{"id":2834,"date":"2007-12-14T09:10:19","date_gmt":"2007-12-14T08:10:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2834"},"modified":"2015-12-06T10:51:43","modified_gmt":"2015-12-06T09:51:43","slug":"das-wissen-oder-werde-du-mal-lehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2834","title":{"rendered":"Das Wissen &#8211; oder werde du mal Lehrer!"},"content":{"rendered":"<p>Die Gedanken einer bremischen Lehrerin.<br>\nF&uuml;r alle, die jemals zur Schule gegangen sind oder deren Kinder zur Schule gehen.<br>\nEin ergreifender Essay einer Lehrerin mit t&auml;glichem Kontakt mit der Wirklichkeit des Lernens oder Verweigerns.<br>\n<!--more--><br>\nDas eigentliche Eigentum des Volkes, das Wissen, wurde als Ressource zur Sicherung des Wohlstands f&uuml;r uns alle erkannt. Hochqualifizierte Spezialisten braucht das Land. Kinder statt Inder. Fast gleichzeitig stellte sich leider heraus, dass die Sch&uuml;ler heutzutage nicht in der Lage sind ordentlich zu schreiben und rechnen. Der Pisatest und die Beschwerden der Ausbilder dokumentieren das. Seitdem regiert Panik in der deutschen  Schullandschaft.<br>\nIn Bremen werden Reformen durchgepeitscht, weil, &ndash; jeder wei&szlig; es &ndash; wir eines der Schlusslichter im Pisatest waren. Selbst J&ouml;rg Pilava, den ich f&uuml;r einen anst&auml;ndigen Menschen halte,  machte sich seinerseits lustig &uuml;ber die Qualit&auml;t der bremischen Bildung.<\/p><p><strong>Was tun wir?<\/strong><\/p><p>Um diesem Ruf zu entkommen, m&uuml;ssen wir uns besonders anstrengen.<\/p><p>Die Bildungsoberen haben sich hier und dort etwas abgeschaut und das st&uuml;lpen sie uns ruck zuck &uuml;ber. Der typische, populistische Schnellschuss.<\/p><p>Die Ganztagsschule als Heilmittel wurde ausgerufen, Fassaden wurden gestrichen, Mensas eingerichtet, neue Weisungen erlassen, viele neue unglaublich schicke W&ouml;rter eingef&uuml;hrt, die eigentlich nur beweisen sollen, dass wir ganz progressiv und streng wissenschaftlich an die Sache herangehen (wollen). Wir, die Lehrer, sollen es richten, aus Sprechblasen, den so genannten Standards, sollen wir schuleigene Curricula schaffen.<\/p><p>Au&szlig;erdem Profile entwickeln,  Schulentwicklung vorantreiben, uns selbst verwalten, Zweijahrespl&auml;ne erstellen, 30 Stunden Fortbildung im Jahr nachweisen, Ausl&auml;nder aus allen Herrenl&auml;ndern integrieren, bei der gleichzeitigen Streichung der F&ouml;rderstunden f&uuml;r diese Kinder mit Migrationshintergrund, Elternarbeit und Stadtteilarbeit forcieren, Projekte organisieren, sich um Sponsoren bem&uuml;hen, Qualit&auml;tsentwicklung und Qualit&auml;tskontrolle durchf&uuml;hren usw. Von der normalen Arbeit eines Lehrers habe ich bis jetzt nicht gesprochen.<\/p><p>Dabei haben wir immer weniger zu sagen. Die Entscheidungen werden bei der Beh&ouml;rde und der Schulleitung getroffen. Hierarchisierung und Selektion schreiten auch hier voran. Macht nichts, im neuen Vokabular hei&szlig;t es trotzdem: Jede Lehrkraft ist jetzt auch Prozess- und Projektmanager.<br>\nZur Mehrarbeit sind wir gezwungen, denn wir haben versagt.