{"id":2853,"date":"2007-12-21T10:28:55","date_gmt":"2007-12-21T09:28:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2853"},"modified":"2015-12-03T11:37:05","modified_gmt":"2015-12-03T10:37:05","slug":"ueber-den-antidemokratischen-charakter-der-herrschenden-neoliberalen-lehre-und-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2853","title":{"rendered":"\u00dcber den antidemokratischen Charakter der herrschenden neoliberalen Lehre und Bewegung"},"content":{"rendered":"<p>Zum Jahresabschluss notiere ich ein paar Gedanken, die die Lekt&uuml;re des Chile-Teils von Naomi Kleins &bdquo;Schock-Strategie&ldquo; ausl&ouml;sten, teilweise auch nur zur&uuml;ckholten. Naomi Klein beschreibt dort die enge Kooperation zwischen den Chicago Boys um Milton Friedman und dem chilenischen Diktator Pinochet und seinen Schergen. Die Vertreter der &ouml;konomischen Schule, die heute auch die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik bei uns in beachtlich gro&szlig;em Ma&szlig;e pr&auml;gt, fieberten dem Sturz des gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten Allende entgegen. Die einschl&auml;gigen Papiere der neuen Herrscher &auml;hnelten Milton Friedmans Vorstellungen: &bdquo;Privatisierung, Deregulierung und Einschnitte bei den Sozialausgaben &ndash; die Dreifaltigkeit des freien Marktes.&ldquo; So Naomi Klein.<br>\n<!--more--><br>\nIch zitiere weiter aus dieser Passage:<\/p><blockquote><p>Chiles in den USA ausgebildete &Ouml;konomen hatten versucht, diese Vorstellungen friedfertig im Rahmen demokratischer Auseinandersetzungen einzuf&uuml;hren, aber sie waren auf breiteste Ablehnung gesto&szlig;en. Jetzt waren die Chicago Boys und ihre Pl&auml;ne wieder da, in einem Klima, das f&uuml;r ihre radikalen Ideen wesentlich g&uuml;nstiger war. In dieser neuen &Auml;ra musste niemand au&szlig;er einer Hand voll M&auml;nner in Uniform ihnen zustimmen. Ihre standhaftesten politischen Gegner waren entweder im Gef&auml;ngnis, tot oder auf der Flucht in den Untergrund; das Spektakel der Kampfflugzeuge und der Todeskarawanen sorgte daf&uuml;r, dass alle anderen stillhielten.<\/p><\/blockquote><p>Der Umsturz vom 11.9.1973 in Chile und die darauf aufbauende Gegenrevolution war der &bdquo;erste konkrete Sieg&ldquo; der Chicago Schule. Chile war das Experimentierfeld. Und Pinochets m&ouml;rderische Diktatur war die Basis des Experiments.<\/p><p>Schon dies allein m&uuml;sste eigentlich von damals bis heute Emp&ouml;rung ausl&ouml;sen. Und es m&uuml;sste daf&uuml;r sorgen, dass eine solche Ideologie f&uuml;r alle Zeit diskreditiert ist. Das Gegenteil m&uuml;ssen wir beobachten:<\/p><p>Sie war es damals nicht. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Gl&uuml;ckwunschadressen zum Umsturz in Chile in Deutschlands konservativen Bl&auml;ttern. (Eine Dokumentation dieser damaligen Einlassungen und die Kl&auml;rung der Frage, ob dabei auch in deutschen Medien damals schon wirtschafts- und gesellschaftspolitisch argumentiert wurde, w&auml;re eine Recherche wert.)<\/p><p>Die in der chilenischen Diktatur ausprobierte Ideologie feiert heute ihre teilweise Durchsetzung in vielen Staaten Europas und in der Europ&auml;ischen Union. Die Lissabon-Strategie, der Bologna-Prozess, das Lambsdorff-Papier von 1982 und die Agenda 2010 sind infiziert vom gleichen Geist: Privatisierung, Deregulierung, Abbau des Sozialstaats, Stagnation und realer R&uuml;ckgang der Masseneinkommen auf der einen Seite und das freie Floaten der Spitzeneinkommen nach oben auf der andern Seite, Entstaatlichung, Pl&uuml;nderung &ouml;ffentlichen Verm&ouml;gens zu Gunsten der Konten und Taschen der Herrschenden, &hellip; <\/p><p>An diesem Prozess der Entsolidarisierung wirken bis heute auch in Europa Personen mit, die ihr Handwerk bei Pinochet gelernt haben. Bei Naomi Klein begegnete ich auf Seite 113 einem alten Bekannten: Jos&eacute; Pi&ntilde;era. Er war bei Pinochet Minister f&uuml;r Arbeit und Bergbau und hat 1980 dort die Privatisierung der Altersvorsorge f&uuml;r