{"id":28254,"date":"2015-11-06T09:35:17","date_gmt":"2015-11-06T08:35:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28254"},"modified":"2024-08-22T16:34:15","modified_gmt":"2024-08-22T14:34:15","slug":"der-niedergang-des-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28254","title":{"rendered":"Der Niedergang des Journalismus"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151106_weber.jpg\" alt=\"Gaby Weber\" title=\"Gaby Weber\"><\/div><p>Die Medien stehen zurzeit massiv in der Kritik. Der B&uuml;rger f&uuml;hlt sich oft weniger informiert als manipuliert. Wer die Medien kritisiert, bekommt von ihnen oft das Label  unseri&ouml;s, dumm oder gar rechts verpasst. Systematische Medienkritik wird dabei als pauschale und also intellektuelle Fehlleistung abgetan. Komisch nur, dass unter derlei Diskurs- und Denkverboten unerkl&auml;rlich bleibt und bleiben muss, was zwischen Massenmedien und Bev&ouml;lkerung gerade schiefl&auml;uft. Wieso vertrauen die Menschen den Medien immer weniger? Zu ihrer Einsch&auml;tzung auf diese Frage sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit der in diesem Jahr mit dem Alternativen Medienpreis bedachten Journalistin <strong>Gaby Weber<\/strong>, die unter anderem f&uuml;r die ARD als Auslandskorrespondentin t&auml;tig ist.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8420\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-28254-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151109_Niedergang_des_Journalismus_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151109_Niedergang_des_Journalismus_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151109_Niedergang_des_Journalismus_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151109_Niedergang_des_Journalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=28254-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151109_Niedergang_des_Journalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151109_Niedergang_des_Journalismus_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau Weber, Sie haben als Mit-Autorin des gerade vorgestellten Buches <a href=\"http:\/\/www.gabyweber.com\/dwnld\/ardco.pdf\">&ldquo;ARD &amp; Co.: Wie Medien manipulieren&rdquo; [PDF]<\/a> heftige Kritik an den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen ge&uuml;bt. Dabei berichten Sie selbst seit Jahrzehnten f&uuml;r die ARD als Korrespondentin aus S&uuml;damerika&hellip;<\/strong><\/p><p>Es geht nicht nur um die ARD, ich meine sie allesamt und nehme auch die sogenannten alternativen und linken Medien mit in die Kritik. Sie betreiben aktuell eine &bdquo;Gesinnungsschreiberei&ldquo;, die kaum noch auszuhalten ist. Praktisch niemand wendet mehr die einfachsten Regeln des Journalismus an. Also etwa, die andere Seite zu h&ouml;ren und eigene Fehler richtigzustellen.<\/p><p>Und das, obwohl wir alle heute durch das Internet v&ouml;llig neue Bedingungen haben: Wir, die Medienmachenden, haben einen gr&ouml;&szlig;eren und schnelleren Zugang zur Information; aber auch die Zuschauer und Leser haben denselben und k&ouml;nnen uns kontrollieren.