtschaft eingebunden. Die Digitalisierung bringt Ver&auml;nderungen, aber keinen qualitativen Umbruch. Dass die Alterspyramide einen vergleichsweise hohen und bis auf weiteres steigenden Anteil &auml;lterer B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger ausweist, konnte auch der Finanzstaatssekret&auml;r Tietmeyer in den 80er Jahren schon wissen. Die von den Initiatoren geforderte h&ouml;here Flexibilit&auml;t und Mobilit&auml;t und die von ihnen pr&auml;ferierten ungesicherten Arbeitsverh&auml;ltnisse werden noch mehr junge Leute davon abhalten, Kinder zu bekommen und Ehen einzugehen. &Uuml;brigens: Diese Zusammenh&auml;nge nicht zu sehen und dennoch die g&auml;ngigen Parolen wie den &bdquo;demographischen Umbruch&ldquo; zu benutzen und zu verbreiten, ist ein guter Beleg daf&uuml;r, dass es sich hier um ein rein vorgeschobenes Argument handelt, um Interessen durchzusetzen.<br>\nDie Texte der Initiative leiden wie die gesamte Modernisierungsdebatte der letzten Jahre darunter, dass die in jeder modernen Gesellschaft vorkommenden Ver&auml;nderungen zu gro&szlig;en Umbr&uuml;chen hochstilisiert werden. Typischer Fall: Der &bdquo;rasante Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft&ldquo;. Diese Kategorisierungen sind irrational. Sie dienen auch nur dazu, etwas als v&ouml;llig neu erscheinen zu lassen, was Ausdruck eines schrittweisen Wandels ist. Wissen gab es schon immer und Industrie wird es immer geben; und dass das Wissen der gro&szlig;en Mehrheit in den letzten Jahren zugenommen habe, das wird sogar von jenen bezweifelt, die am Feiertag von der Wissensgesellschaft schwadronieren und werktags die Verbl&ouml;dung der TV-Generation beklagen.<br>\nWenn man sich als potentieller Investor in Deutschland die Texte der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft anschaut, dann mu&szlig; man die Lust an Investitionen in Deutschland verlieren. Die Vertreter der &bdquo;Initiative&ldquo; sehen in Deutschland immer noch gro&szlig;e strukturelle Probleme: <\/p><ul>\n<li>die Abgabenbelastung sei trotz j&uuml;ngst beschlossener Steuerreform noch immer zu hoch,<\/li>\n<li>die Start-up-Gr&uuml;nder w&uuml;rden abgeschreckt,<\/li>\n<li>die sozialen Sicherungssysteme verschl&auml;ngen immer mehr Geld, aber zugleich w&uuml;rden sie immer ineffizienter,<\/li>\n<li>unser Hochschulwesen sei in vielen Bereichen nicht mehr zeitgem&auml;&szlig;,<\/li>\n<li>besonders eklatant seien die Verkrustungen auf dem Arbeitsmarkt, weshalb immer noch fast 4 Millionen Menschen in Deutschland ohne Besch&auml;ftigung seien,<\/li>\n<li>die Renditen nach Steuern d&uuml;mpelten bei den Industrieunternehmen seit Jahren bei durchschnittlich 2 &ndash; 3 % herum und das sei zu wenig um zu investieren, Menschen auszubilden, zu forschen und Arbeitspl&auml;tze zu schaffen<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Und dann wird darauf verwiesen, dass die Unternehmen in anderen L&auml;ndern erheblich besser dast&uuml;nden.<br>\nDas ist das alte Lied: Beim Vergleich mit anderen L&auml;ndern werden die Schatten hier bei uns und das Licht in den anderen L&auml;ndern gesehen. Man geht davon aus, dass die hohe Arbeitslosigkeit bei uns nur ein strukturelles Problem und kein konjunkturelles sei. Bei den Analysen der aktuellen Lage in den USA gehen die meisten dieser Beobachter dann davon aus, dass die aktuellen Schwierigkeiten dort ein konjunkturelles Problem seien und mit Geldpolitik und Steuersenkungen bek&auml;mpft werden k&ouml;nnten. Nur bei uns darf ein solcher analytischer Blick nicht gelten, weil es seit Jahren tabu ist, &uuml;berhaupt zu fragen, ob es nicht auch eine Schw&auml;che der Binnennachfrage geben k&ouml;nnte. Das ist tabuisiert, weil die meinungsf&uuml;hrenden Kr&auml;fte wie in diesem Fall auch die &bdquo;Initiative&ldquo; und ihre Tr&auml;ger partout noch einige strukturelle Ver&auml;nderungen zu Gunsten ihrer Klientel herausholen wollen.