<\/p><p><strong>Nicht das Kind ist monstr&ouml;s, sondern die Gesellschaft in das es hineinw&auml;chst<\/strong><\/p><p>&bdquo;Entweder man hat es, oder man hat es nicht&ldquo;, Originalton Dieter Bohlen, Deutschland sucht den Superstar. Dieter darf ungestraft Leute beleidigen, die alles geben, weil es um ihre Hoffnungen geht. Die Sendung ist gegen die W&uuml;rde gerichtet. Billige Unterhaltung auf Kosten von anderen, die nichts anderes wollen, als ein wenig von dem abkriegen, was uns t&auml;glich als das Erstrebenswerte vorgef&uuml;hrt wird. Unsere Sch&uuml;ler schauen sich diesen und anderen Mist an. Die Medien haben sich den niedrigsten Instinkten weitgehend angepasst und behaupten, wir w&uuml;rden es nicht anders wollen, wir gucken uns das ja schlie&szlig;lich an. Bombastische Ank&uuml;ndigungen und Geschrei in der Werbung, ver&ouml;ffentlichte Intimit&auml;ten &uuml;berall, Pornos und Brutalospiele, Horror satt. Das haben wir offensichtlich gewollt. Ich nicht, du nicht, aber vielleicht kennst du jemanden. <\/p><p>Das sei keine Realit&auml;t, sagen die Produzenten, die Kinder w&uuml;ssten zu unterscheiden. Au&szlig;erdem schau hin, was deine Kinder machen, du bist verantwortlich, Kindersicherung m&ouml;ge helfen. Die gesellschaftliche Realit&auml;t kann man nicht aussperren oder Kindersicherung einbauen. Skandale und Horrornachrichten, zu Hause Hartz IV und keine Hoffnung auf Besserung, in sch&ouml;nem Gegensatz dazu Peter Hartz` Lustreisen, die Weltmacht USA, die den anderen die Demokratie beibringen will, erhebt sich &uuml;ber alle Konventionen, wenn es passt. S&ouml;hne und T&ouml;chter sprengen sich reihenweise in die Luft und rei&szlig;en andere mit in den Tod, Soldaten werden in hoffnungslosen Kriegen verheizt. Wir, die Erwachsenen, genehmigen uns jede \/ ich nenne es jetzt Freiheit \/, sei sie noch so schwachsinnig.<\/p><p>Manager verdienen Millionen, auch wenn sie eigentlich versagen im Managen dessen, was Tausende Menschen vor ihnen erarbeitet haben. Sie nehmen unser Wissen und geronnene Arbeit mit nach China, was an f&uuml;r sich nicht schlimm w&auml;re, wenn hier die Arbeitspl&auml;tze erhalten blieben oder wenn es sich in den Preisen niederschlagen w&uuml;rde. <\/p><p>Versprechungen werden selten eingehalten, weder in der Politik noch zu Hause. Die Politiker lauter zahnlose Tiger, die den Anstand und auch die Macht verloren haben, etwas wirklich &auml;ndern zu wollen und zu k&ouml;nnen. Monopoly spielen die anderen. Sie bel&uuml;gen uns immer fort. Wenn es einmal nicht der Fall ist, wie M&uuml;ntefering mit seinen Heuschrecken, dann freuen sich alle und merken auf. Die Kinder kriegen zwar nicht alles, aber genug mit, um zu begreifen, was Macht bedeutet und das Gef&uuml;hl der Ohnmacht lernen sie gleich mit.<br>\nJetzt kommt der entscheidende Dreh.<\/p><p>Jetzt kommen wir, die P&auml;dagogen und Sozialarbeiter und sollen alles richten und die Kinder motivieren. Wir sollen eigentlich erz&auml;hlen, dass sie mitentscheiden k&ouml;nnen, weil wir eine funktionierende Demokratie haben, dass sie alles erreichen k&ouml;nnen, wenn sie nur wollen, und versuchen klarzumachen, dass die ein wenig entartete Welt der Erwachsenen zwar die ihre ist, aber dass man trotzdem anst&auml;ndig bleiben kann. P&auml;dagogik &ndash; das Terrain des Eff\/intens. Sprich eine Intention haben und Effekte erzwingen wollen. Nur es funktioniert nicht so, wie wir uns das vorstellen.