{"id":2825,"date":"2007-12-10T11:41:41","date_gmt":"2007-12-10T10:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2825"},"modified":"2015-12-09T13:22:51","modified_gmt":"2015-12-09T12:22:51","slug":"wir-sind-einfach-schlecht-regiert-auch-weil-unsere-oeffentliche-debatte-zu-wenig-von-kritischem-verstand-gepraegt-ist-musterbeispiel-immer-wieder-der-spiegel-und-die-wirtschaftspolitische-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2825","title":{"rendered":"Wir sind einfach schlecht regiert &#8211; auch weil unsere \u00f6ffentliche Debatte zu wenig von kritischem Verstand gepr\u00e4gt ist. Musterbeispiel immer wieder: Der Spiegel und die wirtschaftspolitische Debatte."},"content":{"rendered":"<p>Wir NachDenkSeiter haben das Problem, immer als Kritiker auftreten zu m&uuml;ssen. Was g&auml;be ich darum, das t&auml;gliche Geschehen und die involvierten Politiker, Medien und Wissenschaftler loben zu k&ouml;nnen. Dies vorweg. Warum wir nicht anders k&ouml;nnen und warum deshalb diese Kritische Website, wie es bei uns im Logo hei&szlig;t, not-wendig ist, kann ich am Beispiel dreier Spiegel-online-Artikel und der damit verbundenen Sachfragen erl&auml;utern. Es geht um L&ouml;hne, Lohnnebenkosten und den Standort im Vergleich zu anderen L&auml;ndern in Europa. Bei diesen Themen und ihrer Behandlung in Politik, Wissenschaft und Medien wird sichtbar, wie sehr wir an der Nase herum gef&uuml;hrt werden, auf welchem Niveau das geschieht und wie sehr die schlechte Politik ein Abbild der schlechten Qualit&auml;t der &ouml;ffentlichen Debatte in Medien und Wissenschaft ist. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>A. Zun&auml;chst zu den Inhalten und Links der drei Artikel:<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>&bdquo;Lohnboom in Osteuropa &ndash; Vorteil f&uuml;r Deutschland (7.12.2007)<\/strong><br>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,521999,00.html\">Die Lohnkosten der Unternehmen steigen<\/a> &ndash; aber nirgendwo in der EU so gering wie in Deutschland. Der Standort wird wieder attraktiver, gerade gegen&uuml;ber L&auml;ndern mit bisher niedrigem Niveau: In Osteuropa verteuerte sich Arbeit binnen eines Jahres um bis zu 30 Prozent.&ldquo;\n<p>Wesentliche Ausz&uuml;ge dieses haupts&auml;chlich analysierten Artikels finden Sie mit kleinen zus&auml;tzlichen Kommentaren im Anhang.<\/p><\/li>\n<li><strong>&bdquo; Geldb&ouml;rsen bleiben trotz Aufschwungs leer&ldquo; (8.12.2007)<\/strong><br>\n&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,522182,00.html\">Die gute Konjunktur kommt bei den Menschen in Deutschland nicht an<\/a>: Der Bundesregierung zufolge hat sich das verf&uuml;gbare Einkommen der privaten Haushalte in den vergangenen zwei Jahren sogar verringert. Schuld sind die h&ouml;here Mehrwertsteuer und nur geringe Lohnerh&ouml;hungen.\n<p>[&hellip;]<\/p>\n<p>&ldquo;Das verf&uuml;gbare Einkommen der privaten Haushalte hat sich vom dritten Quartal 2005 bis zum dritten Quartal 2007 nominal um 3,2 Prozent erh&ouml;ht und real um 0,4 Prozent verringert&rdquo;, hei&szlig;t es in dem Schreiben des Bundeswirtschaftsministeriums an die Liberalen.