{"id":28106,"date":"2015-10-27T15:12:15","date_gmt":"2015-10-27T14:12:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28106"},"modified":"2015-10-30T07:47:31","modified_gmt":"2015-10-30T06:47:31","slug":"der-kampf-um-die-indoktrination-unserer-kinder-mit-neoliberalen-gedanken-nimmt-an-fahrt-auf-mit-einem-aufruf-an-unsere-leser-am-ende-des-textes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28106","title":{"rendered":"Der Kampf um die Indoktrination unserer Kinder mit neoliberalen Gedanken nimmt an Fahrt auf (mit einem Aufruf an unsere Leser am Ende des Textes)"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wirtschaftslobbyisten lassen ein Unterrichtsbuch verbieten, das ihnen zu lobbyismuskritisch ist&ldquo; &ndash; Zugegeben, diese Schlagzeile vermutet man wohl eher auf der Satireseite Postillon, doch leider handelt es sich hierbei nicht um Satire. Der Bundesverband Deutscher Arbeitgeber (BDA) hat &uuml;ber das Bundesinnenministerium eine Sammelpublikation der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung (bpb) aus dem Verkehr ziehen lassen, da diese in den Worten des BDA ein &bdquo;monstr&ouml;ses Gesamtbild von intransparenter und eigenn&uuml;tziger Einflussnahme der Wirtschaft auf Politik und Schule&ldquo; transportiere. Die Publikation &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/shop\/lernen\/themen-und-materialien\/200345\/oekonomie-und-gesellschaft\">&Ouml;konomie und Gesellschaft<\/a>&ldquo; richtet sich an Lehrer, die an den Schulen Wirtschaft unterrichten. Man k&ouml;nnte diese Aktion nun ebenfalls als monstr&ouml;s, intransparent und eigenn&uuml;tzig bezeichnen und folgern, das von der Arbeitgeberlobby durchgedr&uuml;ckte Verbot best&auml;tige, dass die zensierte Publikation goldrichtig liegt. Das eigentliche Problem sitzt jedoch tiefer. Schon seit vielen Jahren versuchen Lobbyisten den Kampf um die Deutungshoheit &uuml;ber wirtschaftliche Fragen bereits &uuml;ber den Schulunterricht f&uuml;r sich zu gewinnen. Diese Entwicklung ist mehr als besorgniserregend. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1893\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-28106-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151029_Indoktrination_unserer_Kinder_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151029_Indoktrination_unserer_Kinder_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151029_Indoktrination_unserer_Kinder_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151029_Indoktrination_unserer_Kinder_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=28106-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151029_Indoktrination_unserer_Kinder_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151029_Indoktrination_unserer_Kinder_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zum aktuellen Vorfall siehe: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/schulspiegel\/lobby-und-schule-arbeitgeberverband-stoppt-wirtschaftsbuch-a-1059654.html\">SPIEGEL Online &ndash; Wirtschaft in der Schule: Arbeitgeber-Lobby stoppt Unterrichtsbuch<\/a>&ldquo; und die <a href=\"http:\/\/www.soziologie.de\/de\/nc\/aktuell\/meldungen-archiv\/einzelansicht\/archive\/2015\/10\/23\/article\/vorlaeufiges-vertriebsverbot-der-sammelpublikation-oekonomie-und-gesellschaft-bundeszentrale-fuer-politische-bildung-durch-das-bundesministerium-des-innern.html\">Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Soziologie<\/a>.