{"id":28225,"date":"2015-11-05T09:16:44","date_gmt":"2015-11-05T08:16:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28225"},"modified":"2019-01-30T10:22:37","modified_gmt":"2019-01-30T09:22:37","slug":"durch-die-seele-ein-riss-ueber-die-folgen-von-krieg-flucht-und-traumatisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28225","title":{"rendered":"Durch die Seele ein Riss &#8211; \u00dcber die Folgen von Krieg, Flucht und Traumatisierung"},"content":{"rendered":"<p>Haifa 1989. Es ist die Zeit der Ersten Intifada. Seit 1987 lehnen sich meist junge Pal&auml;stinenser gegen die israelische Herrschaft auf. Vor der Gr&uuml;ndung des Staates Israel im Jahr 1948 lebten rund 62.500 Araber in Haifa. Die meisten pal&auml;stinensischen Araber wurden durch massive Angriffe und Bombardements von Seiten Israels vertrieben, andere flohen vor der Permanenz der Gewalt. Es verblieben lediglich 15.000 Araber in Haifa, unter ihnen Mahmud[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28225#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] und seine Familie. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28225#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] ist ihm im Gef&auml;ngnis begegnet, hat ihm zugeh&ouml;rt und sein Leben aufgeschrieben.<br>\n<!--more--><br>\nEs ist ein sp&auml;tsommerlich warmer Tag. Mahmuds Mutter sagt: &bdquo;Geh auf die Stra&szlig;e spielen! Es ist noch eine Stunde bis zum vorletzten Gebet und zur Sperrstunde.&ldquo; Mahmud trifft ein paar Nachbarskinder und sie beginnen auf der Stra&szlig;e Fu&szlig;ball zu spielen. Pl&ouml;tzlich kommt ein Trupp israelischer Soldaten die Stra&szlig;e hinauf. Sie haben den Auftrag, das &uuml;berwiegend von Pal&auml;stinensern bewohnte Stadtviertel unter ihre Kontrolle zu bringen. Ein Soldat tritt auf Mahmud zu und sagt: &bdquo;Geh nach Hause!&ldquo; Mahmud protestiert: &bdquo;Meine Mutter hat gesagt, ich darf bis zur Ausgangsperre spielen.&ldquo; &bdquo;Verschwinde, du Hundesohn!&ldquo;, herrscht ihn der Soldat nun an. Mahmud ist zwar erst sechs Jahre alt, aber er wei&szlig; schon, wie man diese Beleidigung toppen kann. &bdquo;Hurensohn!&ldquo;, schreit er zur&uuml;ck. Der Soldat wird w&uuml;tend und will Mahmud packen. Dieser entzieht sich seinem Zugriff und rennt weg, die Stra&szlig;e hinunter und um die n&auml;chste Ecke. Der Soldat will die Beleidigung nicht auf sich sitzen lassen und verfolgt Mahmud. Dieser Krieg kennt keine Altersgrenzen. Unter denen, die die israelische Armee mit Steinen attackieren, sind viel Halbw&uuml;chsige und Kinder. Mahmud rennt so schnell er kann. Er ger&auml;t in eine Sackgasse und sitzt in der Falle. Nirgends eine offene T&uuml;r, durch die er verschwinden k&ouml;nnte. Der Soldat kommt n&auml;her, tritt vor ihn hin. Mahmud hebt die H&auml;nde vor sein Gesicht, um sich vor den erwarteten Schl&auml;gen zu sch&uuml;tzen. Doch der Soldat zieht ein Messer hervor und f&auml;hrt ihm mit der Schneide &uuml;ber die H&auml;nde. Mahmud l&auml;sst schreiend die H&auml;nde sinken, Blut str&ouml;mt aus der verletzten Hand. Die Rachsucht des Soldaten ist noch nicht abgeklungen. Er zieht dem Kind das Messer durchs Gesicht. Der Schnitt verl&auml;uft &uuml;ber die Stirn, knapp am Auge vorbei bis zum Nasenr&uuml;cken. Jetzt l&auml;sst der Soldat von ihm ab und geht. Schlie&szlig;lich wagen sich Nachbarn aus den H&auml;usern, k&uuml;mmern sich um Mahmud und bringen ihn nach Hause. Die Mutter geht mit ihm ins n&auml;chste Krankenhaus, wo die Wunden gen&auml;ht und verbunden werden. Im Schutz seiner Familie erholt sich Mahmud von dem Schrecken und den Schmerzen. Seine k&ouml;rperlichen Wunden verheilen. Doch der Schock der Messerattacke bleibt ein Fremdk&ouml;rper in seiner Seele &ndash; ein inoperables Geschoss. Bis in die Gegenwart kehrt die Szene in seinen Tr&auml;umen wieder, und er sieht das wutverzerrte Gesicht des Soldaten vor sich und seine Augen, die &bdquo;aus dem Kopf springen&ldquo;.