<\/p>\n<\/li><li><strong>MINDESTLOHNDEBATTE<\/strong><br>\n<strong><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,521760,00.html\">Post vom Tagel&ouml;hner<\/a> (7.12.2007)<\/strong><br>\nLothar Daniel trug bis vor kurzem f&uuml;r den Briefdienstleister Pin Post aus. Jetzt k&auml;mpft er f&uuml;r den Mindestlohn &ndash; indem er &ouml;ffentlich macht, wie &auml;rmlich er ohne ihn leben muss. \n<p>[&hellip;]<\/p>\n<p>Dass er sich mit 49 kaum eine eigene Wohnung leisten kann und deshalb zu seiner Mutter ziehen musste, passt ihm &uuml;berhaupt nicht. Deshalb wird, wer dieser Tage bei der Gewerkschaft Ver.di in Hamburg nach gespr&auml;chsbereiten Zustellern der Pin fragt, an Daniel verwiesen: Er l&auml;dt dann in die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in das 15-st&ouml;ckige Kieler Hochhaus ein. Um zu zeigen, wie einer lebt, der weniger als den von der Regierung angepeilten Mindestlohn verdient. Daniel schl&auml;ft im Wohnzimmer seiner Mutter, auf dem kurzen, halbrunden Sofa.<\/p>\n<p>[&hellip;]<\/p>\n<p>Im Juni 2006 habe er 916,78 Euro brutto verdient, sagt Daniel &ndash; netto seien 726,14 geblieben. &Uuml;ber 50 Stunden habe er daf&uuml;r pro Woche gearbeitet, behauptet er. Sollte das stimmen, h&auml;tte sein Stundenlohn in dem Monat bei h&ouml;chstens 4,50 Euro gelegen. Die Pin-Gruppe sagt, sie zahle im Schnitt rund 7,50 Euro pro Stunde.<\/p>\n<p><strong>B. Analyse und Bewertung:<\/strong><\/p>\n<p>Die Artikel II und III sind f&uuml;r Spiegel Online erstaunlich aufkl&auml;rerisch. Immerhin beschreiben sie das Schicksal eines Niedrigl&ouml;hners und notieren, dass die verf&uuml;gbaren Einkommen der privaten Haushalte von 2005 bis heute real nicht gestiegen, sondern um 0,4% gesunken sind. Gegenstand meiner Anmerkung sollen vor allem der Artikel I und die dort angesprochenen wirtschaftspolitischen Fragen sein:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Lohnnebenkosten senken &ndash; der Hebel der wirtschaftlichen Gesundung?<\/strong>\n<p>Seit Jahren h&ouml;ren wir, es sei zentral wichtig, die Lohnnebenkosten zu senken. Das Wortpaar &bdquo;Lohnzusatzkosten senken&ldquo; &ndash; Angela Merkels Variation &ndash; kommt vermutlich in jeder wirtschaftspolitischen Rede unserer Bundeskanzlerin vor. Ich habe den Tonfall schon im Ohr. Sie beklagt die hohen Lohnzusatzkosten und macht Hoffnung, wenn sie gesenkt w&uuml;rden.<br>\nDiese primitive Vorstellung bestimmt auch die praktische Politik. Aus diesen Gr&uuml;nden wurde mit Hartz IV die Arbeitslosenversicherung ausgehebelt und sind auch jetzt wieder die Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung zum 1.1.2008 gesenkt worden.<br>\nAber nicht erst jetzt steht diese Formel im Mittelpunkt wirtschaftspolitischen Denkens und Handelns der Verantwortlichen. Alt-Parteien-&uuml;bergreifend, von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bis zu den Gr&uuml;nen, beherrscht diese Formel die wirtschaftspolitischen Glaubenss&auml;tze. Schon im Kanzleramtspapier vom Dezember 2002 spielte die Senkung der Lohnnebenkosten die zentrale Rolle. Damals verantwortet vom heutigen Au&szlig;enminister und Vizekanzler Steinmeier. Dieses wirtschaftspolitische &bdquo;Konzept&ldquo; &ndash; man muss das Wort in G&auml;nsef&uuml;&szlig;chen setzen &ndash; bestimmte schon die Agenda 2010 und die Reformen nach Hartz I bis III. Schon zu Kohls und Schr&ouml;ders Zeiten und bis heute haben diese Vorstellungen eine zentrale Funktion im wirtschaftspolitischen Handeln.<\/p>\n<p><strong>Die zweite Abbildung im Spiegel Online Artikel I (siehe Anlage) zeigt, dass dies alles falsch sein muss.<\/strong><\/p>\n<p>Dort finden wir n&auml;mlich, dass Deutschland mit Lohnnebenkosten der Arbeitgeber von 33% der Bruttol&ouml;hne schon im Jahre 2004 unterhalb des EU-Durchschnitts von 36% und weit unterhalb der Lohnnebenkosten in Schweden mit 51%, in Frankreich mit 50%, in Belgien mit 46%, in Ungarn mit 44% und so weiter liegt. Gro&szlig;britannien liegt mit einem Anteil von 29% nicht weit unter uns.