{"id":2823,"date":"2007-12-10T10:45:29","date_gmt":"2007-12-10T09:45:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2823"},"modified":"2015-12-09T13:27:34","modified_gmt":"2015-12-09T12:27:34","slug":"ueber-risken-und-nebenwirkungen-parlamentarischen-erfolgs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2823","title":{"rendered":"\u00dcber Risken und Nebenwirkungen parlamentarischen Erfolgs"},"content":{"rendered":"<p>Ein Beitrag des ehemaligen NRW-Landtagsabgeordneten Daniel Kreutz, der aus seiner Sicht als damaliger Angeh&ouml;riger der sog. &bdquo;Fundi-Fraktion&ldquo; die Entwicklung der NRW-Gr&uuml;nen nach der Regierungsbeteiligung in einer rot-gr&uuml;nen Koalition von 1995 bis 2000 beschreibt. Damals war ich auf der &bdquo;anderen Seite&ldquo; Regierungssprecher. Seine Beschreibung reizte mich zu einer Darstellung aus meiner Sicht. Das kann ich in der K&uuml;rze der Zeit nicht leisten. Hier nur so viel: Die Skeptiker einer Regierungsbeteiligung unter den Gr&uuml;nen und diejenigen, die in der SPD eine Gro&szlig;e Koalition anstrebten, lie&szlig;en nicht den kleinsten Dissens aus, um die rot-gr&uuml;ne Regierung unter Johannes Rau auseinanderzutreiben. Obwohl der Beitrag dieses Verh&auml;ltnis ausspart, halte ich diesen Beitrag nicht nur der Diskussion unter den Gr&uuml;nen Wert, sondern er problematisiert viele Aspekte des Verh&auml;ltnisses zwischen Parteien und Fraktionen, die an der Regierung beteiligt sind. Wolfgang<br>\n<!--more--><br>\nMit der Gr&uuml;ndung der Partei DIE LINKE aus ostdeutscher PDS und westdeutscher WASG wurde ein neues Kapitel der Formierungsversuche der politischen Linken in Deutschland aufgeschlagen. In diesem Aufsatz soll nicht &bdquo;prognostisch&ldquo; diskutiert werden, in wieweit die neue Partei mit ihrer programmatischen Orientierung und ihrem Agieren in den parlamentarischen Institutionen tats&auml;chlich ein geeignetes Instrument sein kann, um den notwendigen politischen Richtungswechsel f&uuml;r Sozialstaat, soziale Gerechtigkeit und Emanzipation, f&uuml;r &ouml;kologische Nachhaltigkeit und Entmilitarisierung der Au&szlig;enpolitik gegen den herrschenden Neoliberalismus in Deutschland und Europa durchzusetzen.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Es wird davon ausgegangen, dass es diese Zielsetzungen sind, die einen Gro&szlig;teil der AktivistInnen in ihrem Engagement f&uuml;r Aufbau und St&auml;rkung der Partei motivieren und befl&uuml;geln. Ebenso wie das interessierte Publikum sind sie zweifellos geneigt, die Ergebnisse der LINKEN bei den kommenden Kommunal- und Landtagswahlen als Ma&szlig;stab f&uuml;r den Erfolg ihres Engagements heranzuziehen. Und zweifellos muss, wer die genannten Ziele teilt, der LINKEN bestm&ouml;gliche Wahlergebnisse gegen die von den &uuml;brigen Parteien vertretenen Varianten des Neoliberalismus w&uuml;nschen &ndash; auch wenn diese allein zur Zielerreichung bei weitem nicht hinreichen.<br>\nIm Folgenden soll das Augenmerk auf Risiken und Nebenwirkungen eines erfolgreichen parlamentarischen Kampfes gerichtet werden. Denn diese k&ouml;nnen, wenngleich bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich, erhebliche Sch&auml;den anrichten; vor allem, wenn sie den ParteiaktivistInnen nicht bewusst sind. Ich st&uuml;tze mich dabei auf Erfahrungen, die ich von 1986 bis 2000 bei den NRW-Gr&uuml;nen machen konnte.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Vermutlich h&auml;ngt es mit der Unterschiedlichkeit der sozialen, politischen und kulturellen Milieus, aus denen sich die Gr&uuml;nen und DIE LINKE speisen, zusammen, dass eine kritische Aufarbeitung der Erfahrung mit der ersten parlamentarisch erfolgreichen &bdquo;Linkspartei&ldquo; in Deutschland seit dem KPD-Verbot von 1956 im Kontext der Bildung der zweiten Linkspartei bislang kaum stattfand, obwohl ein Gro&szlig;teil der AktivistInnen der LINKEN die Entwicklung der Gr&uuml;nen im Allgemeinen durchaus als &bdquo;abschreckendes Beispiel&ldquo; wahrnehmen d&uuml;rfte, und einige AkteurInnen der fr&uuml;heren gr&uuml;nen Linken auch in der LINKEN eine Rolle spielen.<\/p><p><strong>Parteibildung und Bewegungen <\/strong><br>\nDie Gr&uuml;nen brachten vergleichsweise g&uuml;nstige Voraussetzungen daf&uuml;r mit, dem Sog zur Integration in die b&uuml;rgerliche politische Klasse zu widerstehen. Ein Gro&szlig;teil der gr&uuml;nen AktivistInnen war hervorgegangen aus den damaligen &bdquo;neuen&ldquo; sozialen Bewegungen. In der Anti-AKW-Bewegung, in der Friedensbewegung und in der autonomen Frauenbewegung hatten sie basisdemokratische Formen der Selbstorganisation kennen- und sch&auml;tzen gelernt. Die Bestrebungen zur Eroberung der parlamentarischen B&uuml;hnen entstanden aus den Bewegungen selbst, als die M&ouml;glichkeiten au&szlig;erparlamentarischer Einflussnahme zunehmend ausgereizt schienen. Unter dem Motto <em>&bdquo;W&auml;hlen wir uns einfach selber!&ldquo;<\/em> entwickelte sich eine meist auf lokale Basisinitiativen gest&uuml;tzte Wahlbewegung alternativer Listen, die wenig sp&auml;ter in die gr&uuml;ne Parteibildung m&uuml;ndete. Der Gro&szlig;teil der AktivistInnen machte sich wenig Illusionen &uuml;ber die Integrationskraft der parlamentarischen Institutionen. Sie hatten den Staat vor allem als Herrschaftsinstrument erfahren, das den Interessen der Atom- und R&uuml;stungswirtschaft und generell der Absicherung &ouml;konomischer Macht diente. Sie hatten schon Manchen auf dem Marsch durch die Institutionen beobachtet, der immer wieder von &bdquo;links unten&ldquo; nach &bdquo;rechts oben&ldquo; f&uuml;hrte. Sie verstanden ihre neue Partei als &bdquo;Anti-Parteien-Partei&ldquo;, die in den sozialen Bewegungen ihr &bdquo;Standbein&ldquo; sah und den Parlamenten nur ihr &bdquo;Spielbein&ldquo; widmen wollte. Darin kam das Verst&auml;ndnis zum Ausdruck &ndash; wenngleich theoretisch kaum verarbeitet -, dass die Kraft zu fortschrittlicher Gesellschaftsver&auml;nderung nur aus der Entfaltung von Selbstt&auml;tigkeit und Selbstorganisation in der Zivilgesellschaft diesseits des Institutionellen erwachsen kann[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>], dass aber auch starke soziale Bewegungen Einfluss in den gesetzgebenden K&ouml;rperschaften brauchen, um sich politisch durchsetzen zu k&ouml;nnen. Rigide Regelungen zum regelm&auml;&szlig;igen Auswechseln des Abgeordnetenpersonals (&bdquo;Rotation&ldquo;; anfangs auch zur Mitte einer Wahlperiode), zur Abf&uuml;hrung eines Gro&szlig;teils der Di&auml;teneinkommen an die Partei sowie zur Unvereinbarkeit von Amt und Mandat sollten die Abl&ouml;sung einer sich verselbst&auml;ndigenden, privilegierten Kaste von BerufspolitikerInnen von der Partei und deren Herrschaft &uuml;ber die Partei verhindern.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Damit wurde &ndash; auch dies theoretisch kaum verstanden &ndash; an Postulate des fr&uuml;heren R&auml;tesozialismus angekn&uuml;pft.