{"id":2813,"date":"2007-12-05T09:04:04","date_gmt":"2007-12-05T08:04:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2813"},"modified":"2015-12-09T13:36:08","modified_gmt":"2015-12-09T12:36:08","slug":"denkfehler-17-wir-leben-vom-export","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2813","title":{"rendered":"Denkfehler 17: \u00bbWir leben vom Export.\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Der Bericht in <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,521355,00.html\">SpiegelOnline<\/a> &uuml;ber &bdquo;WORLD TRADE REPORT Deutschland bleibt Exportweltmeister&ldquo; bringt mich zwangsl&auml;ufig dazu, einen eigenen Text aus  &bdquo;Die Reforml&uuml;ge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden &hellip;&ldquo; ins Netz zu stellen. Denn Sie finden den einschl&auml;gigen Denkfehler Nr. 17 beispielhaft bei SpiegelOnline und bei dem zitierten Staatssekret&auml;r des BMWi, Pfaffenbach formuliert. Bei SpiegelOnline hei&szlig;t es:<br>\n&ldquo;Exporte gesteigert, Titel verteidigt: Deutschland bleibt auch 2007<br>\nExportweltmeister.&ldquo; Diese undifferenzierten Lobeshymnen auf Exporte sind rational nur schwer zu verstehen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Auszug aus: Albrecht M&uuml;ller, &bdquo;Die Reforml&uuml;ge.&ldquo; Seiten 212-215<\/strong><\/p><p><strong>Denkfehler 17: &raquo;Wir leben vom Export.&laquo;<\/strong><\/p><p>Ob der Satz &raquo;Wir leben vom Export&laquo;, den wir so h&auml;ufig gebrauchen, richtig oder falsch ist, das ist schwer zu sagen. Es h&auml;ngt von den Umst&auml;nden ab. Um das Problem und den dahintersteckenden Irrtum zu verstehen, ist es hilfreich, zwei Denkweisen kennenzulernen, mit denen &Ouml;konomen wirtschaftliche Vorg&auml;nge darzustellen versuchen. Das ist zum einen die sogenannte g&uuml;terwirtschaftliche Betrachtung oder das Denken in real terms, und das ist zum anderen das Denken in Geldgr&ouml;&szlig;en oder in monetary terms. Zur Analyse mancher Probleme ist es hilfreich zu lernen, in real terms, also in g&uuml;terwirtschaftlichen Gr&ouml;&szlig;en, zu denken. Das muss man bewusst lernen, weil wir normalerweise im Alltag immer in Geldgr&ouml;&szlig;en denken und auch wirtschaftliche Vorg&auml;nge danach bewerten. Man sagt zum Beispiel: &raquo;Ich verdiene 2000 Euro&laquo;, und man sagt nicht: &raquo;Ich verdiene so viel, dass ich mir soundso viel Brot und W&uuml;rste und Kleider und ein St&uuml;ck Auto kaufen k&ouml;nnte und so weiter.&laquo;<br>\nAuch in unseren au&szlig;enwirtschaftlichen Beziehungen denken wir zuallererst immer an das Geld, an die Geldgr&ouml;&szlig;e. Wenn ein Land mehr exportiert als es importiert, dann ist das gut, so sagen wir, weil wir dann Devisen einnehmen oder Geldforderungen gegen&uuml;ber Ausl&auml;ndern erwerben. &raquo;Wir leben vom Export&laquo;, so lautet deshalb die g&auml;ngige Meinung.<br>\nDoch zun&auml;chst einmal ist dazu anzumerken, dass dieser Satz in seiner Schlichtheit nicht richtig ist. Wir leben von G&uuml;tern &ndash; von den G&uuml;tern, die wir hier produzieren, und von solchen, die wir importieren. Damit kleiden wir uns, damit fahren wir auf unseren Stra&szlig;en herum; was wir an Nahrungsmitteln produzieren und &shy;importieren, essen wir. Das sind die Produkte, von denen wir &shy;leben. Das erkennt man, wenn man in real terms denkt.<br>\nErst wenn wir fragen, wie wir das bezahlen, was wir essen, trinken, nutzen und als Dienstleistung in Anspruch nehmen, kommt die Frage auf, wo und wie wir dieses Geld verdienen. Das geschieht zu etwa 70 Prozent bei der Produktion von G&uuml;tern f&uuml;r unseren inl&auml;ndischen Markt und zu etwa 30 Prozent bei der Produktion von G&uuml;tern f&uuml;r den Export.<br>\nNun produzierten wir im Jahr 2002 f&uuml;r 43 Milliarden US-Dollar mehr G&uuml;ter, als wir zur Finanzierung der hier produzierten und konsumierten G&uuml;ter und zur Finanzierung der Importe und Verm&ouml;genstransfers brauchten. Das hei&szlig;t, wir hatten einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss von 43 Milliarden Dollar. Dar&uuml;ber freuen wir uns in der Regel, weil wir sagen: &raquo;Wir leben vom Export, also ist es gut, wenn man &Uuml;bersch&uuml;sse erzielt, weil wir dann Devisen verdienen.