die Arbeitnehmer durchgesetzt. Seit dem Ende der Ost-West-Konfrontation in Europa betreibt Pi&ntilde;era sein Beratungsgesch&auml;ft in Europa. Sein Wirken ist in der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; (erschienen 2004) beschrieben. Ich zitiere eine Passage (S. 380 ff.):<\/p><blockquote><p>Zu den wirksamsten F&ouml;rderern der neoliberalen Reformbewegung geh&ouml;ren Institutionen und Personen, die auf internationaler Ebene aktiv sind, vor allem die mit der Autorit&auml;t der internationalen Gemeinschaft ausgestattete Weltbank und der Internationale W&auml;hrungsfonds (IWF). So hat zum Beispiel Robert Holzmann, bei der Weltbank Abteilungsleiter f&uuml;r soziale Sicherheit, jahrelang die private Altersvorsorge propagiert. Und der IWF hat, noch unter der Federf&uuml;hrung von Horst K&ouml;hler, in vielen L&auml;ndern neoliberale Reformen erzwungen und auf einseitige, neoliberal gepr&auml;gte Sparma&szlig;nahmen gedr&auml;ngt.<br>\nEine Person bedarf in diesem Zusammenhang der besonderen Erw&auml;hnung: Jos&eacute; Pi&ntilde;era und sein &raquo;International Center for Pen&shy;sion Reform&laquo;. Jos&eacute; Pi&ntilde;era war Arbeitsminister unter Chiles Diktator Pinochet und hat in dieser Funktion den Arbeitnehmern dort 1980 die private Vorsorge aufgezwungen &ndash; mit all den damit verbundenen Nachteilen f&uuml;r die Mehrheit der Chilenen. Pi&ntilde;era ist seitdem als Lobbyist und Propagandist der Privatvorsorge und der internationalen Finanzindustrie t&auml;tig. Er r&uuml;hmt sich der Beratung vieler L&auml;nder und Regierungen bei ihrem Weg zur Abl&ouml;sung sozialer Sicherungssysteme und der Einf&uuml;hrung privater Rentenversicherungen: In S&uuml;damerika und Osteuropa, in Gro&szlig;britannien und Australien, in Kasachstan und auch bei uns in Deutschland hat er seine Spuren hinterlassen. Was er zum Beispiel in einem Artikel f&uuml;r das Wallstreet Journal Europe am 25. Juni 1998 &uuml;ber das angebliche Scheitern des Umlageverfahrens und die Vorteile des Kapitaldeckungsverfahrens geschrieben hat, findet sich nahezu wortgleich in den &Auml;u&szlig;erungen von Schwarz und Gelb, von Rot und Gr&uuml;n in Deutschlands Renten- und Demographiedebatte wieder. Wer sich durch die Seiten seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.pen%C2%ADsionreform.org\">www.pen&shy;sionreform.org<\/a> 87 klickt, der bekommt einen zugleich umfassenden wie auch bedr&uuml;ckenden Eindruck von der Dimension und dem weltumspannenden Charakter seiner Aktivit&auml;ten. Der Arbeits&shy;minister Pinochets als Ghostwriter einer rotgr&uuml;nen Koalition in Deutschland &ndash; das h&auml;tte ich mir noch vor zehn Jahren nicht einmal in einem sehr schlechten Traum vorstellen k&ouml;nnen. Doch die Parallelen gehen bis in die Terminologie: Auf seiner pers&ouml;nlichen Website www.josepinara.com pr&auml;sentierte Pi&ntilde;era im Mai 2004 die &raquo;Agenda Chile 2010&laquo;.<\/p><\/blockquote><p>Machen Sie sich das zweifelhafte Vergn&uuml;gen, auf <a href=\"http:\/\/www.josepinera.com\/pag\/pag_tex_penschile_ge.htm\">diese Webseite<\/a> zu klicken.<br>\nDort finden Sie einen Text von Pi&ntilde;era auf Deutsch: &bdquo;Auf dem Weg zum m&uuml;ndigen B&uuml;rger: Reform der Altersversorgung am Beispiel Chiles. Das Gespenst bankrotter staatlicher Rentensysteme.&ldquo;<br>\nPinochets Arbeitsminister besch&ouml;nigt in diesem Beitrag die Lage der privatisierten Rentenversicherung in Chile auf dreiste Weise. Und er argumentiert im Kern so, wie die Vertreter der Riester-Rente und der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters bei uns argumentieren. Bitter kann man da nur feststellen: Riester und M&uuml;ntefering, R&uuml;rup, Miegel und Raffelh&uuml;schen stehen in der Tradition des 1980 mit Gewalt gemachten Experiments in Chile.<br>\nDie Privatisierung der Altersvorsorge hat in Chile &uuml;brigens die Gefahr gro&szlig;er Altersarmut heraufbeschworen. Darauf wies der damalige Pr&auml;sident Chiles, Lagos, bei einem Besuch in Berlin hin:<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" style=\"padding: 5px\" src=\"upload\/bilder\/071221.