<\/p><p>Fr&uuml;her hatte die Tagesschau ein Monopol. Ich erinnere mich an meine Kindheit: Da erschien um 20 Uhr ein Herr K&ouml;pke und verbreitete die Wahrheit, und die Leute an den Bildschirmen <em>mussten<\/em> das glauben. Heute k&ouml;nnen sie das sofort &uuml;berpr&uuml;fen und haben in vielen F&auml;llen, wie etwa bei der Berichterstattung &uuml;ber den Nazi-Angriff auf das Gewerkschaftshaus in Odessa, in den Sozialen Medien bereits die Bilder gesehen. Sie wollen das erkl&auml;rt bekommen, aber das Fernsehen liefert ihnen nur wenige Informationen und fast durchweg regierungsnahe Interpretationen. Da f&uuml;hlt sich irgendwann dann auch der Normalverbraucher verarscht und ist es auch kein Wunder, dass eine repr&auml;sentative <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/46\/46407\/1.html\">Umfrage<\/a> inzwischen best&auml;tigt hat, dass 44 Prozent der Bundesb&uuml;rger der Aussage zustimmen, die Medien seien &ldquo;von oben gesteuert&rdquo; und br&auml;chten &ldquo;gesch&ouml;nte und unzutreffende Meldungen&rdquo;.<\/p><p><strong>Und diese &bdquo;Gesinnungsschreiberei&ldquo;, ist die neu oder schlimmer geworden &ndash; oder f&auml;llt sie in Zeiten des Internet heute wom&ouml;glich einfach zum ersten Mal einfach deutlicher auf&hellip;?<\/strong> <\/p><p>Na, diese Gesinnungsschreiber gab es schon immer, vor allem in rigiden Parteistrukturen. Da heute aber die Strukturen in der alternativen Szene nicht &uuml;ber Parteien sondern &uuml;ber Netzwerke laufen, fallen sie mehr auf, und dank Internet k&ouml;nnen wir uns &ndash; wenn es uns interessiert &ndash; aus anderen Medien informieren. <\/p><p>Bei den Konzernen oder Regierungen ist es aber sehr viel schlimmer geworden. Da werden inzwischen ganze Abteilungen geschaffen, um <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/44\/44035\/1.html\">&bdquo;K&ouml;pfe zu gewinnen&ldquo;<\/a>. Eine der Hauptaufgaben der Geheimdienste ist die Durchsetzung falscher Darstellungen. In Kriegszeiten ist das Teil der milit&auml;rischen Strategie, und nicht der unwichtigste. Daher m&uuml;ssten die gro&szlig;en Medienh&auml;user sich eigentlich dagegen wappnen. Das genaue Gegenteil passiert jedoch. <\/p><p>Ich habe als Auslandskorrespondentin 1992 Verfassungsklage gegen das gro&szlig;fl&auml;chige strategische Abh&ouml;ren im Ausland eingereicht &ndash; also gegen das, was sich seit Snowden detailliert beweisen l&auml;sst, und im Prozess hat der BND das auch damals gar nicht bestritten. Meine Themen sind Rauschgifthandel, Geldw&auml;sche und organisiertes Verbrechen, ich muss mich und meine Informanten sch&uuml;tzen. Im Rahmen dieser Klage habe ich versucht, meine Redaktionen bzw. die Chefredaktionen in der ARD zu bewegen, mich moralisch und publizistisch zu unterst&uuml;tzen. Denn der vorsitzende Richter Papier hatte damals s&uuml;ffisant angemerkt, dass au&szlig;er mir und der taz, die ebenfalls geklagt hatte, sich kein weiterer Journalist an der BND-Praxis st&ouml;ren w&uuml;rde. Tja, ich bin hoch bis zum Europ&auml;ischen Menschenrechtsgerichtshof, die haben das dann aber im Gro&szlig;en und Ganzen abgesegnet. Und was noch schlimmer ist: Sie haben die Klage meines damaligen Assistenten, eines Uruguayers, gar nicht erst angenommen &ndash; Ausl&auml;nder werden durch das deutsche Grundgesetz also nicht gesch&uuml;tzt. F&uuml;r dieses Urteil sch&auml;men sich heute zwar die Juristen, leider aber nicht die Journalisten, die damals den Schwanz eingekniffen und sich mit den Geheimdiensten nicht anlegen wollten. <\/p><div style=\"float: left;margin: 0 15px 15px 0;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151106_Gaby_Weber_ARD_und_CO.jpg\" alt=\"ARD &amp; Co.\" title=\"ARD &amp; Co.