{"id":2820,"date":"2007-12-07T16:50:56","date_gmt":"2007-12-07T15:50:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2820"},"modified":"2015-12-09T13:29:40","modified_gmt":"2015-12-09T12:29:40","slug":"blind-fuer-die-makrooekonomische-verantwortung-und-ihre-moeglichkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2820","title":{"rendered":"Blind f\u00fcr die makro\u00f6konomische Verantwortung und ihre M\u00f6glichkeiten"},"content":{"rendered":"<p>Auf einer meiner letzten Diskussionsveranstaltungen wurde seltsamerweise gerade von gewerkschaftlich Engagierten die These vertreten, dass die hohe Arbeitslosigkeit und der Niedergang wirtschaftlicher T&auml;tigkeit quasi das Ergebnis eines Trends ist, konkret: die Folge hoher Produktivit&auml;tszuw&auml;chse und der gleichzeitig stattfindenden Globalisierung. Das Streben nach Vollbesch&auml;ftigung sei veraltet, quasi mit den siebziger Jahren beerdigt. Die damit verbundene Missachtung der wirtschaftspolitischen Verantwortung der handelnden Personen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ist ein Gottesgeschenk f&uuml;r diese neoliberalen F&uuml;hrungsschichten. Sie sind verantwortlich f&uuml;r den Absturz der Lohnquote und eine dekadenlange Stagnation der Reall&ouml;hne, sie sind verantwortlich f&uuml;r eine miserable Geldpolitik wie auch jetzt wieder ganz aktuell bei der Weigerung der EZB, die Zinsen zu senken. Diese Fehler sind kein unabweisbarer Trend. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDazu nacheinander einige Beobachtungen und Fakten:<\/p><ol>\n<li><strong>Schon der Blick auf eine v&ouml;llig verschiedene Entwicklung der Reall&ouml;hne in verschiedenen L&auml;ndern in der letzten Dekade zeigt, wie falsch die Vorstellung von einem Trend ist.<\/strong>\n<p>Wenn es ein Trend w&auml;re, dann m&uuml;ssten &auml;hnlich industrialisierte L&auml;nder wie Schweden, die USA, Gro&szlig;britannien, die Niederlande, D&auml;nemark und Frankreich doch &auml;hnlich betroffen sein wie Deutschland. Die folgende Abbildung zeigt aber, dass die Reall&ouml;hne z. B. in Schweden zwischen 1995 und 2004 um 25,4% gestiegen sind, in Gro&szlig;britannien um 25,2%, in den USA um 19,6%, in den Niederlanden um 11,9% und in Frankreich um 8,4%; bei uns sind sie um 0,9% gesunken. <\/p>\n<p>Offensichtlich haben diese gravierenden Unterschiede etwas mit verschiedener Politik zu tun. Bei uns sind die Arbeitnehmer wie auch der auf den Binnenmarkt konzentrierte gewerbliche Mittelstand unter die R&auml;der einer falschen Politik geraten und nicht unter die R&auml;der eines Trends zu hoher Produktivit&auml;tsentwicklung und irgendwelcher Vorstellungen von einer naturw&uuml;chsig sinkenden Wachstumsrate. Hierzulande ist schon zu Zeiten der Bundesbank eine falsche Geldpolitik und zus&auml;tzlich eine falsche Fiskalpolitik gemacht worden. Die Binnennachfrage ist g&auml;nzlich vernachl&auml;ssigt worden. Au&szlig;erdem wurde mit fortw&auml;hrender Propaganda und den so genannten Reformen Druck auf L&ouml;hne und Lohnnebenkosten ausge&uuml;bt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071207_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Entwicklungen zeigen: das ist kein Trend. Das ist die Folge falscher Politik, die Folge fehlenden makro&ouml;konomischen Verstandes.<\/p>\n<p>Wie sehr die F&auml;higkeit der Arbeitnehmerschaft, auch f&uuml;r sich wenigstens einen Teil der Zuw&auml;chse wirtschaftlichen Wohlstands in Anspruch zu nehmen, von der Besch&auml;ftigungs- und Konjunkturpolitik abh&auml;ngt, zeigt eine andere Abbildung, die Entwicklung der Lohnquote im Zeitablauf:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071207_02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p>Es gibt eine klar erkennbare Parallelit&auml;t zwischen guter konjunktureller Entwicklung und einer Erholung der Lohnquote, also des Anteils der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen:<br>\nAls zwischen 1989 und 1992 die Konjunktur florierte, stieg die Lohnquote auf den Wert von 72,9%. Als die Konjunktur im Jahr 1992 absichtlich abgebrochen wurde, unter anderem durch eine massive Diskonterh&ouml;hung durch die Deutsche Bundesbank, sank die Lohnquote auf 70,3% im Jahr 1997. Der kleine Boom zwischen 1997 und dem Jahr 2000 brachte die Lohnquote wieder auf 72,2%. Und die dann beginnende Sparpolitik des Sparkommissars Hans Eichel und die Reformpolitik mit der F&ouml;rderung der Minijobs und des Niedriglohnsektors der Regierung Schr&ouml;der brachte die Lohnquote auf den Tiefstwert von 67% im Jahr 2005.