<br>\nDas war 2004. Seitdem sind die Lohnnebenkosten bei uns weiter gesenkt worden. Wenn sie eine so zentrale Funktion f&uuml;r das wirtschaftliche Wohlergehen h&auml;tten, wie Frau Merkel und alle ihre Vor- und Nachsager behaupten, dann m&uuml;sste bei uns das Wachstum brummen und die Arbeitslosenrate niedrig liegen. Aber das stimmt ja nicht. Schauen wir uns die Wachstumsraten im Vergleich mit einigen L&auml;ndern an:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071210_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p>Deutschlands Wachstum zwischen 2004 und heute liegt weit unter dem von Schweden und auch noch beachtlich unter dem Wachstum in Belgien. Und obwohl die Lohnnebenkosten in der EU insgesamt h&ouml;her sind als bei uns, ist das Wachstum in der EU und im Euro Raum h&ouml;her als in Deutschland.<\/p>\n<p>Ein &auml;hnliches Bild bei den Arbeitslosenraten. Hier sind die Ziffern f&uuml;r das Jahr 2004. Inzwischen hat sich Wesentliches in den Relationen nicht ver&auml;ndert:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071210_02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p>Die Arbeitslosenraten, gemessen nach OECD-Standard, lagen z.B. in Ungarn, in Schweden, in Belgien und sogar in Italien niedriger als bei uns. In allen diesen L&auml;ndern waren zur gleichen Zeit die Lohnnebenkosten gemessen an den Bruttol&ouml;hnen h&ouml;her als bei uns.<br>\nUnd dennoch werden diese Glaubenss&auml;tze weiter gepredigt und sie haben Konsequenzen f&uuml;r die Politik. F&uuml;r eine nachhaltig falsche Politik.<\/p><\/li>\n<li><strong>Auch die Bedeutung der Lohnkosten insgesamt, also der Arbeitskosten wie es bei Spiegel Online hei&szlig;t, wird als Kostenfaktor &uuml;bersch&auml;tzt und als nachfragewirksamer Kaufkraftfaktor untersch&auml;tzt.<\/strong>\n<p>Schauen wir uns die dritte Abbildung im Anhang (Spiegel Online Artikel I) an: dort sind die Zunahmen der Arbeitskosten vom 2 Quartal 2006 zum 2. Quartal 2007 aufgelistet. Deutschland hat mit einem Zuwachs von 1,1% den niedrigsten Zuwachs innerhalb der Europ&auml;ischen Union. In der EU insgesamt sind es plus 3,3%, in Schweden 2,3%, in Gro&szlig;britannien 4,2%, in Irland 5,4%, in Finnland 2,6% und in D&auml;nemark 3,7%.<br>\nIn allen diesen L&auml;ndern ist die Wachstumsrate h&ouml;her und die Arbeitslosenrate niedriger als bei uns. Vielleicht ist das von Spiegel Online gefeierte, aber tats&auml;chlich niedrige Wachstum der L&ouml;hne eine der Hauptursachen f&uuml;r die Wachstumsschw&auml;che Deutschlands und die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit vor allem auch im Bereich der niedrigen Einkommen.<br>\nZu dieser Einsicht sind die Verfasser des Spiegel Online Artikels II sogar f&auml;hig gewesen. Dort hei&szlig;t es, schuld an der Stagnation der verf&uuml;gbaren Einkommen der privaten Haushalte seien die &bdquo;h&ouml;here Mehrwertsteuer und nur geringe Lohnerh&ouml;hungen&ldquo;.<br>\nDie dort erw&auml;hnten Ziffern zeigen auch, dass diese ausgesprochen schwache Entwicklung nicht nur auf das letzte Jahr beschr&auml;nkt ist. Der Artikel  Spiegel Online II berichtete, wie schon erw&auml;hnt, von einem R&uuml;ckgang der verf&uuml;gbaren Einkommen der privaten Haushalte von 0,4% seit 2005. Es fehlt an Nachfrage nach Leistungen im Inneren unserer Volkswirtschaft. Es fehlt an Kaufkraft. So einfach ist das. Aber auf diese Idee kommen die Autoren des Artikels &uuml;ber den &bdquo;Lohnboom in Osteuropa&ldquo; nicht. Wie sollten sie auch darauf kommen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Dort  und bei weiten Teilen der deutschen ver&ouml;ffentlichten Meinung herrscht eine verschrobene wirtschaftspolitische Ideologie. Schon die &Uuml;berschrift zeugt davon:<\/strong>\n<p>&bdquo;Lohnboom in Osteuropa &ndash; Vorteil f&uuml;r Deutschland.