<\/p><p>Die Familie besteht aus der Mutter und seinen zu dieser Zeit drei Geschwistern. Der Vater hat in Heidelberg Betriebswirtschaft studiert und arbeitet als Manager in Saudi-Arabien. Er kehrt nur im Urlaub f&uuml;r ein paar Wochen nach Haifa zur&uuml;ck. Mahmud f&uuml;hrt ein halbwegs normales Leben, besucht ein Gymnasium und legt Ende der 1990er Jahre erfolgreich die Abiturpr&uuml;fungen ab. Die Mutter ahnt, dass der Friede zwischen Pal&auml;stinensern und Israelis, den das Oslo-Abkommen von 1993 gestiftet hat, br&uuml;chig ist. Kurz vor Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000 schickt sie Mahmud nach Deutschland, wo seine Gro&szlig;eltern leben. Sie m&ouml;chte ihn davor bewahren, dass er noch einmal in Gefahr ger&auml;t und die alten Wunden wieder aufbrechen. Er ist ein k&ouml;rperlich schm&auml;chtiger, intelligenter junger Mann, der die M&ouml;glichkeit erhalten soll, unter der Obhut der in Deutschland lebenden Teile der Familie zu studieren und sich eine Zukunft aufzubauen. <\/p><p>Im Jahr 1999 kommt er nach Deutschland und wohnt zun&auml;chst bei den Gro&szlig;eltern m&uuml;tterlicherseits, die in den 1960er Jahren aus dem permanenten Kriegszustand in Pal&auml;stina nach Deutschland geflohen sind. Da seine Mutter und die Gro&szlig;eltern bereits die deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeit besitzen, erh&auml;lt auch er problemlos einen deutschen Pass. Er verf&uuml;gt nun &uuml;ber zwei P&auml;sse: v&auml;terlicherseits &uuml;ber einen israelischen, m&uuml;tterlicherseits &uuml;ber einen deutschen. Anders als viele andere Fl&uuml;chtlinge muss er nicht um sein Bleiberecht k&auml;mpfen. Als Mahmud sich an der FH in Darmstadt einschreiben will, weist man ihn dennoch ab, weil er 16 Jahre alt ist und erst mit 18 Jahren zum Studium zugelassen werden kann. Er lernt Deutsch und &uuml;berbr&uuml;ckt die Wartezeit mit Gelegenheitsarbeiten. Er erledigt Gartenarbeiten und r&auml;umt in einem Supermarkt Regale ein. Zwischendurch h&auml;ngt er rum und lebt in den Tag hinein. Er verliert den Kompass, der seiner Lebensbewegung bisher die Richtung gewiesen hat, und ger&auml;t ins Trudeln. Er kommt mit Haschisch in Ber&uuml;hrung und raucht ab und zu einen Joint. Er f&auml;hrt ohne F&uuml;hrerschein Auto und einmal wird er mit gestohlenen Sachen erwischt, die er f&uuml;r jemand anderen transportiert. Er erh&auml;lt Geldstrafen. Im Jahr 2001 wird er 18 Jahre alt, aber vor lauter Warten hat er das Ziel des Studiums aus den Augen verloren. Doch die Familie besteht darauf, und so beginnt er schlie&szlig;lich im Jahr 2006 an der Fachhochschule Darmstadt Elektrotechnik zu studieren. Er wohnt allein, aber im Nachbarhaus lebt seine &auml;ltere Schwester, die nach den ersten strafrechtlich relevanten Zwischenf&auml;llen ein Auge auf ihn hat und sich um ihn k&uuml;mmert. <\/p><p>Ende 2007 m&ouml;chte er seinen anderen Gro&szlig;vater in M&ouml;rfelden besuchen und bei ihm &uuml;bernachten. Da er den ersten Bus verpasst, ist er gezwungen, an der Bushaltstelle auf den n&auml;chsten zu warten, der kurz nach 22 Uhr fahren soll. Irgendwann kommen aus einer gegen&uuml;ber gelegenen Kneipe drei kahlk&ouml;pfige und in Leder gekleidete M&auml;nner und &uuml;berqueren die Stra&szlig;e, um