{"id":2806,"date":"2007-12-03T09:49:25","date_gmt":"2007-12-03T08:49:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2806"},"modified":"2015-12-09T13:51:04","modified_gmt":"2015-12-09T12:51:04","slug":"cdu-raus-aus-pisa-ein-ausstieg-mit-einer-falschen-begruendung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2806","title":{"rendered":"CDU: Raus aus Pisa! Ein Ausstieg mit einer falschen Begr\u00fcndung"},"content":{"rendered":"<p>Die <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/nc\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=in&amp;dig=2007%2F12%2F01%2Fa0104&amp;src=GI&amp;cHash=4124a2f91a&amp;type=98\">taz vom 1. Dezember<\/a> meldet, dass Niedersachsens Schulminister Bernd Busemann (CDU) aus dem Schul-Leistungstest aussteigen und auf ein nationales Vergleichssystem setzen will. Die <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/deutschland\/:CDU%20Pisa%20Ausstieg\/285957.html\">Kultusminister der unionsgef&uuml;hrten Bundesl&auml;nder forderten den Rauswurf des Pisa-Koordinators bei der OECD, Andreas Schleicher<\/a>.<br>\nMan kann sich leicht ausmalen, warum die konservativen Schulpolitiker sauer auf Schleicher und auf Pisa sind, werden dort doch regelm&auml;&szlig;ig integrierte Schulsysteme als vorzugsw&uuml;rdig dargestellt und dem von Konservativen mit Z&auml;hnen und Klauen verteidigten deutschen dreigliedrigen Schulsystem vorgehalten, dass es weltweit zu den sozial selektivsten geh&ouml;rt. Statt aber neue nationale Vergleichstest einzuf&uuml;hren, g&auml;be es ganz andere und wichtigere Gr&uuml;nde aus Pisa auszusteigen. Zugleich ein Hinweis auf das Buch von Jochen Krautz, Ware Bildung. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nIn seinem lesenswerten Buch &bdquo;Ware Bildung&ldquo; liefert der P&auml;dagoge Jochen Krautz von der Bergischen Universit&auml;t Wuppertal eine fundierte inhaltliche Kritik an der von den global Players auf dem Feld der Bildungsdienstleistungen entwickelten und von der Wirtschaftsorganisation OECD vermittelten &bdquo;Bildungstests&ldquo;. Sie wurden bisher an 58 Staaten verkauft und befriedigten seit 2000 in mehreren Wellen, sozusagen im Abonnement die von der Bildungs-Spar-Politik ablenkende Nachfrage nach Schulleistungstest auf f&uuml;r die internationalen Assessment- und Testing-Firmen h&ouml;chst profitable Weise. (Siehe den Beitrag von Karl-Heinz Heinemann).<br>\nStatt &bdquo;No child left behind&ldquo; lautet heute die Devise &bdquo;No child left untested&ldquo;.<\/p><p>Krautz kritisiert zu Recht, dass mit Pisa vorbei an der Fach&ouml;ffentlichkeit und an den B&uuml;rgern in Deutschland ein neuer Bildungsbegriff eingef&uuml;hrt wurde. Die OECD habe sich mit ihrer Pisa-Studie angema&szlig;t, einen eigenen Bildungsbegriff zu definieren und als normative Setzung den nationalen Bildungssystemen &uuml;berzust&uuml;lpen. Die Wirtschaftsorganisation habe so die nationalen Curricula unterlaufen und an nationalen Bildungsvorstellungen und &ndash; traditionen vorbei, Bildung als &bdquo;funktionales Anwendungswissen&ldquo; definiert.<\/p><p>Pisa habe &bdquo;Basiskompetenzen&ldquo; von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern im internationalen Vergleich getestet. Von Bildung sei in diesem Test gar nicht die Rede. Die Art von Wissen, die Pisa abfrage ziele auf rein zweckorientiertes Denken und &ouml;konomische Verwertbarkeit von funktionalem Wissen. &bdquo;Pisa zielt auf den homo oeconomicus&ldquo;, so Manfred Fuhrmann in seiner Untersuchung unter dem Titel &bdquo;Der europ&auml;ische Bildungskanon&ldquo;. Es sei nur konsequent, wenn Pisa selbst in der Regel von &bdquo;Kompetenzen&ldquo; und nicht von Bildung spricht. Dass die Tests &bdquo;ein didaktisches und bildungstheoretisches Konzept mit sich f&uuml;hren, das normativ ist&ldquo; und ausdr&uuml;cklich auf die jeweils unterschiedliche &bdquo;curriculare Validit&auml;t&ldquo; verzichtet, wird vom Pisa-Konsortium ganz offen formuliert. Die als objektiv empirische Forschung gehandelten Testergebnisse, sagten deshalb nichts &uuml;ber den Erfolg der bisher in Deutschland geltenden Ma&szlig;st&auml;be.