&ldquo; &bdquo;Nirgendwo in der EU steigen die Lohnkosten so gering wie in Deutschland.&ldquo; &ndash;  Komisch, ich dachte, wir leben von unseren Einkommen, die wir ausgeben, um G&uuml;ter und Dienstleistungen zu kaufen. F&uuml;r die herrschende Mehrheitsmeinung sind hingegen niedrige L&ouml;hne und niedrige Lohnnebenkosten nach wie vor gut f&uuml;r &bdquo;Deutschland&ldquo;. Die Arbeitnehmer geh&ouml;ren offenbar nicht zu Deutschland. Und im Umkehrschluss muss man schlie&szlig;en, dass der &bdquo;Lohnboom in Osteuropa&ldquo; schlecht sei f&uuml;r die Polen und die Tschechen und Ungarn und die Slowenen. Und so weiter. Wieso das?<br>\nHinter diesem Denken steckt, so h&auml;tten wir zu meiner Studienzeit gesagt, merkantilistisches Denken &ndash; ein von monet&auml;ren Gr&ouml;&szlig;en bestimmtes Denken. Vor f&uuml;nf Tagen habe ich mich mit diesem Denkfehler in den <a href=\"?p=2813\">NachDenkSeiten<\/a> schon einmal auseinander gesetzt.  Ich verweise darauf.<\/p>\n<p>Wie schr&auml;g die Vorstellung ist, eine Stagnation der L&ouml;hne sei gut f&uuml;rs Land, m&uuml;ssten doch eigentlich auch ganz normale Wirtschaftsredakteure begreifen, wenn sie ihren Kolleginnen &uuml;ber die Schulter schauen. Der Griffel h&auml;tte ihnen aus der Hand fallen m&uuml;ssen, wenn sie wenigstens den Beitrag ihrer Kollegin Anne Seith &uuml;ber das Schicksal des Lothar Daniel, des Brieftr&auml;gers bei Pin Post (siehe A III) gelesen und verstanden h&auml;tten. Vermutlich halten sie solche Berichte allerdings f&uuml;r das Werk von so genannten Gutmenschen.<\/p><\/li>\n<li><strong>L&ouml;hne sind nicht nur Kostenfaktor und Nachfragefaktor, L&ouml;hne sind auch Einkommen. Und wenn sie zu niedrig sind, dann landen die Betroffenen in Armut.<\/strong>\n<p>Solche einfachen Wahrheiten muss man heute extra formulieren, soweit davon entfernt sind die &ouml;ffentlichen Meinungsmacher. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass bei uns der Raub der Existenzm&ouml;glichkeit f&uuml;r Menschen mit geringen Einkommen von Wissenschaft und Politik geplant worden ist. Ich erinnere mich noch gut z.B. an die um die Jahrtausendwende erschienenen Spiegeltitel, mit denen offen f&uuml;r niedrige L&ouml;hne und den Aufbau eines Niedriglohnsektors geworben wurde. Daf&uuml;r warben so genannte Wissenschaftler, auch eines Max-Planck-Instituts in K&ouml;ln. Hier sind ein paar im Internet herausgesuchte <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/diskussion\/arbeit\/realpolitik\/arbeit-ak.html\">Hinweise<\/a> auf die damalige Debatte im Kontext des <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/1999\/jul1999\/bfa-j01.shtml\">B&uuml;ndnisses f&uuml;r Arbeit<\/a> zum Beispiel, oder <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-9F05E983\/hbs\/hs.xsl\/163_20530.html\">hier<\/a>. In diesem Artikel wehrt sich einer der Anreger von damals gegen die Verantwortung f&uuml;r die unselige Initiative.<br>\nEs w&auml;re jedenfalls interessant, die Niedriglohndebatte der Jahre 1999 und 2000 auf heute und ihren sichtbaren Bankrott zu spiegeln.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das so viel schlechtere Abschneiden Deutschlands trotz stagnierender L&ouml;hne und vergleichsweise niedriger Lohnnebenkostenbelastung folgt eindeutig aus gravierenden wirtschaftspolitischen Fehlern.<\/strong>\n<p>Am markantesten ist das in dem schon zitierten Satz zusammengefasst: &bdquo;Schuld sind die h&ouml;here Mehrwertsteuer und nur geringe Lohnerh&ouml;hungen.&ldquo; Die Bundesregierung h&auml;tte die Mehrwertsteuererh&ouml;hung unterlassen und sollen und die Tarifpartner zu h&ouml;heren L&ouml;hnen ermuntern sollen.