<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a> Das gilt f&uuml;r die Forderung nach Steuersenkungen genauso wie f&uuml;r die Forderung nach Flexibilisierung des Tarif- und Arbeitsrechts.<br>\nNun ist selbst in den Texten der &bdquo;Initiative&ldquo; zu lesen, dass die Erfolgsrezepte D&auml;nemarks, der Niederlande, Schwedens und der USA nicht ohne weiteres auf Deutschland &uuml;bertragen werden k&ouml;nnen. Aber sie werden uns trotz dieser Einsicht als Modelle vorgehalten, obwohl sich die Verh&auml;ltnisse bei uns wesentlich von den anderen L&auml;ndern unterscheiden und deren Schattenseiten ja nicht &bdquo;ohne&ldquo; sind:<\/p><ul>\n<li>Wenn Deutschland sich die Auslandsverschuldung leisten w&uuml;rde, die sich die USA leisten, wenn wir jedes Jahr neu auf Pump und zu Lasten anderer V&ouml;lker leben w&uuml;rden, dann w&auml;re hier der Teufel los, die Qualit&auml;ten des Standorts Deutschland w&uuml;rden in den Boden geschrieben.<\/li>\n<li>Die Abgabenbelastung in D&auml;nemark und in den Niederlanden ist h&ouml;her als bei uns. Das gleiche gilt f&uuml;r die Sozialabgaben. Sollen wir uns das zum Vorbild nehmen?<\/li>\n<li>Der Ma&szlig;stab Rendite nach Steuerbelastung ist ohnehin fragw&uuml;rdig, weil die Steuersysteme sehr verschieden sind.<\/li>\n<\/ul><p>Was also soll die Fortsetzung der Klagen &uuml;ber die Standortqualit&auml;ten Deutschlands? Gerade eine &bdquo;Initiative&ldquo;, die sich auf Ludwig Erhard beruft, sollte wissen, dass die wirtschaftliche Entwicklung wesentlich von psychologischen Faktoren bestimmt wird. Es ist h&ouml;chste Zeit, dass die Wirtschaftsverb&auml;nde und ihre Sonderorganisationen wie die Initiative Neue soziale Marktwirtschaft, aufh&ouml;ren, den Investitionsstandort Deutschland schlecht zu reden. Es macht keinen Sinn mehr, einfach nur um des verteilungspolitischen Vorteils willen die strukturelle Lage schw&auml;rzer zu malen als sie ist. Sowohl die aktuelle Krise beim Modell USA als auch die positive Entwicklung der ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen in Deutschland sollten Anlass zur Revision dieser Anti-Propaganda sein.<\/p><p><strong>5. Die Initiative ist gerade wegen ihres professionellen Auftretens unglaubw&uuml;rdig<\/strong><\/p><p>Dass die &bdquo;Initiative&ldquo; mit ihren bisherigen Aktivit&auml;ten ein freundliches Medienecho fand, ist angesichts der D&uuml;rftigkeit der Inhalte der Kampagne eine beachtliche PR-Leistung der gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden berolino.pr gmbh und der Agenturen.<\/p><p>Die Wirkung von &Ouml;ffentlichkeitsarbeit beim Publikum lebt davon, dass man &uuml;ber den Absender und\/oder seine Messages und Werbemittel spricht. Die Wirkung entfaltet sich an Widerhaken und Emotionen, an denen sich die personale Kommunikation der Angesprochenen und ihr Nachdenken festmachen k&ouml;nnen. Eine solche kommunikative Kraft hat die Kampagne der &bdquo;Initiatitive&ldquo; bisher nicht entwickelt. Es ist zu beobachten, dass auch politisch interessierte Zeitgenossen die Kampagne noch gar nicht richtig wahrgenommen haben. Vermutlich zielen die Tr&auml;ger der Kampagne vor allem auf eine langfristig angelegte unterschwellige Wirkung. Deswegen ist die Arbeit der Initiative zu beachten.