{"id":28058,"date":"2015-10-23T10:18:15","date_gmt":"2015-10-23T08:18:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28058"},"modified":"2024-08-22T16:41:50","modified_gmt":"2024-08-22T14:41:50","slug":"es-geht-nicht-so-sehr-um-neugruendung-sondern-um-effektive-gegenmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28058","title":{"rendered":"\u201eEs geht nicht so sehr um Neugr\u00fcndung, sondern um effektive Gegenmacht&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Kolja M&ouml;ller<\/strong> &uuml;ber linke Antworten und Optionen im Zeitalter der neoliberalen und postdemokratischen Globalisierung. Kolja M&ouml;ller ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster &bdquo;Normative Orders&rdquo; an der Goethe-Universit&auml;t Frankfurt. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Patrick Schreiner<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28058#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Sie haben in Ihrem Buch &bdquo;Formwandel der Verfassung&rdquo; gefragt, ob und inwiefern internationale Strukturen (etwa internationale Organisationen, internationale Vertr&auml;ge, NGOs, transnationale Konzerne usw.) eine Art neue Verfassung darstellen. &bdquo;Verfassung&rdquo;, das identifizieren wir traditionell ja mit Nationalstaaten. Wie w&uuml;rden sie vor dem Hintergrund ihrer Forschungsergebnisse das Verh&auml;ltnis von Nationalstaaten und Internationalem beschreiben?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Die Verrechtlichung auf inter- und transnationaler Ebene hat eine sehr hohe Intensit&auml;t erreicht. Es gibt eigene Gerichtsbarkeiten und Streitschlichtungsmechanismen, Individuen klagen ihre Rechte gegen Staaten oder Unternehmen ein &ndash; und politische Ziele werden in den Vertragswerken so festgeschrieben, dass die Nationalstaaten l&auml;ngst nicht mehr die &bdquo;Herren der Vertr&auml;ge&rdquo; sind. Das ganze Bild: hier die Nationalstaaten und ihre Verfassung, dort internationale Institutionen und Vertr&auml;ge, trifft so nicht mehr zu. Wir stecken in einem Prozess, in dem das, was wir traditionellerweise unter Verfassung verstehen, massiv umgearbeitet wird. Das kann man &bdquo;Formwandel&rdquo; nennen: Es wird un&uuml;bersichtlicher und fragmentierter &ndash; und klar: Die neue Form der Verfassungsbildung ist kein egalit&auml;res Projekt, es wird ma&szlig;geblich von den Global Players, verselbstst&auml;ndigten Systemlogiken sowie von politischen und &ouml;konomischen Eliten gepr&auml;gt. Es entspricht in ganz vielen Hinsichten nicht den &uuml;berlieferten Demokratievorstellungen. In diesem Sinne bezeichne ich diese neue Form als postdemokratisch.<\/p><p><strong>Welche Demokratiedefizite identifizieren Sie beim &bdquo;Formwandel der Verfassung&rdquo;?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Das entscheidende Merkmal sind substantielle Projekte, die so in die Verrechtlichung eingetragen werden, dass sie nicht mehr befragbar sind. Das gilt nat&uuml;rlich vor allem f&uuml;r die Ausrichtung an Austerit&auml;tspolitik und Freihandel. Beispiele daf&uuml;r sind die Welthandelsorganisation WTO und Abkommen wie CETA und TTIP. Hier liegt eine klare Ausrichtung am Schutz von Freihandel und Investoreninteressen vor, die kaum noch verhandelbar ist. Die Europ&auml;ische Union ist ebenso schon lange auf dem Weg in eine marktliberale Verfasstheit. Das zieht sich von der Interpretation der &ouml;konomischen Grundfreiheiten durch den Europ&auml;ischen Gerichtshof bis zur j&uuml;ngeren Entwicklung in der Eurokrise. Indem marktliberale Projekte zu einer h&ouml;herrangigem Ordnung avancieren, wird