\"><\/div><p><strong>Sie haben gegen den BND ja auch wegen Aktenzugang geklagt&hellip;<\/strong><\/p><p>Ja, das muss man doch, um der Wahrheit heutzutage auch nur nahe zu kommen! Aber bei den meisten meiner Kollegen galt und gilt auch das als &bdquo;unjournalistisch&ldquo;. Meine erste Klage war 2008 wegen der Eichmann-Akten, und das war damals noch ein schwieriger Pr&auml;zedenzfall, da das Informationsfreiheitsgesetz die Dienste ausdr&uuml;cklich vom Auskunftsanspruch ausnimmt. Ich bin hier wieder alleine auf weiter Flur gewesen, von der ARD keine Spur. Den Prozess hab ich gewonnen und damit einen ganz neuen Weg des Informationszugangs er&ouml;ffnet. Heute kann man ohne Prozessrisiko diese Akten einklagen. Aber wer tut das schon? <\/p><p>Daneben klage ich aktuell gegen das Bundesarchiv, weil die unt&auml;tig zugucken, wie Bundes-Archivgut bei privaten Stiftungen landet, wo eben nicht die Allgemeinheit Zugang hat, also etwa bei der Konrad-Adenauer-Stiftung oder der Stiftung der Deutschen Bank. Die suchen sich aus, wem sie ihre Archivalien zug&auml;nglich machen, und kritische Geister geh&ouml;ren da sicher nicht dazu. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun. Was aber tut die ARD und tut die restliche Journaille? Sie schweigen, tun nichts. <\/p><p><strong>Und es gibt bereits eine weitere Klage, diesmal gegen BND und Verfassungsschutz&hellip;<\/strong><\/p><p>Ja, und wieder geht es um Akten, diesmal zur argentinischen Milit&auml;rdiktatur. Das ist ein wichtiges Thema, auch was die Komplizenschaft von deutschen Unternehmen wie Daimler angeht, die an der Ermordung ihrer Betriebsr&auml;te eine Mitschuld tragen. Ich verstehe eigentlich gar nicht, warum die anderen Auslandskorrespondenten dies nicht schon vor mir gemacht haben &ndash; die haben immerhin die finanzielle R&uuml;ckendeckung, die mit fehlt. Das ist schlechter Journalismus. Einer, der sich den herrschenden Diskursen schlicht unterwirft und die Mythen der Macht als Wahrheiten akzeptiert.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zur &bdquo;Gesinnungsschreiberei&ldquo;&hellip; Woran machen Sie diese denn genau fest? Gibt es da etwa eine d&uuml;stere Verschw&ouml;rung &hellip; oder wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Es mag in Einzelf&auml;llen solche Verabredungen geben &ndash; mir ist sowas etwa passiert, als der WDR pl&ouml;tzlich einen Auftrag &uuml;ber die Menschenrechtsverletzungen von Daimler vergeben hat. Ich hatte ja das Thema &uuml;ber Jahre recherchiert und dokumentiert, und mit meinen Beweisen haben die Juristen in drei L&auml;ndern versucht, diese Verbrechen vor Gericht aufkl&auml;ren zu lassen. Dazu habe ich einen 90-min&uuml;tigen Dokumentarfilm gemacht und auch dem WDR angeboten. Der aber hat, wie gesagt, dann Leute, die auch f&uuml;r Daimler arbeiten, dieses Thema bearbeiten lassen! Das Resultat war, dass wichtige Vorw&uuml;rfe verschwiegen und Beweise abgeschw&auml;cht und uminterpretiert worden sind. Dem Zuschauer wurde das aber nicht mitgeteilt, auch nicht, als nach der Ausstrahlung ein Shitstorm &uuml;ber den WDR niederging. Da ich den Sender lange vorher auf die Sachlage hingewiesen hatte, erscheint es mir schlicht naheliegend, dass hier ganz bewusst und sehr wohl von oben die F&auml;den gezogen worden sind. <\/p><p>Aber das ist ein Einzelfall, im Allmeinen gibt es keine Verschw&ouml;rung und nur sehr selten vulg&auml;re Eingriffe von oben in das Programm. Es gibt jedoch eine neue Struktur in den H&auml;usern, die die Programme immer mehr &bdquo;entwortet&ldquo;, also mehr Musik einspielt und Hintergr&uuml;nde immer weniger wichtig nimmt. Und da wird dann eben die Auslandsberichterstattung massiv zusammengestrichen und auf Kulturereignisse reduziert. In diesem Kontext ist es sicher kein Zufall, dass die Korrespondenten, die etwa &uuml;ber Brasilien berichten, aus der Sportredaktion kommen!