{"id":2810,"date":"2007-12-03T09:56:45","date_gmt":"2007-12-03T08:56:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2810"},"modified":"2019-07-25T11:14:53","modified_gmt":"2019-07-25T09:14:53","slug":"wir-sind-alles-kleine-kapitalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2810","title":{"rendered":"Wir sind alles kleine Kapitalisten"},"content":{"rendered":"<p>Ich erfuhr die frohe Botschaft w&auml;hrend der morgendlichen Zeitungslekt&uuml;re: Da stand es &ndash; schwarz auf wei&szlig;.: &bdquo;Viele Arbeitnehmer und einfache B&uuml;rger sind inzwischen l&auml;ngst kleine Kapitalisten.&ldquo; Diese &uuml;beraus erfreuliche Mitteilung fand sich in einem Artikel von Peter Hahne (nein, nicht der bekannte Neokonservative vom ZDF), sondern eines Redakteurs vom K&ouml;lner Stadt-Anzeiger. Ich gestehe, dass ich f&uuml;r derlei Hinweise &uuml;beraus empf&auml;nglich bin. Was in der Zeitung steht, ist bekanntlich wahr. Erbaulich auch die Nachricht, dass unser Finanzminister Steinbr&uuml;ck  den Bankmanagern einmal so richtig die Leviten gelesen hat. Viele seien der Komplexit&auml;t ihrer Aufgaben nicht gewachsen. Hat der Mann sich in der Veranstaltung geirrt oder ist das schon eine Auswirkung der strikt anti-kapitalistischen  Parteitagsbeschl&uuml;sse der SPD; gar des Bekenntnisses zum &bdquo;demokratischen Sozialismus&ldquo;? Die Zukunft wird es zeigen.<br>\nEin Zwischenruf zum Schmunzeln von Joke Frerichs.<br>\n<!--more--><br>\nUnd hatte nicht erst k&uuml;rzlich unser aller Bundespr&auml;sident den Managern ins Gewissen geredet, es mit den exorbitanten Geh&auml;ltern nicht zu &uuml;bertreiben. Nun ja &ndash; von ihm wissen wir ja, dass er die Dinge immer zur Unzeit beim Namen nennt und seine Appelle stets die nachhaltigsten Wirkungen zeitigen.<br>\nMan reibt sich verwundert die Augen und vermeint die Ersch&uuml;tterung in diesen Kreisen f&ouml;rmlich zu sp&uuml;ren. <\/p><p>Was aber hat nun unseren Redakteur Hahne zu seiner k&uuml;hnen Behauptung bewogen. Hahne berichtet &uuml;ber eine Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung (HBSt), in der festgestellt wird, dass die Nettolohnquote, also der Anteil der L&ouml;hne am Volkseinkommen, trotz des sog. Aufschwungs erneut gesunken ist. Gegen&uuml;ber 2006 von 40,5 % auf 38,8 %. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Kaufkraft der Arbeits-Einkommen nur noch ein Viertel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausmacht. Damit sei eine nachhaltige Entwicklung der Binnennachfrage und damit auch von Wachstum und Besch&auml;ftigung mehr als zweifelhaft und der vom Export getriebene Aufschwung wegen der erkennbaren weltwirtschaftlichen Risiken &auml;u&szlig;erst labil.<\/p><p>Der Bericht der HBSt enh&auml;lt noch weitere aufschlussreiche Details: W&auml;hrend die besagte Nettolohnquote seit 1960 von 55,8 % auf 38,8 % gesunken ist, ist die Lohnsteuerbelastung im gleichen Zeitraum von 6,3 % auf 18,3 % gestiegen. Demgegen&uuml;ber nahm die Steuerbelastung auf Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen von 20 % auf 7,1 % ab.<br>\nDer Vollst&auml;ndigkeit halber sei noch erw&auml;hnt, dass die Unternehmensgewinne in den letzten zehn Jahren sich nahezu verdoppelt haben: von 238,4 Milliarden Euro auf 472,5 Milliarden.