{"id":2828,"date":"2007-12-12T08:13:09","date_gmt":"2007-12-12T07:13:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2828"},"modified":"2015-12-09T13:17:04","modified_gmt":"2015-12-09T12:17:04","slug":"finanzhypokrisie-von-joseph-stiglitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2828","title":{"rendered":"Finanzhypokrisie. Von Joseph Stiglitz"},"content":{"rendered":"<p>Dank unserer aufmerksamen und freundlichen Leserinnen und Leser kommen wir und Sie immer wieder in den Genuss von interessanten Beitr&auml;gen und zum Beispiel auch von &Uuml;bersetzungen. So erreichte uns gestern folgende Mail: Liebes Team der Nachdenkseiten,  der Kommentar von Albrecht M&uuml;ller &uuml;ber die Arroganz  unserer Kanzlerin hinsichtlich &ldquo;guter Regierungsf&uuml;hrung&rdquo; der afrikanischen Staaten in Ziffer 8 der Hinweise vom 10. 12. hat mich an den folgenden <a href=\"http:\/\/www.elpais.com\/articulo\/opinion\/Hipocresia\/financiera\/elpepuopi\/20071130elpepiopi_4\/Tes\">Artikel von Joseph Stiglitz in der spanischen Tageszeitung El Pais<\/a> erinnert. Die &Uuml;bersetzung habe ich beigef&uuml;gt. &ndash; Wir sagen Danke und reichen das Geschenk weiter.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Finanzhypokrisie<\/strong><\/p><p><strong>Joseph Stiglitz<\/strong><br>\nAus: El pais 30\/11\/2007 Trib&uuml;hne<\/p><p>Dieses Jahr erleben wir den 10ten Jahrestag der Ostasienkrise, die in Thailand am 2. Juli 1997 begann und sich &uuml;ber Indonesien im Oktober nach Korea im Dezember ausbreitete. Sie ging dann schlie&szlig;lich &uuml;ber in eine weltweite Finanzkrise, die Russland und einige andere L&auml;nder  Lateinamerikas, wie Brasilien, erreichte und eine Serie von Kr&auml;ften entfesselte, die in den folgenden Jahren fortfuhren zu wirken: Man k&ouml;nnte sagen, da&szlig; Argentinien in der Situation im Jahre 2001 eines ihrer Opfer war.<\/p><p>Nach der Krise von 1997 gab es in der Welt  nicht eine Finanzreform von Bedeutung.<br>\nEs gab viele andere unschuldige Opfer, unter ihnen L&auml;nder, die nicht einmal an den internationalen Kapitalfl&uuml;ssen, die den Ursprung der Krise veranla&szlig;ten, teilnahmen. Eines der am meisten betroffenen war z. B. Laos. Obwohl alle Krisen gerade beendet waren, wu&szlig;te in jenem Augenblick niemand die Weite, die Tiefe, nicht einmal die Dauer der  Rezessionen und abgeleiteten Depressionen. Es war die schlimmste Krise seit der Gro&szlig;en Weltwirtschaftskrise.<\/p><p>In meiner Eigenschaft als Chef&ouml;konomist und erster Vizepr&auml;sident der Weltbank war ich inmitten des Brandes und der Debatten &uuml;ber seine Ursachen und die politisch ad&auml;quaten Antworten. Diesen Sommer und diesen Herbst habe ich wieder viele betroffene L&auml;nder, unter ihnen Malaisia, Laos, Thailand und Indonesien besucht. Es ist ermutigend zu sehen, wie sie sich erholt haben. Diese L&auml;nder haben heute ein Wachstum von 5 oder  6% und mehr; nicht so schnell wie in den Zeiten des Ostasienwunders, aber vielmehr als zahlreiche Beobachter nach der Krise voraussahen.<br>\nViele L&auml;nder &auml;nderten ihre Politik, aber in eine andere Richtung als sie der IWF empfahl. Die armen waren diejenigen, die am meisten unter den Folgen zu leiden hatten angesichts dessen, da&szlig; die L&ouml;hne im Sturzflug sanken und die Arbeitslosigkeit hoch schnellte. Je nachdem wie die L&auml;nder aus dem Loch herauskamen, entschieden sich viele der &bdquo;Harmonie&ldquo; eine neue Bedeutung zu geben in dem Sinne, die Bresche zwischen  Reich und Arm, Stadt und Land zu reparieren. Sie legten mehr Gewicht auf Investitionen in Menschen, sie lanzierten phantasievolle Initiativen, um mehr B&uuml;rgern Gesundheit und den Zugang zu Geld zu gew&auml;hren, und sie schufen Sozialfonds, um lokale Gemeinden bei ihrer Entwicklung zu helfen. <\/p><p>Untersuchen wir die Krise 10 Jahre sp&auml;ter, k&ouml;nnen wir mit mehr Klarheit erkennen, bis zu welchem Punkt der IWFund das Finanzministerium der USA sich bei ihren Diagnosen, Rezepten und Prognosen irrten.<br>\nDas fundamentale Problem war die fr&uuml;hzeitige Liberalisierung der Kapitalm&auml;rkte. Es scheint deswegen ironisch, da&szlig; der Staatssekret&auml;r des US-Finanzministeriums wieder dabei ist die Liberalisierung der Kapitalm&auml;rkte in Indien zu empfehlen, eines der beiden gro&szlig;en L&auml;nder auf dem Wege der Entwicklung (gemeinsam mit China), das aus der Krise 1997 schadlos herauskam.