<\/p><p>Demgegen&uuml;ber scheint f&uuml;r DIE LINKE die Orientierung auf Wahlen und parlamentarische Institutionen als wesentliche Handlungsfelder von vornherein eine kaum kritisch hinterfragte Selbstverst&auml;ndlichkeit zu sein. Auch wenn die breiten Proteste gegen Hartz IV und die Agenda 2010 vom November 2003 &uuml;ber den 3. April bis zu den Montagsdemonstrationen 2004 zweifellos einen wichtigen Impuls und politischen Bezugsrahmen f&uuml;r die Bildung der WASG darstellten und diese zahlreiche AktivistInnen aus den Bewegungskeimen anziehen und integrieren konnte, war die WASG &ndash; und erst recht das Projekt einer neuen Linkspartei mit der PDS &ndash; nicht in vergleichbarer Weise ein Produkt basisdemokratischer Bewegungen, wie dies bei den Gr&uuml;nen der Fall war.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Eher kann die Entwicklung von der Gr&uuml;ndung der WASG bis zur Konstituierung der LINKEN als wahlpolitisch-parlamentarische Antwort auf die Krise der parlamentarischen Repr&auml;sentanz des Sozialen bei fehlenden Perspektiven zur Entfaltung starker au&szlig;erparlamentarischer Oppositionsbewegungen (ab Ende 2004) gesehen werden. Ihre tragenden Kr&auml;fte kamen in hohem Ma&szlig;e aus &bdquo;politiknahen&ldquo; intermedi&auml;ren Apparaten zwischen Zivilgesellschaft und politischer Klasse (z.B. Gewerkschaften, kritische Wissenschaft) sowie &ndash; sich damit in erheblichem Umfang &uuml;berschneidend &ndash; aus linkssozialdemokratischen Kreisen, die ihre parteipolitische Beheimatung in Folge der neoliberalen Wende der SPD verloren hatten. Die positive Bezugnahme der LINKEN auf &bdquo;die sozialen Bewegungen&ldquo; ist weniger Ausdruck einer Selbstverortung in Bewegungen bzw. Bewegungskeimen, sondern eher eine theoretisch vermittelte Bezugnahme auf ein (potenzielles) Anderes, um dessen Bedeutung man zu wissen glaubt. Von Seiten der PDS ging eine Partei in DIE LINKE ein, die l&auml;ngst als Teil der politischen Klasse Ostdeutschlands etabliert und institutionalisiert ist und dort den traditionellen Platz einer &bdquo;sozialdemokratischen Volkspartei&ldquo; besetzt.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Pointiert ausgedr&uuml;ckt, musste sich die Formierung der LINKEN im Unterschied zu den Gr&uuml;nen &bdquo;von oben nach unten&ldquo; vollziehen.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p><strong>Gr&uuml;ne Linkspartei<\/strong><br>\nDie NRW-Gr&uuml;nen standen zu Beginn der 1990er Jahre mehrheitlich auf dem linken, &ouml;kosozialistisch beeinflussten Fl&uuml;gel ihrer Bundespartei, die ihrerseits links von der SPD stand.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Obwohl die Zahl ihrer gewerkschaftlichen AktivistInnen eher gering war, suchten die NRW-Gr&uuml;nen die gro&szlig;en gewerkschaftlichen K&auml;mpfe der 1980er Jahre &ndash; etwa den Kampf um die 35-Stunden-Woche oder die Betriebsbesetzung beim Kampf um Krupp-Rheinhausen &ndash; politisch zu verarbeiten. Sie vertraten ein radikalreformerisches Programm sozial-&ouml;kologischer und basisdemokratischer Gesellschaftstransformation, das unter Verzicht auf antikapitalistische Verbalradikalismen &uuml;ber den Kapitalismus hinauswies.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Solchen Orientierungen f&uuml;hlte sich nicht nur die Mehrheit der gr&uuml;nen Oppositionsfraktion im Landtag 1990-1995 verpflichtet, sie pr&auml;gten auch noch das Wahlprogramm von 1995, auf dessen Grundlage die zweite Landtagsfraktion schlie&szlig;lich in Koalitionsverhandlungen mit der SPD eintrat. Es w&auml;re eine f&uuml;r die Linke insgesamt lohnende Fragestellung systematischer Analyse &ndash; auch zur kritischen Pr&uuml;fung der hier vorgetragenen Thesen &ndash; wie es m&ouml;glich war, dass diese Partei kaum drei Jahre sp&auml;ter zur Mehrheitsbeschafferin einer neoliberalen Regierungspolitik zun&auml;chst unter Wolfgang Clement, dann unter Peer Steinbr&uuml;ck werden konnte, die einen der gr&uuml;nen Programmatik entgegen gesetzten Kurs verfolgte, und aus welchen Quellen sich jene Ver&auml;nderung des politischen Selbstbewusstseins speiste, die den NRW-Gr&uuml;nen einen scheinbar bruchlosen und weitgehend ger&auml;uschlosen Anschluss an die neoliberale Wende von Bundestagsfraktion und Bundespartei erm&ouml;glichte. <\/p><p><strong>Etablierung einer politischen Klasse <\/strong><br>\nDie Ver&auml;nderung des politisch-programmatischen Charakters einer gesellschaftlich relevanten Partei ist nicht im eigentlichen Sinne das Werk von F&uuml;hrungsfiguren. Sie setzt eine Basis unter den Funktionstr&auml;gerInnen der lokalen und regionalen Gliederungen voraus, die dazu bereit ist und deshalb entsprechende Vorschl&auml;ge aus ihrer F&uuml;hrungsriege unterst&uuml;tzt.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Zu den Bedingungen, die die Ver&auml;nderung der NRW-Gr&uuml;nen beg&uuml;nstigten, z&auml;hlte sicher zum einen die sozio&ouml;konomische Interessenlage des stark von (lohnabh&auml;ngigen) ModernisierungsgewinnerInnen gepr&auml;gten gr&uuml;nen Parteiklientels, zum anderen die Pr&auml;senz einer starken Minderheit von &bdquo;Realos&ldquo;, die das linke strukturelle Misstrauen in die parlamentarischen Institutionen des b&uuml;rgerlichen Staates f&uuml;r falsch hielten, sondern darin den einzig m&ouml;glichen Hebel gesellschaftlicher Ver&auml;nderung sahen und &ndash; anfangs deshalb &ndash; dort &bdquo;ankommen&ldquo;, an- und aufgenommen werden wollten.<\/p><p>Die wichtigste objektive Bedingung f&uuml;r die Transformation der Gr&uuml;nen ins Gegenteil ihrer selbst war zweifellos das Verebben autonomer gesellschaftlicher Bewegungen nach dem H&ouml;hepunkt der Friedensbewegung im Kampf gegen die NATO-&bdquo;Nachr&uuml;stung&ldquo;, wodurch die Partei ihre Einbettung in ein Milieu kritischer AktivistInnen einb&uuml;&szlig;te und gleichsam auf dem Trockenen strandete. Mit der Aufl&ouml;sung des bewegungspolitischen &bdquo;Standbeins&ldquo; wurden die parlamentarischen Institutionen zum zentralen Terrain politischer Arbeit. Die Herausbildung einer gr&uuml;nen &bdquo;politischen Klasse&ldquo; wurde unvermeidlich. Die formalen Regeln, die dies verhindern sollten, erwiesen sich unter diesen Umst&auml;nden als wirkungslos und teils unpraktikabel.<br>\nDie Herausbildung einer sich von den normalen Parteimitgliedern abhebenden politischen Klasse (im gr&uuml;nen Jargon der 1980er Jahre &bdquo;Promis&ldquo;) entspringt zun&auml;chst dem Wissens- und Erfahrungsvorsprung derer, die als Mandatierte an der parlamentarischen &bdquo;Front&ldquo; die Spielregeln, rechtlichen und fiskalischen Handlungsm&ouml;glichkeiten und &ndash;grenzen des Kommunal-, Landes- oder Bundesparlaments in den verschiedenen Politikfeldern sowie das &uuml;brige R&uuml;stzeug professioneller Politik erlernen.