<\/p><p>Wer die aktuelle Posse rund um die Publikation &bdquo;&Ouml;konomie und Gesellschaft&ldquo; verstehen will, der sollte auch den bildungspolitischen Kontext beachten. Der Ruf, &bdquo;Wirtschaft&ldquo; solle in der Schule zu einem Pflichtfach werden, wird nun bereits seit rund zwanzig Jahren vom Bankenverband wie ein Mantra in die &Ouml;ffentlichkeit getragen. Seit einigen Jahren bekommen die Banker dabei tatkr&auml;ftige Unterst&uuml;tzung von den gro&szlig;en Industrie- und Arbeitgeberverb&auml;nden. Angeblich seien deutsche Sch&uuml;ler wirtschaftliche Analphabeten, die von der Schule nicht aufs Leben vorbereitet werden und die einfachsten volkswirtschaftlichen Zusammenh&auml;nge nicht verstehen. Ist das so? <\/p><p>Als ich vor vielen Jahren die Schulbank dr&uuml;ckte, lernte ich dort sehr wohl die Grundzusammenh&auml;nge zwischen Konjunktur und Arbeitslosigkeit sowie Geldpolitik und Nachfrage. Sogar die Lehren des John Maynard Keynes kamen damals zur Sprache. Und auch die wirtschaftsliberale Indoktrination kam nicht zu kurz. So &bdquo;lernten&ldquo; wir bereits damals anhand von &bdquo;B&ouml;rsenspielen&ldquo;, die von der lokalen Sparkasse im Unterricht veranstaltet wurden, dass steigende L&ouml;hne nicht gut f&uuml;r unser Aktienportfolio sind. Das Fach hie&szlig; jedoch nicht &bdquo;Wirtschaft&ldquo;, sondern &bdquo;Gemeinschaftskunde&ldquo; und unser Lehrer verstand es damals sehr gut, die unterschiedlichen Perspektiven in der Debatte darzustellen, indem er die Interessen der Arbeitgeber mit den Interessen der Arbeitnehmer und denen der Gesellschaft und Politik zusammenh&auml;ngend erkl&auml;rte. H&auml;tte das Schulfach damals &bdquo;Wirtschaft&ldquo; gehei&szlig;en, w&auml;ren diese Aspekte wohl herausgefallen. Genau das ist es dann auch, was die m&auml;chtigen Wirtschaftslobbyisten im Sinn haben.<\/p><p>Ein tats&auml;chlich vorhandenes Problem im schulischen Wirtschaftsunterricht ist, dass viele Lehrer, die Wirtschaft in einem sogenannten &bdquo;F&auml;cherverbund&ldquo; (also z.B. Gemeinschaftskunde oder Sozialkunde) unterrichten, keinen fachspezifischen universit&auml;ren Background haben und daher dankbar auf frei zug&auml;ngliche Leitf&auml;den und Unterrichtsmaterialien zur&uuml;ckgreifen. Dieses Einfallstor haben nat&uuml;rlich auch die Wirtschaftsverb&auml;nde erkannt. So bieten beispielsweise die Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft &uuml;ber ihr Portal &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundschule.de\">Wirtschaft und Schule<\/a>&ldquo; und der Bundesverband deutscher Banken &uuml;ber sein Portal &bdquo;<a href=\"http:\/\/schulbank.bankenverband.de\">Schul|Bank&ldquo;<\/a> einen Rundumservice f&uuml;r Lehrer an. Es versteht sich von selbst, dass die Materialien dieser Portale gr&ouml;&szlig;tenteils knallharte Propaganda der jeweiligen Verb&auml;nde beinhalten. So ist den Schulmaterialien der INSM beispielsweise <a href=\"http:\/\/www.swp.de\/ulm\/nachrichten\/wirtschaft\/Grauzone-Schule;art4325,1160375\">folgender Satz<\/a> zu lesen: &ldquo;In der Realit&auml;t hat der Mindestlohn nur eine Folge: dass noch mehr Menschen arbeitslos werden&rdquo;. Dass ist knallharte weltanschauliche Propaganda verpackt als Unterrichtsstoff. <\/p><p>Negativer Vorreiter in Sachen Wirtschaftslobbyismus in der Schule ist dabei das Land Baden-W&uuml;rttemberg. Dort wird im kommenden Schuljahr bundesweit zum ersten Mal das Fach &bdquo;Wirtschaft&ldquo; zu einem Pflichtfach an allen allgemeinbildenden Schulen. Dies ist ein gro&szlig;er Lobbyerfolg der &bdquo;Dieter von Holtzbrinck Stiftung&ldquo;, die &uuml;ber ihre Initiative &bdquo;<a href=\"http:\/\/stiftung-wirtschaft-verstehen.de\/kategorien\/wirtschaft-verstehen.html\">Wirtschaft Verstehen Lernen<\/a>&ldquo; dem Land eine Rundumbetreuung anbietet. Man stellt nicht nur Unterrichtsmaterial (z.B. Inhalt aus dem zum Holtzbrinck-Verlag geh&ouml;renden Handelsblatt) zur Verf&uuml;gung, sondern sorgt auch gleich mit einer gestifteten Honorarprofessur an der Universit&auml;t T&uuml;bingen daf&uuml;r, dass die k&uuml;nftigen Wirtschaftslehrer marktliberal ausgebildet und indoktriniert werden. Verantwortlich f&uuml;r die Einf&uuml;hrung des Pflichtfachs &bdquo;Wirtschaft&ldquo; ist, wen wunder es, die gr&uuml;n-rote Landesregierung. <\/p><p>Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, dass die Sch&uuml;ler lernen, was Soll und Haben sind, wie ein Kredit funktioniert oder welche Aufgaben die EZB hat. Es geht vielmehr darum, wie diese Fragen gedeutet werden. Wer &bdquo;wei&szlig;&ldquo;, dass der Mindestlohn Arbeitslosigkeit bef&ouml;rdert, wird auch keine Partei w&auml;hlen, die den Mindestlohn erh&ouml;hen will. Wer &bdquo;wei&szlig;&ldquo;, dass der Staat einen effizienten Markt durch Regulierungen verhindert, wird Liberalisierung und Privatisierungen fordern. Und wer &bdquo;wei&szlig;&ldquo;, dass niedrige Zinsen die Inflation treiben, wird in den Chor derer einstimmen, die die EZB zu einer Zinserh&ouml;hung treiben wollen. Oder zugespitzt: Wer in der Schule mit neoliberaler Propaganda indoktriniert wurde, funktioniert auch im sp&auml;teren Leben genau so, wie sich dies die neoliberalen Vordenker w&uuml;nschen. <\/p><p>Sicher, auch die Gewerkschaften bieten Unterrichtsmaterialien an. Im Vergleich mit den gro&szlig;en Lobbyorganisationen und ihren hervorragenden Verbindungen in die Institute, Universit&auml;ten und die Politik, sind sie hier jedoch noch nicht einmal ein David, der einem &uuml;berm&auml;chtigen Goliath gegen&uuml;bersteht. <\/p><p>Vor diesem Hintergrund &uuml;berrascht die H&auml;rte, mit der der BDA im Schulterschluss mit dem Bundesinnenministerium gegen die kritische Publikation der bdp vorgeht, nicht mehr. Die Wirtschaftslobbyisten haben zum Kampf um die Deutungshoheit in den K&ouml;pfen unserer Kinder geblasen. Genau die neoliberale Propaganda, die uns ja auch tagaus tagein in den Medien pr&auml;sentiert wird, soll nun auch Schulstoff werden. Und da rege sich noch jemand &uuml;ber den Einfluss der Kirchen auf die Schulen auf. <\/p><p><strong>Wir von den NachDenkSeiten wissen, dass wir auch von sehr vielen kritischen Lehrern gelesen werden. Bei uns finden Lehrer zahlreiche Materialien, die durchaus daf&uuml;r geeignet sind, im Schulunterricht eingesetzt zu werden. Leider schafft es unsere kleine Mannschaft jedoch nicht, aus dem umfangreichen Schatz an Informationen, die unsere Seite bereith&auml;lt, ma&szlig;geschneiderte Sammlungen f&uuml;r Lehrer zu erstellen. Daf&uuml;r fehlt uns schlicht die Manpower. Wenn Sie sich diese Aufgabe zutrauen, dann schreiben Sie bitte an <a href=\"mailto:redaktion@nachdenkseiten.de\">redaktion@nachdenkseiten.de<\/a>. Wir w&auml;ren f&uuml;r jede Hilfe dankbar.<\/strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/97f1c388a9e947ec8592dc2da47704bc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wirtschaftslobbyisten lassen ein Unterrichtsbuch verbieten, das ihnen zu lobbyismuskritisch ist&ldquo; &ndash; Zugegeben, diese Schlagzeile vermutet man wohl eher auf der Satireseite Postillon, doch leider handelt es sich hierbei nicht um Satire. 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