<\/p><p><strong>Das Tabuthema<\/strong><\/p><p>Die Kinder sind gleichg&uuml;ltig geworden, weil man zu ihnen gleichg&uuml;ltig war. Manche sind einfach traurig oder resigniert, weil man sie vielleicht nicht beachtet oder respektiert.<\/p><p>Oder sie sind brutal, weil&hellip;&hellip;&hellip;&hellip;man ihnen mit Liebe begegnete?<br>\nDas ist ein Tabuthema. &Uuml;berall. Wer mag schon daran r&uuml;tteln. Wir haben schlie&szlig;lich alle Eltern oder sind selber welche.  Die bequemste Version ist: Es ist in den Genen, wom&ouml;glich seitdem wir auf den B&auml;umen sa&szlig;en. Darauf k&ouml;nnte sich der Nachwuchs auch berufen:<\/p><p>&bdquo;Papa, das habe ich von dir geerbt.&ldquo; Nach dieser Theorie bliebe uns gar nichts anderes &uuml;brig, als es deterministisch zu sehen.<\/p><p>Allgemeiner Konsens: man kann sich gehen lassen. Wir lassen es geschehen. Die Kinder werden h&auml;ufig als monstr&ouml;s angesehen, nicht die Gesellschaft, in die sie hineinwachsen. Man hat die Anlagen oder man hat sie nicht, wie Dieter behauptet. Ich und viele meiner Kollegen meinen, dass es die Einfl&uuml;sse von au&szlig;en sind, die uns entscheidend formen. Deshalb sind wir auch zu packen, weil wir wissen, dass die Kinder im Normalfall etwas annehmen k&ouml;nnen und das sogar dringend w&uuml;nschen. Sie sind von sich aus lernbegierig, nur irgendetwas scheint sie daran zu hindern. Sicher haben wir auch einen Anteil daran, manchmal ziehen wir es uns so richtig rein.<\/p><p>Die letzte Arbeit ist so schlecht ausgefallen, liegt es vielleicht doch an mir? Habe ich meine Hausaufgaben nicht gemacht? Wieso wissen sie morgen so gut wie nichts von dem, was ich heute erkl&auml;rt habe? Ist mein Unterricht uninteressant? Die Masse von gelangweilten Sch&uuml;lern oder Schulabbrechern bringt uns doch schon zum Nachdenken und l&auml;sst uns nicht gleichg&uuml;ltig.<\/p><p><strong>Es gibt neue Erkenntnisse<\/strong><\/p><p>Die Epigenetik, hat sich mit neuen Erkenntnissen zum Wort gemeldet.<br>\nEs hat sich alles verkompliziert; man f&auml;ngt an den Menschen so zu sehen, wie er ist, n&auml;mlich abh&auml;ngig von vielen Einfl&uuml;ssen. Das Unangenehme daran ist, dass das Individuum, also du und ich, die Verantwortung &uuml;bernehmen m&uuml;ssen.<\/p><p>F&uuml;r uns und f&uuml;r die, die nach uns kommen, weil sich die Gene innerhalb des Lebens ver&auml;ndern und diese ver&auml;nderten Gene vererben wir an die n&auml;chste Generation. Au&szlig;erdem behaupten sie, dass das abgeleckte Rattenbaby viel friedlicher ist als ein nicht abgelecktes. Wie h&ouml;rt sich das an? Gedacht haben wir es schon lange. <\/p><p>Offensichtlich brauchen die Wissenschaftler dazu Ratten, um es objektiv glaubhaft zu machen. Meiner Meinung nach f&auml;ngt mit diesem Wissen der Spa&szlig; &uuml;berhaupt erst an. Neurologie, Gehirnphysiologie und Epigenetik, das neue Wissen sollten wir uns aneignen und weitergeben an unsere Sch&uuml;ler.