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] Sie teilen diese Kompetenzen mit den Mitgliedern der anderen Fraktionen, den &bdquo;Kolleginnen und Kollegen&ldquo;. In dem Ma&szlig;e, wie sie &bdquo;professionell&ldquo; mit den gegebenen Rahmenbedingungen umgehen lernen, d.h. ihr Engagement innerhalb der Grenzen des gegebenen Rahmens rechtlicher Zust&auml;ndigkeit und fiskalischer M&ouml;glichkeit entfalten, bleibt die pers&ouml;nliche Anerkennung durch die interfraktionelle Gemeinschaft der Profis kaum aus.<br>\nInfolge ihrer besonderen Kompetenzen auf den parlamentarischen Schaupl&auml;tzen sowie ihrer in Parlamentsdebatten wachsenden rhetorischen F&auml;higkeiten werden die Mandatierten unvermeidlich zu Meinungsf&uuml;hrerInnen in innerparteilichen Diskussionen. &Auml;hnliches gilt &ndash; schw&auml;cher, aber immer noch deutlich ausgepr&auml;gt &ndash; f&uuml;r die hauptamtlichen MitarbeiterInnen der Fraktionen, die bei den Gr&uuml;nen nicht selten &ouml;rtliche Parteifunktionen (teils auch Mandate) innehatten und Botschaften aus der Fraktion in die Parteibasis tragen. Die hauptamtlichen Apparate der Landtags- und Bundestagsfraktionen, denen die Partei nichts Vergleichbares entgegensetzen kann, bilden einen eigenst&auml;ndigen Machtfaktor in der Partei. Daraus entwickelt sich die Tendenz, dass &ndash; jeweils bezogen auf die Ebenen der Kommune, des Landes und des Bundes &ndash; nicht die Partei ihre Fraktion, sondern umgekehrt die Fraktion ihre Partei f&uuml;hrt.<br>\nDie politische Klasse bildet indes keine blo&szlig; kompetenzbasierte, sondern auch eine sozial&ouml;konomische Schicht in der Partei. Machten die Mandatierten ihre Sache gut, war es bei den Gr&uuml;nen oft nicht zuletzt die Partei, die w&uuml;nschte, dass sie ihre Arbeit &uuml;ber mehrere Wahlperioden hinweg fortsetzten. Mit zunehmender Entfremdung vom fr&uuml;heren Beruf werden die professionalisierten Abgeordneten der Landtage und des Bundestags auch existenziell vom Wahlerfolg der Partei abh&auml;ngig. Mehr noch gilt dies f&uuml;r die hauptamtlichen Mitarbeiterst&auml;be, die auf Landes- und Bundesebene ihren Fraktionen zahlenm&auml;&szlig;ig weit &uuml;berlegen sind. &Auml;hnlich wie freigestellte Betriebsr&auml;te und Hauptamtliche der Gewerkschaften genie&szlig;en die Fraktion&auml;rInnen gemeinsam das Privileg, ihre Arbeitskraft der guten politischen Sache widmen zu k&ouml;nnen. Gerade in &ouml;ffentlich zugespitzten politischen Auseinandersetzungen kann existenzielle Abh&auml;ngigkeit von der Fraktion und ihrer Gr&ouml;&szlig;e &ndash; d.h. vom Wahlergebnis &ndash; die Freiheit und Sachorientierung ihrer politischen Meinungsbildung einschr&auml;nken. Vor allem weniger profilierte Abgeordnete neigen dazu, in umstrittenen Fragen &bdquo;mehrheitsf&auml;hige&ldquo; Auffassungen zu vertreten, um ihre Wiederaufstellung zu sichern. Oft kommt es dabei zur Aufspaltung ihrer politischen Meinung in eine &bdquo;offizielle&ldquo; und eine &bdquo;eigentliche&ldquo; Meinung, die nur noch im Kreis der engeren Vertrauten artikuliert wird. Die Inanspruchnahme der Gewissensfreiheit von Abgeordneten erfolgte bei den Gr&uuml;nen vor allem zur Rechtfertigung eines Abstimmungsverhaltens im Bundestag, dass in Gegensatz zu Parteibeschl&uuml;ssen stand.<br>\nIn dem Ma&szlig;e, wie in bewegungsarmer Zeit die Parlamente als die zentralen Kampfpl&auml;tze erschienen, drehten sich auch die strategischen Vorstellungen von &bdquo;realistischen&ldquo; gesellschaftlichen Ver&auml;nderungsprozessen zunehmend um die Frage rot-gr&uuml;ner Reformregierungen, die mittels Gesetzgebung und Verwaltungshandeln notwendige Ver&auml;nderungen ins Werk setzen und damit den sozial&ouml;kologischen Transformationsprozess &bdquo;einleiten&ldquo; k&ouml;nnten. Das fr&uuml;here Verst&auml;ndnis von au&szlig;erparlamentarischem &bdquo;Standbein&ldquo; und parlamentarischem &bdquo;Spielbein&ldquo; begann sich umzukehren. Starke und autonome soziale Bewegungen erschienen nicht mehr als unabdingbare, tragende Kr&auml;fte der Ver&auml;nderung, sondern &bdquo;Druck von unten&ldquo; wurde zunehmend funktional &ndash; als erw&uuml;nschte Unterst&uuml;tzung eigener Reformforderungen &ndash; begriffen. Das neue Selbstverst&auml;ndnis als gleichsam &bdquo;staatliche Reformavantgarde&ldquo; verlieh der gr&uuml;nen politische Klasse gesteigertes Selbstbewusstsein. <\/p><p><strong>Politische Klasse und Mediendemokratie <\/strong><br>\nDie Kommunikation von parlamentarischer Politik und Gesellschaft vollzieht sich bekanntlich vor allem mit Hilfe der kapitalistischen Medienindustrie. Dies gilt insbesondere in bewegungsarmen Zeiten, in denen alternative Medien und Kommunikationsnetzwerke &bdquo;von unten&ldquo; nur schwach entwickelt sind. Da die Medien f&uuml;r eine Fraktion das wichtigste Instrument sind, um Botschaften in die allgemeine &Ouml;ffentlichkeit zu transportieren, gilt Medienpr&auml;senz als wichtiger Ma&szlig;stab erfolgreicher parlamentarischer Arbeit. Dies f&uuml;hrt zu der Tendenz, dass die f&uuml;r Landes- bzw. Bundespolitik zust&auml;ndigen JournalistInnen zur wichtigsten unmittelbaren Zielgruppe des parlamentarischen Alltags werden, bei der es Eindruck zu machen gilt. Das symbiotische Verh&auml;ltnis von professioneller Politik und Medien tr&auml;gt mit zur Bildung des Elitenbewusstseins der politischen Klasse bei. &Auml;hnlich wie bei der LINKEN war der politische Aufstieg der NRW-Gr&uuml;nen zumeist von &bdquo;schlechter Presse&ldquo; begleitet, wobei indes Kritik und H&auml;me der b&uuml;rgerlichen Medien oft eher als Best&auml;tigung und Best&auml;rkung des oppositionellen Selbstgef&uuml;hls der Gr&uuml;nen und ihrer SympathisantInnen wirkten. Als Regierungspartei empfanden die Gr&uuml;nen &bdquo;schlechte Presse&ldquo; zunehmend als unangenehm. Das (verst&auml;ndliche) Bestreben, &bdquo;gute Presse&ldquo; zu erzielen, beg&uuml;nstigt indes Anpassungen auch von politischen Botschaften an das herrschende Politikverst&auml;ndnis der Medien.<br>\nJe mehr sich die politische Klasse verselbst&auml;ndigt, umso st&auml;rker wird ihr Bild gesellschaftlicher &bdquo;Wirklichkeit&ldquo; von den Medien beeinflusst. Faustregel: was nicht in der Zeitung steht, ist bedeutungslos. Wenn sich andererseits die Scheinwerfer grell auf ein bestimmtes Thema richten, wird dies leicht zu einem Politikum, zu dem man glaubt, &bdquo;sich verhalten&ldquo; zu m&uuml;ssen, um &bdquo;vorzukommen&ldquo;, auch wenn die tats&auml;chliche politische Relevanz eher gering ist. Diese Mechanismen beg&uuml;nstigen Ablenkungen von den origin&auml;ren politischen Schwerpunkten und k&ouml;nnen auch die programmatische Auf- oder Abwertung bestimmter Problematiken beeinflussen.