{"id":2851,"date":"2007-12-21T10:09:52","date_gmt":"2007-12-21T09:09:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2851"},"modified":"2015-12-03T11:41:10","modified_gmt":"2015-12-03T10:41:10","slug":"buchbesprechung-jochen-krautz-ware-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2851","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Jochen Krautz: Ware Bildung"},"content":{"rendered":"<p>Krautz beschreibt treffend und faszinierend die Transformation von Bildung zur Ware. Doch wenn er daraus folgert, dass jede Ver&auml;nderung des Althergebrachten von &Uuml;bel ist, dann muss er die Vergangenheit idealisieren und verurteilt sich zum Immobilismus.<br>\nVon Karl-Heinz Heinemann.<br>\n<!--more--><br>\nWer dieser Tage eine Universit&auml;t besucht, in der gerade die neuen Studieng&auml;nge Bachelor und Master eingef&uuml;hrt wurden, wei&szlig;, wovon Jochen Krautz spricht: Auf der einen Seite herrscht das Chaos: &uuml;berf&uuml;llte H&ouml;rs&auml;le, Studierende, die gebeten werden zuhause zu bleiben und trotzdem ihre Kreditpunkte bekommen, ein Computersystem, das den Studierenden  ihre Veranstaltungen zuteilen soll und noch nicht einmal funktioniert. Das hat alles nichts mehr mit Bildung, gar mit forschendem Lernen zu tun.<\/p><p>Der Bolognaprozess, also die Einf&uuml;hrung der angloamerikanischen Studienabschl&uuml;sse Bachelor und Master, Leistungspunkte, Evaluationen, das geschieht im Namen internationaler Vergleichbarkeit, und damit Deutschland wieder den Anschluss an die universit&auml;re Weltgemeinschaft findet  &ndash; tats&auml;chlich ist das alles eine gro&szlig; angelegte Kampagne von Halbwahrheiten und L&uuml;gen, findet Jochen Krautz. Das Treffen der Bildungsminister 1999 in Bologna war rechtlich betrachtet nicht mehr als ein privates Kaffeekr&auml;nzchen, genauso belanglos wie wenn man mit ein paar Freunden eine &bdquo;Pforzheimer Erkl&auml;rung zur europ&auml;ischen Bildungspolitik&ldquo; verk&uuml;ndet h&auml;tte, meint der an der Wuppertaler Universit&auml;t lehrende Kunstp&auml;dagoge.<\/p><p>Der gro&szlig;e Umbau deutscher Hochschulen und die neuen Studieng&auml;nge werden weder zu besserer Anschlussf&auml;higkeit deutscher Abschl&uuml;sse f&uuml;hren noch zu einer besseren akademischen Bildung. Das ist nur ein Punkt in Jochen Krautz Generalabrechnung mit der Umgestaltung des deutsche Bildungssystems, f&uuml;r die die Schlagworte Bologna und PISA stehen. <\/p><p>Unter dem Zwang der Effektivierung, des Benchmarking, Ranking und der Outputorientierung ist Bildung verloren gegangen, und deshalb stellt Krautz den Bildungsbegriff an den Beginn seiner Kritik.  Als Kunsterzieher leitet er ihn anschaulich und gut verst&auml;ndlich aus der Betrachtung eines Reliefs &uuml;ber dem Tor einer tschechischen Volksschule her. Bildhaft und angenehm lesbar wie der  Einstieg ist das ganze Buch geschrieben. Bildung als Pers&ouml;nlichkeitsentwicklung und Erziehung als ein personaler Prozess zwischen Lehrer und Sch&uuml;ler sind verloren gegangen, stattdessen geht es nur noch um die Ausbildung der eigenen Arbeitskraft und der quasi industriellen Produktion von Kompetenzen, um das Human-Kapital der k&uuml;nftigen Ich-AGs. <\/p><p>Von den Diagnoseb&ouml;gen und den Sprachstandstests im Kindergarten &uuml;ber PISA, die &uuml;ber den Hochschulen ausgegossene Sauce Bolognese bis zur Phrase vom Lebenslangen Lernen &ndash; all diese Pseudoreformen im Namen von Wettbewerb, Qualit&auml;t und Effizienz ordnet Krautz ein in das be&auml;ngstigende Tableau einer marktf&ouml;rmigen und Profitinteressen unterworfenen Reorganisation von Bildung.