<\/p><p>Das hat was mit Gesundheit, Ethik, sich selbst verstehen lernen zu tun. Und auch mit Wundenlecken, mit dem Begreifen &ndash; ich bin ja gar nicht doof, ich bin entwicklungsf&auml;hig! Gerald H&uuml;ther, ein Neurophysiologe spricht vom circulus viciosus  in den man hineingeraten kann durch zu viel Druck von au&szlig;en oder Unm&ouml;glichkeitsforderungen durch die Erzieher, denen  man nicht gerecht wird. <\/p><p>Dadurch entsteht Angst &ndash;  man versagt. Daraus wiederum entsteht miese Selbstvorstellung, noch mehr Druck, noch mehr Angst etc. So produziert man Schulversager. Es kann aber auch genau umgekehrt sein. Ein Erfolgserlebnis evoziert das N&auml;chste&hellip;&hellip;&hellip;.den positiven&bdquo; flow&ldquo;, wie es H&uuml;ther nennt, erleben wir zum Gl&uuml;ck auch. Dennoch es wird immer schwieriger, was auf uns zukommt.<\/p><p>Die Sch&uuml;ler widerstreben  immer h&auml;ufiger den an sie gestellten Herausforderungen. Einige Sch&uuml;ler k&ouml;nnen nicht in der f&uuml;nften Klasse den einfachsten Knoten binden. Manche wissen nicht, wie kochendes Wasser aussieht.<\/p><p>In der siebten k&ouml;nnen sie nicht das Lineal ablesen. In der zehnten schreiben sie Maschine immer noch mit ie, und k&auml;mpfen mit dem Dreisatz wie seit Jahren. Au&szlig;erdem hauen sie ohne Bedenken auf andere darauf. Hat es schon immer gegeben, sagen manche, aber damals hat es noch keiner mit dem Handy aufgenommen und verbreitet. Die Kinder sind zum gro&szlig;en Teil vernachl&auml;ssigt, unterfordert oder &uuml;berfordert. Das wissen wir, nur mag es keiner h&ouml;ren. Durch permanente Wiederholung wird es auch nicht besser.<\/p><p><strong>Was machen die Verantwortlichen?<\/strong><\/p><p>Dieser Misere will die Beh&ouml;rde mit einer Reform  &agrave; la Finnland, wo ganz andere Rahmenbedingungen herrschen, begegnen. Es wird nat&uuml;rlich auch modifiziert, nur wie? Hie und da versucht sie halbherzig die tot gesagten Gesamtschulen zu beleben, schafft Ganztagsschulen, legt Real -und Hauptsch&uuml;ler zusammen zu Sekundarklassen, die Gymnasiasten sondert sie ab, erh&ouml;ht unsere Pflichten, Anwesenheiten und Klassenfrequenzen,  gibt uns Weisungen, siehe oben, streicht Kleingruppen in Chemie, Physik, den praktischen F&auml;chern, streicht Stunden f&uuml;r Ausl&auml;nderf&ouml;rderung, streicht &uuml;berhaupt alles, was sich streichen l&auml;sst.<\/p><p>Ohne uns gefragt zu haben, was unsere Erfahrungen und Erkenntnisse sind. Zum Beispiel aus den vorherigen Reformen, die auch schon eine Besserung versprachen. Die Orientierungsstufe zum Beispiel, die vorgab die Chancengleichheit zu f&ouml;rdern, bis das ganze Konzept durch permanent steigende Sch&uuml;lerzahlen au&szlig;er Kraft gesetzt, kaputt gespart wurde. Die damalige Orientierungsstufenreform hat wenigstens die Chancenungleichheit attestiert und anfangs versucht sie zu mindern.