<br>\nAuch das Bild, das sich die Parteimitgliedschaft und &ndash; noch st&auml;rker &ndash; die eigene W&auml;hlerschaft von der Fraktion und ihrer Performance machen, wird ma&szlig;geblich von der Darstellung in den Medien beeinflusst. Die Politprofis lernen, dass Pressearbeit ein Instrument ist, das seine st&auml;rkste Wirkung bei den &bdquo;eigenen Leuten&ldquo; erzielt, denn diese nehmen Medienbotschaften &uuml;ber &bdquo;ihre&ldquo; Fraktion weitaus aufmerksamer wahr als der gro&szlig;e Rest der &Ouml;ffentlichkeit. Medienberichterstattung kann hier meinungsbildende Wirkungen in einer Geschwindigkeit und Breite erzielen, die mit parteieigenen Kommunikationsinstrumenten kaum erreichbar ist. Die politische Klasse nutzt diese M&ouml;glichkeit auch in zugespitzen innerparteilichen Diskussionen. Die Chance, Botschaften in den Medien zu platzieren, h&auml;ngt weniger von der intellektuellen Qualit&auml;t als vom Rang der AkteurInnen ab. Sie ist bei MinisterInnen gr&ouml;&szlig;er als bei Fraktionsvorsitzenden und bei diesen gr&ouml;&szlig;er als bei Abgeordneten. Der &bdquo;F&uuml;hrungsspitze&ldquo; ist es eher m&ouml;glich als anderen, &ouml;ffentliche und innerparteiliche Diskussionen mit Hilfe der Medien zu beeinflussen. <\/p><p><strong>Entpolitisierung der Parteibasis <\/strong><br>\nDie Basis der politischen Klasse bilden die Kommunalfraktionen. Sechs Jahre bevor die NRW-Gr&uuml;nen 1990 mit 5 % und 12 Abgeordneten erstmals in den Landtag einzogen, verf&uuml;gten sie bereits &uuml;ber gut 270 Ratsmitglieder. Die Kommunalparlamente sind keine eigenst&auml;ndige legislative Gewalt, sondern Teil der Verwaltung. Man lernt dort rasch die Realit&auml;ten des kommunalen Haushalts und der von landes- und bundesrechtlichen Vorgaben gesetzten Grenzen kommunalpolitischer &bdquo;Zust&auml;ndigkeit&ldquo; und Gestaltungsf&auml;higkeit kennen, die man zwar politisch angreifen, aber allein nicht &auml;ndern kann. Man lernt, die Probleme der Zivilgesellschaft durch die verrechtlichte Brille der Verwaltung zu betrachten. Im Bestreben, zwar bescheidene, aber immerhin greifbare Verbesserungen erreichen zu k&ouml;nnen, neigen auch ausgewiesene Linke schlie&szlig;lich dazu, ihre politische Arbeit auf die Nutzung real existierender Handlungsm&ouml;glichkeiten der Kommunalpolitik zu fokussieren. Dabei l&auml;sst die politische Wahrnehmung von Bereichen, f&uuml;r die man keine Zust&auml;ndigkeit hat, tendenziell nach.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]<br>\nNaturgem&auml;&szlig; nehmen Fragen der Kommunalpolitik in den Debatten der &ouml;rtlichen Gliederungen einen breiten Raum ein &ndash; besonders, wenn die Fraktion in eine f&uuml;r die Mehrheitsbildung im Rat bedeutsame Lage kommt, was Mitte der 1990er Jahre in einem Viertel der NRW-Kommunen zutraf. Wenn Bundestags- und Landtagsfraktion bestehen, entwickeln &bdquo;Kommunalos&ldquo; eine pragmatische Neigung (&bdquo;man kann sich nicht um alles k&uuml;mmern&ldquo;) Debatten &uuml;ber Bundes- und Landespolitik[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] vorrangig den hierf&uuml;r &bdquo;Zust&auml;ndigen&ldquo; zu &uuml;berlassen, soweit nicht &bdquo;kommunale Interessen&ldquo; tangiert sind. Dabei wird tendenziell verdr&auml;ngt, dass insbesondere die sozialen Lebensbedingungen in den Kommunen nur in geringem Umfang von der Kommunalpolitik beeinflussbar sind. In gewisser Weise ist dies &auml;hnlich wie bei Betriebsr&auml;ten, die in langj&auml;hriger t&auml;glicher Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber bez&uuml;glich betrieblicher Probleme auch eher selten dazu kommen, sich mit Grundsatzfragen gewerkschaftlicher Politik zu befassen, und die deshalb nicht selten jenen &bdquo;pragmatischen Realismus&ldquo; betrieblichen Co-Managements mit dem Kapital entwickelten, der indes weder pragmatisch noch realistisch ist, wenn man nach seinem Potenzial zur Erreichung gewerkschaftspolitischer Ziele fragt. So entsteht eine quasi naturw&uuml;chsige Tendenz zur Entpolitisierung der aktiven &ouml;rtlichen Parteibasis, in denen die &bdquo;gro&szlig;e Politik&ldquo; schlie&szlig;lich Gegenstand besonderer Veranstaltungen au&szlig;erhalb der kommunalpolitisch gepr&auml;gten Routinen wird. Landespolitik (und noch mehr EU-Politik) hat es besonders schwer, weil sie weder unmittelbar vor Ort zug&auml;nglich ist wie Kommunalpolitik, noch eine der Bundespolitik vergleichbare mediale Aufmerksamkeit genie&szlig;t und zudem ihre tats&auml;chlichen rechtlichen Zust&auml;ndigkeiten oft wenig bekannt sind.<br>\nIn den NRW-Gr&uuml;nen machte sich diese &bdquo;Verkommunalisierung&ldquo; und Entpolitisierung der Diskussionskultur ihrer &ouml;rtlichen Gliederungen im Laufe der 1990er Jahre zunehmend bemerkbar, wozu vor allem die Zunahme der gr&uuml;nen Beteiligung an kommunalen Koalitionen beitrug. Eine &bdquo;Regierungspartei&ldquo; verf&uuml;gt &uuml;ber erweiterte M&ouml;glichkeiten der Einflussnahme auf Stellenbesetzungen in der Verwaltung, was verst&auml;rkt Personen anzieht, die hoffen, dass Pr&auml;senz in der Parteiarbeit ihnen als Sprungbrett in einen existenzsichernden (oder besseren) Job dienen kann. Zugleich gewinnt die Partei an Bedeutung f&uuml;r VertreterInnen von Projekten und Verb&auml;nden, die auf &ouml;ffentliche F&ouml;rdermittel angewiesen sind und die Partei nun als Instrument sehen, um ihre F&ouml;rderung zu verteidigen oder durchzusetzen. Solche an sich legitimen, f&uuml;r eine nach Gesellschaftsver&auml;nderung strebende Partei jedoch wenig fruchtbaren Motive machen es erforderlich, dass man es sich mit denen, die Einfluss auf die Vergabe von Jobs und Mitteln haben, nicht verdirbt. Einer sachbezogenen politischen Diskussionskultur, deren Kritikf&auml;higkeit auch vor der eigenen politischen Klasse nicht Halt macht, ist das wenig f&ouml;rderlich. Kommt es gar dahin, dass die einfachen, sich aus selbstloser politischer &Uuml;berzeugung engagierenden Parteimitglieder in den innerparteilichen Debatten in den Parteiversammlungen zur Minderheit werden, wird das Parteileben zu einer selbstreferenziellen Veranstaltung der politischen Klasse, die kaum noch unmittelbarer politischer Einwirkung aus der Zivilgesellschaft ausgesetzt ist. Die Partei l&auml;uft Gefahr, zu einem &bdquo;Politikunternehmen&ldquo; zu mutieren, das sich vor allem am &bdquo;W&auml;hlermarkt&ldquo; zu behaupten hat und die Entwicklung seiner Programmatik nicht zuletzt an entsprechenden Marketing-Erw&auml;gungen ausrichtet. <\/p><p><strong>Das Dilemma der Regierungsbeteiligung <\/strong><br>\nDie Frage der Regierungsbeteiligung z&auml;hlt heute in der LINKEN zu den hei&szlig; umstrittenen Themen. Soweit der Verfasser die Auseinandersetzungen um die rot-rote Berliner Koalition wahrnehmen konnte, wiesen sie in vielerlei Hinsicht (teils frappierende) &Auml;hnlichkeiten mit den Debatten der Gr&uuml;nen &uuml;ber ihre erste NRW-Koalition auf. Und damals wie heute ist die Regierungsfrage von einem Dilemma gepr&auml;gt, das zwar in der Theorie leicht, in der Praxis dagegen nur &auml;u&szlig;erst schwer &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; aufgel&ouml;st werden kann.