<\/p><p>Aber das Hauptproblem ist wohl die Tr&auml;gheit der Nachrichtenmacher. Da nimmt man einfach ungepr&uuml;ft Meldungen aus dem Internet oder von dubiosen Agenturen &ndash; dubios in dem Sinne, dass man gar nicht mehr &uuml;berpr&uuml;ft, wer diese Agenturen eigentlich bezahlt und wessen Interessen sie vertreten. Wer etwa vom State Department oder vom Russischen Verteidigungsministerium finanziert wird, ist f&uuml;r mich, wenn ich &uuml;ber einen kriegerischen Konflikt, an dem diese beiden Seiten beteiligt sind, keine seri&ouml;se Quelle mehr, f&uuml;r andere aber offenbar schon. Und das, obwohl gemeinhin bekannt ist, dass heute aus den Etats der Kriegsministerien Propaganda in gro&szlig;em Stile bezahlt werden, und die USA um jeden Preis verhindern m&ouml;chten, dass sie noch einmal einen Krieg, wie damals den in Vietnam, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27860\">&bdquo;an der Heimatfront&ldquo;<\/a> verlieren.<\/p><p><strong>Und welche Wirkungen hat diese &bdquo;Gesinnungsschreiberei&ldquo; konkret? Haben Sie vielleicht ein konkretes Beispiel aus Ihrem Berichtsgebiet?<\/strong><\/p><p>Ja, ich nehme einfach etwas aus meinem Alltag, der sich in der konkreten Arbeit gerade weniger um Krieg und Frieden dreht. Und zwar lebe ich ja in Buenos Aires, und wir hatten Ende Oktober Wahlen. Da sich weder die Linke noch das aufgekl&auml;rte B&uuml;rgertum auf eine halbwegs funktionierende Alternative einigen konnten, standen nur zwei Optionen zur Wahl: die bisher regierenden Peronisten und die Rechten. Die Peronisten konnten sich noch nie vorstellen, dass das Volk sie nicht w&auml;hlen k&ouml;nnte. Sie haben ja in den letzten Jahren viel Geld in den Armenvierteln verteilt, allerdings nicht in Form von Sozialpolitik, sondern als Zuwendungen, f&uuml;r die man der Partei anschlie&szlig;end dankbar sein muss. Daneben haben sie die st&auml;dtische Intelligenz, die noch in den 90er Jahren eine alternative Gegen&ouml;ffentlichkeit geschaffen hatte, eingekauft &ndash; aber immer mit dem Hinweis, wer aus der Reihe tanzt, der fliegt. Die &ndash; sehr kleine und unbedeutende &ndash; Kommunistische Partei ist mit von der Partie, und das f&uuml;hrt dazu, dass deutsche linke Medien die bisherige Politik massiv sch&ouml;ngeschrieben und Regierungspropaganda einfach ungepr&uuml;ft weiterverbreitet haben.<\/p><p>Wenn man in dieser Situation als Korrespondentin vor Ort einen kritischen Beitrag verfassen will, dann st&ouml;&szlig;t man auf zwei Mauern: Im konservativen Lager, wozu inzwischen auch die ARD geh&ouml;rt, findet man die bisherige Regierung suspekt, weil sie sich nicht von Kuba und Venezuela distanziert und keine neoliberale Politik macht. Und im sogenannten linken Lager m&ouml;chte man schlicht nichts &uuml;ber Korruption, Vetternwirtschaft und die N&auml;he der Regierung zum Drogenhandel erfahren. <\/p><p>Nun sind die Wahlen Ende Oktober f&uuml;r die Peronisten aber katastrophal ausgegangen, sie m&uuml;ssen sich am 22. November daher einer Stichwahl gegen die Rechten stellen, und die haben gute Chancen, die Protestw&auml;hler hinter sich zu sammeln. Denn es gibt viele Gr&uuml;nde zum Protest.