<\/p><p>Angesichts dieser beeindruckenden Zahlenreihen stellt denn auch unser Autor lapidar fest, &bdquo;dass die Ungleichverteilung der Einkommen zugenommen habe. Das ist richtig, bekannt und in der Tat auch ein sozialpolitisches Problem.&ldquo; Um dann zu der &uuml;berraschenden Schlussfolgerung zu gelangen: &bdquo;Doch f&uuml;r die Behauptung, der r&uuml;ckl&auml;ufige Anteil der Lohneink&uuml;nfte am Volkseinkommen dr&uuml;cke automatisch die Kaufkraft der Arbeitnehmer, trifft das schon nicht mehr so ganz zu.&ldquo;<\/p><p>Eine derart einfache Deutung verbietet sich seiner Meinung nach schlicht. &bdquo;Wirtschaftliche Zusammenh&auml;nge sind leider komplexer, als viele wahrhaben wollen. Es bringt wenig, stets den Gegensatz von Kapital und Arbeit zu beschw&ouml;ren.&ldquo;<br>\nDabei dachte ich, dass die genannten Zahlen eigentlich ganz aussagekr&auml;ftig sind. Aber dem ist offenbar nicht so. Was ich g&auml;nzlich &uuml;bersehen habe, aber dank der Aufkl&auml;rung unseres Autors nunmehr wei&szlig;, ist: &bdquo;Der gr&ouml;&szlig;te Teil der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten bezieht heute auch Eink&uuml;nfte aus anderen Quellen &ndash; ob aus Aktienfonds, Spareinlagen oder aus Versicherungen. Wir sind alle kleine Kapitalisten.&ldquo; <\/p><p>Also ihr Rentner, Arbeitslosen, geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigten, Normalverdiener &ndash; und all ihr anderen, die ihr von der &bdquo;etatistisch grundierten Wohlf&uuml;hlpolitik&ldquo; der Gro&szlig;en Koalition profitiert &ndash; jetzt mal ran an die Sparschweine und eure sonstigen Revenuequellen. Ganz sicher habt ihr doch noch irgendwo heimliche Eink&uuml;nfte versteckt: z.B. Mieteinnahmen, Gewinnbeteiligungen, Zinseink&uuml;nfte u.a.m. Her damit, wir verraten`s auch nicht dem Finanzamt.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund verstehe ich auch den Pr&auml;sidenten des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste, Florian Gerster (SPD), der L&ouml;hne von  acht Euro in seinem Unternehmen f&uuml;r das Maximum h&auml;lt. Das ist der Mann, an dessen Reformeifer die Bundesagentur fast kollabiert w&auml;re und deren Folgen noch bis heute sp&uuml;rbar sind. Das ist auch der Mann, der sich als erste Amtshandlung in der BA das Gehalt auf 800.000 verdoppelte, das er m.W. auch nach seiner &uuml;beraus erfolgreichen T&auml;tigkeit und dem leider viel zu sp&auml;ten Ausscheiden weiter bezog. Gerster verf&uuml;gt &uuml;ber tiefe Einsichten in die Grundmechanismen unseres Wirtschaftslebens: &bdquo;Wenn die Produktivit&auml;t keinen Lohn von neun oder zehn Euro hergibt, kann man ihn auch nicht zahlen&ldquo;. Mal abgesehen davon, wie er die &bdquo;Produktivit&auml;t&ldquo; seiner Brieftr&auml;gern misst &ndash; diese Leute verdienen bei einer 40-Stunden-Woche doch immerhin 320 Euro (das Trinkgeld nicht eingerechnet). Damit lassen sich doch bei etwas gutem Willen Aktien kaufen oder Zinsertr&auml;ge erwirtschaften. Oder auch &ndash; wof&uuml;r neuerdings auf der ersten Seite meiner Tageszeitung geworben wird: die Riester-Rente einschlie&szlig;lich der bis zu 51 % staatlichen F&ouml;rderung sichern. (Wobei diese, so ist dem Kleingedruckten zu entnehmen, von der jeweiligen &bdquo;Lebenssituation&ldquo; abh&auml;ngig ist). Das meint wohl: Wer viel verdient, bekommt auch einen h&ouml;heren staatlichen Zuschuss. Oder sollte ich das wieder einmal falsch interpretieren?