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Eine andere bemerkenswerte Parallele ist die damals in Chile nach dem Umsturz <strong>bewusst erzeugte Massenarbeitslosigkeit<\/strong>. In Chile hat man damals hunderttausende von Menschen aus dem &ouml;ffentlichen Sektor entlassen. Milton Friedmann empfahl diese Methode mit der Begr&uuml;ndung, die Entlassenen &bdquo;bek&auml;men rasch im Privatsektor neue Jobs, der bald boomen werde, wenn Pinochet so viele Hindernisse wie m&ouml;glich beseitige, die jetzt den privaten Markt einschr&auml;nken.&ldquo; Dieser Glaube bewahrheitete sich nicht. Und dennoch leben in diesem Glauben auch eine Reihe der bei uns f&uuml;r den mehrmaligen Abbruch einer beginnenden guten Konjunktur Verantwortlichen. Bei uns hat man den &ouml;ffentlichen Sektor ausged&uuml;nnt. Und man hat zus&auml;tzlich eine restriktive Geld- und Fiskalpolitik betrieben, die uns in den achtziger Jahren und dann vor allem ab 1993 und noch einmal ab 2001 eine beachtlich gro&szlig;e &bdquo;Reservearmee&ldquo; von Arbeitslosen bescherte. Das war nicht ganz so radikal wie in Chile. Aber es hat eine &auml;hnliche Wirkung: Druck auf die L&ouml;hne und Masseneinkommen der arbeitenden Bev&ouml;lkerung und Anstieg der Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen. Ich nenne die bewusste Erzeugung von Arbeitslosigkeit antidemokratisch.<\/p><p>Genau die gleiche Bewertung verdient <strong>die bewusste Verschlechterung der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung<\/strong>. Es ist kein Geheimnis, dass Armut ein Teufelskreis ist und die Chancen der in Armut lebenden Erwachsenen und Kinder auf eine gleichwertige Beteiligung nachhaltig mindert. Das ist keine Basis f&uuml;r ein demokratisches Leben.<br>\nDie g&auml;ngige Polemik gegen die Vorstellung, alle Menschen seien gleich, und die bewusst betriebene Spaltung unserer Gesellschaft gr&uuml;nden auf antidemokratischen Vorstellungen.<br>\nIn einer Demokratie absolut unertr&auml;glich ist <strong>das massenhafte Pl&uuml;ndern &ouml;ffentlichen Verm&ouml;gens<\/strong>, wie wir das nach dem Putsch in Chile von 1973 an erlebten und bei uns heute erleben. Der Ausverkauf auch unseres Landes wird zur Zeit massiv betrieben &ndash; weil einige Personen und einige Gruppen daran ma&szlig;los verdienen und verdienen wollen. Auch hier ist die Parallele zum Experiment Chile bedr&uuml;ckend.<br>\nEin weiteres Beispiel ist die <strong>bewusst betriebene Dominanz der Wirtschaft und des gro&szlig;en Geldes im &ouml;ffentlichen Leben<\/strong>. Was so sch&ouml;n klingt wie Zivilgesellschaft oder F&ouml;rderung des Stiftungswesens, l&auml;uft im Kern h&auml;ufig auf eine Ent-Demokratisierung des &ouml;ffentlichen Lebens hinaus. Unsere Universit&auml;ten werden dem Einfluss des Staates schrittweise entzogen und Gremien &uuml;berlassen, in denen Vertreter der Wirtschaft das Sagen haben. Die &Ouml;ffentlichkeit darf allerdings weiter zahlen. Wenn &ouml;ffentliche Leistungen durch Mittel aus Stiftungen und durch Sponsoring ersetzt werden, ist damit in der Regel verbunden, dass der Einfluss finanzieller Interessen w&auml;chst und der der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit schwindet. So ist es offensichtlich gewollt.<\/p><p>Das arme Chile hat vieles davon vorgelebt. Dort k&ouml;nnte man offensichtlich viel lernen. Vor allem dies: Dagegen aufstehen. Noch mehr, als es sich schon abzeichnet. Das ist mein Neujahrswunsch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Jahresabschluss notiere ich ein paar Gedanken, die die Lekt&uuml;re des Chile-Teils von Naomi Kleins &bdquo;Schock-Strategie&ldquo; ausl&ouml;sten, teilweise auch nur zur&uuml;ckholten. Naomi Klein beschreibt dort die enge Kooperation zwischen den Chicago Boys um Milton Friedman und dem chilenischen Diktator Pinochet und seinen Schergen. 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