<br>\nDie Macher der Kampagne haben es geschafft, die Aussagen der f&uuml;r die &bdquo;Initiative&ldquo; in Anzeigen und Spots, in Statements und Presseerkl&auml;rungen auftretenden Personen, auch der prominenten Personen, abzustimmen und damit zu vereinheitlichen. Genau dies ist f&uuml;r die Effizienz von Werbung wichtig, weil nur durch st&auml;ndige Wiederholung der Hauptmessages ihre Verbreitung und Penetration gelingt. Aber diese professionelle Leistung hat auch eine Kehrseite:<br>\nWenn z. B. der Historiker und Publizist Professor Dr. Arnulf Baring die &bdquo;l&auml;hmende &Uuml;berb&uuml;rokratisierung des Landes&ldquo; beklagt und verlautbart, der deutschen Wirtschaft w&uuml;rden durch die Regulierungswut j&auml;hrlich Kosten von mehr als 58 Milliarden Mark entstehen, Planungs- und Genehmigungsverfahren w&uuml;rden hierzulande ein Mehrfaches an Monaten, mitunter Jahren in Anspruch nehmen, dann fragt man sich, woher der Geschichtsprofessor das wei&szlig;. &ndash; Wenn sich einer der politisch einflu&szlig;reichsten Gef&auml;hrten Kanzler Kohls, der ehemalige Finanzstaatsekret&auml;r und Bundesbankpr&auml;sident Tietmeyer, ein Jahr nach Ausscheiden aus diesen einflu&szlig;reichen &Auml;mtern in einem Werbetext der &bdquo;Initiative&ldquo; aufschreiben l&auml;&szlig;t, die von ihm seit Jahrzehnten beobachtete Expansion der Sozialleistungen drohe die Wirtschaftskraft unseres Landes zu gef&auml;hrden, dann wirkt das einfach komisch. Denn er hat an dieser Expansion, soweit sie stattfand, mitgewirkt.<br>\nEin &auml;hnliches Glaubw&uuml;rdigkeitsdefizit entsteht, wenn die th&uuml;ringische Wissenschaftsministerin Professor Dr. Dagmar Schipanski in einem als Anzeige erschienenen Interview feststellt: &bdquo;F&uuml;r mich ist letztlich sozial, was Arbeitspl&auml;tze schafft.&ldquo; Kennt diese mit voller Pensionsberechtigung ausgestattete Professorin die Bedeutung sozialer Sicherung f&uuml;r die Mehrheit der Menschen, denen sie k&uuml;nftig nur noch eine &bdquo;Grundversorgung&ldquo; angedeihen lassen will?<br>\nOder: Ist es glaubw&uuml;rdig, wenn die th&uuml;ringische Wissenschaftsministerin in der gleichen Anzeige beklagt, f&uuml;r den Bau einer Produktionsst&auml;tte seien bis zu 40 Genehmigungen vorgeschrieben und fragt, &bdquo;Wie innovativ und schnell kann man da noch sein?&ldquo;. Sie empfiehlt, die Gesetze und Verordnungen in ganz Deutschland mit einem bundesweiten Verfallsdatum zu versehen. &ndash; So zu sprechen, entspricht der Grundlinie der Kampagne; es ist auch popul&auml;r, weil g&auml;ngig. Aber entspricht dieses Bild der Wirklichkeit?<br>\nDer f&uuml;r Wirtschaft und Finanzen zust&auml;ndige Experte der Staatskanzlei weist auf Anfrage darauf hin, dass in Th&uuml;ringen, wie in anderen Bundesl&auml;ndern auch, ein Ansiedlungswilliger an den notwendigen Genehmigungen auf keinen Fall scheitert. Die Abteilung Akquisition der Landesentwicklungsgesellschaft begleitet und betreut die ansiedlungswilligen Unternehmen, sie vermittelt und f&ouml;rdert die Kontakte zu den zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden im Land und den kommunalen Stellen. In Th&uuml;ringen mu&szlig; sich also ein potentieller Investor eher von einer realit&auml;tsfernen Wissenschaftsministerin, die sich ihre &ouml;ffentlichen Texte von Werbeagenturen vorschreiben l&auml;&szlig;t, abgeschreckt f&uuml;hlen als von den notwendigen Genehmigungsverfahren. Was bei den Texten von Frau Schipanski auff&auml;llt, gilt f&uuml;r andere Texte auch:<\/p><p><strong>Zentrale Aussagen in den Publikationen der &bdquo;Initiative&ldquo; sind eher dem Zettelkasten einer Werbeagentur und\/oder dem etwas eingestaubten Giftschrank von Verbandsideologen entnommen, als dass sie die bundesdeutsche Realit&auml;t einigerma&szlig;en korrekt abbildeten oder zukunftsweisende Vorschl&auml;ge zur Erneuerung unserer Wirtschaftsordnung enthielten.