<\/p><p>Es ist kein Zufall, da&szlig; die L&auml;nder, die ihren Kapitalmarkt nicht g&auml;nzlich liberalisierten, es so gut ergangen ist. Die anschlie&szlig;enden Nachforschungen des IWF haben all jene seri&ouml;sen Studien best&auml;tigt, die sagen: Die Liberalisierung der Kapitalm&auml;rkte verursacht Instabilit&auml;t und nicht notwendigerweise Wachstum (Indien und China waren auch die &Ouml;konomien, die am schnellsten wuchsen). <\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich beg&uuml;nstigt die Liberalisierung der Kapitalm&auml;rkte die Wall Street (deren Interessen das US-Wirtschaftsministerium vertritt):  Sie verdient Geld mit den Kapitaleing&auml;ngen, mit den Ausg&auml;ngen und mit der Restrukturierung, die durch das folgende Chaos stattfindet. In S&uuml;dkorea empfahl der IWF den Verkauf der staatlichen Banken an US-Investitoren, trotz der Tatsache, da&szlig; die Koreaner 40 Jahre ihre Volkswirtschaft in einer bewundernswerten Weise mit einem gr&ouml;&szlig;erem Wachstum und gr&ouml;&szlig;erer Stabilit&auml;t als die USA f&uuml;hrten und ohne die systematischen Skandalen der nordamerikanischen Finanzm&auml;rkte. <\/p><p>In einigen F&auml;llen kauften US-Firmen die Banken, sie hielten sie bis sich Korea erholte und dann verkauften sie sie mit Milliarden Dollar Gewinn. In der Eile, die Westlichen zum Kauf der Banken  anzuhalten, verga&szlig; der IWF ein Detail: die Garantie, da&szlig; S&uuml;dkorea zumindest einen Teil der Wohltaten &uuml;ber die Steuer zur&uuml;ckerhielt. Man kann dar&uuml;ber diskutieren, ob nordamerikanische Investoren mehr Erfahrungen im Bankwesen entstehender M&auml;rkte hatten, aber es ist unzweifelhaft, da&szlig; sie mehr Erfahrungen in der Steuerflucht haben. <\/p><p>Der Widerspruch zwischen den Ratschl&auml;gen des IWF und dem US-Finanzministerium Ostasien gegen&uuml;ber und dem, was in dem aktuellen Desaster der Hypotheken mit hohem Risiko geschieht, ist nicht zu verneinen. Den ostasiatischen L&auml;nden sagte man, da&szlig; sie ihre Zinss&auml;tze erh&ouml;hen sollten, in einigen F&auml;llen bis 25%, sogar 40% oder mehr, wodurch eine Welle von Zahlungseinstellungen hervorgerufen wurde. In der aktuellen Krise haben die Zentralbank der Vereinigten Staaten und die Europ&auml;ische Zentralbank die Zinss&auml;tze reduziert. <\/p><p>Ebenso erhielten die von der ostasiatischen Krise betroffenen L&auml;nder den Ratschlag, da&szlig; mehr Transparenz und weniger Regulierung notwendig sei. Jedoch war der Mangel an Transparenz ein fundamentaler Faktor f&uuml;r die Kreditkrise in diesem Sommer; die faulen Hypotheken waren umgewandelt, verteilt &uuml;ber die gesamte Welt, eingepackt in bessere Produkte und vorget&auml;uscht als Garantie, so da&szlig; niemend mit Sicherheit sagen konnte, von wem  was hatte. Und nun h&ouml;rt man einen Chor von Stimmen der Vorsicht hinsichtlich  der neuen Normen, die selbstverst&auml;ndlich ein Hinderniss f&uuml;r die Finanzm&auml;rkte sein k&ouml;nnten (einschlie&szlig;lich  der Ausbeutung der schlecht informierten Kreditnehmer, das die Wurzel der Problems darstellt). Am Schlu&szlig; haben trotz der Hinweise &uuml;ber die moralischen Risiken die westlichen Banken es erreicht, da&szlig; man sie rettet, teilweise, von ihren schlechten Investitionen.<\/p><p>Nach der Krise 1997 entstand der Konsens, da&szlig; eine fundamentale Reform der finanziellen Weltarchitektur notwendig sei. Aber das aktuelle System ist, obwohl es eine unn&ouml;tige Instabilit&auml;t hervorruft und f&uuml;rchterliche Kosten den Schwellenl&auml;ndern aufdr&auml;ngt, f&uuml;r betimmte Interessen n&uuml;tzlich. So ist es nicht befremdlich, da&szlig; 10 Jahre sp&auml;ter nicht eine einzige Reform von Bedeutung stattfand. Auch nicht, da&szlig; die Welt erneut einer Periode der finanziellen Instabilit&auml;t gegen&uuml;bersteht mit unsicherem Ausgang f&uuml;r die Weltwirtschaften. <\/p><p><em>Joseph Stiglitz ist Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger.<br>\nSein letztes Buch hei&szlig;t Making Globalization Work. Project Syndicate, 2007. &Uuml;bersetzung von Maria Luisa Rodr&iacute;gues Tapia.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank unserer aufmerksamen und freundlichen Leserinnen und Leser kommen wir und Sie immer wieder in den Genuss von interessanten Beitr&auml;gen und zum Beispiel auch von &Uuml;bersetzungen. So erreichte uns gestern folgende Mail: Liebes Team der Nachdenkseiten, der Kommentar von Albrecht M&uuml;ller &uuml;ber die Arroganz unserer Kanzlerin hinsichtlich &ldquo;guter Regierungsf&uuml;hrung&rdquo; der afrikanischen Staaten in Ziffer 8<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2828\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50,132],"tags":[283,1246,589,233,1387,476],"class_list":["post-2828","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-finanzmaerkte","tag-immobilienblase","tag-iwf","tag-marktliberalismus","tag-stiglitz-joseph","tag-weltwirtschaftskrise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2828","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2828"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2828\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29436,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2828\/revisions\/29436"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2828"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2828"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2828"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}