<\/p><p>Er unterzieht die Begriffe, im doppelten Sinn &bdquo;Schlagworte&ldquo; des Reformsprech einer gr&uuml;ndlichen Kritik: Die &bdquo;Wissensgesellschaft&ldquo; zum Beispiel: was ist wirklich neu? Wissen brauchte schon der Neandertaler f&uuml;r seine Werkzeugproduktion, und auch der kleinste Rechner funktioniert nicht ohne Kunststoffe, Fl&uuml;ssigkristalle und Silicon, ein industriell gefertigtes materielles Substrat also. Neu ist aber die Industrialisierung des Wissens, und damit sind wir bei den Modulen der reformierten Hochschule, den Standrads in der Schule und den computerisierten Lernprogrammen.  <\/p><p>Oder &bdquo;Kompetenz&ldquo;, der zentrale Begriff bei PISA: Warum sind es nicht mehr Qualifikationen, die heute gefragt sind? Kompetenzen umfassen auch Werthaltungen  und Motivationen. Sie sollen gezielt vermittelt und dann abgetestet werden &ndash; da wird Lernen zu einem totalit&auml;ren Formierungsprogramm. <\/p><p>Krautz r&uuml;ckt noch einmal gerade: PISA testet nicht Bildung, denn das geht sowie so nicht. PISA als das Produkt von OECD und den global Players in der Testbranche f&uuml;hrt an der &Ouml;ffentlichkeit und den demokratisch legitimierten staatlichen Institutionen vorbei einen neuen Bildungsbegriff ein, und der ist funktionalistisch, auf die Bed&uuml;rfnisse der modernen Industrie ausgerichtet. Fragw&uuml;rdig sind die Reformentscheidungen, die unter Berufung auf PISA getroffen wurden: Fr&uuml;here Einschulung? Das l&auml;sst sich ebenso wenig aus PISA ableiten wie die zentrale Abschlusspr&uuml;fungen. Nichts wird wirklich besser, aber die Testindustrie gedeiht.<\/p><p>In der Hochschule wird Humboldt beerdigt: Der Freiraum, sich als Student eine Zeit lang mit einer Sache um ihrer selbst willen zu besch&auml;ftigen, als Hochschullehrer, junge Leute am Prozess der Suche, nicht nach neuen Patenten und Verwertungsm&ouml;glichkeiten, sondern nach Wahrheit teilhaben zu lassen wird der Freiheit des Marktes und dem Ungeist des Wettbewerbs geopfert. An die Stelle staatlicher Finanzierung tritt die so genannte Finanzautonomie &ndash; eine neue Stufe der M&auml;ngelverwaltung. An die Stelle staatlicher Aufsicht treten Hochschulr&auml;te, in denen Unternehmensvertreter den Ton angeben. Die Befehlskette geht von den Konzernvertretern &uuml;ber den Universit&auml;tspr&auml;sidenten zu den Professoren, denn auch die m&uuml;ssen sich dem Diktat der Effizienz unterwerfen: produzieren sie genug Aufs&auml;tze? Genug erfolgreiche Abschl&uuml;sse? Wenn nicht, dann m&uuml;ssen sie um ihr Institut f&uuml;rchten.<\/p><p>Auch, wenn Schulen und Hochschulen noch in &ouml;ffentlicher Hand sind: Sie werden aus sozialen Einrichtungen zu Dienstleistungsorganisationen, und damit wird ihr Gesch&auml;ftsfeld dem Markt ge&ouml;ffnet.<\/p><p>Schlie&szlig;lich skizziert Krautz eine Hierarchie der Akteure: Ganz oben in den Wolken schweben die Internationalen Konzerne und Lobbygruppen. Da sind wie immer an erster Stelle Bertelsmann und die dazugeh&ouml;rige Stiftung zu nennen. Die Welthandelsorganisation, die den weltweiten Markt f&uuml;r Bildungsdienstleistungen &ouml;ffnet, die OECD, die unter anderem mit PISA die Ausrichtung von Bildung auf die Produktion von Humankapital besorgt und die EU mit der Bologna-Reform. Das ergibt f&uuml;r Krautz ein geschlossenes Bild, ein wenig zu geschlossen.