der politische Prozess massiv auf wenige verf&uuml;gbare Alternativen reduziert. Die Frage stellt sich also, wie man wieder &Ouml;ffnungen herbeif&uuml;hren kann. Das Demokratiedefizit besteht nicht einfach darin, dass zu wenig regul&auml;re Partizipationsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r die B&uuml;rger bestehen und es besteht auch nicht darin, dass Europa und die Welt r&auml;umlich zu weit weg von den Menschen sind. Das Demokratiedefizit ist dort zu suchen, wo eine bestimmte Ordnungsvorstellung gegen Kritik, Befragung und Alternativen abgeschottet wird.<\/p><p><strong>Verniedlicht der Begriff &bdquo;Formwandel der Verfassung&rdquo; nicht ein Problem, das man vielleicht eher als Entdemokratisierung und als Machtverschiebung von den breiten Massen zu wenigen Eliten bezeichnen m&uuml;sste?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Die Verfassungsperspektive ist weiterf&uuml;hrend, da sie auch unser Verst&auml;ndnis von Demokratie und sozialen Konflikten verschiebt. Sie kann angeben, wo die Problemlagen im Verh&auml;ltnis von Demokratie und Globalisierung tats&auml;chlich liegen; es gilt schlie&szlig;lich erst einmal zu kl&auml;ren, was der Gegenstand ist, auf den sich dann m&ouml;gliche Ver&auml;nderungsstrategien beziehen. Das ist ein Aspekt, der im aktuellen Emp&ouml;rungswettbewerb im Bereich der aktuellen Gegenwartsdiagnosen leider unterzugehen droht: Es geht nicht um das gr&ouml;&szlig;te Ma&szlig; der Emp&ouml;rung und nicht nur um die katastrophalste Schilderung fraglos katastrophaler Zust&auml;nde, sondern darum, wie man den Gegenstand begreifen und dann auch treffen kann. Das ist mein Anliegen: Im Lichte eines Formwandels der Verfassung liegt es nahe, dass auch Ans&auml;tze einer Re-Demokratisierung einen Formwandel durchlaufen m&uuml;ssen und auch &uuml;brigens schon dabei sind, ihn zu durchlaufen. <\/p><p><strong>Die Frage des Verh&auml;ltnisses von Nationalstaaten und Internationalem wird momentan vor allem mit Blick auf zwei aktuelle Themen diskutiert. Das erste betrifft die von linker Seite diskutierte Frage, ob Neoliberalismus und Austerit&auml;tspolitik auf unserem Kontinent besser unter nationalstaatlichen oder unter EU-europ&auml;ischen Vorzeichen bek&auml;mpft werden k&ouml;nnen, Stichwort Grexit. Halten sie die R&uuml;ckkehr in nationalstaatliche Strukturen f&uuml;r eine realistische Alternative?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Man kann das ja mal am deutschen Beispiel durchexerzieren. Auch ohne Euro und EU gibt es die Schuldenbremse. Daf&uuml;r wurden das Grundgesetz und teilweise die Landesverfassungen ge&auml;ndert. Es wird auch ohne Euro und EU austerit&auml;r bleiben. Schw&auml;chere Volkswirtschaften in Europa w&uuml;rden unter massiver Abwertung leiden und sind nat&uuml;rlich weiterhin von den internationalen Wettbewerbsbedingungen abh&auml;ngig. Au&szlig;erdem geht die aktuelle Lage in gewisser Weise sowieso damit einher &ndash; Stichwort: deutsches Europa &ndash;, dass die nationalstaatlichen Eigeninteressen im Mittelpunkt stehen. Die  Suche nach Widerstandsm&ouml;glichkeiten gegen die Austerit&auml;tsverfassung ist richtig. Aber eine einfache R&uuml;ckkehr zum Nationalstaat setzt uns aufs falsche Gleis. Die Widerspr&uuml;che unserer Zeit, damit meine ich vor allem die wachsende soziale Ungleichheit in Europa und weltweit, werden dadurch massiv verfremdet. Die Konflikte werden wieder nationalstaatlich eingerahmt, erscheinen als Konflikte zwischen Staaten oder V&ouml;lkern und nicht als Konflikte zwischen oben und unten. Das war ja genau der Trick der Merkelschen Erz&auml;hlung: Nicht Arm gegen Reich, oder meinetwegen europ&auml;ischer S&uuml;den gegen den Norden, sondern (faule) Griechen gegen flei&szlig;ige Deutsche. Die R&uuml;ckkehr zum Nationalstaat h&auml;lt einfach keine gehaltvolle Konzeption der Solidarit&auml;t bereit und bleibt eine ziemliche machtlose Veranstaltung. Was wir brauchen, sind europ&auml;isierte Gegenmachtprozesse &ndash; und darin k&ouml;nnen nationalstaatliche Regierungen nat&uuml;rlich eine wichtige Rolle spielen. Das hat jedoch Folgen: Dann muss man aufh&ouml;ren, das Hohelied auf die nationale Unabh&auml;ngigkeit zu singen und sich die Verkleidungen konservativer Staatsm&auml;nner wie Charles de Gaulle oder Ludwig Erhard anzuziehen. Die Herausforderung besteht nicht in der Wiederherstellung irgendeiner Staatssouver&auml;nit&auml;t, die es so sowieso nie gegeben hat. Das, was man einmal mit der konstituierenden Macht des Volkes in Verbindung gebracht hat, n&auml;mlich das Gemeinwesen nicht Eliten zu &uuml;berlassen, muss sich heute eher als &ldquo;destituierende Macht&rdquo; in transnationaler Perspektive artikulieren: Wie k&ouml;nnen wir die Austerit&auml;tspolitik verdr&auml;ngen? Die Regierung Tsipras in Griechenland hat ja nicht den Enthusiasmus vieler Europ&auml;erinnen geweckt, weil sie der Staatssouver&auml;nit&auml;t zur Geltung verhilft, sondern weil sie dem europ&auml;ischen Protest gegen die Austerit&auml;t wenigstens eine Stimme verliehen hat. Merkel musste Tsipras die Hand geben, Sch&auml;uble mit Varoufakis stundenlang in einem Raum sitzen und verhandeln. Diese Fortschritte jetzt mit Renationalisierungsszenarien wieder r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen, f&uuml;hrt nicht weiter.<\/p><p><strong>Was ist denn eigentlich eine &bdquo;destituierende Macht&rdquo;, von der Sie sprechen? Welche Rolle kann sie tats&auml;chlich spielen, wenn Demokratie und Partizipation im Zuge des internationalen &bdquo;Formwandels der Verfassung&rdquo; an Bedeutung verlieren?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Der Begriff der destituierenden Macht zielt auf eine Umstellung. Die &bdquo;konstituierende Macht des Volkes&ldquo; steht ja am Anfang der meisten demokratischen Verfassungen als Grundsatz. Das ist ein Begriff mit langer Geschichte und ganz vielf&auml;ltigen Interpretationen. Ich schlage nun vor, konstituierende Macht vor allem negierend zu verstehen: Im Lichte der Verselbstst&auml;ndigung der inter- und transnationalen Verfassungsbildung geht es meines Erachtens heute nicht so sehr um Gr&uuml;ndung, sondern um effektive Gegenmacht: Diejenigen, die &uuml;ber Machtpositionen verf&uuml;gen, sollten wenigstens in st&auml;ndiger Furcht davor leben, diese Positionen verlieren zu k&ouml;nnen. &bdquo;Destituierende Macht&ldquo; zielt also auf eine Neuverhandlung, teilweise auch Gleichgewichts- und Blockadesituationen, die in der Lage sind, &Ouml;ffnungen zu bewirken. Das kann man sehr radikal verstehen, sozusagen als Erneuerung der klassischen &bdquo;Furcht&ldquo; vor der Revolution, man kann aber nat&uuml;rlich auch nach institutionellen und rechtlichen Ausdrucksm&ouml;glichkeiten suchen. Dazu drei Ansatzpunkte: Der <em>erste<\/em> Ansatzpunkt sind nat&uuml;rlich soziale Bewegungen, die ein Gegenmachtpotential geltend machen k&ouml;nnen. In Europa gibt es gegenw&auml;rtig eine breite Welle, die von der Neuorientierung in der britischen Labour Party bis hin zu den Protestbewegungen im europ&auml;ischen S&uuml;den verl&auml;uft. Hier handelt es sich nicht nur um jeweils eigensinnige Speziallagen einzelner L&auml;ndern, sondern um den sich abzeichnenden Horizont einer