<br>\nAuch hier k&ouml;nnen Sie wieder sehen, wie sehr wir hinters Licht gef&uuml;hrt werden in unserer &ouml;ffentlichen Debatte. Im Winter und Fr&uuml;hjahr 2007 wurde in vielen Medien gefeiert, die Mehrwertsteuererh&ouml;hung um drei Punkte habe sich nicht negativ ausgewirkt. Im Gegenteil, sie sei ein kluger Schachzug gewesen, weil so viele Verbraucher die Eink&auml;ufe auf November und Dezember 2006 vorgezogen h&auml;tten. Das war den Medien von der Bundesregierung und einigen Instituten erz&auml;hlt worden. Nichts davon ist richtig. Selbstverst&auml;ndlich ist mit der Mehrwertsteuererh&ouml;hung Kaufkraft entzogen worden. Und das von der Bundesregierung durch ihre F&ouml;rderung der Minijobs mitbetriebene Lohndumping hat die Wirkung nach unten verst&auml;rkt.<br>\nIch muss an dieser Stelle anmerken, dass ich diese Analyse nicht erst jetzt nachschiebe. Sie finden sie in vielen Beitr&auml;gen der NachDenkSeiten und ausf&uuml;hrlich behandelt in meinem am 20.3.2006 erschienenen Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo;. (Siehe dazu auch der heute ins Netz gestellte Auszug zu einem fiktiven Kanzleramtspapier und dort insbesondere die Punkte zwei und acht des 10-Punkte-Programms zur Kurskorrektur in der Wirtschaftspolitik.)<br>\nDie Fehler sind leider nicht auf die Vergangenheit beschr&auml;nkt. V&ouml;llig daneben ist in dieser Situation die massive F&ouml;rderung des Sparens durch die F&ouml;rdermittel und die Propaganda f&uuml;r die Riester-Rente, die R&uuml;rup-Rente und die Betriebsrenten. Jeder neu gemeldete Abschlussrekord der Versicherungswirtschaft und der Finanzdienstleister ist zugleich ein Signal f&uuml;r die Fortsetzung einer irrationalen, prozyklischen Wirtschaftspolitik. Bei uns wird das Sparen mit Milliarden gef&ouml;rdert, obwohl wir schon eine extrem hohe Sparrate haben.<\/p>\n<p>Die Auszehrung der binnenwirtschaftlichen Nachfrage ist also in vielerlei Hinsicht selbst gemacht. Eine gute Makropolitik zu betreiben, ist schwierig, so der amerikanische Nobelpreistr&auml;ger Robert Solow. Aber eines sei sicher, in Deutschland k&ouml;nne man sie wesentlich besser machen.<\/p>\n<p>Einige weitere Kommentare finden sich in den Ausz&uuml;gen des Beitrags von Spiegel Online im Anhang:<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anhang:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Auszug<\/strong> aus Spiegel Online vom 7. Dezember 2007 mit <strong><em>Kommentar in kursiver Schrift:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Lohnboom in Osteuropa &ndash; Vorteil f&uuml;r Deutschland<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Lohnkosten der Unternehmen steigen &ndash; aber nirgendwo in der EU so gering wie in Deutschland. Der Standort wird wieder attraktiver, gerade gegen&uuml;ber L&auml;ndern mit bisher niedrigem Niveau: In Osteuropa verteuerte sich Arbeit binnen eines Jahres um bis zu 30 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Kommentar:<\/strong> Diese erfreuliche Entwicklung der Einkommen in den Beitrittsl&auml;ndern zur Europ&auml;ischen Union wurde von einem kleinen Segment deutscher &Ouml;konomen, zu denen ich mich z&auml;hle, schon lange vorhergesagt. Wir haben damit auch immer den &bdquo;Alarmisten&ldquo; widersprochen, die uns unentwegt einreden, quasi alle Polen, Tschechen und Chinesen st&uuml;nden dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verf&uuml;gung. Wenn die Einkommensentwicklung in Osteuropa auch nur ann&auml;hernd so weitergeht, dann wird auch der Wanderungsdruck sp&uuml;rbar nachlassen.