<\/p><p>Man sieht: meine Tageszeitung bietet so einiges. Schlagzeile heute: &bdquo;2008 wird Strom richtig teuer&ldquo;. W&auml;hrend also auf diese Weise &bdquo;unsere Lohn-Nebenkosten&ldquo; f&uuml;r Strom, Gas, Benzin, Grundnahrungsmittel usw. steigen, lohnt es sich doch wenigstens f&uuml;r die vier Energie-Monopolisten, die sich seit dem Jahr 2000 bei den Gaspreisen mit einer bescheidenen Steigerungsrate von 76 %  und beim Strompreis um noch bescheidenere 46 % zufrieden gegeben haben. Also sage keiner, Privatisierungen br&auml;chten nichts. (Von daher versteht sich doch wohl von selbst, dass jegliche Polemik gegen die Bahn-Privatisierung reine Ideologie ist). <\/p><p>Auch sonst gibt es viel Interessantes in meiner Zeitung: So k&auml;mpft die Stadt K&ouml;ln k&uuml;nftig noch energischer gegen &bdquo;Wildpinkler&ldquo;: sie schafft in den Boden versenkbare Urinate an. Und dann ersch&uuml;ttert mich zutiefst die folgende Nachricht: Der Kassenwart des Sparclubs &bdquo;Die verarmten Million&auml;re&ldquo; aus Humboldt-Gremberg ist mit den 40 000 Euro Sparguthaben der Mitglieder dieses Clubs durchgebrannt &ndash; kurz vor der geplanten Auszahlungsfeier. So wie ich meine Zeitung kenne, wird sie eine Spendenaktion ins Leben rufen.<\/p><p>Und dann wird doch tats&auml;chlich der Superst&uuml;rmer des FC K&ouml;ln nachts um 3.30 Uhr mit 1,4 Promille im Blut erwischt. Auch das noch, wo der FC gerade einen solchen Lauf hatte und zwei Spiele in Folge gewonnen hat. Ein schwerer R&uuml;ckschlag f&uuml;r den Verein &ndash; was sage ich: f&uuml;r die ganze Stadt. Und eine echte moralische Herausforderung f&uuml;r die Clubleitung: Soll sie den Mann sperren und auf weitere Tore von ihm verzichten oder soll sie in &uuml;blicher K&ouml;lscher Manier Moral Moral sein lassen. Schlie&szlig;lich gab der Mann an, auf einem Weihnachtsmarkt gewesen zu sein. Da kann man doch mal ein Auge zudr&uuml;cken. Ein Torsch&uuml;tze braucht schlie&szlig;lich einiges an Zielwasser.<\/p><p>Obwohl meine Zeitung, wie man unschwer erkennen kann, t&auml;glich einiges Erbauliche bereith&auml;lt, freue ich mich schon jetzt auf die diesj&auml;hrigen Weihnachtsansprachen. Vor allem die unseres Pr&auml;sidenten. Das ist halt das Sch&ouml;ne an dieser Jahreszeit,  dass die Gem&uuml;ter empf&auml;nglich f&uuml;r M&auml;rchenstunden werden. Ich hoffe nur, dass er unsere Eliten in Wirtschaft und Politik nicht allzu hart anpackt. Was w&auml;ren wir schlie&szlig;lich ohne sie!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erfuhr die frohe Botschaft w&auml;hrend der morgendlichen Zeitungslekt&uuml;re: Da stand es &ndash; schwarz auf wei&szlig;.: &bdquo;Viele Arbeitnehmer und einfache B&uuml;rger sind inzwischen l&auml;ngst kleine Kapitalisten.&ldquo; Diese &uuml;beraus erfreuliche Mitteilung fand sich in einem Artikel von Peter Hahne (nein, nicht der bekannte Neokonservative vom ZDF), sondern eines Redakteurs vom K&ouml;lner Stadt-Anzeiger. 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