europ&auml;ischen Opposition. <em>Zweitens<\/em> gilt es, Widerspr&uuml;che und Konflikte in oder zumindest in das Umfeld internationaler Institutionen hineinzutragen. Hier k&ouml;nnten Staatenallianzen durchaus eine &bdquo;destituierende Rolle&ldquo; &uuml;bernehmen; auch die radikale Neuinterpretation bestehender Rechtsinstitutionen w&auml;re eine M&ouml;glichkeit: Das klassische Beispiel daf&uuml;r ist Franklin D. Roosevelts New Deal Politik in den USA der 1930er-Jahre. Hier wurden Rechtsinstitutionen von einer marktliberalen Interpretationsweise grundlegend auf eine soziale und demokratische umgestellt. <em>Drittens<\/em> schlie&szlig;lich kann die Vielzahl inter- und transnationaler Regime auch ein Ankn&uuml;pfungspunkt darstellen: Etwa k&ouml;nnen die sozialen Menschenrechte und die UN-Pakte &uuml;ber zivile und soziale Rechte in Stellung gebracht werden, um die marktliberale Dominanz zur&uuml;ckzudr&auml;ngen. <\/p><p><strong>Die Frage nach der M&ouml;glichkeit oder Unm&ouml;glichkeit einer R&uuml;ckkehr ins Nationalstaatliche ist damit aber nur in Ans&auml;tzen beantwortet. All das, was Sie auf nationalstaatlicher Ebene als problematisch beschrieben haben &ndash; Mangel an solidarischen Alternativen, konservative Renationalisierungsprozesse &ndash; gibt es ja auch auf europ&auml;ischer und internationaler Ebene. Das Beispiel von Merkels &bdquo;deutschem Europa&rdquo; haben Sie selbst angef&uuml;hrt. Und die &bdquo;destituierende Macht&rdquo; k&ouml;nnte ja auch im Nationalstaat wirken. Warum halten Sie eine Gegenmachtbildung im Internationalen dennoch f&uuml;r eine &uuml;berlegene Strategie sein? Und in diesem Zusammenhang: W&auml;re ein hie und da vollzogener, gezielter und begrenzter Bruch mit europ&auml;ischen und internationalen Institutionen nicht selbst als Ausdruck dessen zu verstehen, was Sie als &bdquo;destituierende Macht&rdquo; bezeichnen?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Wie gesagt: Einzelne Staaten oder Staatenallianzen k&ouml;nnen durchaus eine progressive Rolle spielen. Es ist denkbar, dass Regierungen ihre Politik im Hinblick auf einen solchen destituierenden Prozess ausrichten, sich also als Teil einer solchen transnationalen Bewegung verstehen und im Hinblick darauf ihre Strategie bestimmen. So w&uuml;rden Bindungswirkungen entstehen: Eine progressive Regierung macht in diesem destituierenden Sinne eben nicht nur Politik f&uuml;r die jeweiligen Inl&auml;nder, sondern muss mitdenken, dass sie nur ein Bestandteil einer breiteren historischen Tendenz ist. Sie darf dann Solidarit&auml;t beispielsweise nicht einfach an ihren Grenzen enden lassen. Von dort w&auml;re zu diskutieren, wie man mit internationalen und europ&auml;ischen Institutionen umgeht. Das Kontinuum reicht von einfacher Politisierung, &uuml;ber Reform bis hin zu Br&uuml;chen oder auch institutionellen Neuerfindungen. Das ist jedoch meines Erachtens stets eine konkrete Frage, die man nur auf der Grundlage von Analyse und Fakteneinsch&auml;tzung sinnvoll beantworten kann. <\/p><p><strong>Das zweite Thema, bei dem wir derzeit das Verh&auml;ltnis von Nationalstaat und Internationalem diskutieren, ist der Freihandel, Stichwort TTIP, CETA und TISA. Insbesondere die Sozialdemokratie dringt als Reaktion auf die &ouml;ffentliche Kritik an privaten internationalen Schiedsgerichten auf einen &ouml;ffentlichen internationalen Handelsgerichtshof, der transparenter sein und Prinzipien des Rechts st&auml;rker verpflichtet sein soll. Kann durch einen solchen Vorschlag nationalstaatliche Rechtsstaatlichkeit auf der internationalen Ebene fortgeschrieben werden?