<\/p><p>Die Situation ist nachgerade absurd: Egal, wo und was man in Deutschland &uuml;ber die Situation hier vor Ort liest &ndash; mit der Realit&auml;t hat es in aller Regel kaum etwas zu tun.<\/p><p><strong>Und das war &hellip; fr&uuml;her nicht so, verstehe ich recht?<\/strong><\/p><p>Das Interesse an Berichten aus dem Ausland war insgesamt fr&uuml;her sehr viel gr&ouml;&szlig;er. Fr&uuml;her gab es l&auml;ngere Feature-Strecken, in denen man sich mal ein Land vorkn&ouml;pfen und verschiedene politische und soziale Akteure zu Wort kommen lassen konnte. Diese Sendestrecken sind massiv reduziert worden, haupts&auml;chlich wegen Geldmangels. Und dann berichtet man eben lieber aus der Provinz.<\/p><p>Auslandsberichterstattung ist nicht billig, aber Talkshows, in denen sich v&ouml;llig irrelevante Menschen aus der Nachbarschaft darstellen, sind es. Der deutsche Journalismus heute ist nicht nur schlecht, er ist auch provinziell. Die Schweizer etwa sind uns da Meilen voraus. Wenn heute irgendetwas in der Welt passiert, dann schalten viele in Deutschland ja nicht etwa die Tagesschau an, sondern CNN und BCC oder vielleicht dazu noch Russia Today &ndash; die bringen wenigstens die News, wenngleich interessen-gesteuert. Recherche vor Ort kostet eben Geld, das ist auch vielen Internetnutzern nicht klar: Entweder sie zahlen f&uuml;r ein Produkt oder sie sind selbst das Produkt.<\/p><p><strong>Und liegt die Verschlechterung der Situation vielleicht darin begr&uuml;ndet, dass die Arbeitsbedingungen immer prek&auml;rer werden? Oder meinen Sie, die Redaktionen w&uuml;rden ggf. immer opportunistischer? Oder wird die Propaganda der M&auml;chtigen vielleicht schlicht immer effektiver?<\/strong> <\/p><p>Wie bereits erw&auml;hnt, ist die Propaganda-Maschinerie heute sehr viel mehr, wie sagt man das auf deutsch, &bdquo;sophisticated&ldquo;, also ausget&uuml;ftelter als einst. Die haben dazugelernt und wir kapitulieren. <\/p><p>Nun kann man aber sicher nicht die Gesamtschuld f&uuml;r die Misere auf die Medien schieben, die ja auch nur reflektieren, was in den Gesellschaften passiert. Wo ist denn heute eine Opposition? Gr&uuml;nde, um gegen das herrschende System zu sein, gibt es ja genug. Aber die Linke &ndash; zumindest die in den Medien dargestellte &ndash; bewegt sich im Parlamentarismus und geht auf P&ouml;stchen-Suche. F&uuml;r einen ausgegrenzten Jugendlichen ist das doch keine wirkliche Hilfe, keine Alternative. Welche neuen Ideen kommen denn heute noch aus den linken Fraktionen der Parlamente? Mag ja sein, dass ich diese Ideen aus der geographischen Distanz heraus einfach nicht sehe. Die spannenden Sachen passieren aber doch wohl offensichtlich auf der Stra&szlig;e und in Netzwerken, in sozialen Beziehungen, im allt&auml;glichen Widerstand gegen Ausbeutung, Unterdr&uuml;ckung und Macht. <\/p><p>Gleichwohl tragen auch die Journalisten und vor allem die Medienh&auml;user und Redaktionen Mitverantwortung f&uuml;r die aktuelle Situation. Denn von ihnen kann und muss man schon erwarten, dass sie erstens den Leuten erz&auml;hlen, wie es woanders aussieht und wie woanders die Leute Probleme l&ouml;sen, zweitens, dass sie