zu ihren dort abgestellten Motorr&auml;dern zu gelangen. Sie unterhalten sich laut und lachen gr&ouml;lend. Es ist ein Gruppenlachen, das &ndash; so hat es Klaus Theweleit formuliert &ndash; h&auml;ufig den Totschlag einleitet und begleitet. Die M&auml;nner sind sichtlich alkoholisiert und auf Krawall geb&uuml;rstet. Und sie verf&uuml;gen &uuml;ber eine feine Witterung f&uuml;r die Wahrnehmung von kleinsten Zeichen der Differenz. Als sie das Warteh&auml;uschen passieren und Mahmud dort stehen sehen, erkennen sie in ihm sofort den Fremden. Das b&ouml;se Genie f&uuml;r die Abweichung, bis heute ein Teil der deutschen Mentalit&auml;t, schlie&szlig;t aus dunklen Haaren, Bart und Gestus, dass &bdquo;der da&ldquo; nicht &bdquo;Unsereiner&ldquo; ist und also &bdquo;hier nichts verloren hat&ldquo;. Sie fallen zu dritt &uuml;ber ihn her, schlagen ihn zusammen und treten, als er am Boden liegt, mit den Stiefeln auf ihn ein und gegen seinen Kopf. W&auml;hrenddessen sto&szlig;en sie rassistische Beschimpfungen aus. Irgendwann wird Mahmud schwarz vor Augen. Neben der Kneipe, aus der die M&auml;nner gekommen sind, steht ein Imbisswagen. Davor stehen Leute und essen in aller Ruhe ihren D&ouml;ner. Niemand springt ihm bei oder k&uuml;mmert sich um ihn. Nachdem die M&auml;nner von ihm abgelassen haben und Mahmud sich wieder aufgerappelt hat, ruft er seinen Cousin an, der ihn ins Krankenhaus f&auml;hrt. Er hat Angst, Anzeige zu erstatten, und gibt an, gest&uuml;rzt zu sein und sich die Verletzungen selbst zugezogen zu haben. Monate sp&auml;ter muss sein Kiefer operiert und gerichtet werden, den ihm die M&auml;nner mit ihren Schl&auml;gen und Tritten mehrfach gebrochen haben. <\/p><p>Nach dieser Attacke ist er ein anderer. Er ist verst&ouml;rt, schreckhaft und extrem &auml;ngstlich. &bdquo;Die Sicherheit war weg. St&auml;ndig hatte ich Angst, dass jemand hinter mir ist&ldquo;, sagt er. Als ich ihm von Jean Am&eacute;ry erz&auml;hle und ihm eine Passage aus dessen Buch <em>Jenseits von Schuld und S&uuml;hne<\/em> vorlese, in der er &uuml;ber die Folgen der in Auschwitz erlittenen Folter berichtet, stimmt er sichtlich ergriffen zu: &bdquo;Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Das in der Tortur eingest&uuml;rzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen. Dass der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen. Dar&uuml;ber blickt keiner hinaus in eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung herrscht.&ldquo;<\/p><p>Eine besondere Wucht erh&auml;lt die rassistische Attacke dadurch, dass nun die alte, leidlich vernarbte Wunde wieder aufbricht und sich wie ein Verst&auml;rker an die aktuelle Erfahrung anschlie&szlig;t. Pl&ouml;tzlich ist all das Versch&uuml;ttete wieder da. Wie auf einem doppelt belichteten Foto schieben sich die Bilder des israelischen Soldaten und der deutschen Angreifer &uuml;bereinander. In der Folgezeit wird Mahmud mehrfach f&uuml;r Monate in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Man diagnostiziert eine posttraumatische Belastungsst&ouml;rung und verabreicht ihm Medikamente. W&auml;hrend eines Urlaubs aus der Psychiatrie begleitet er einen seiner Br&uuml;der nach M&uuml;nchen, wo dieser ein Auto abholen will. Sie werden von der Polizei kontrolliert und man findet in Mahmuds Taschen eine winzige Menge Haschisch. Es wird gegen ihn ermittelt und die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Versto&szlig;es gegen das Bet&auml;ubungsmittel-Gesetz. Sein Anwalt legt gegen die Verurteilung zu drei Monaten Gef&auml;ngnis Rechtsmittel ein. Wiederholt muss er wegen dieser