{"id":28201,"date":"2015-11-03T14:16:58","date_gmt":"2015-11-03T13:16:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28201"},"modified":"2015-11-04T08:22:10","modified_gmt":"2015-11-04T07:22:10","slug":"die-deutschland-krankheit-ein-blick-auf-die-fluechtlingsdebatte-aus-dem-nordirak","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28201","title":{"rendered":"Die \u201eDeutschland-Krankheit\u201c \u2013 ein Blick auf die Fl\u00fcchtlingsdebatte aus dem Nordirak"},"content":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren war ich das erste Mal in Syrien. Ich habe das Land in Erinnerung als ein f&uuml;r den Nahen Osten recht modernes Land, mit vielen gebildeten, sehr gastfreundlichen Menschen, in dem verschiedenste Kulturen und Religionen (Kurden, Alaviten, Schiiten, Sunniten, armenische Christen, Jesiden) friedlich zusammen lebten. Ich erinnere mich aber auch daran, dass schon damals viele Menschen mir von ihren Pl&auml;nen erz&auml;hlten, nach Europa und Deutschland auszuwandern. Das war damals noch sehr schwierig: Visa gab es kaum (das ist bis heute so), und auf der Balkanroute war man noch auf sich allein gestellt. Von denselben Pl&auml;nen erfuhr ich all die Jahre immer wieder bei Begegnungen in anderen L&auml;ndern des Nahen Ostens und Afrikas. Von <strong>Volker Taubert<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28201#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9170\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-28201-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151103_Deutschland_Krankheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151103_Deutschland_Krankheit_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151103_Deutschland_Krankheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151103_Deutschland_Krankheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=28201-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151103_Deutschland_Krankheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151103_Deutschland_Krankheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Wunsch, den elenden Verh&auml;ltnissen in den korrupten und krisengesch&uuml;ttelten Gesellschaften des Nahen Ostens und Afrikas zu entkommen, ist also keinesfalls ein neues Ph&auml;nomen. Das sollte man wissen, wenn man die Ursachen der gegenw&auml;rtigen Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me nach Europa verstehen will. Der Krieg in Syrien (eigentlich sind es mehrere Kriege, die zeitgleich in Syrien, Libyen und Irak ablaufen) war seit Beginn des Jahres 2015 so etwas wie die Nadel, mit der die Blase zum Platzen gebracht wurde, aus der sich nun die Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me nach Europa bzw. Deutschland ergie&szlig;en. Pl&ouml;tzlich wurde es viel einfacher, nach Deutschland zu gelangen. Mit der hohen Zahl an Fl&uuml;chtlingen und Migranten entstand zun&auml;chst entlang Italiens, dann auch auf den verschiedenen Balkanrouten (Griechenland &ndash; Serbien &ndash; Ungarn &ndash; &Ouml;sterreich bzw. Serbien &ndash; Slowenien &ndash; &Ouml;sterreich) eine Infrastruktur, die den Menschen zeigt, wo es lang geht und die sie unterwegs unterst&uuml;tzt. <\/p><p>In diesem Jahr bin ich beruflich mehrere Mal im Nordirak gewesen. War anf&auml;nglich noch der vor den Toren stehende Islamische Staat das Hauptthema, so dominiert seit der Jahresmitte die &bdquo;Deutschland-Krankheit&ldquo; fast jedes Gespr&auml;ch. So nennt man dort inzwischen den Exodus Richtung Deutschland. Ich habe dazu nicht nur mit unseren irakischen Partnern, sondern auch mit syrischen Fl&uuml;chtlingen, die im Nordirak in Lagern leben, gesprochen. Vor Ort, wo man derzeit kaum auf Ausl&auml;nder trifft, ist man derzeit als Deutscher &auml;u&szlig;erst beliebt. Und oft kommt die Frage, welche Tipps man hat, um am besten, sichersten und schnellsten nach Deutschland zu gelangen. Nicht nur der jesidische Teekellner oder der irakische Ladenbetreiber, sondern sogar der nepalesische Gastarbeiter scheinen nichts Anderes zu planen als nach Deutschland zu kommen. Sp&auml;testens seit die Worte Angela Merkels, dass es f&uuml;r Asyl keine Obergrenzen gibt, sowie die Bilder von den euphorischen Empf&auml;ngen am M&uuml;nchner