<\/p><p>Ist jede Bildung, jedes Wissen, alles Lernen allein schon deshalb von &Uuml;bel, weil es einem &ouml;konomischen Zweck dient? Oder ist es nicht gerade die Dialektik von Bildung, dass der aufgekl&auml;rte, selbstbewusste, kritikf&auml;hige Mensch auch der handlungsf&auml;hige ist, der kreativ und zweckgerichtet arbeiten kann, der einerseits brauchbar ist f&uuml;r alle m&ouml;glichen Zwecke, aber weil er diese Zwecke durchschauen kann sich auch nicht ohne weiteres missbrauchen l&auml;sst? <\/p><p>Weil Krautz in neuen Methoden des Lernens, in neuen Inhalten, in einer Verbreiterung von Allgemeinbildung nichts Gutes erkennen kann, bleibt seine inhaltlich berechtigte Kritik r&uuml;ckw&auml;rtsgewandt. Begonnen hat f&uuml;r ihn das Ungl&uuml;ck mit dem Sputnik-Schock, also mit der Abl&ouml;sung der alten Volksschule durch die Hauptschule und mit dem Ansinnen, mehr Kinder aufs Gymnasium zu schicken. Denn seitdem sind Schulen und Hochschulen Faktoren eines globalen Wettbewerbs. Und seitdem sind sie einem permanenten Reformprozess unterworfen, der niemanden mehr zur Ruhe kommen l&auml;sst, weder Lehrer noch Sch&uuml;ler, und in dieser Atemlosigkeit muss die Bildung untergehen, die ja etwas mit Mu&szlig;e zu tun hat. Von der Gesamtschule bis zu Bologna: Alles ist Reform und deshalb in Krautz Augen schlecht. Schade &ndash; andere Unworte seziert er sehr genau, doch den einst kritisch besetzten Begriff der Reform &uuml;berl&auml;sst er umstandslos den neoliberalen Okkupanten.<\/p><p>In Krautz&rsquo; Reformkritik treffen wir einige alt bekannte konservative Topoi wieder: Wie kann die Abiturientenquote gesteigert werden, wenn nicht eine wundersame Intelligenzvermehrung stattfindet? barmt er. Das sei nur durch Niveauabsenkung m&ouml;glich. Ein Komplott von OECD und Alt-68ern. Denn  die haben alte Orientierungen zerst&ouml;rt. Beispiel: die reformierte Oberstufe, die einen bew&auml;hrten Bildungskanon aufgel&ouml;st hat. Sie verf&uuml;hrt die faulen Sch&uuml;ler, also grunds&auml;tzlich alle, zur Wahl des bequemsten Weges. Die Folge: unsere Industrie hat zu wenige Ingenieure, weil alle nur noch P&auml;dagogik und Kunstgeschichte studieren. Und die Gesamtschule: Sie ist gescheitert, weil es eben nicht m&ouml;glich ist, Menschen unterschiedlicher Begabungsst&auml;rke gemeinsam zu unterrichten. Mit &uuml;berzogenen Bildungsanspr&uuml;chen schicken Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium. Dort scheitern sie zwangsl&auml;ufig und landen als Verlierer an der Hauptschule. Warum haben die Eltern nicht auf den Rat der Lehrer geh&ouml;rt und ihr Kind gleich auf die Hauptschule geschickt? <\/p><p>Finger weg von Reformen, r&auml;t Krautz, und zwar w&ouml;rtlich. Er malt die Idylle einer Hauptschule, in der junge Menschen mit volkst&uuml;mlicher Bildung zu arbeitsamen und kompetenten Facharbeitern herangezogen wurden, mit Rechen- und Lesef&auml;higkeiten bestenfalls auf PISA-Kompetenzstufe II, und ein wenig Religion  und  Heimatkunde, damit sie ihre unmittelbare Umwelt begreifen k&ouml;nnen. Wo bleibt da der hehre Humboldtsche Bildungsanspruch?<\/p><p>Krautz beschreibt treffend und faszinierend die Transformation von Bildung zur Ware. Doch wenn er daraus folgert, dass jede Ver&auml;nderung des Althergebrachten von &Uuml;bel ist, dann muss er die Vergangenheit idealisieren und verurteilt sich zum Immobilismus. Schade.<\/p><p><em>Jochen Krautz<br>\nWare Bildung<br>\nSchule und Universit&auml;t unter dem Diktat der &Ouml;konomie<br>\nDiederichs 2007. 249 S,  19,95 EUR<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krautz beschreibt treffend und faszinierend die Transformation von Bildung zur Ware. 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