Haschisch-Sache und der Revisionsverhandlung nach M&uuml;nchen reisen. Einmal erwischt man ihn im ICE ohne g&uuml;ltigen Fahrschein. Wieder verurteilt man ihn zu einer Haftstrafe auf Bew&auml;hrung. Aus verschiedenen Einzelstrafen wird anl&auml;sslich einer neuerlichen Verurteilung wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis schlie&szlig;lich eine Gesamtstrafe von 15 Monaten gebildet. Der Haftantritt verschiebt sich immer wieder, weil &Auml;rzte Zweifel an seiner Haftf&auml;higkeit anmelden. Beim vierten Mal wird diese Bescheinigung nicht mehr ausgestellt. Ein Haftbefehl wird erlassen, und als Mahmud von einem Besuch der Mutter in Israel zur&uuml;ckkehrt, wird er am Flughafen festgenommen. Zehn Monate verbringt er in einem Frankfurter Gef&auml;ngnis. <\/p><p>Nach seiner Haftentlassung zieht er nach M&ouml;rfelden in die N&auml;he seiner Gro&szlig;eltern. Zum Studieren oder Arbeiten ist er psychisch und k&ouml;rperlich nicht imstande. Nach wie vor befindet er sich in psychiatrischer Behandlung und nimmt t&auml;glich einen Cocktail aus verschiedenen psychoaktiven Substanzen zu sich. Er ist in seiner Motorik sp&uuml;rbar verlangsamt und wirkt nach wie vor &auml;ngstlich und schreckhaft. Bei der kleinsten unverhofften Bewegung zuckt er zusammen. Er meidet jeden Blickkontakt, seine Gestalt ist gebeugt und eingesunken. Er verrichtet seine Gebete und geht an Freitag in die Moschee. Er ist ein gl&auml;ubiger, aber kein fanatischer Muslim. Eine &auml;ltere Nachbarin nimmt sich des seltsamen jungen Mannes an. Im Gegenzug schleppt er ihr die Eink&auml;ufe die Treppe hinauf. Ab und zu l&auml;dt sie ihn zum Essen ein. Bei einer dieser Gelegenheiten lernt er den Sohn der alten Dame kennen. Dieser ist ein vierschr&ouml;tiger und ruchloser Typ, der mindestens mit einem Bein im kriminellen Milieu steht. Vom Alter her k&ouml;nnte H. Mahmuds Vater sein. Mahmud sehnt sich nach einem Vater. Er l&auml;sst sich willf&auml;hrig von H. vor seinen Karren spannen. Mangel an Anerkennung ist f&uuml;r die Seele, was Hunger f&uuml;r den Magen ist. Das macht Mahmud anf&auml;llig f&uuml;r Verf&uuml;hrungen. H. m&ouml;chte Mahmud als Drogenkurier einsetzen. Mahmud kann dem erwachsenen und selbstbewusst auftretenden Mann gegen&uuml;ber nicht Nein sagen und so ger&auml;t er ins Gravitationsfeld krimineller Machenschaften. In der Folgezeit transportiert er im Auftrag von H. mehrfach gr&ouml;&szlig;ere Mengen Amphetamine von hier nach dort. Die Polizei kommt ihnen auf die Schliche. Ein gr&ouml;&szlig;erer Transport nach Berlin wird &uuml;berwacht und bei der &Uuml;bergabe des Stoffs erfolgt der Zugriff. Mahmud wird festgenommen. Ein vom Gericht zurate gezogener Gutachter kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen Mahmuds zweifellos vorhandener psychischen St&ouml;rung und den Drogengesch&auml;ften erkennen und erkl&auml;rt ihn f&uuml;r schuldf&auml;hig. Er wird zu rund sechs Jahren Gef&auml;ngnis verurteilt. <\/p><p>2014 tritt er seine Haft an. Sein Status im sozialdarwinistischen Milieu des Gef&auml;ngnisses ist prek&auml;r. Hier geben diejenigen den Ton an, die stark und skrupellos sind, &uuml;ber eine feine Witterung f&uuml;r Angst und Schw&auml;che verf&uuml;gen und mit St&auml;rke und H&auml;rte darauf reagieren. In den Augen vieler Mith&auml;ftlinge ist Mahmud der Inbegriff dessen, was sie &bdquo;Opfer&ldquo; nennen. Sie treiben ihre Sp&auml;&szlig;e mit ihm und fordern ihn auf, endlich &bdquo;ein Mann&ldquo; zu sein. Die grobe K&ouml;rperlichkeit der anderen macht ihm Angst. Er zieht sich zur&uuml;ck und versucht, den Mitgefangenen aus dem