<\/strong><\/p><p><strong>6. Die &bdquo;Initiative&ldquo; vertritt eine Ideologie ohne konzeptionelle Substanz<\/strong><\/p><p>Als Therapie werden die nunmehr seit fast 20 Jahren g&auml;ngigen Parolen geboten: Deregulierung, Privatisierung, Schlanker Staat, mehr Flexibilit&auml;t und mehr Mobilit&auml;t.<br>\nDie &bdquo;Initiative&ldquo; l&auml;uft mit ihren Vorschl&auml;gen hinter der Zeit von Thatcher und Reagan her. Die Debatte ist jedoch &ndash; bereichert durch konkrete Erfahrungen &ndash; differenzierter geworden. Den Initiatoren ist das entgangen. Den Staat auf die wirklich notwendigen Aufgaben beschr&auml;nken, wie es in den Texten lautet, was hei&szlig;t das konkret? Ist es notwendig, dass der Staat sich darum k&uuml;mmert, dass die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft im Free-TV &uuml;bertragen wird? &ndash; Soll der Staat darauf verzichten, potentiell BSE-infizierte Rinder schlachten zu lassen und die Verbrennung zu bezahlen, wie das heute geschieht?<br>\nDie &bdquo;Initiative&ldquo; fordert undifferenziert den R&uuml;ckzug des Staates und die Privatisierung &ouml;ffentlicher T&auml;tigkeit. Diese naive Wiederholung alter Glaubens&auml;tze zeigt, dass die Initiatoren die Erfahrung und die &ouml;ffentliche Debatte zu diesen Themen ignorieren. Sie ignorieren, wie wichtig eine intakte und moderne Infrastruktur f&uuml;r die Lebensqualit&auml;t eines Landes und f&uuml;r die Produktivit&auml;t seiner Volkwirtschaft ist. In den USA beklagen Beobachter das Verlottern der Infrastruktur; im wegen seiner Sparpolitik gelobten Schweden f&uuml;hrt der R&uuml;ckzug des Staates zu b&ouml;sen Folgen bei der Krankenhausversorgung; in Portugal wurde eine Stra&szlig;enbr&uuml;cke nicht erneuert und st&uuml;rzte ein, weil sich der Staat schlank machte und kein Geld da war; bei den britischen Eisenbahnen f&uuml;hrt die Privatisierung zu einer kostensparenden, aber gef&auml;hrlichen Senkung der Sicherheitsstandards beim Netz. Die S&uuml;ddeutsche Zeitung berichtete am 28.11.2000 &uuml;ber ein Gespr&auml;ch mit dem Soziologieprofessor Ralf Dahrendorf, der zu sozialliberalen Zeiten f&uuml;r die F.D.P. Staatsminister im Ausw&auml;rtigen Amt war und heute im britischen Oberhaus sitzt. Er ist als Liberaler nicht im Verdacht, dem Staatseinflu&szlig; das Wort zu reden. Dahrendorf stellt in Gro&szlig;britannien ein Umdenken fest: Weil jede Grippewelle die Krankenh&auml;user &uuml;berlastet, etwas ausgedehntere Regenperioden die Stra&szlig;en unter Wasser setzen und der Zustand der Eisenbahngleise zu einer Gefahr geworden ist, fangen die Briten an, wieder zu sehen, dass man &ouml;ffentliche Aufgaben nicht sich selbst &uuml;berlassen kann, so die S&uuml;ddeutsche Zeitung &uuml;ber das Gespr&auml;ch mit Dahrendorf.<br>\nSich diese Beispiele zu vergegenw&auml;rtigen, ist wichtig, weil daran sichtbar wird, wie unrealistisch, unaufgekl&auml;rt und parolenhaft die Debatte um Deregulierung und Privatisierung bisher abgelaufen ist und von der &bdquo;Initiative&ldquo; offenbar weiter betrieben wird &ndash; obwohl inzwischen auch konservative Zeitgenossen merken, dass sowohl die Frage, was &ouml;ffentlich und privat betrieben wird, als auch die Frage, welche Regeln gesetzt werden sollen, Optimierungsprobleme sind und keinesfalls eine Einbahnstra&szlig;e. Deregulierung kann sinnvoll sein, genau so wie eine Reform bestehender Regeln; neue Regeln k&ouml;nnen n&ouml;tig und sinnvoll sein. So soll jetzt in Nordrhein-Westfalen das d&auml;nische Modell der Job-Rotation erprobt werden. Arbeitlose ersetzen Mitarbeiter, die in Fortbildung gehen. Der Staat setzt die Regeln und greift helfend ein. Was sollen angesichts dieser vielf&auml;ltigen Entwicklung die armseligen Parolen der &bdquo;Initiative&ldquo;?