{"id":28130,"date":"2015-10-28T12:54:16","date_gmt":"2015-10-28T11:54:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28130"},"modified":"2015-10-30T10:54:41","modified_gmt":"2015-10-30T09:54:41","slug":"wurst-macht-krebs-von-korrelationen-und-kausalitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28130","title":{"rendered":"Wurst macht Krebs? Von Korrelationen und Kausalit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151028_wurst.jpg\" alt=\"Wurst macht Krebs?\" title=\"Wurst macht Krebs?\"><\/div><p>Die zur WHO geh&ouml;rende internationale Krebsforschungsagentur IARC hat sich in dieser Woche mit einer steilen These aus dem Fenster geh&auml;ngt: &bdquo;Wurst macht Krebs&ldquo;, so verk&uuml;rzt die These der Gesundheitsstatistiker, die sogleich von allen gro&szlig;en Medien aufgegriffen wurde &ndash; Panikmache inklusive. Ob Wurst wirklich krebserregend ist, l&auml;sst sich durch die <a href=\"http:\/\/www.iarc.fr\/en\/media-centre\/pr\/2015\/pdfs\/pr240_E.pdf\">Metastudie [PDF]<\/a> der IARC n&auml;mlich &uuml;berhaupt nicht sagen. Aus den Daten l&auml;sst sich allenfalls schlie&szlig;en, dass Menschen, die sehr viel verarbeitete Fleischprodukte verzehren, statistisch h&auml;ufiger bestimmte Krebsarten bekommen. Das ist ein gro&szlig;er Unterscheid, der jedoch im allt&auml;glichen Emp&ouml;rungswahn der Medien untergeht. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4912\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-28130-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151028_Wurst_macht_Krebs_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151028_Wurst_macht_Krebs_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151028_Wurst_macht_Krebs_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151028_Wurst_macht_Krebs_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=28130-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151028_Wurst_macht_Krebs_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151028_Wurst_macht_Krebs_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Statistik ist ein Minenfeld. Mit Hilfe der Statistik kann man wissenschaftliche Aussagen untermauern. Man kann jedoch auch wissenschaftliche Aussagen produzieren, die einer ernsthaften Pr&uuml;fung nicht standhalten. Wer sich kritisch mit der Materie auseinandersetzen will, sollte dabei zun&auml;chst den Unterschied zwischen einer Korrelation und einer Kausalit&auml;t kennen. Eine Korrelation liegt dann vor, wenn man aus gemessenen Daten einen nachweisbaren, also statistisch signifikanten, Trend herauslesen kann. So gibt es beispielsweise eine klare Korrelation zwischen der K&ouml;rpergr&ouml;&szlig;e einer Person und deren Gewicht &ndash; je gr&ouml;&szlig;er man ist, desto schwerer ist man im statistischen Durchschnitt auch. Eine Kausalit&auml;t wiederum liefert einen wissenschaftlich haltbaren Grund f&uuml;r diesen statistischen Trend. Wer gr&ouml;&szlig;er ist, hat auch mehr K&ouml;rpermasse und ist daher auch schwerer &ndash; dies ist eine recht eindeutige Kausalit&auml;t. Doch nicht immer passen Korrelation und Kausalit&auml;t so sch&ouml;n zusammen.<\/p><p>So gibt es beispielsweise auch eine regional &bdquo;statistisch hoch signifikante&ldquo; Korrelation zwischen der <a href=\"http:\/\/www3.math.uni-paderborn.de\/~agbiehler\/sis\/sisonline\/struktur\/jahrgang21-2001\/heft2\/Langfassungen\/2001-2_Matth.pdf\">Anzahl der St&ouml;rche und der Geburtenrate [PDF]<\/a>. Monokausal m&uuml;sste man nun daraus schlie&szlig;en, dass der Storch die Babys bringt, was nat&uuml;rlich Unfug ist. Stattdessen herrscht hier eine sogenannte dritte, die Fachleute sprechen von einer &bdquo;konfundierten&ldquo;, Variable vor &ndash; die Struktur der Region. In l&auml;ndlichen Regionen ist die Zahl der St&ouml;rche gr&ouml;&szlig;er als in st&auml;dtischen Regionen und gleichzeitig bekommen Menschen in l&auml;ndlichen Regionen statistisch gesehen mehr Kinder als in st&auml;dtischen Regionen. Die Korrelation ist klar, die Kausalit&auml;t kommt bei diesem Beispiel erst, wenn man um die Ecke denkt.