Weg zu gehen. Was f&uuml;r das Gros der Gefangenen gilt, gilt nicht f&uuml;r alle und jeden. Ein Gefangener mit arabischem Migrationshintergrund nimmt sich seiner an und sorgt f&uuml;r ihn wie f&uuml;r einen Bruder. Als er die Anstalt verl&auml;sst, macht er mich auf Mahmud aufmerksam und bittet mich darum, mich um ihn zu k&uuml;mmern. <\/p><p>Mahmud tr&auml;umt davon, nach der Haft sein Studium zu beenden. Er wei&szlig;, dass das ein gro&szlig;er Schritt f&uuml;r ihn sein wird und dass er bis dahin noch eine Menge Hindernisse zu &uuml;berwinden hat. Einmal in der Woche trifft er eine externe Therapeutin, die mit ihm den Versuch unternimmt, sich den Traumatisierungen zu n&auml;hern und so die Knoten in seiner Biographie zu l&ouml;sen. Ein Kollege aus dem allgemeinen Vollzugsdienst, der sich seine Sensibilit&auml;t und Mitleidsf&auml;higkeit durch etliche Dienstjahre hindurch bewahrt hat, hat Mahmud unter seine Fittiche genommen und f&uuml;hrt mit ihm eine Art Selbstbewusstseinstraining durch. Er versucht ihm beizubringen, wie er die sichtbaren Spuren seiner &Auml;ngstlichkeit aus seinem K&ouml;rper- und Gesichtsausdruck zur&uuml;ckdr&auml;ngen kann. So oft es ihm seine Dienstpflichten erlauben, &uuml;bt er mit ihm, wie man einigerma&szlig;en selbstsicher geht, blickt und laut und vernehmlich spricht. So etwas lernt man nicht in der Ausbildung. Die Initiative dieses Beamten ist ein Produkt seiner Menschlichkeit und seines Gesp&uuml;rs f&uuml;r Notlagen der Gefangenen, f&uuml;r die er verantwortlich ist. <\/p><p>Mahmud nimmt in der anstaltseigenen Schlosserei an einem Schwei&szlig;er-Kurs teil. Es geht ihm, wie er selbst sagt, darum zu lernen, wie man getrennte Dinge zusammenf&uuml;gen und zu einer Einheit verbinden kann. Das Zusammenschwei&szlig;en von Metallteilen n&auml;hrt Mahmuds Hoffnung, dass der Riss, der durch seine Seele und sein Leben geht, sich schlie&szlig;en k&ouml;nnte. Auch wenn an der Stelle der Zusammenf&uuml;gung der Teile eine Narbe bleibt, die sogenannte Schwei&szlig;naht. Damit wird auch er leben m&uuml;ssen. In seiner gegenw&auml;rtigen Verfassung k&ouml;nnte er im moralischen Tierreich der Markt- und Konkurrenzgesellschaft nicht &uuml;berleben. Er drohte vom Rudel versto&szlig;en und totgebissen zu werden. Er wird nach gesch&uuml;tzten R&auml;umen suchen m&uuml;ssen, in denen er vielleicht den Weg zur&uuml;ck zu einem normalen Leben und zum &bdquo;Weltvertrauen&ldquo; finden kann. Dazu ben&ouml;tigt er Zeit und tragf&auml;hige Beziehungen zu Menschen, die es gut mit ihm meinen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] <strong>Dr. G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet als Gef&auml;ngnispsychologe in der JVA Butzbach. Im Verlag Brandes &amp; Apsel ist Anfang des Jahres sein neues Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/brandes-apsel-verlag.de\/cgibib\/germinal_shop.exe\/VOLL?titel_id=8358108&amp;titel_nummer=8358108&amp;backpage=brap_kurzliste.html&amp;verlag=83&amp;caller=brap\">Zwischen Amok und Alzheimer &ndash; Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus<\/a>&ldquo; erschienen. Siehe dazu die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\">Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Name zum Schutz ver&auml;ndert<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haifa 1989. Es ist die Zeit der Ersten Intifada. Seit 1987 lehnen sich meist junge Pal&auml;stinenser gegen die israelische Herrschaft auf. Vor der Gr&uuml;ndung des Staates Israel im Jahr 1948 lebten rund 62.500 Araber in Haifa. 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