<\/p>\n<p>Die Abbildungen stammen &uuml;brigens aus einem n&uuml;tzlichen Buch von Hartmut Meine und Dorothee Beck, Armut im &Uuml;berfluss, erschienen im Oktober dieses Jahres. Hartmut Meine ist Bezirksleiter der IG-Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die falsche Politik wird fortgesetzt <\/strong><br>\nDie EZB senkt die Zinsen nicht. Die Briten tun das.\n<p><em>Dazu:<\/em><\/p>\n<p>&bdquo;EZB : Aus der Traum &ndash; EZB senkt Zinsen nicht &ndash;<br>\nerregt aber Aufsehen mit einer hohen Inflationsprognose. Die Falken an der EZB haben sich durchgesetzt, die f&uuml;r eine straffe Geldpolitik stehen.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/wirtschaft\/aktuell\/?em_cnt=1254461\">FR-Online<\/a><\/p>\n<p>und hier zu Gro&szlig;britannien:<br>\nDie Britische Notenbank &ndash; nicht unter dem gemeinsamen Dach des Euro und damit  der EZB &ndash; hat die Zinsen gesenkt, weil es Anzeichen f&uuml;r Wachstumsschw&auml;che gibt.<br>\n<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/nc\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=wu&amp;dig=2007%2F12%2F07%2Fa0078&amp;src=GI&amp;cHash=a4f96683de&amp;type=98\">Gl&uuml;ckliches Gro&szlig;britannien !<\/a><\/p><\/li>\n<li><strong>Die Folgen dieser falschen Makropolitik sind bei uns &uuml;berall zu greifen. Hier ein pers&ouml;nlicher Bericht eines NachDenkSeiten-Lesers zur Arbeit eines Vermittlers in einer Arbeitsagentur:<\/strong><br>\n<blockquote><p>Gestern habe ich eine Mail von einem guten Bekannten (Jobvermittler) bei der Arbeitsagentur erhalten. Darin erz&auml;hlte er mir von seinem Frust, und dass er einen zunehmenden Trend zu nur noch &ldquo;sittenwidrig&rdquo; zu nennenden L&ouml;hnen erkennen kann. Gerade hat er ein &ldquo;Angebot&rdquo; mit einem Lohn von nur drei Euro auf dem Tisch &ndash; und das muss er auch noch vermitteln. Er steht aufgrund seiner Erfahrungen voll hinter der Forderung nach fl&auml;chendeckenden Mindestl&ouml;hnen.<\/p>\n<p>Ich habe mich schon seit l&auml;ngerem gefragt, wie es um das &ldquo;Innenleben&rdquo; der Vermittler bestellt ist. Nun wei&szlig; ich es. Zumindest einige, m&ouml;glicherweise sogar vielen graust es vor der Aufgabe, Leute in Besch&auml;ftigungen zwingen zu m&uuml;ssen, die an deren Lebenssituation nichts verbessern werden. Im Gegenteil! Wenn sie dann auch noch Abnutzung von Bekleidung (z. B. Schuhen bei Brieftr&auml;gern) selbst zu tragen haben, wird es v&ouml;llig unertr&auml;glich: Sie haben durch die h&ouml;here Abnutzung zwar mehr Kosten, bekommen aber nicht mehr Geld, weil trotz Vollzeitarbeit nur wieder auf &ldquo;Hartz IV&rdquo; aufgestockt wird&hellip;<\/p>\n<p>Und die Entwicklung der Unterst&uuml;tzung nach Hartz IV wird (wenn &uuml;berhaupt) an eine v&ouml;llig fiktive Lebenshaltungskosten-Steigerung gebunden, die mit der Kostenverteilung bei der Lebenshaltung von Sozialhilfeempf&auml;ngern und der sich daraus ergebenden von der &ldquo;Inflationsrate&rdquo; weit abweichenden Steigerung gar nichts zu tun hat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dies alles hat mit Makro&ouml;konomie zu tun. Das ist nicht die Folge eines Trends. Und auch nicht vornehmlich die Folge der Globalisierung. Ich wiederhole das, weil es h&ouml;chste Zeit ist, die Fehler der Wirtschaftspolitik zum gro&szlig;en Thema zu machen, weil anderenfalls wir aus diesem Disaster nicht mehr herauskommen. <\/p>\n<p>Es ist auch h&ouml;chste Zeit, dass jener Teil der Linken, die mit ihren Thesen vom angeblichen Trend weg von den M&ouml;glichkeiten einer Besch&auml;ftigungspolitik die Versager der herrschenden Lehre entlasten, ihre Vorstellungen &uuml;berdenken und korrigieren. Wir haben einen gro&szlig;en Spielraum zu einer arbeitnehmerfreundlicheren Wirtschaftspolitik. Den zu nutzen ist allerh&ouml;chste Zeit.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einer meiner letzten Diskussionsveranstaltungen wurde seltsamerweise gerade von gewerkschaftlich Engagierten die These vertreten, dass die hohe Arbeitslosigkeit und der Niedergang wirtschaftlicher T&auml;tigkeit quasi das Ergebnis eines Trends ist, konkret: die Folge hoher Produktivit&auml;tszuw&auml;chse und der gleichzeitig stattfindenden Globalisierung. Das Streben nach Vollbesch&auml;ftigung sei veraltet, quasi mit den siebziger Jahren beerdigt. 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