die Desinformation der Regierungen und die Werbekampagnen der Konzerne kritisch betrachten und recherchieren wie es wirklich ist, und drittens, dass sie auch einmal Anregungen geben und Diskussionen anschieben. Das passiert in den gro&szlig;en Medienh&auml;usern aber nicht mehr. Viele meiner Kollegen haben inzwischen das Handtuch geworfen, weil in der heutigen Medienstruktur kein Platz mehr ist f&uuml;r Recherche, die dann m&ouml;glicherweise zu einem anderen Ergebnis als die von der Regierung vorgegebene &bdquo;offizielle Geschichtsschreibung&ldquo; kommt. <\/p><p>Und, ja: Heute gibt es wenige sehr hoch bezahlte Redakteure und ein Heer miserabel bezahlte Freie, die, wenn sie nicht vom Tellerrand fallen wollen, ihre Berichte gem&auml;&szlig; des Mainstreams abfertigen. Die Zensur findet im eigenen Kopf statt. Fr&uuml;her konnte man als Freie mit einem Bauchladen ganz gut seine Themen bearbeiten. Diese Zeiten sind vorbei. <\/p><p>Wenn dem aber so ist und das auch noch den meisten Akteuren bewusst ist, warum um alles in der Welt diskutieren wir in Deutschland dann nicht &uuml;ber ein neues Mediengesetz, um die Situation zu bessern, den Journalismus zu sch&uuml;tzen, die Meinungsfreiheit und -pluralit&auml;t? Selbst die ARD hat in einem neulich ausgestrahlten, an Peinlichkeit nicht zu &uuml;berbietenden ARD-Check zugegeben, dass sie ein Glaubw&uuml;rdigkeitsproblem hat. Zugleich sinken die Auflagen der Zeitungen und antworten die Verleger hierauf, indem sie Korrespondenten abziehen, Personal reduzieren und die Arbeitszeit verdichten, wie das so sch&ouml;n hei&szlig;t. Meinen die wirklich, dass das irgendwie hilft? Es beschleunigt den Untergang des Journalismus in Deutschland nur immer mehr&hellip;<\/p><p>Warum &uuml;berlegen sich die Journalistenverb&auml;nde, Gewerkschaften und sonstige relevante Gruppen stattdessen nicht, wie sie mit einer Qualit&auml;tssteigerung die Zuschauer zur&uuml;ckgewinnen? Und warum werden nicht neue Recherchequellen als die &uuml;blichen schlechten und vermachteten erschlossen, sondern wird alles immer weiter verschlimmert, beschleunigt und kaputtgespart? Warum &uuml;berlegen Reporter in Kriegsgebieten nicht, statt sich &bdquo;einbetten&ldquo; zu lassen, wie sie eigene, unparteiische Informationsquellen ausfindig machen und nutzen k&ouml;nnen? Und warum werden Blogs nicht mit &ouml;ffentlichen Geldern gef&ouml;rdert? <\/p><p>Und die Hauptfrage: Warum werden ARD und ZDF nicht einer Qualit&auml;tskontrolle unterzogen? Jeder kann da inzwischen den letzten M&uuml;ll verbreiten, ohne dass das Konsequenzen f&uuml;r ihn hat. Wir brauchen in diesen H&auml;usern eine Instanz, die die Vorw&uuml;rfe der Manipulation untersucht und eine wahrheitsgem&auml;&szlig;e Berichterstattung durchsetzt. Das ist auch zu stemmen. Aber in der &Ouml;ffentlichkeit wird heute jemand, der das Wort &bdquo;Wahrheit&ldquo; auch nur in den Mund nimmt, l&auml;cherlich gemacht, als jemand der immer noch nicht begriffen hat, dass der, der das Geld hat, auch die Geschichte schreibt.<\/p><p><strong>L&auml;cherlich gemacht?