Hauptbahnhof &uuml;ber alle irakischen Sender liefen, machen sich die Menschen vermehrt auf den Weg. <\/p><p>In den nordirakischen Gebieten der kurdischen Autonomieregierung, wo derzeit kein Krieg ist, sind es vor allem diejenigen, die mit ihren Familien schon seit Jahren den Plan haben, ihre L&auml;nder und die Perspektivlosigkeit zu verlassen. Jetzt kennt jeder jemanden, der schon in Deutschland ist und von der Willkommenskultur berichtet. Im Internet kursieren mehrere Facebook-Seiten auf Arabisch, wo man die genaue Anleitung f&uuml;r die Balkanroute findet. Daher sind im Lauf der letzten Monate die Kosten f&uuml;r die Reise vom Irak nach Deutschland auch von anfangs ca. 7.000 US-Dollar auf knapp die H&auml;lfte gefallen. F&uuml;r viele ist es jetzt dank Smartphone m&ouml;glich, sich auch ohne Schleuser auf den Weg zu machen. <\/p><p>F&uuml;r die Wirtschaft vor Ort stellt der Exodus zunehmend ein Problem dar. Eine Firma, die ich besucht habe, hat innerhalb nur eines Monats etwa 20 Prozent ihrer Belegschaft verloren. Man investiert kaum noch in neue Mitarbeiter, weil man erwartet dass sie ohnehin bald auf dem Weg nach Deutschland sind. Der Firmenchef versicherte, dass es eher die weniger gebildeten Mitarbeiter sind, die das Land verlassen. Ich habe jedoch auch in Ministerien gutbezahlte Personen getroffen, die mir von ihren Migrationspl&auml;nen berichteten. Und da man wei&szlig;, dass es Syrer derzeit besonders leicht haben, in Deutschland Asyl zu erhalten, gibt es inzwischen sogar Berater, die gegen Entgelt Irakern oder &auml;gyptischen bzw. jordanischen Gastarbeitern helfen, den syrisch-arabischen Dialekt zu erlernen und eine entsprechende &bdquo;syrische&ldquo; Fluchtgeschichte zu erhalten.<\/p><p>Eine besondere Ironie des Schicksals ist, dass aus den kurdischen, irakischen und syrischen Kampftruppen, die gegen den IS k&auml;mpfen, immer mehr junge M&auml;nner die Waffen niederlegen und sich auf den Weg nach Europa machen, w&auml;hrend der IS gleichzeitig weiter Zulauf aus eben diesem Europa hat!<\/p><p>Wenn man die Dimension der Migrations-Anreize verstehen will, muss man sich vor Augen f&uuml;hren, was der deutsche Sozialstaat f&uuml;r Menschen bedeutet, die es gew&ouml;hnt sind, selbst nach einem Studium nicht mehr als ein- oder zweihundert Euro monatlich zu verdienen, wenn sie &uuml;berhaupt zu den wenigen geh&ouml;ren, die eine Arbeit finden. <\/p><p>Interessant waren auch die Antworten von syrischen Fl&uuml;chtlingen im Nordirak auf meine Frage, warum sie noch nicht auf dem Weg nach Deutschland seien, wo doch nun alle Syrer in Deutschland bevorzugt aufgenommen w&uuml;rden: Viele k&ouml;nnen sich die Kosten nicht leisten, und sehr vielen ist die Reise mit sieben oder acht illegalen Grenz&uuml;bertritten schlicht zu gef&auml;hrlich. Das erkl&auml;rt auch, warum meist die M&auml;nner auf den Weg geschickt werden, f&uuml;r die dann die ganze Gro&szlig;familie zusammenlegt, und die praktisch den Boden bereiten sollen f&uuml;r den Nachzug weiterer Familienmitglieder. Dieses Muster gab es ja auch schon bei anderen Migrationswellen der Geschichte. <\/p><p>Bemerkenswert ist &uuml;brigens, dass es auch Syrer gibt, die mir sagten, man wolle ausdr&uuml;cklich kein Fl&uuml;chtling sein und ihr pers&ouml;nlicher Stolz verbiete es, in &uuml;berf&uuml;llten Z&uuml;gen nach Europa zu reisen und dort in Zeltlagern oder Turnhallen zu wohnen und als Bittsteller aufzutreten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Volker Taubert<\/strong> ist Politikwissenschaftler und Projektkoordinator in diversen internationalen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit, vor allem im Bildungssektor. Er hat mehrere Jahre im Ausland gelebt und bereist den Nahen Osten seit nunmehr 20 Jahren. Seit 2014 war er regelm&auml;&szlig;ig im Irak t&auml;tig.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren war ich das erste Mal in Syrien. Ich habe das Land in Erinnerung als ein f&uuml;r den Nahen Osten recht modernes Land, mit vielen gebildeten, sehr gastfreundlichen Menschen, in dem verschiedenste Kulturen und Religionen (Kurden, Alaviten, Schiiten, Sunniten, armenische Christen, Jesiden) friedlich zusammen lebten. 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