<\/p><p>&bdquo;Die Behauptung einer &acute;Bildungskatastrophe` l&auml;sst sich aus Pisa also nicht ableiten. Vielmehr wir hier in katastrophaler Weise Bildung umgedeutet&ldquo;, schreibt Krautz. Pisa gehe &ndash; auch nach eigener Aussage &ndash; von einem funktionalistischen Begriff von Wissen, Lernen, K&ouml;nnen aus. Was man lerne, m&uuml;sse zu etwas dienen und zwar zu etwas konkret Anwendbaren, das man messen k&ouml;nne. Das widerspreche aber fundamental der deutschen Bildungstradition, den Richtlinien und Lehrpl&auml;nen, die eben die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler gerade nicht &bdquo;abzwecken&ldquo; sollten. Pisa messe &bdquo;Bildungserfolge&ldquo; nicht gem&auml;&szlig; diesen nationalen Lehrpl&auml;nen, sondern an eigenen Ma&szlig;st&auml;ben.<br>\nIm Klartext: Pisa testet F&auml;higkeiten, die die Sch&uuml;ler nicht oder nicht schwerpunktm&auml;&szlig;ig gelernt haben, weil sie nicht unmittelbarer Gegenstand des Unterrichts waren. &bdquo;Die festgestellte Mittelm&auml;&szlig;igkeit deutscher Sch&uuml;ler bezieht sich&hellip;eben nicht auf das Gelernte, sondern auf das Getestete&ldquo;, meint Krautz.<br>\nMan k&ouml;nne zwar bedauern, dass Mathematik in Deutschland eher als mathematische Allgemeinbildung und weniger anwendungsbezogen unterrichtet werde, aber wenn man das &auml;ndern wollte, h&auml;tte dar&uuml;ber eine offene Diskussion in der Fach&ouml;ffentlichkeit gef&uuml;hrt werden m&uuml;ssen. Mit Pisa habe man aber an den Fachleuten und an den B&uuml;rgern vorbei, die Bildungslandschaft umgekrempelt.<\/p><p>Ich erspare Ihnen an dieser Stelle Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber die Zweifel an der Wissenschaftlichkeit, &uuml;ber methodische Bedenken, &uuml;ber Messfehler und Fehler bei der Auswertung zu referieren und verweise dazu auf das Buch von Jochen Krautz.<\/p><p>Jenseits der Pisa-Ergebnisse, werde aus der Studie all das herausgelesen, was &bdquo;geringere Ausgaben oder neue Gesch&auml;ftszweige verspricht&ldquo;. So werde etwa die Fr&uuml;heinschulung gefordert, obwohl die bei Pisa erfolgreichen L&auml;nder wie Finnland und Schweden erst mit 7 Jahren eingeschult werde. Pisa soll angeblich auch bewiesen haben, dass zentrale Pr&uuml;fungen leistungssteigernd wirkten, Staaten ohne zentrale Pr&uuml;fungen h&auml;tten aber im Durchschnitt der Tests sogar besser abgeschnitten.<\/p><p>Mit Pisa sei vor allem eins erreicht worden: das Bildungswesen sei &bdquo;sturmreif geschossen worden&ldquo;. Die schlechten deutschen Testergebnisse h&auml;tten &bdquo;Schulen und Hochschulen &auml;u&szlig;erlich und vor allem innerlich bereit zur feindlichen &Uuml;bernahme gemacht.&ldquo;<br>\nDie Verunsicherung habe das Bildungswesen widerstandslos gegen die nun einsetzenden Rezepte von Radikal-Reformern gemacht. &bdquo;Bertelsmann ante portas!&ldquo; m&uuml;sse deshalb der Warnruf lauten.<br>\nDie Radikal-Reformer w&uuml;rden all die Schw&auml;chen des Bildungswesens (die es zweifellos gibt) sehr genau kennen. Sie setzten an den existierenden Problemen an und verst&uuml;nden dank entsprechender PR, ihre falschen L&ouml;sungen als richtige Antworten auf die realen Probleme zu verkaufen.<br>\nMan habe in letzter Zeit den Eindruck, dass private Lobby-Gruppen wie die Bertelsmann Stiftung oder Wirtschaftsverb&auml;nde die besseren Schulministerien seien.<\/p><p>Diesen Eindruck haben wir auf den NachDenkSeiten in zahlreichen Beitr&auml;gen mit vielen Belegen untermauert. <\/p><p>Es g&auml;be also wichtigere Gr&uuml;nde, als die von den CDU-Kultusministern vorgeschobenen, um aus Pisa auszusteigen.<br>\nWichtiger als die Debatte und ein Streit um die Quantifizierung von Bildung und die Einf&uuml;hrung immer neuer Tests, w&auml;re etwa eine Debatte &uuml;ber die Qualit&auml;t der Bildung an unseren Schulen und Hochschulen. Das w&uuml;rde aber eine Abkehr von wertblindem Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken und ein Nachdenken &uuml;ber Bildungsinhalte voraussetzen. &Uuml;ber Bildungsinhalte wird jedoch seit Jahren nicht mehr gesprochen. Im Gegenteil, entsprechende Forschungsinstitutionen und Lehrst&uuml;hle werden zugunsten von Testverfahren und von Testentwicklern abgeschafft oder ausged&uuml;nnt. <\/p><p><em><strong>Bibliografische Angabe:<\/strong> Jochen Krautz, Ware Bildung, Schule und Universit&auml;t unter dem Diktat der &Ouml;konomie, Diederichs Verlag, Kreuzlingen\/M&uuml;nchen 2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/nc\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=in&amp;dig=2007%2F12%2F01%2Fa0104&amp;src=GI&amp;cHash=4124a2f91a&amp;type=98\">taz vom 1. Dezember<\/a> meldet, dass Niedersachsens Schulminister Bernd Busemann (CDU) aus dem Schul-Leistungstest aussteigen und auf ein nationales Vergleichssystem setzen will. 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