<\/p><p>Heute wird sie durch die Abtrennung vom Gymnasium gef&ouml;rdert. Exzellenz Initiative. Wo bleibt der Rest? Wer kann, schickt seine Kinder zum Gymnasium. Es wird zwar neuerdings an allen Schulen beh&ouml;rdlicherseits evaluiert = bedeutet so viel, wie Wert &uuml;berpr&uuml;fen, aus dem Tal herausf&uuml;hren, schauen, ob am anderen Ende was rauskommt. Die Ergebnisse helfen aber nicht wirklich weiter. <\/p><p>B&uuml;rokratisch, statistisch und leblos. Wir sind doch diejenigen, die t&auml;glich Kontakt haben mit der Wirklichkeit des Lernens oder Verweigerns. K&ouml;nnt ihr euch vorstellen, dass uns niemand fragt? Daf&uuml;r haben wir die so genannten  Evaluatoren. Zwei Menschen aus einem anderen Bundesland gucken sich so ein Betrieb mit tausend Sch&uuml;lern in drei Tagen an &ndash; inklusive aller Gespr&auml;che, Unterrichtsbesuche, Kaffeepausen, und erz&auml;hlen uns von unserer Wirklichkeit.<\/p><p>Wenn wir Gl&uuml;ck haben, waren es kluge Leute und es stimmt einigerma&szlig;en. Ab und zu gibt es Befragungen, die aber so formal und schlecht formuliert sind, dass sie niemand relevant beantworten kann. Wenn man uns fragen w&uuml;rde, ich spreche auch f&uuml;r meine Kollegen, die so &auml;hnlich denken wie ich, dann w&uuml;rde die Beh&ouml;rde erfahren, dass den Kindern z.B. geholfen werde k&ouml;nnte, wenn das Lernen in kleinen Gruppen m&ouml;glich w&auml;re. Wir k&ouml;nnten auch sagen, dass das sinnliche Lernen wichtig ist, obwohl es jetzt nach dem Willen der Beh&ouml;rde quasi unter den Tisch f&auml;llt. Dass die Sekundarschule schon jetzt eine Verschlechterung gegen&uuml;ber der Haupt &ndash; und Realschule darstellt oder dem integrierten Hausmodell, das unsere Schule eigens entwickelt hat. Die drei Schularten blieben erhalten, die Sch&uuml;ler wurden aber so oft es sinnvoll war, integriert unterrichtet. Das soziale Lernen wurde gleich Freihaus geliefert. Wir Kollegen haben unz&auml;hlige Stunden freiwilliger Mehrarbeit geleistet f&uuml;r die Entwicklung des Modells, Weiterbildung und Teamarbeit  und das Sch&ouml;ne war, es hat auch Fr&uuml;chte getragen. Unsere Sch&uuml;ler waren auch sp&auml;ter in der Oberstufe erfolgreich, profitiert haben auch die Haupt &ndash; und Realsch&uuml;ler. Trotz alledem ein  Wisch und Weg war das ganze Modell, auch wenn das die Eltern mitgetragen und gutgehei&szlig;en haben.<\/p><p>Es ist wahrscheinlich schon der bildungstechnische Ernstfall eingetreten, dass man meint, &uuml;ber alles hinwegbrettern zu m&uuml;ssen. Wir begreifen auch nicht, warum wir schulinterne Curricula entwickeln sollen, wenn es immer mehr zentral gestellte Aufgaben gibt, f&uuml;r die man dasselbe Wissen braucht wie in Bayern.<\/p><p>Kaum ist die letzte Reform in der Schule zwangsweise angekommen, schon droht die n&auml;chste. Eigenverantwortliche Schule. Das klingt toll! Was es nun in der Konsequenz hei&szlig;t, kann noch keiner einsch&auml;tzen, aber es kommt. Sicher ist nur, dass wir wieder neue Arbeit damit haben, denn es muss alles wieder neu entwickelt werden. Die Freiheit von der Beh&ouml;rde ist das sicher nicht, sie bleibt ja weisungsberechtigt.<\/p><p>Es gibt noch viel mehr, was wir der Beh&ouml;rde sagen k&ouml;nnten. Au&szlig;erdem gibt es andere Experten, die die Beh&ouml;rde zu Rate ziehen k&ouml;nnte, wenn sie uns nicht ernst nimmt.<br>\nMan hat herausgefunden, dass die Reizflut am Nachmittag &ndash; Playstation, MTV etc verhindert, dass sich das neue Wissen &uuml;berhaupt ins Ged&auml;chtnis einschleichen kann.