<\/p><p>Auch die Debatte um ein flexibleres Tarifvertragssystem wird vor allem mit Parolen und nicht in Kenntnis der Sachlage gef&uuml;hrt. &bdquo;Das deutsche Tarifvertragssystem ist flexibler als sein Ruf&ldquo;, diese von Hans Mundorf im Handelsblatt<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a> erl&auml;uterte und begr&uuml;ndete Position wird von den Initiatoren nicht wahrgenommen. Die &bdquo;Initiative&ldquo; h&auml;ngt sich an die bisher gef&uuml;hrte &ouml;ffentliche Debatte an, die von einer Starrheit des Tarifvertragsystems ausgeht, dem die Wirklichkeit mit ihren 50.000 verschiedenen Vertr&auml;gen nicht entspricht.<br>\nVon der Neigung zu modischen Erkenntnisversuchen zeugt auch die Aufteilung der Wirtschaft in Old und New Economy. Die Initiative stilisiert, wie das heute &uuml;blich ist, die New Economy zum Schl&uuml;ssel des Fortschritts. Sie brauche Fachkr&auml;fte in riesigem Umfang, das zeigten die USA. Dass es Unternehmen in der sogenannten Old Economy gibt, die hochtechnisiert, computerisiert und produktiv sind &ndash; eigentlich eine banale Erkenntnis. Und dass dort sowohl technologisch anspruchsvolle als vermutlich auch mehr Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden als in dem, was man New Economy nennt, wird in den Texten ausgeblendet. Dass Unternehmen der New Economy reihenweise Luftnummern sind, wird nicht andeutungsweise erw&auml;hnt und selbstverst&auml;ndlich auch nicht, dass ihre Kapitalbeschaffung in den vergangenen Jahren zum &uuml;berwiegenden Teil auf guter Propaganda und zum geringen Teil darauf beruhte, dass ein schl&uuml;ssiges, wenn auch risikoreiches Gesch&auml;ftsmodell, vorgestellt wurde. Nat&uuml;rlich kommt auch nicht vor, dass die New-Economy-Propaganda viele Gutgl&auml;ubige um ihr m&uuml;hsam Erspartes gebracht hat.<br>\nIn diesem Kontext ist interessant: Im erw&auml;hnten Beihefter der &bdquo;Initiative&ldquo; in SPIEGEL und FOCUS vom Oktober 2000 wird der Start-up-Unternehmer Stefan R&ouml;ver, Vorstandssprecher der Brokat AG aus Stuttgart, als Vorzeigeunternehmer der New Economy pr&auml;sentiert und gegen den Bezirksleiter der IG Metall Berthold Huber in Stellung gebracht: Mit dem &uuml;blichen Pl&auml;doyer f&uuml;r den tariffreien Raum, f&uuml;r Deregulierungen und Privatisierung der Lebensrisiken usw.; die unmittelbare Beteiligung der Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens durch Aktienoptionen wird als gro&szlig;e Innovation der New Economy gefeiert. &ndash; Diese Aktienoptionen der Mitarbeiter der Brokat AG sind inzwischen vermutlich wenig wert, der Kurs des Unternehmens ist von seinem H&ouml;chstkurs (195 Euro) auf unter 15 Euro (Stand 09.03.01) abgest&uuml;rzt. Das Unternehmen hat bisher nur Verluste gemacht. Sie lagen im Jahre 2000 mit einem Fehlbetrag von 125,9 Millionen Euro &uuml;ber dem Umsatz von 119,6 Millionen Euro.<br>\nEs ist erstaunlich, dass die Initiative gerade den Vorstandsvorsitzenden dieses Unternehmens als prominentes Testimonial pr&auml;sentierte, obwohl am 12.10.2000, am Tag der Pr&auml;sentation, der Niedergang des Aktienkurses dieses Unternehmens und die Relation von Umsatz zu Verlust schon zu erkennen war.