<\/p><p>Mit dem &bdquo;um die Ecke denken&ldquo; haben jedoch viele Wissenschaftler und noch mehr Journalisten so ihre Probleme. So wird beispielsweise seit Jahren behauptet, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/gesundheit\/article124833857\/Verzicht-aufs-Rauchen-macht-gluecklicher.html\">&bdquo;Rauchen macht depressiv&ldquo;<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/studie-raucher-neigen-haeufiger-zum-selbstmord-a-528149.html\">&bdquo;Raucher neigen h&auml;ufiger zum Selbstmord&ldquo;<\/a>. Keine Frage, Rauchen ist Selbstmord auf Raten, aber das ist hier nicht gemeint. Die Macher der Studien, die von den Medien aufgegriffen wurden, haben vielmehr erkannt, dass unter Menschen, die an Depressionen leiden und Selbstmord begehen, wesentlich mehr Raucher zu finden sind als in der restlichen Gesellschaft. Die Korrelation ist da, aber wie sieht es mit der Kausalit&auml;t aus? Macht Rauchen depressiv? Oder ist es nicht vielmehr so, dass depressive Menschen h&auml;ufiger als gesunde Menschen zu Suchtmitteln wie der Zigarette greifen? <\/p><p>&Auml;hnlich k&ouml;nnte es sich auch mit der Wurst-Studie des IARC verhalten. Diese Studie ist eine Metastudie, sie vergleicht also vorhandene Studien zum Thema und f&uuml;hrt sie in eine gro&szlig;e Vergleichsstudie zusammen. Eine der ber&uuml;cksichtigen Studien hat beispielsweise zum Ergebnis gehabt, dass von 1.000 beobachteten Menschen im Schnitt 61 im Laufe ihres Lebens an Darmkrebs erkranken. In der Gruppe der Menschen, die au&szlig;ergew&ouml;hnlich viel Wurst und verarbeitetes Fleisch essen (wir reden hier von durchschnittlich mehr als acht W&uuml;rstchen pro Tag) erkrankten gem&auml;&szlig; der Deutung der Wissenschaftler 66 Personen pro 1.000 Beobachteten und bei den Personen, die nur wenig Wurst und Fleisch essen, nur 56 Personen. Wenn diese Daten so stimmen sollten, w&auml;re dies eine recht klare Korrelation. Aber wie sehr es mit der Kausalit&auml;t aus?<\/p><p>Gerade zu diesem &uuml;beraus wichtigen Punkt schweigen die Autoren der Wurst-Studie. Es g&auml;be bestimmte Chemikalien (Nitritp&ouml;kelsalz) und Zwischenprodukte (Nitrosamine), die man in Verdacht hat. Es k&ouml;nnte aber auch am Eisen bzw. dem Farbstoff der roten Blutk&ouml;rperchen oder auch an den Darmbakterien liegen. Nichts Genaues wei&szlig; man nicht, daher stellt man lieber einen Generalverdacht auf. K&ouml;nnte die Kausalit&auml;t nicht letzten Endes auch wo ganz anders liegen? Nat&uuml;rlich. Es ist beispielsweise <a href=\"http:\/\/www.krebsdaten.de\/Krebs\/DE\/Content\/Krebsarten\/Darmkrebs\/darmkrebs_node.html\">bekannt<\/a>, dass die Darmkrebsh&auml;ufigkeit auch mit &Uuml;bergewicht, Bewegungsmangel, fettreicher Ern&auml;hrung, regelm&auml;&szlig;igem Alkoholkonsum und dem Rauchen korreliert. Auch hier gibt es wohlgemerkt nur eine Korrelation und keine Kausalit&auml;t. Ist es denn nun wirklich &uuml;berraschend, dass Menschen, die im Schnitt acht W&uuml;rstchen pro Tag vertilgen, &uuml;bergewichtig sind und sich daher vielleicht auch weniger bewegen? Wohl kaum. Da die exzessiven Wurstkonsumenten wahrscheinlich in diesen Gruppen zu verorten sind, k&ouml;nnte man auch folgern, dass Bewegungsmangel Darmkrebs verursacht. Das macht nat&uuml;rlich keiner, da es unsinnig klingt. Die b&ouml;se Wurst passt da als Karzinogen schon besser ins &ouml;ffentliche Bild.<\/p><p>Die Wurst-Studie des IARC ist als Metastudie auch eine internationale Vergleichsstudie. Ein Ergebnis lautet demnach auch: In Regionen, in denen viel Wurst gegessen wird, bekommen die Menschen h&auml;ufiger Darmkrebs. Eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r k&ouml;nnte nat&uuml;rlich auch sein, das Menschen in den Wurst-Esser-Regionen schlichtweg &auml;lter werden oder ganz einfach seltener an anderen Dingen sterben. Darmkrebs ist n&auml;mlich eine Krankheit, die in der Regel erst in einem sehr hohen Alter auftritt &ndash; jede zweite Erstdiagnose in Deutschland betrifft Menschen, die &auml;lter als 70 Jahre alt sind. W&auml;ren diese Menschen bereits mit 40 bei einem Arbeitsunfall, mit 50 an einem Herzinfarkt oder mit 60 an Lungenkrebs gestorben, h&auml;tten sie gar nicht erst das Alter erreicht, in dem man im statistischen Mittel an Darmkrebs erkrankt. Ob