<\/p><p>Sind alle &ndash; Eltern und Sch&uuml;ler und P&auml;dagogen dar&uuml;ber informiert, damit sie sich eventuell auch dagegen entscheiden k&ouml;nnen? Dann sollten wir wissen, was Lernblockaden sind und wie man sie l&ouml;sen kann. Und das Wichtigste &ndash; wie das Lernen funktioniert. Nebenbei k&ouml;nnten wir auch erfahren, dass die eigene Wahrhaftigkeit &ndash; uns selbst als aus Fehlern Lernende begreifen &ndash;  auch den Sch&uuml;ler weiterhelfen w&uuml;rde. Das erfahren sie praktisch nie in der Erwachsenenwelt.<\/p><p>Wer lernt schon aus eigenen Fehlern? Und gibt es auch noch zu?! Methodenkompetenz, Medienkompetenz, sch&ouml;n, aber wie ist es mit der Kompetenz zu leben, zu lieben, Verantwortung erst einmal f&uuml;r sich selbst zu &uuml;bernehmen, sich weiter zu entwickeln. Haben wir keine Zeit mehr daf&uuml;r vor lauter Bildung?<\/p><p><strong>Es ist so viel einfacher<\/strong><\/p><p>Ich bin eine einfache Lehrerin, aber langsam muss ich mir doch Gedanken machen. Einerseits macht es wieder Arbeit, von der ich genug habe, anderseits denke ich, es ist an der Zeit und ein Muss, dass wir &uuml;ber echte Alternativen nachdenken und eine breit angelegte Offensive starten, bevor uns das Wasser von dem abgeschmolzenen Eis in die Wohnstuben steigt oder der ganze Laden um die Ohren fliegt. Amokl&auml;ufer werden gemacht. Das sind eben Ausgesto&szlig;ene, Versager, ungeliebte Kinder, misshandelte Kinder, aber keine determinierten T&auml;ter. Weil in jeder zwischenmenschlichen Begegnung eine M&ouml;glichkeit steckt, genau das zu verhindern.<\/p><p>Das wollen wir auch in der Schule versuchen. Wir sind definitiv kein autistisches Kollegium! Ich bin f&uuml;r eine p&auml;dagogische Diskussion, (sie findet bereits statt),  ein Austausch abseits der Beh&ouml;rde, weil ich f&uuml;rchte, dass das die Beh&ouml;rde nicht interessiert. Was sie interessiert, ist das formale Abfragen des Wissens &ndash; wir hangeln uns gemeinsam mit Sch&uuml;lern vom Test zum Test &ndash;  zwecks Verbesserung des Rankings. Was haben wir schon alles geschrieben und  an die Beh&ouml;rde geschickt! Ergebnislos!!<\/p><p>Fr&uuml;her schickten die Sultane Wesire, damit sie erfahren, was das Volk denkt. Die Evaluatoren sind es bestimmt nicht, die eine Stimmung wiedergeben k&ouml;nnen.<\/p><p>Ich denke immer, die arme Beh&ouml;rde &ndash; die s&uuml;&szlig;e kleine- wei&szlig; vielleicht gar nichts von der ganzen bunten Welt um sie herum und wei&szlig; vielleicht auch gar nicht, dass auch sie aus Fehlern lernen k&ouml;nnte. Wir m&uuml;ssen uns diese unanst&auml;ndige Frage stellen: &bdquo;Wer evaluiert die Kompetenz und Effektivit&auml;t unserer bremischen Beh&ouml;rde, oder Beh&ouml;rden &uuml;berhaupt? Sind die auch  kompetent? Wenn ja, (man munkelt, es sei der Fall), was kommt dabei raus?&ldquo; Ich denke, das werden wir nie erfahren.<\/p><p>Es ist so viel einfacher. Wir, die Lehrer, haben die Verantwortung f&uuml;r den ganzen Schlamassel und versagen regelm&auml;&szlig;ig, wenn man das Gesamtergebnis gesamtgesellschaftlich betrachtet. Es m&uuml;sste eigentlich so sein, dass die Kinder freiwillig zu Schule gehen in der Gewissheit, dort k&ouml;nnten sie wirklich etwas f&uuml;rs Leben lernen. Ist das soziale Romantik? Oder bin ich einfach nur &uuml;bergeschnappt, ein bisschen &uuml;berarbeitet.