<\/p><p><strong>7. Fazit: Die &bdquo;Initiative&ldquo; liefert keinen Beitrag zur Zukunftsf&auml;higkeit unseres Landes<\/strong><\/p><p>Wichtige Probleme unserer Zeit werden von der &bdquo;Initiative&ldquo; nicht angesprochen, obwohl sie zentral die Frage ber&uuml;hren, wie eine Wirtschaftsordnung, wie also die viel zitierte Soziale Marktwirtschaft, heute gestaltet werden m&uuml;sste, damit sie den Erfordernissen unserer Zeit gerecht wird. Einschl&auml;gige Gedanken, die im geistigen Leben der letzten Jahre eine gro&szlig;e Rolle spielten, und ordnungspolitisch noch nicht verarbeitet sind, kommen bei der &bdquo;Initiative&ldquo; nicht vor.<br>\nEs g&auml;be ja durchaus Neues, es g&auml;be sogar alte, bisher nicht aufgearbeitete und neue Probleme, derentwegen man eine Initiative zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft gr&uuml;nden k&ouml;nnte:<\/p><ul>\n<li> Beim Versuch der Erneuerung der Marktwirtschaft an der Erkenntnis vorbeizugehen, dass die Erhardsche Ordnungsvorstellung das Problem der Belastung von Umwelt und Natur durch wirtschaftliche Prozesse noch nicht verarbeitet hat, ist abenteuerlich. Jeder halbwegs ausgebildete National&ouml;konom wei&szlig;, dass es um eines guten Allokationsergebnisses der Marktwirtschaft willen zwingend notwendig ist, durch &ouml;ffentliche Rahmensetzung daf&uuml;r zu sorgen, dass der Produzent einer Ware oder Dienstleistung alle Kosten, also auch die der Umweltbelastung, die sogenannten externen Kosten, einkalkulieren muss. Andernfalls stimmt das volkswirtschaftliche Rechensystem nicht. Das ist eine Erkenntnis der liberalen Theorie der Marktwirtschaft. Die &bdquo;Initiative&ldquo; zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft nimmt nicht einmal Notiz davon; die Themen Umwelt, Natur, Klimaver&auml;nderung kommen in den langen Texten der &bdquo;Initiative&ldquo; nicht vor. <\/li>\n<li> Wenn eine Initiative ein halbes Jahr nach Beginn des freien Falls der Aktienkurse auf dem Neuen Markt das Licht der Welt erblickt, dann w&uuml;rde man erwarten k&ouml;nnen, dass der ehemalige Bundesbankpr&auml;sident und jetzige Vorsitzende des Kuratoriums dieser &bdquo;Initiative&ldquo; etwas zu diesem Ph&auml;nomen sagt, bei dem Tausende von Leuten glaubten, durch Spekulation reich zu werden. Fehlanzeige. Anders als der amerikanische Notenbankpr&auml;sident Greenspan kennt die &bdquo;Initiative&ldquo; das Problem der Bubble Economy offenbar nicht. F&uuml;r die &bdquo;Initiative&ldquo; ist es kein relevantes Problem, wenn sich Aktienkurse v&ouml;llig von den fundamentalen Daten abl&ouml;sen. Die Initiatoren nehmen also nicht wahr, dass auch das betriebswirtschaftliche Rechensystem nicht mehr stimmt, wenn Unternehmer ihre Energie nicht mehr zuallererst auf hohe kostendeckende Ums&auml;tze ausrichten, sondern auf das Einsammeln von Kapital, das sie gutgl&auml;ubigen Anlegern mit guter PR, sprich Propaganda, abluchsen, und aus dem sie dann die laufenden, h&auml;ufig &uuml;ppigen Kosten bestreiten, unter Mi&szlig;achtung der selbstverst&auml;ndlichsten kaufm&auml;nnischen Rechenregeln. Diese Erscheinungen sind f&uuml;r die &bdquo;Initiative&ldquo; kein Anla&szlig;, &uuml;ber die Rolle des Marktes nachzudenken und dar&uuml;ber, was geschehen m&uuml;sste, damit das marktwirtschaftliche Rechensystem wieder stimmiger wird.<\/li>\n<li> Die Initiatoren sehen auch keinen Anlass, den marktwirtschaftlichen Charakter von Vorg&auml;ngen wie der Zahlung von 60 Millionen Mark an den ehemaligen Vorstandssprecher von Mannesmann Klaus Esser f&uuml;r seine Dienste bei der &bdquo;&Uuml;bergabe&ldquo; seines Unternehmens an Vodafone oder wie bei der Zahlung von 400 Millionen Dollar an die Top-Manager von Chrysler f&uuml;r ihre Bereitschaft, das Unternehmen von Daimler-Benz &uuml;bernehmen zu lassen, zu untersuchen. Sind dies Erscheinungen, die sich mit den Vorstellungen der Initiatoren von einer Marktwirtschaft, noch dazu von einer sozialen Marktwirtschaft vertragen? Sind das Entgelte f&uuml;r &bdquo;Leistungs- und Risikobereitschaft&ldquo; und f&uuml;r &bdquo;Unternehmergeist&ldquo;, wie die Initiatoren sie gerne h&auml;tten?