<br>\nEinerseits muss eine linke Partei, die sich wesentlich als parlamentarische Reformkraft versteht, um ihrer eigenen Glaubw&uuml;rdigkeit willen nach ma&szlig;geblichem Einfluss auf Gesetzgebung und politische Gestaltung streben. Der ist in der Regel nur erreichbar, wenn man Regierungsfraktion wird. Zwar sind auch Modelle der Tolerierung von Minderheitsregierungen denkbar. Ob man daf&uuml;r aber einen Partner findet, der sich tolerieren l&auml;sst, bleibt in Deutschland vorerst ebenso fraglich wie die F&auml;higkeit der eigenen W&auml;hlerschaft, die Ablehnung m&ouml;glicher Koalitionsverhandlungen politisch nachzuvollziehen. In eine f&uuml;r die Mehrheitsbildung entscheidende Position zu kommen, wird meist als besonderer parlamentarischer Erfolg wahrgenommen, der einen hohen Erwartungsdruck aus Partei und W&auml;hlerschaft ausl&ouml;st.<br>\nAndererseits w&auml;ren vorerst s&auml;mtliche Koalitionen, an denen sich DIE LINKE beteiligen k&ouml;nnte, B&uuml;ndnisse mit meist deutlich st&auml;rkeren Parteien, die ihrerseits auf eine Konsolidierung oder Vertiefung des neoliberalen Systemwechsels zielen. Eine politische Richtungs&auml;nderung im Sinne der Ziele der LINKEN ist in solchen Konstellationen nicht erreichbar; lediglich eine Bremsung des Marschs in die falsche Richtung und eine Akzeptanzsteigerung f&uuml;r die Regierung durch gute reformerische Ma&szlig;nahmen in Teilbereichen, die indes die Richtung des Ganzen kaum tangieren. Hier liegt ein substanzieller Unterschied zu der Zeit des Aufstiegs des &bdquo;rot-gr&uuml;nen Projekts&ldquo; bei den Gr&uuml;nen. Bezogen auf die noch-sozialdemokratische SPD in der Nachfolge von Lafontaines damaligen &bdquo;Fortschritt 90&ldquo;-Programm war seinerzeit der Gedanke einer gemeinsamen Reformstrategie zum &bdquo;Einstieg&ldquo; in einen sozial&ouml;kologischen Umbau der Industriegesellschaft als grundlegende politische Richtungs&auml;nderung gegen&uuml;ber der Kohl-Regierung noch durchaus plausibel.<br>\nEine Absage an Regierungsbeteiligungen auf Landes- und Bundesebene in Gestalt konkreter, auf den notwendigen Richtungswechsel hin zugespitzter Bedingungen, ist daher vorerst politisch gut begr&uuml;ndbar[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] und erscheint theoretisch sogar zwingend. Sie d&uuml;rfte aber mit Eintreten des &bdquo;Ernstfalls&ldquo; am Wahlabend in Konflikt geraten sowohl mit dem Politikverst&auml;ndnis eines bedeutenden Teils der Parteiaktiven als auch mit den Erwartungen eher &uuml;berwiegender Teile der eigenen W&auml;hlerschaft. Das Festhalten an &bdquo;fundamentalistischen&ldquo; (d.h. grunds&auml;tzlichen, die Richtung bestimmenden) Bedingungen w&uuml;rde dann zweifellos aus allen Rohren und in allen Varianten mit dem bekannten Medien-Mantra beharkt, dass DIE LINKE nur zu &bdquo;populistischen Spr&uuml;chen&ldquo; in der Lage sei, aber vor der Verantwortung fliehe.<br>\nEine Linkspartei, die in bewegungsarmer Zeit ihre Wahlerfolge steigern will, wird eher zu Konzessionen an das Alltagsbewusstsein ihres W&auml;hlerpotenzials neigen als zu rationalen Positionierungen, die mit den Erwartungen der W&auml;hlerschaft kollidieren und wom&ouml;glich zu schlechteren Wahlergebnisses f&uuml;hren k&ouml;nnen. F&uuml;hrt dies dazu, dass man sich Koalitionsverhandlungen mit gegnerischen Parteien nicht entziehen kann, wird es allerdings brandgef&auml;hrlich, wie die Erfahrung der NRW-Gr&uuml;nen in der ersten rot-gr&uuml;nen Koalition gezeigt hat. Deren Entwicklung sei deshalb kurz skizziert. <\/p><p><strong>Die NRW-Gr&uuml;nen unter Rot-Gr&uuml;n <\/strong><br>\nBei der Landtagswahl 1995 konnten die Gr&uuml;nen nach f&uuml;nf Jahren konsequenter Oppositionspolitik ihren Stimmenanteil und ihre Fraktionsst&auml;rke verdoppeln, w&auml;hrend die SPD ihre f&uuml;nfzehnj&auml;hrige absolute Mehrheit verlor. Da die FDP an der 5 %-H&uuml;rde scheiterte, blieb der SPD nur die Alternative Rot-Gr&uuml;n oder Gro&szlig;e Koalition. Die NRW-SPD stand auf dem rechten (aus heutiger Sicht: neoliberalen[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]), die gr&uuml;ne Landespartei auf dem linken Fl&uuml;gel ihrer jeweiligen Bundesparteien. Beide wussten um die Breite der politischen Kluft zwischen ihnen. Sie vertraten substanziell entgegengesetzte Richtungen, so dass eine Konsensbildung &uuml;ber eine gemeinsame Reformstrategie undenkbar war. Insoweit glich die Lage derjenigen, der DIE LINKE heute gegen&uuml;berst&uuml;nde. Sie erschien jedoch damals g&uuml;nstiger als heute, weil die neoliberale Wende der SPD noch keineswegs abgeschlossen war und die linken Gr&uuml;nen insgeheim noch der Illusion nachh&auml;ngen konnten, dass man mit dem R&uuml;ckenwind wiederauflebender au&szlig;erparlamentarischer Aktivit&auml;ten und zusammen mit einem linken Fl&uuml;gel in der SPD den Einfluss der &bdquo;Modernisierer&ldquo; zur&uuml;ckdr&auml;ngen k&ouml;nnte.<br>\nDie Gr&uuml;nen hatten die rot-gr&uuml;ne Abl&ouml;sung der SPD-Alleinregierung zum obersten Wahlziel erkl&auml;rt. Damit sollten einerseits die Voraussetzungen f&uuml;r die Durchsetzung eines rot-gr&uuml;nen sozial&ouml;kologischen Reformprojekts gegen die Kohl-Regierung im Bund verbessert[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] und andererseits das Land selbst schrittweise auf einen sozial&ouml;kologischen Entwicklungspfad bewegt werden. Dabei unterstrichen sie ihre Entschlossenheit, sich keinesfalls zum blo&szlig;en Mehrheitsbeschaffer degradieren zu lassen. Als sich die SPD trotz gr&ouml;&szlig;erer inhaltlicher N&auml;he zur CDU schlie&szlig;lich zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit den Gr&uuml;nen durchrang, weil der Preis eigenen Machtverlusts mit ihnen erheblich geringer ausfallen w&uuml;rde als bei einer Gro&szlig;en Koalition, gab es f&uuml;r die Gr&uuml;nen keinen Weg zur&uuml;ck. Da der m&uuml;hsam ausgehandelte, umfangreiche Koalitionsvertrag nichts enthielt, was der hoffenden Partei und W&auml;hlerschaft &ouml;ffentlich als &uuml;berzeugender Grund f&uuml;r dessen Ablehnung vermittelbar gewesen w&auml;re, traten die Gr&uuml;nen in die Landesregierung ein. Aber statt der Landespolitik eine andere Richtung zu geben, sollte die reale reformerische Hauptleistung der Koalition in der Transformation der Gr&uuml;nen zum Erf&uuml;llungsgehilfen neoliberaler Politik bestehen.<br>\nDie machtbewusste SPD ging unverz&uuml;glich daran, ihr missliebige Vereinbarungen des Koalitionsvertrags nachtr&auml;glich zu revidieren und die Gr&uuml;nen damit wiederholt vor die Frage zu schieben, sich entweder zu unterwerfen oder die Koalition zu beenden. Bereits der erste Konflikt dieser Art spaltete 1996 die linke Zweidrittelmehrheit der gr&uuml;nen Landtagsfraktion in zwei H&auml;lften. Eine &bdquo;Regierungslinke&ldquo; um Umweltministerin B&auml;rbel H&ouml;hn bildete mit der &bdquo;Realo&ldquo;-Minderheit einen Block, der Mehrheiten in der Fraktion gegen die Koalition ausschloss. Die neue Konstellation verl&auml;ngerte sich unverz&uuml;glich in die Partei hinein und spaltete die gr&uuml;ne Linke in NRW insgesamt. In den verschiedenen Runden der Koalitionskonflikte galt es, die Debatte in die Kreisverb&auml;nde hineinzutragen. Beide Seiten fanden dabei Unterst&uuml;tzung von engagierten hauptamtlichen MitarbeiterInnen der Fraktion. Dem Regierungsblock standen allerdings auch entsprechende Kr&auml;fte aus den beiden gr&uuml;nen Ministerien zur Verf&uuml;gung, was zu einer gewissen Ungleichheit der M&ouml;glichkeiten f&uuml;hrte.