<\/p><p>Es gibt auch in Deutschland einzelne Schulen, wo es  besser funktioniert. Laborschule Bielefeld, Offene Schule Waldau z.B. Wieso nehmen wir uns nicht ein Beispiel daran? Vielleicht ist es zu gef&auml;hrlich? Oder zu teuer? Gef&auml;hrlich teuer! Geiz ist geil! Saubillig muss es sein! Demn&auml;chst sollen bei uns in Bremen noch zus&auml;tzliche Einsparungen vorgenommen werden, sie werden uns schon noch mitteilen WO. Der Lehrer = Homo Schuldens, ein beliebtes Objekt zum gemeinschaftlichem Draufschlagen, der bleibt uns erhalten. Dar&uuml;ber rege mich schon lange nicht mehr auf. Ich sage immer dann, werde du selbst Lehrer, wir brauchen Leute wie dich, die sich nicht entmutigen lassen, die das Kunstst&uuml;ck &ndash; dem ganzen und jedem einzelnen Sch&uuml;ler gerecht zu werden &ndash; hinkriegen.<\/p><p><strong>PS<\/strong><\/p><p>Ich habe mir das von der Leber geschrieben, mit dem Gedanken, es vielleicht zu ver&ouml;ffentlichen. Dem Weserkurier, den ich f&uuml;r eine dumme Zeitung halte, m&ouml;chte ich das nicht geben.<\/p><p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p><p>Mit der &bdquo;Eigenverantwortlichen Schule&ldquo; &ndash; das m&ouml;chte ich noch erg&auml;nzen &ndash; strukturell ist das ungef&auml;hr so geartet &ndash;<br>\nDie Schulen kriegen die Aufgabe den Mangel zu verwalten. Das hei&szlig;t wir kriegen recht wenig Geld und m&uuml;ssen kucken wo wir bleiben. Dazu noch 8 Stunden um den Verwaltungsaufwand zu bew&auml;ltigen. Die Hierarchien werden festgelegt. Oben sitzt der K&ouml;nig, \/die Schulleitung\/,  darunter die niederen Chargen, \/mittleres Management \/ die er f&uuml;r seine Beutez&uuml;ge und Absichten gebraucht und belohnt. Das Volk und die Frontsoldaten erledigen die Arbeit und zahlen nat&uuml;rlich Abgaben in Form von jederzeit anforderbaren Mehrarbeit. Das ist &uuml;brigens die Gesellschaftspyramide des Feudalismus, den wir im Unterricht als die total r&uuml;ckst&auml;ndige Gesellschaftsordnung anprangen. (Overheadfolie &ndash; Feudalismus ) Dann versuchen wir den Sch&uuml;lern beizupulen, dass hier alles demokratisch funktioniert.<\/p><p>(Hierzu gibt es auch Folien)<br>\nIch h&auml;tte mir damals aus dem Land im Osten, aus dem ich ausgewandert bin nicht tr&auml;umen k&ouml;nnen, dass ich arbeitstechnisch im Feudalismus lande. <\/p><p>Wenn die neue betrieblich organisierte Ordnung greift, die Bertelsmann Stiftung steht schon in Startl&ouml;chern um uns zu unterst&uuml;tzen, dann werden wir nat&uuml;rlich auch um Sponsoren werben. Um unser Etat aufzubessern. Das wird bitter n&ouml;tig sein.