sie dabei nun Wurst essen oder nicht ist zweitrangig. <\/p><p>Selbst die IARC-Studie gibt zu, dass die beobachteten Wurst-Freunde sich im statistischen Mittel auch generell unges&uuml;nder verhielten, weniger Obst und Gem&uuml;se a&szlig;en, sich weniger bewegten, st&auml;rker zu &Uuml;bergewicht tendierten und h&auml;ufiger Alkohol und Zigaretten konsumierten. Warum also die Einengung auf die Wurst? Bis die IARC ein &uuml;berzeugende kausale Erkl&auml;rung f&uuml;r den Zusammenhang zwischen dem Wurstkonsum und der Darmkrebsanf&auml;lligkeit liefert, sind derlei Spielereien mit Korrelationen nicht sonderlich &uuml;berzeugend. Interessant mag in diesem Zusammenhang auch sein, dass eine gro&szlig;e <a href=\"http:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/35819\/Studie-Vegetarier-erkranken-haeufiger-an-Darmkrebs\">Vergleichsstudie der Universit&auml;t Oxford<\/a> herausgefunden haben will, dass Vegetarier signifikant h&auml;ufiger an Darmkrebs erkranken als Menschen, die Fleisch konsumieren. Auch hier besteht jedoch nur eine Korrelation und keine Kausalit&auml;t.<\/p><p>Generell ist bei derartigen Studien Obacht geboten. Die amerikanischen Forscher Schoenfeld und Ioannidis haben sich einmal den <a href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/news\/wonkblog\/wp\/2012\/11\/30\/pretty-much-everything-you-eat-is-associated-with-cancer-dont-worry-about-it\/\">Spa&szlig; gemacht<\/a> und ein handels&uuml;bliches Kochbuch auf dessen aufgef&uuml;hrte Zutaten untersucht. Von 50 vorkommenden Zutaten standen 40 laut diversen Studien im Verdacht, die Krebswahrscheinlichkeit zu beeinflussen. Eine Analyse der Studien, die 2012 von der American Society for Nutrition <a href=\"http:\/\/ajcn.nutrition.org\/content\/early\/2012\/11\/27\/ajcn.112.047142.abstract\">ver&ouml;ffentlicht wurde<\/a> ergab jedoch, dass rund drei Viertel dieser Studien &uuml;berhaupt keine signifikanten Korrelationen hervorbrachten und daher wissenschaftlich wertlos waren &ndash; von der Kausalit&auml;t ganz zu schweigen. <\/p><p>Es ist immer problematisch, wenn Wissenschaftler vermeintliche Ergebnisse ver&ouml;ffentlichen, die nicht haltbar sind, daf&uuml;r aber von den Medien wie ein Lauffeuer verbreitet werden. Am Ende bleiben dabei nur noch Panik und am Ende Ratlosigkeit und Desinteresse &uuml;ber. Dabei besteht doch eigentlich gar kein Grund zur Panik. Wer Unmengen an Wurst konsumiert, lebt nat&uuml;rlich nicht gesund. Wer durchschnittlich acht W&uuml;rstchen pro Tag vertilgt, f&uuml;r den d&uuml;rfte eine leicht erh&ouml;hte Darmkrebswahrscheinlichkeit wohl das geringste zu erwartende Problem sein. Schon der alte Paracelsus wusste &bdquo;Dosis sola facit venenum&ldquo; (auf deutsch: &bdquo;Nur die Dosis macht das Gift&ldquo;). Und mit dieser Weisheit d&uuml;rften die allermeisten Menschen auch heute noch gut leben. Daf&uuml;r braucht es keine alarmistischen Studien, die einen am Ende des Tages auch nur ratlos zur&uuml;cklassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151028_wurst.jpg\" alt=\"Wurst macht Krebs?\" title=\"Wurst macht Krebs?\"\/><\/div>\n<p>Die zur WHO geh&ouml;rende internationale Krebsforschungsagentur IARC hat sich in dieser Woche mit einer steilen These aus dem Fenster geh&auml;ngt: &bdquo;Wurst macht Krebs&ldquo;, so verk&uuml;rzt die These der Gesundheitsstatistiker, die sogleich von allen gro&szlig;en Medien aufgegriffen wurde &ndash; Panikmache inklusive. Ob<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28130\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,149,123,150],"tags":[343,849,439],"class_list":["post-28130","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-verbraucherschutz","tag-luegen-mit-zahlen","tag-nahrungsmittel","tag-who"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28130"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28130\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28168,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28130\/revisions\/28168"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28130"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28130"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}