<\/em><\/p>\n<p>Hamburg &ndash; Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes legten die Arbeitskosten in Deutschland gegen&uuml;ber dem Vorjahr kalenderbereinigt um 1,1 Prozent zu. Ein vergleichbar niedriges Wachstum habe es in keinem anderen Land der Europ&auml;ischen Union gegeben, teilte das Bundesamt heute mit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071210_03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p><em>&bdquo;Standortvorteil&ldquo; ist eines dieser g&auml;ngigen und von Interessen gepr&auml;gten W&ouml;rter. Arbeitgeberinteressen und Vorurteile pr&auml;gen die Sprache der deutschen Wirtschaftspolitik, der Wissenschaft und der Wirtschaftsjournalisten.<br>\nWie wunderbar es ist, so einen Wettbewerbsvorteil dadurch zu erringen, dass die L&ouml;hne in Osteuropa steigen und die in Deutschland stagnieren! SPIEGEL-ONLINE nennt diese allerdings lieber &ldquo;Arbeitskosten&rdquo;, und erkl&auml;rt, woraus sie bestehen:<\/em><\/p>\n<p>Arbeits- oder Lohnkosten setzen sich zusammen aus dem Bruttoeinkommen plus Lohnnebenkosten. Diese Definition entspricht der Festlegung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Bruttol&ouml;hne kommen den Arbeitnehmern zugute (wovon diese Steuern und Sozialabgaben zahlen m&uuml;ssen), w&auml;hrend Lohnnebenkosten wie der Arbeitgeberanteil zu den Sozialversicherungen f&uuml;r Arbeitnehmer weniger sichtbar sind. Lohnnebenkosten k&ouml;nnen Arbeit aber deutlich verteuern.<\/p>\n<p><em>Jawohl, der Bruttolohn kommt bei dem Arbeitnehmer an, die Lohnnebenkosten, na ja, sie kommen eigentlich schon bei den Arbeitnehmern an, sind aber nicht so sichtbar. Und sie machen die Arbeit teuer!<br>\nAlso der SPIEGEL kann es nicht mehr so richtig leugnen, dass &ldquo;Lohnnebenkosten&rdquo; eigentlich L&ouml;hne sind, aber trotzdem sind sie schlecht, weil sie nicht so sichtbar sind. Und, ja, habe ich schon erw&auml;hnt, dass sie die Arbeit deutlich teuerer machen? Teuere Lohnnebenkosten, teuere Lohnnebenkosten, teuere Lohnnebenkosten&hellip; B&ouml;se Lohnnebenkosten, b&ouml;ser Sozialstaat&hellip;.<\/em><\/p>\n<p>Um den Beitrag der Nebenkosten zu den gesamten Arbeitskosten unabh&auml;ngig vom Lohnniveau eines Landes darzustellen, wird (wie in der Grafik) die Relation zwischen Lohnnebenkosten und Bruttol&ouml;hnen und -geh&auml;ltern betrachtet: Wie viele Euros legen die Arbeitgeber je 100 Euro Bruttolohn drauf?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071210_04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p>Schweden wies mit einem Anstieg der Arbeitskosten von 2,3 Prozent die zweitniedrigste Rate auf, gefolgt von Finnland und Malta mit jeweils plus 2,6 Prozent. In &Ouml;sterreich und Belgien kletterten die Kosten pro Arbeitsstunde um jeweils 2,7 Prozent.<\/p>\n<p>Den h&ouml;chsten Zuwachs gab es in Lettland mit plus 31,7 Prozent und in Rum&auml;nien mit 23,4 Prozent. Frankreich lag mit einer Rate von 3,5 Prozent ebenfalls &uuml;ber dem EU-Durchschnitt von 3,3 Prozent.<br>\nAuch im dritten Quartal verteuerten sich die Arbeitskosten in Deutschland um 1,1 Prozent, gegen&uuml;ber dem Vorquartal legten sie saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent zu. Vollst&auml;ndige europaweite Zahlen f&uuml;r das dritte Quartal lagen den Statistikern zufolge noch nicht vor.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071210_05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir NachDenkSeiter haben das Problem, immer als Kritiker auftreten zu m&uuml;ssen. Was g&auml;be ich darum, das t&auml;gliche Geschehen und die involvierten Politiker, Medien und Wissenschaftler loben zu k&ouml;nnen. Dies vorweg. 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