<br>\nEs gelang dem Regierungsblock mit Unterst&uuml;tzung aus der Bundespartei [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] wiederholt, die Landespartei zum Votum f&uuml;r den R&uuml;ckzug zu bewegen, um die Koalition fortsetzen zu k&ouml;nnen. Die koalitionskritische Linke hielt es f&uuml;r zweifelhaft, ob die SPD die Konflikte bis zum Bruch treiben w&uuml;rde. Tats&auml;chlich hatte diese dabei mehr zu verlieren als die Gr&uuml;nen. Die Linke kritisierte das vorzeitige Einlenken des gr&uuml;nen Regierungsblocks, noch bevor der normale parlamentarische Gesch&auml;ftsgang ernsthaft in Frage gestellt war. Sie bef&uuml;rchtete &ndash; wie sich zeigte, zu recht &ndash; dass ein Erfolg des Ultimatums den gro&szlig;en Koalitionspartner zu entsprechenden Wiederholungen ermutigen und dieses Vorgehen zu einem &bdquo;Muster&ldquo; der Koalitionsarbeit w&uuml;rde. Sie f&uuml;rchtete einen Bruch mit politischen Basisinitiativen im Land, zu deren Anliegen die Gr&uuml;nen sich programmatisch bekannten und f&uuml;r deren Ber&uuml;cksichtigung sie unl&auml;ngst in den Koalitionsverhandlungen erfolgreich gestritten hatten. Sie sahen die &ouml;ffentliche Glaubw&uuml;rdigkeit der Partei in Gefahr. Der Regierungsblock verwies nicht nur auf das drohende Aus f&uuml;r die politischen Ma&szlig;nahmen und F&ouml;rderprogramme, die die Gr&uuml;nen der SPD in Teilbereichen hatten abringen k&ouml;nnen. Er bediente sich wiederholt des Argumentationsmusters, wonach ein Bruch der Koalition am jeweils aktuellen Konfliktpunkt gleichbedeutend sei mit der Kapitulation in jeweils &bdquo;wichtigeren&ldquo; Streitfragen, die in Zukunft bevorst&uuml;nden. Daher m&uuml;sse man jetzt einlenken, um die Chance zur Ver&auml;nderung der Landespolitik auf diesen Feldern nicht aus der Hand zu geben. Die Koalitionskonflikte wurden begleitet von einer lebhaften, zumeist auf die Leitfrage nach der &bdquo;Regierungsf&auml;higkeit&ldquo; der Gr&uuml;nen fokussierten Medienberichterstattung.<br>\nAls wichtigste &bdquo;Sollbruchstelle&ldquo; der Koalition war schon im Koalitionsvertrag der Konflikt um die Genehmigung des Rahmenbetriebsplans f&uuml;r den Braunkohletagebau Garzweiler II des Energieriesen RWE festgeschrieben, der sich schlie&szlig;lich um die Jahreswende zum Bundestagswahljahr 1998 unausweichlich zuspitzte. Im Verlauf der vorangegangenen Koalitionskonflikte um andere Fragen hatte die gr&uuml;ne Landespartei die Verhinderung des Tagebaus fl&uuml;gel&uuml;bergreifend zu ihrem obersten Ziel erkl&auml;rt und dies ausdr&uuml;cklich mit der Koalitionsfrage verkn&uuml;pft. Die SPD bestand dagegen auf dem &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Loch Europas&ldquo;, nicht zuletzt wegen der sonst akuten Gefahr eines Bruchs mit der Bergbaugewerkschaft. Wegen seiner energie- und klimapolitischen sowie auch regionalpolitischen Bedeutung (Umsiedlung und Abbaggerung von 13 Ortschaften) f&uuml;hrte der Koalitionsstreit um Garzweiler zu einer au&szlig;erordentlichen Polarisierung der NRW-Gr&uuml;nen, bei der sich auch ein paar bekannte &bdquo;Realos&ldquo; auf die Seite derer schlugen, die im Falle einer Unterwerfung auch in dieser Kardinalfrage einen v&ouml;lligen Glaubw&uuml;rdigkeitsverlust der Partei bef&uuml;rchteten, der auch den Reformgehalt des rot-gr&uuml;nen Projekts im Bund besch&auml;digen m&uuml;sse. Die Koalition trotz Garzweiler II fortzusetzen, bedeute Mitregieren um jeden Preis bei vollst&auml;ndiger Preisgabe eigener Durchsetzungsf&auml;higkeit.[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] Mit hauchd&uuml;nner Mehrheit setzte sich auf dem Sonderparteitag im Januar 1998 gleichwohl erneut der Regierungsblock mit Unterst&uuml;tzung der Bundesprominenz durch; wiederum in Namen der rot-gr&uuml;nen Abl&ouml;sung der Kohl-Regierung, wiederum mit Hilfe der irref&uuml;hrenden Behauptung, die eigentliche Entscheidung &uuml;ber den Tagebau stehe nach der Genehmigung des Rahmenbetriebsplans erst noch bevor, weshalb der Kampf in der Regierung fortgesetzt werden m&uuml;sse.<br>\nDie knappe Mehrheit der Delegierten wurde indes weniger von den Sachargumenten beeinflusst als von Sekund&auml;rerw&auml;gungen. Viele &bdquo;Kommunalos&ldquo; vor allem aus den rot-gr&uuml;nen Kommunen &ndash; auch solche, die sich zur Linken in der Bundespartei rechneten &ndash; hatten es satt, immer wieder mit Koalitionsstreitigkeiten auf Landesebene behelligt zu werden, die sich nachteilig auf das Klima der Zusammenarbeit zu Hause auswirkten. Stattdessen w&uuml;nschten sie eine Landespolitik, die ihnen den R&uuml;cken freihielt. Sie f&uuml;rchteten den Verlust der partiellen Errungenschaften der gr&uuml;nen Regierungsbeteiligung bei Ma&szlig;nahmen und Programmen, die ihrer kommunalpolitischen Arbeit zugute kamen. &bdquo;Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach&ldquo; schien ihr Motto zu sein.<br>\nVon gro&szlig;er Bedeutung war zudem ein Mechanismus, der sich mit fatalen Folgen f&uuml;r die ber&uuml;hmte gr&uuml;ne &bdquo;Streitkultur&ldquo; seit Beginn der Koalition etabliert hatte. Man hatte sich daran gew&ouml;hnt, die Antr&auml;ge auf Parteitagen weniger nach ihrem Inhalt zu beurteilen, sondern vor allem danach, welche Personen im Fall von Annahme oder Ablehnung politisch gest&auml;rkt oder geschw&auml;cht w&uuml;rden. Diese Art der Personalisierung von Politik ist wesentlich ein Produkt der Medien, deren personalisierte Berichterstattung die Realit&auml;tswahrnehmung der politischen Klasse ma&szlig;geblich pr&auml;gt. Verst&auml;ndlicher Weise hat eine Parteibasis in aller Regel den Wunsch, ihr gew&auml;hltes F&uuml;hrungspersonal, das die Partei in der &Ouml;ffentlichkeit verk&ouml;rpert, nicht im Angesicht der &Ouml;ffentlichkeit und der politischen Gegner zu besch&auml;digen. Tritt nun in einer &ouml;ffentlich zugespitzten Streitfrage der Koalititonspolitik die Mehrheit der politischen Klasse einschlie&szlig;lich der MinisterInnen geschlossen gegen&uuml;ber der Parteibasis auf, ist es au&szlig;erordentlich schwer, ein Parteitagsvotum herbeizuf&uuml;hren, das von den Medien und den politischen Gegnern als &bdquo;Misstrauensvotum&ldquo; gegen die eigene Spitzenmannschaft gewertet wird. Die politische Klasse wei&szlig; das. Ihre sachlich oft zweifelhafte Argumentation dient weniger der Kl&auml;rung umstrittener Probleme, sondern bildet eher ein Angebot an die Delegierten zur Legitimierung eines konformen Votums. Auch deshalb findet eine inhaltliche Auseinandersetzung mit kritischen Argumenten kaum mehr statt.