&laquo; Dabei m&uuml;ssten wir beim zweiten Nachdenken eigentlich wissen, dass es ziemlich dumm ist, mehr Waren zu liefern, als man bekommt. Was nutzen uns die Devisen, die wir f&uuml;r den Saldo von 43 Milliarden US-Dollar bekommen? Was nutzen uns die Schuldscheine der Amerikaner oder der Russen? Wir essen keine US-Schatzanleihen und auch keine Dollars und schon gar keine Rubel. Wir essen Bananen und fahren Autos und kleiden uns mit Baumwolle, Wolle oder modernen Kunststoffen. Mit Dollars bekleidet s&auml;hen wir ziemlich nackt aus. Und selbst Gold zu essen ist nicht sonderlich appetitlich. Und doch glauben so viele an den Ma&szlig;stab Geld.<br>\nIn der &uuml;blichen Bewertung, wir lebten vom Export, steckt dennoch ein K&ouml;rnchen Wahrheit, genauer gesagt, es stecken darin zwei K&ouml;rnchen Wahrheit:<\/p><p><em>Zum einen<\/em> f&uuml;hrt der internationale Warenaustausch, also Exporte und Importe, dazu, dass man gr&ouml;&szlig;ere Serien und St&uuml;ckzahlen produzieren kann. Somit steigt &uuml;ber diese Exporte und &uuml;ber die Importe (!) die Produktivit&auml;t unserer Volkswirtschaft insgesamt, und zudem bekommen wir auf diese Weise &uuml;berhaupt erst G&uuml;ter, die wir in unserem eigenen Land gar nicht &shy;haben &ndash; das sind nicht nur Bananen, sondern auch Edelmetalle, Mineral&ouml;l und so weiter.<\/p><p><em>Zum zweiten<\/em> hat der Satz, wir lebten vom Export, dann eine gewisse Berechtigung, wenn ein Land mangels Kapazit&auml;tsauslastung unterbesch&auml;ftigt ist und Arbeitslosigkeit herrscht, wie das bei uns zur Zeit der Fall ist. Wenn wir keine Export&uuml;bersch&uuml;sse h&auml;tten, st&uuml;nde es um unsere Arbeitslosenrate und auch um die Schulden des Staates noch schlechter. Diejenigen, die f&uuml;r den inl&auml;ndischen Markt produzieren, sind f&uuml;r die Besch&auml;f&shy;tigung allerdings genauso wichtig. Das sind die Handwerker, die Dienstleister, die Fabriken, die Menschen im &ouml;ffentlichen Dienst, in den Schulen, auf den M&uuml;llautos.<br>\nAlso: Die M&ouml;glichkeit, durch eine Ankurbelung des Exports und die Erzielung von Export&uuml;bersch&uuml;ssen zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, ist nicht unbedeutend, aber erstens muss man dabei beachten, dass diese Besch&auml;ftigung immer nur ein kleiner Teil dessen ist, was insgesamt an Besch&auml;ftigung erfolgt und n&ouml;tig w&auml;re. Und zweitens muss man bedenken, dass eine solche Politik der Export&uuml;bersch&uuml;sse auf Dauer nicht zu halten ist. Die Export&uuml;bersch&uuml;sse eines Landes sind n&auml;mlich zugleich immer die Defizite anderer L&auml;nder. Auf Dauer kann aber ein Land letztlich nicht Leistungsbilanzdefizite hinnehmen, nur weil andere mit Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen ihre Besch&auml;ftigungsprobleme l&ouml;sen wollen. Das ist auch f&uuml;r die gesamte Weltwirtschaft nicht gut. Ein Blick auf die Entwicklung der &shy;Leistungsbilanzdefizite der USA zeigt das. Wenn ein Land so massiv, wie die USA es in den letzten zehn Jahren getan haben, auf Kosten des Rests der Welt lebt, also immer mehr importiert als es exportiert, dann besteht die Gefahr einer massiven Spekulation gegen die W&auml;hrung dieses Landes. In dieser Gefahr sind wir heute.<\/p><p>Es gibt also gute Gr&uuml;nde, Exporte und Export&uuml;bersch&uuml;sse neutraler zu betrachten und Einvernehmen dar&uuml;ber zu erreichen, dass m&ouml;glichst alle L&auml;nder versuchen, &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum ihre Leistungsbilanzen einigerma&szlig;en ausgeglichen zu halten. Das hei&szlig;t in unserem konkreten Fall, dass wir endlich etwas tun m&uuml;ssen, um die Produktion f&uuml;r den inneren Bedarf anzukurbeln. Das geht nur, wenn im Inneren mehr Nachfrage entsteht und diese &shy;zus&auml;tzliche Nachfrage den Drang zum Export entlastet.<br>\nEs w&auml;re daher ganz gut, wir w&uuml;rden uns angew&ouml;hnen zu &shy;denken: Wir leben von dem, was wir produzieren, und von dem, was wir importieren. Und wir finanzieren es mit dem Erl&ouml;s dessen, was wir hier bei uns f&uuml;r den inl&auml;ndischen Markt produzieren, und dem &shy;Erl&ouml;s dessen, was wir exportieren. Eine etwas differenziertere &shy;Betrachtungsweise tut auf jeden Fall gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bericht in <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,521355,00.html\">SpiegelOnline<\/a> &uuml;ber &bdquo;WORLD TRADE REPORT Deutschland bleibt Exportweltmeister&ldquo; bringt mich zwangsl&auml;ufig dazu, einen eigenen Text aus &bdquo;Die Reforml&uuml;ge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden &hellip;&ldquo; ins Netz zu stellen. 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