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Bei den bisherigen Verhandlungen ums TTIP geht es eben nicht um mehr Rechtsstaatlichkeit oder bessere soziale oder &ouml;kologische Standards. Es geht schlichtweg darum, die Interessen gro&szlig;er Investoren und Unternehmen zu sch&uuml;tzen. Auch die EU-Kommission hat jetzt einen Vorschlag f&uuml;r einen Investitionsgerichtshof gemacht. Ich bin diesbez&uuml;glich skeptisch: Braucht es einen Gerichtshof, der speziell der Durchsetzung und Wahrung von Investoreninteressen dienen soll? Das ist die Grundfrage &ndash; denn eigentlich gibt es in den nationalen Rechtsordnungen und dem europ&auml;ischen Recht schon mehr als gen&uuml;gend Schutzspielr&auml;ume.<\/p><p><strong>Aber wenn das Internationale eben auch als Sph&auml;re von Verfassung und Recht an Bedeutung und Macht gewinnt, w&auml;ren dann nicht auch internationale Gerichte vonn&ouml;ten, um Rechtsstaatlichkeit auch jenseits staatlicher Grenzen zu wahren? Wenn ja: Welche Rolle k&ouml;nnen reformierte Investitionsschutz-Schiedsgerichte dabei spielen?<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Es gibt weltweit eine Vielzahl von Gerichten. Das &bdquo;Project on International Courts and Tribunals&ldquo; z&auml;hlte schon vor mehreren Jahren &uuml;ber einhundert. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der internationale Strafgerichtshof, der Europ&auml;ische Gerichtshof, der Streitschlichtungsmechanismus in der Welthandelsorganisation oder die privaten Schiedsgerichte in der Weltwirtschaft. Die Frage, was Rechtsstaatlichkeit ist, verschiebt sich im transnationalen Raum massiv. Wir stellen eine hohe Fragmentierung fest. Meist sind diese Gerichte funktional spezifiziert und nur auf bestimmte Gegenstandsbereiche bezogen. In diesem Umfeld geht es nicht so sehr um die Frage einer zentralisierten Rechtsstaatlichkeit, sondern darum, welche Anliegen und Interessen rechtlich abgest&uuml;tzt werden. Nun ist es fraglich, wieso der Investitionsschutz ein eigenes, besonderes Forum und damit eben auch eine St&auml;rkung ben&ouml;tigt. Im &Uuml;brigen sollte man &ndash; und da sind wir wieder bei der destituierenden Macht &ndash;, in politischer Hinsicht zun&auml;chst alles tun, um das TTIP nicht nur abzumildern, sondern zu verhindern. Das h&auml;tte eine Ausstrahlungswirkung und w&uuml;rde vielleicht die Furcht, von der ich gesprochen habe, erneuern.<\/p><p><strong>TTIP zu verhindern, macht die Welt aber noch nicht besser, sondern verhindert nur, dass sie noch schlechter (noch marktradikaler) wird&hellip;<\/strong><\/p><p>Kolja M&ouml;ller: Politisches Handeln richtet sich ganz oft darauf, etwas zu verhindern oder einen schlechteren Zustand abzuwehren. Walter Benjamin schrieb einmal: &bdquo;Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht [&hellip;] sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse&rdquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Patrick Schreiner lebt und arbeitet als hauptamtlicher Gewerkschafter in Hannover. Er schreibt regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r die NachDenkSeiten zu wirtschafts-, sozial- und verteilungspolitischen Themen.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/54dfcdfa8a064cb49dbc19265bebcf7b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Kolja M&ouml;ller<\/strong> &uuml;ber linke Antworten und Optionen im Zeitalter der neoliberalen und postdemokratischen Globalisierung. Kolja M&ouml;ller ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster &bdquo;Normative Orders&rdquo; an der Goethe-Universit&auml;t Frankfurt. 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