<\/strong> <\/p><p>Ja. Als ich beispielsweise den BND erfolgreich auf die Herausgabe der Eichmann-Akten verklagt hatte, da brachte der NDR noch mal schnell die Geheimdienst-Ente des Mossad als teures Doku-Drama, um die gewollte Geschichtsschreibung weiter abzusichern statt endlich einmal zu hinterfragen. <\/p><p>Dabei dichteten sie der 12-j&auml;hrigen Tochter eines j&uuml;dischen Emigranten in Argentinien ein Liebesverh&auml;ltnis mit dem Eichmann-Sohn an. Ich habe sie im Vorfeld darauf aufmerksam gemacht, dass neues Material vom BND in K&uuml;rze zu erwarten ist. Das war denen aber vollkommen egal. Und bis heute haben die sich f&uuml;r diesen Schmarrn nicht entschuldigt und ihre Fehler nicht richtiggestellt. Und: Sie haben nicht einmal anonymisiert! Wissen die eigentlich, was sie dieser Frau und ihrer Familie damit angetan haben? Entweder nein &ndash; oder es ist ihnen einfach egal. Ich habe dazu einen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Pq0IFw9ZSeI\">Dokumentarfilm<\/a> gemacht, der im Netz steht. <\/p><p>Jedenfalls scheint diese Mischung aus schlechter Recherche und Verbreitung der althergebrachten Orthodoxe inzwischen zum Kern des Journalismus geworden zu sein; und sowas gab es, zumal in dieser Dreistigkeit, in den &Ouml;ffentlich-Rechtlichen, aber auch linken, alternativen und kritischen Medien fr&uuml;her nicht. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/Pq0IFw9ZSeI\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><div style=\"text-align:center\">\n<p><strong>Gaby Weber: DESINFORMATION: Ein Lehrst&uuml;ck &uuml;ber die erw&uuml;nschte Geschichte<\/strong><\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Und kann oder sollte man das, was sie wahrnehmen, dann aber wirklich als &bdquo;Manipulation&ldquo; beschreiben? Diese und andere Verdrehungen scheinen ja nicht absichtsvoll begangen zu werden&hellip;<\/strong><\/p><p>Doch, das war Absicht. Das Problem ist doch nicht, dass im Journalismus Fehler passieren, die passieren uns allen. Das Problem ist, dass Journalisten zu reinen Chronisten verkommen, die es schon immer gegeben hat: im Vatikan, im Feudalismus, bei den Scheichs etc. Das sind Schreiberlinge, die aufgrund der Dokumente, die man ihnen &uuml;berl&auml;sst, die B&uuml;cher f&uuml;hren.<\/p><p>Wir haben heute die M&ouml;glichkeit, uns Zugang zu den Archiven zu verschaffen, das geht aber nur mit Druck. Daf&uuml;r m&uuml;ssen wir uns &uuml;ber unsere eigene Macht im Klaren sein. Aber das passiert nicht. Man pflegt lieber private Kontakte zu den Politikern, l&auml;uft auf Pressekonferenzen, stopft sich die Lachs-H&auml;ppchen rein und &uuml;bernimmt die Meldungen von Agenturen, von denen man wissen m&uuml;sste, dass sie von Kriegsparteien finanziert werden. Das ist ja so bequem und f&ouml;rdert die Karriere.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Gaby Weber<\/strong>, 1954 in Stuttgart geboren, Magister und Promotion an der FU Berlin, ist seit 1978 hauptberufliche Journalistin, arbeitete zuerst f&uuml;r den stern und ab 1981 f&uuml;r die ARD. Seit 1985 ist sie freiberuflich als S&uuml;damerika-Korrespondentin t&auml;tig. Ihre Homepage ist www.gabyweber.com.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von Jens Wernicke finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/fd7ce3d0950b473f86f5b1aa06a58975\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151106_weber.jpg\" alt=\"Gaby Weber\" title=\"Gaby Weber\"\/><\/div>\n<p>Die Medien stehen zurzeit massiv in der Kritik. Der B&uuml;rger f&uuml;hlt sich oft weniger informiert als manipuliert. Wer die Medien kritisiert, bekommt von ihnen oft das Label unseri&ouml;s, dumm oder gar rechts verpasst. 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