<br>\nF&uuml;r die Meinungs- und Willensbildung einer Partei, die auf eine emanzipatorische Gesellschaftsver&auml;nderung zielt, ist ein Verfall der internen Streitkultur, wie er sich im Zusammenwirken von Eigeninteressen der politischen Klasse, der faktischen politischen F&uuml;hrung der Partei durch die Parlamentsfraktionen und einer deutlichen Ermattung und Entpolitisierung der Parteibasis damals bei den NRW-Gr&uuml;nen entwickelt hat, einigerma&szlig;en t&ouml;dlich.<\/p><p><strong>&hellip; hat es doch Methode <\/strong><br>\nDie skizzierte Entwicklung st&uuml;tzte sich zwar in hohem Ma&szlig;e auf die Macht des Faktischen, setzte sich aber dennoch nicht nur &bdquo;hinter dem R&uuml;cken&ldquo; der AkteurInnen durch. Recht fr&uuml;hzeitig war ein Strategiepapier der Bundes-&bdquo;Realos&ldquo; aufgetaucht, das mit Blick auf eine Ver&auml;nderung der innerparteilichen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zugunsten der &bdquo;Regierungsf&auml;higkeit&ldquo; im Bund bewusst auf eine weitere &bdquo;H&auml;utung&ldquo; der NRW-Gr&uuml;nen unter dem Druck der Koalition setzte, d.h. auf eine Spaltung der Linken mit anschlie&szlig;ender Absplitterung der &bdquo;linken Linken&ldquo;. Im regierungserfahrenen &bdquo;Realo&ldquo;-Fl&uuml;gel war das Verst&auml;ndnis der politischen Prozesse, die die &bdquo;Sachzw&auml;nge&ldquo; der Regierungsbeteiligung bei den beteiligten AkteurInnen der innerparteilichen Str&ouml;mungen ausl&ouml;st, ungleich entwickelter als auf der gr&uuml;nen Linken. Der Gang der Dinge best&auml;tigte jedenfalls vollkommen die Prognose jenes Strategiepapiers.<br>\nDie &bdquo;Realos&ldquo; r&uuml;ckten unter der Koalition weiter nach rechts und &uuml;bernahmen teils offen SPD-Positionen. Dadurch verlagerten sie den Streit dar&uuml;ber zunehmend aus der Sph&auml;re zwischen den Koalitionsparteien in die eigene Fraktion hinein. Die &bdquo;Regierungslinke&ldquo; r&uuml;ckte auf den politischen Platz nach, den zuvor die &bdquo;Realos&ldquo; eingenommen hatten. Der koalitionskritischen Linken wurde mit Hilfe der Medien das &bdquo;Fundi&ldquo;-Etikett aufgeklebt, obwohl sie mit dem vormaligen &bdquo;Fundi&ldquo;-Fl&uuml;gel, der Regierungsbeteiligungen prinzipiell ablehnte, politisch nicht vergleichbar war. Tats&auml;chlich verteidigte sie lediglich die programmatische und politische Eigenst&auml;ndigkeit der Gr&uuml;nen auf der Grundlage der Parteibeschl&uuml;sse und des Koalitionsvertrags. Indes suggerierte das &bdquo;Fundi&ldquo;-Etikett der &Ouml;ffentlichkeit, es gehe hier um &bdquo;politikunf&auml;hige Radikale&ldquo;.<\/p><p>Dass die Gr&uuml;nen mittlerweile grunds&auml;tzlich aufgeschlossen sind f&uuml;r schwarz-gr&uuml;ne und &bdquo;Jamaika&ldquo;-Koalitionen, ist nicht zuletzt Folge eines Koalitionsverst&auml;ndnisses, das sich mit Hilfe der NRW-Regierungslinken in der Partei verbreitete. Die rot-gr&uuml;ne Landesregierung richtete zunehmend Sch&auml;den an &ndash; &uuml;ber die &bdquo;Achse D&uuml;sseldorf-M&uuml;nchen&ldquo; und im Rahmen der informellen Gro&szlig;en Koalitionen im Vermittlungsausschuss auch bundespolitisch -, die der SPD zugeschrieben wurden. Statt Motor einer Reformkoalition zu sein, verstand sich der Regierungsblock tats&auml;chlich als Kraft (sozial-)&ouml;kologischer Schadensbegrenzung. Diese Rolle kann man selbstverst&auml;ndlich in allen Konstellationen spielen, weshalb jede Regierung mit Gr&uuml;nen &bdquo;besser&ldquo; ist als ohne[<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>]. Regierungsbeteiligung wird Programm. <\/p><p><strong>&bdquo;Es rettet uns kein h&ouml;h&rsquo;res Wesen&hellip;&ldquo; <\/strong><br>\nDie str&ouml;mungspolitischen Konstellationen in der LINKEN mit starken &bdquo;regierungsorientierten&ldquo; Kr&auml;ften, die sich nicht allein auf die &bdquo;Ankommer&ldquo; aus der ex-PDS beschr&auml;nken, lassen eine Wiederholung &auml;hnlicher parteiver&auml;ndernder Entwicklungen mit Hilfe von Landeskoalitionen auch im Westen keineswegs ausgeschlossen erscheinen.[<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] Durch eine demonstrativ standfeste Haltung am Anfang einer Koalition, mit gro&szlig;en Mehrheiten in Parteibeschl&uuml;sse gegossen, l&auml;sst sich das Risiko nicht bannen. Unter dem Druck des gegnerischen Partners und des &bdquo;Verantwortungsbewusstseins&ldquo; der eigenen politischen Klasse hinsichtlich der &bdquo;realen Regierungsalternativen&ldquo; ist die Halbwertszeit solcher Ma&szlig;nahmen eher gering. Auf diesem Pr&uuml;fstand erweist sich der Vorrat an Standfestigkeit zum eigenen Ziel einer grunds&auml;tzlichen politischen Richtungs&auml;nderung allzu leicht als unzureichend, wenn er sich nicht aus einem wachsenden Ver&auml;nderungsdruck sozialer Bewegungen speist, der sp&uuml;rbar auf die politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse in der Partei einwirkt. Bewegungen zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation, die im gesellschaftspolitischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnis einen eigenst&auml;ndigen Machtfaktor &uuml;ber den Tag hinaus bilden k&ouml;nnten, sind indes gegenw&auml;rtig noch nicht in Sicht.<br>\nGleichwohl soll hier keinem politischen Defaitismus das Wort geredet werden. Ob die DIE LINKE eine &auml;hnliche Entwicklung wie die Gr&uuml;nen nehmen wird, wom&ouml;glich gar in rascherem Tempo als diese, ist keineswegs ausgemacht, auch wenn die Risiken betr&auml;chtlich erscheinen. W&auml;hrend die Gr&uuml;nen aus einer Phase starker sozialer Bewegungen herauswuchsen, ist immerhin m&ouml;glich, dass DIE LINKE in eine Phase zunehmender zivilgesellschaftlicher Gegenwehr gegen den Neoliberalismus hineinw&auml;chst. Nicht zuletzt wird es darauf ankommen, ob und wie die skizzierten Risiken von den ParteiaktivistInnen zur Kenntnis genommen werden und welche Schlussfolgerungen sie gegebenenfalls daraus ziehen.<br>\nHilfreich w&auml;re jedenfalls ein kollektives Verst&auml;ndnis, dass uns keine &bdquo;h&ouml;h&rsquo;ren Wesen&ldquo; retten, auch keine Volkstribunen in Stadtr&auml;ten, Landtagen und im Bundestag. Jede realistische Strategie f&uuml;r soziale Gerechtigkeit in einer zukunftsf&auml;higen Sozialstaatlichkeit, f&uuml;r &ouml;kologische Nachhaltigkeit und f&uuml;r soziale und demokratische Emanzipation &ndash; wenn man so will: f&uuml;r Sozialismus &ndash; muss vielmehr gr&uuml;nden in Prozessen parteiunabh&auml;ngiger und &uuml;berparteilicher Selbstorganisation und Selbstartikulation der Menschen, deren reale Lebensinteressen sich in solchen Zielen abbilden. Gerade (!) in bewegungsarmer Zeit besteht daher der Ma&szlig;stab erfolgreicher Politik der LINKEN zuallererst darin, ob und in wieweit sie die Herausbildung und Entfaltung solch sozialer Bewegungen ermutigt und f&ouml;rdert. Dabei kann die eigene politische Klasse und ihr parlamentarischer Erfolg nie mehr sein als ein Moment &ndash; ein konstruktives oder ein hinderliches.