<\/p><p>Die Beh&ouml;rde entl&auml;sst sich nat&uuml;rlich nicht selbst, sondern, sie wird &uuml;ber uns wachen, den  sie ist auch &uuml;ber dem K&ouml;nig &ndash; ein quasi Gott. Bleibt nat&uuml;rlich weisungsberechtigt. Wenn wir dann trotzdem was eigenverantwortlich verbocken, dann sind wir wieder der Homoschuldens. Und dann produzieren wir durch die Tests gest&auml;hlte Sch&uuml;ler, die dann hoffentlich den ganzen Anforderungen der Wirtschaft gerecht werden. <\/p><p>Und wir k&ouml;nnen dann geheuert und gefeuert werden, wenn sich herausstellt, dass wir entweder  keine guten Lehrer sind [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], oder unbequeme Lehrer sind, solche, die vielleicht den ganzen Humbug nicht mitmachen wollen. Sich eine abweichende Meinung leisten. Die Bildung anders begreifen, siehe oben. Vielleicht passen wir nicht ins Firmenprofil. So schleicht sich Gedankenzensur an. Deshalb bin ich nicht nach Deutschland gekommen. <\/p><p>Da bleibt dann nur noch festzustellen: Andere haben es auch nicht besser. Aber wir haben daf&uuml;r quasi ein Halbtagsjob und l&auml;ngere Ferien, was uns das ganze Volk neidet. Eins habe ich noch vergessen, n&auml;mlich das Ranking. Wir m&uuml;ssen in der Leistungsskala obere Positionen annehmen, sonst schimpft die Beh&ouml;rde, und wir kriegen keine guten &ndash; sprich gymnasialen &ndash; Sch&uuml;ler. Die Eltern w&auml;hlen uns nicht an und wenn es hart auf hart geht verlieren wir unsere SPONSOREN, wenn wir sie nicht schon vorher verloren haben. Denn diese Leute denken in marktwirtschaftlichen Dimensionen und sind sehr launisch. In England werden manche Schulen geschlossen.<\/p><p>Wie Betriebe, nicht genug Auftr&auml;ge. Es tut uns leid sie haben komplett versagt. Und zwar eigenst&auml;ndig! Das bl&ouml;de Happyend bleibt uns erspart. Ist das nicht an sich schon urkomisch, aber zu kompliziert. Wir schaffen es kaum noch das jemandem zu erkl&auml;ren.<br>\nSchade eigentlich.<br>\nOder ist das so, dass wir es mit einer unmenschlich kalten Wettbewerbsgesellschaft zu tun haben?<\/p><p>Wenn Sie es bis hierher geschafft haben, obwohl sie sicher Sch&uuml;ler waren, so bedanke ich mich herzlich.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] nur wie definiert man einen guten Lehrer? Es gibt schon F&auml;lle, wo man zu mindest sagen muss, der Mensch hat weder sich noch den Sch&uuml;lern gefallen getan. Aber der Rest, wie will man es feststellen?<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gedanken einer bremischen Lehrerin.<br \/> F&uuml;r alle, die jemals zur Schule gegangen sind oder deren Kinder zur Schule gehen.<br \/> Ein ergreifender Essay einer Lehrerin mit t&auml;glichem Kontakt mit der Wirklichkeit des Lernens oder Verweigerns.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,152,161],"tags":[232,962,1103,371],"class_list":["post-2834","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-schulsystem","category-wertedebatte","tag-bertelsmann","tag-bremen","tag-ganztagsschule","tag-pisa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2834","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2834"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2834\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29380,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2834\/revisions\/29380"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2834"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2834"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2834"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}