<\/li>\n<li> Die Thesen des Sozialwissenschaftlers Richard Sennett m&ouml;gen nicht jedem gefallen. Aber mehr Flexibilit&auml;t und Mobilit&auml;t zu einer Kernforderung zur Erneuerung der Marktwirtschaft zu erheben, ohne die von Sennett angesto&szlig;ene Diskussion &uuml;ber die Folgen einer solchen Entwicklung &uuml;berhaupt zur Kenntnis zu nehmen, das ist schon ignorant.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Nicht einmal den Schutz des Wettbewerbs macht die &bdquo;Initiative&ldquo; zum Thema &ndash; und dies in Zeiten gro&szlig;er Fusionen und Machtmi&szlig;brauchs durch fast monopolartige Gebilde. Das ist weit weg von Ludwig Erhard, auf den sie sich so gerne und viel beruft.<\/strong><br>\nLudwig Erhard sah im Schutz des Wettbewerbs eine zentrale Aufgabe. Er bezeichnete das Kartellgesetz als das Kernst&uuml;ck der sozialen Marktwirtschaft, weil damit die private wirtschaftliche Ausnutzung von organisatorisch oder juristisch begr&uuml;ndeten Machtpositionen zu Gunsten eines freien Leistungswettbewerbes unterbunden werden sollte.<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a> Er sah, dass Wettbewerb gesch&uuml;tzt werden muss. &ndash; In den Texten der &bdquo;Initiative&ldquo; taucht dieses Problem nicht auf &ndash; mit einer einzigen und speziellen Ausnahme: in 10 Thesen des Professors Karl-Heinz Paqu&eacute; aus Magdeburg. Er erw&auml;hnt die Notwendigkeit zu verhindern, dass Gro&szlig;konzerne ihre Marktposition in der Netzwerktechnologie ausnutzen. In den eigentlich programmatischen Texten der &bdquo;Initiative&ldquo; kommt dieses genuine Problem nicht vor, obwohl Fusionen und sogar Monopole heute an der Tagesordnung sind. Auch dies zeigt die ideologischen, d. h. den von Einzelinteressen bestimmten Charakter der &bdquo;Initiative&ldquo;. Der Eindruck, hier w&uuml;rden Marktwirtschaft und Allgemeininteresse vertreten, ist aufgesetzt und t&auml;uscht.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo; 1<\/a> Diese Zahlen pr&auml;sentierte Hilmar Kopper, der ehemalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank und zur Zeit im Auftrag der Bundesregierung unterwegs, um f&uuml;r die &bdquo;Dachmarke Deutschland&ldquo; zu werben.<br>\n<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo; 2<\/a> Siehe beispielsweise das Grundsatzpapier &bdquo;Zukunftsperspektiven der deutschen Industrie&ldquo; des DIHT vom Dezember 2000.<br>\n<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo; 3<\/a> Diese Beschreibung der Ziele und Absichten der Initiative basiert im wesentlichen auf Texten des Vorsitzenden des Kuratoriums, Prof. Dr. Hans Tietmeyer &ndash; einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 05.10.2000, seinem Statement bei der Pr&auml;sentation der &bdquo;Initiative&ldquo; am 12. Oktober 2000 und einem einf&uuml;hrenden Beitrag in einem Beihefter (Ausgabe 1\/2000) im SPIEGEL und FOCUS vom 16. Oktober 2000 &ndash; sowie einer von der &bdquo;Initiative&ldquo; gef&ouml;rderten und unter ihrem Logo erschienenen Brosch&uuml;re des Instituts der deutschen Wirtschaft mit dem Titel &bdquo;Gesellschaft im Zwiespalt. Marktwirtschaft und Unternehmer im Spiegel der &ouml;ffentlichen Meinung&ldquo;, K&ouml;ln 2000.<br>\n<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo; 4<\/a> Presseinformation 4\/00 &ndash; November 2000<br>\n<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo; 5<\/a> Der rote Faden in der Brosch&uuml;re &bdquo;Gesellschaft im Zwiespalt, Marktwirtschaft und Unternehmer im Spiegel der &ouml;ffentlichen Meinung&ldquo;, K&ouml;ln 2000.