<\/p><p><em>November 2007<br>\nDer Beitrag erscheint in &bdquo;Sozialistische Hefte f&uuml;r Theorie und Praxis, Heft 15, Dezember 2007<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Siehe hierzu etwa Christoph J&uuml;nke, Neuformierung mit Fallstricken: die neue deutsche Linkspartei, in: Sozialistische Hefte 14, Sonderausgabe zur SoZ, September 2007<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Der Verfasser war von 1990 bis 2000 arbeits- und sozialpolitischer Sprecher der ersten und zweiten gr&uuml;nen Landtagsfraktion, handelte 1995 mit dem damaligen Arbeits- und Sozialminister Franz M&uuml;ntefering die Sozialpolitik im ersten rot-gr&uuml;nen Koalitionsvertrag aus, geh&ouml;rte Ende der 1990er Jahre w&auml;hrend der Koalitionskrise um den Braunkohletagebau Garzweiler II als Vertreter der gr&uuml;nen Landespartei dem Koalitionsausschuss unter Vorsitz des damaligen Ministerpr&auml;sidenten Wolfgang Clement an und wurde damals von den Medien als Sprecher der koalitionskritischen Linken in Fraktion und Partei wahrgenommen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] &bdquo;Doch wir sprechen offen aus, dass der Erfolg einer alternativen Politik davon abh&auml;ngt, dass die Menschen nicht darauf vertrauen, dass politische StellvertreterInnen schon alles richten werden, sonder ihr[e] Geschicke zunehmend in die eigenen H&auml;nde nehmen.&ldquo; Die Gr&uuml;nen, NRW braucht Bewegung, Programm zur Landtagswahl 1990, Vorwort, S. 8 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Insbesondere die Rotationsregeln wurden bald entsch&auml;rft, als das Personalangebot qualifizierter BewegungsaktivistInnen schrumpfte und sich zeigte, dass der Verzicht auf Kontinuit&auml;t und Akkumulation parlamentarischer Erfahrung auch Probleme machte.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Dies schon deshalb, weil die Protestbewegung 2003\/2004 abebbte, bevor sie die Schwelle einer organisatorischen Konstituierung als handlungsf&auml;higes Netzwerk lokal verankerter Basisinitiativen und damit einer eigenst&auml;ndigen politischen Subjektwerdung erreichte.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Vgl. Christoph J&uuml;nke, a.a.O.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Diese Feststellungen sagen an sich noch nichts &uuml;ber politische Qualit&auml;t und Entwicklungspotenzial der LINKEN aus.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Der politischen Kultur in NRW entsprechend waren die &bdquo;fundamentalistischen&ldquo; Tendenzen schw&auml;cher und die &bdquo;linkssozialdemokratischen&ldquo; st&auml;rker ausgepr&auml;gt als anderswo in der gr&uuml;nen Linken.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] &bdquo;Eine demokratische Wirtschaft &hellip; erm&ouml;glicht, dass die Betroffenen selbst dar&uuml;ber entscheiden, was wo und wie produziert wird. Selbstbestimmung in den Unternehmen &hellip; muss einhergehen mit Koordination und Interessenausgleich auf &uuml;berbetrieblicher\/regionaler und gesamtwirtschaftlicher Ebene (Branchenr&auml;te, Rahmenplanung).&ldquo; Die Gr&uuml;nen, NRW braucht Bewegung, Programm zur Landtagswahl 1990, S. 45, Hervorhebung im Original <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Dass Joschka Fischer den Weg der Gr&uuml;nen so nachhaltig beeinflusste, obwohl er sich meist in einer Minderheitenposition befand, liegt ma&szlig;geblich am &bdquo;Genossen Trend&ldquo; der neoliberalen Offensive, der in Abwesenheit einer starken gesellschaftlichen Oppositionsbewegung weitgehend freies Spiel bei der Beeinflussung politischen Denkens hatte.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Vor teils kultivierten Illusionen, man k&ouml;nne den Plenarsaal als Propagandatrib&uuml;ne nutzen, ohne sich allzu sehr durch Parlamentspapiere w&uuml;hlen und eigene Recherchen &uuml;ber vielf&auml;ltige tagespolitisch relevante Problemlagen anstellen zu m&uuml;ssen, kann nur gewarnt werden. Gerade linke Mandatierte, unter denen Blender, Selbstdarsteller und Zyniker eher selten sein sollten, haben ein enormes Arbeitspensum zu bew&auml;ltigen. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Die hier geschilderten Tendenzen treffen f&uuml;r Landes- und BundespolitikerInnen gleicherma&szlig;en zu.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Landespolitik hat es an der Basis meist besonders schwer, weil sie au&szlig;erhalb ihrer Kernkompetenzen (wie Schule oder Polizei) in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung kaum pr&auml;sent ist.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Vgl. etwa Oskar Lafontaines Bedingungen unter dem Motto &bdquo;Kurt Beck k&ouml;nnte morgen Kanzler sein, wenn&hellip;&ldquo;. Im Rahmen von Landespolitik f&auml;llt eine &auml;hnlich &uuml;berzeugende und breitenwirksame Zuspitzung wegen der begrenzten Kompetenzen von Landespolitik allerdings sehr schwer. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Der Begriff des Neoliberalismus war damals noch kaum gebr&auml;uchlich und wurde mit anderen Worten umschrieben.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Mitte der 1990er Jahre, als sich die NRW-SPD bereits im &Uuml;bergang zur Politik der Neuen Mitte befand, hatte die Oppositionspolitik der SPD-Bundestagsfraktion noch ein stark sozialdemokratisch gepr&auml;gtes Profil.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Sowohl den Linken wie den Realos in Bundestagsfraktion und Bundesvorstand ging es vorrangig darum, die rot-gr&uuml;ne Perspektive gegen Kohl nicht durch ein Scheitern von Rot-Gr&uuml;n im wichtigsten Bundesland in Frage stellen zu lassen. Das Symbol &ndash; Rot-Gr&uuml;n in NRW &ndash; wurde Selbstzweck. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] Selbst &bdquo;Oberrealo&ldquo; Joschka Fischer hatte seinerzeit die erste Hessen-Koalition an der Atompolitik scheitern lassen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Dieses Koalitionsverst&auml;ndnis wurde von seinen ProtagonistInnen niemals explizit vertreten. Es bildete allerdings die logische Resultante ihrer Argumentationsmuster und konnte sich &bdquo;implizit&ldquo; umso wirksamer ausbreiten. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] In Berlin scheint der Rubikon l&auml;ngst &uuml;berschritten.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag des ehemaligen NRW-Landtagsabgeordneten Daniel Kreutz, der aus seiner Sicht als damaliger Angeh&ouml;riger der sog. &bdquo;Fundi-Fraktion&ldquo; die Entwicklung der NRW-Gr&uuml;nen nach der Regierungsbeteiligung in einer rot-gr&uuml;nen Koalition von 1995 bis 2000 beschreibt. Damals war ich auf der &bdquo;anderen Seite&ldquo; Regierungssprecher. Seine Beschreibung reizte mich zu einer Darstellung aus meiner Sicht. 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