<br>\n<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo; 6<\/a> Streitgespr&auml;ch zwischen dem Start-up-Unternehmer Stefan R&ouml;ver und Metall-Gewerkschafter Berthold Huber im Beihefter Ausgabe 1\/2000<br>\n<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo; 7<\/a> Die &bdquo;Initiative&ldquo; beruft sich auf Ludwig Erhard und Karl Schiller; auf letzteren wohl zu Unrecht, denn in seinen Wirtschaftsordnungsvorstellungen hatten die Gewerkschaften einen festen, gleichberechtigten Platz.<br>\n<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo; 8<\/a> Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.2000<br>\n<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo; 9<\/a> Die Welt vom 10.02.01<br>\n<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo; 10<\/a> Der j&auml;hrliche Nettorealverdienst je besch&auml;ftigtem Arbeitnehmer lag 1998 mit 30.628 DM ein wenig niedriger als 1982 mit 30.744 DM. Selbst wenn man die einheitsbedingte Verringerung des durchschnittlich in Deutschland gezahlten Lohns heraus rechnet, bleibt nur ein geringer Zuwachs. Quelle: Statistisches Taschenbuch 1999, Herausgeber Bundesministerium f&uuml;r Arbeit und Sozialordnung<br>\n<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo; 11<\/a> Frankfurter Allgemeine Zeitung 5.10.2000<br>\n<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo; 12<\/a> Chancen f&uuml;r alle, Ausgabe 1\/2000 &ndash; Beihefter in FOCUS und SPIEGEL, Oktober 2000.<br>\n<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo; 13<\/a> Zu beachten ist, dass bei einem solchen europ&auml;ischen Vergleich kompatible Daten verwandt werden, und dabei der Wert f&uuml;r Deutschland um ca. 4% niedriger ausf&auml;llt als in unserer nationalen Statistik.<br>\n<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo; 14<\/a> Quelle: EUROSTAT, Europ&auml;ische Sozialschutzstatistik, Luxembourg 2000.<br>\n<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo; 15<\/a> Hinter der kleinen Ver&auml;nderung von 1998 auf 1999 steckt ein &uuml;berdurchschnittlicher Zuwachs bei der Funktionsgruppe Ehe und Familie, ihr Anteil am gesamten Sozialbudget wurde erh&ouml;ht, w&auml;hrend z. B. der Anteil der Funktionsgruppe Besch&auml;ftigung verringert wurde. Darauf weist Arne Kubitza in einem Beitrag zum Sozialbudget 1999 im Bundesarbeitsblatt 12\/2000 hin.<br>\n<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo; 16<\/a> So der Kuratoriumsvorsitzende Tietmeyer bei der Pr&auml;sentation am 12.10.2000.<br>\n<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo; 17<\/a> Auch im M&auml;rz 2001, als die Wirtschaftsforscher von einer Abk&uuml;hlung der Konjunktur &uuml;berrascht (!) wurden (obwohl sich dies seit l&auml;ngerem abzeichnet und angesichts der Exportabh&auml;ngigkeit der Konjunktur als Folge einer Abk&uuml;hlung der USA-Konjunktur ohnehin zu erwarten war), schieben einige diese konjunkturellen Schwierigkeiten sofort wieder dem &bdquo;mangelnden Elan der Regierung bei n&ouml;tigen Strukturreformen&ldquo; zu.(Netzeitung 10.3.2001)<br>\n<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo; 18<\/a> Hans Mundorf, Das deutsche Tarifvertragssystem ist flexibler als sein Ruf, Handelsblatt 04.12.2000<br>\n<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo; 19<\/a> Ludwig Erhard, Wohlstand f&uuml;r alle. 1. Auflage 1957\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen zu einer 100-Millionen-Kampagne der Wirtschaftsverb&auml;nde. 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