{"id":2857,"date":"2007-12-21T14:11:30","date_gmt":"2007-12-21T13:11:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2857"},"modified":"2015-12-03T11:33:43","modified_gmt":"2015-12-03T10:33:43","slug":"ard-und-zdf-erleiden-zuschauerverluste-ist-das-wirklich-so-erstaunlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2857","title":{"rendered":"ARD und ZDF erleiden Zuschauerverluste \u2013 Ist das wirklich so erstaunlich?"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Tage konnte man im <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,523550,00.html\">Spiegel<\/a> lesen: &bdquo;Quoten von ARD und ZDF st&uuml;rzen auf historisches Tief&ldquo;. In der Tat ist das ein trauriger Rekord,<br>\nwenn die ARD nach eigener Prognose in diesem Jahr nur einen Marktanteil von 13,4 Prozent (Vorjahr: 14,2) erreicht und das ZDF nur noch mit einem Marktanteil von 12,8 Prozent (Vorjahr: 13,6) rechnet. Die &ouml;ffentlich-rechtlichen &bdquo;Hierarchen&ldquo; wiegeln ab, die Verleger mit eigenen Fernsehkan&auml;len lassen in ihren Printmedien klammheimlich dar&uuml;ber jubeln oder reklamieren mal wieder eine &bdquo;Strukturreform&ldquo;. K&ouml;nnte diese Abstimmung mit der Fernbedienung aber nicht einfach daran liegen, dass sich eine gro&szlig;e Mehrheit der Zuschauer mit ihrem realen Erfahrungshorizont bei ARD und ZDF immer weniger wieder finden? Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nIch will mit einem Bekenntnis beginnen: Ich bin ein &uuml;berzeugter Verfechter des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks, bei dem alle gesellschaftlich relevanten Gruppen eine Mitsprache und ein Kontrolle &uuml;ber die Erf&uuml;llung des gesetzlichen Programmauftrags der Sender haben. Ich halte die Geb&uuml;hrenfinanzierung f&uuml;r richtig, weil die Inhalte des Kommerzfernsehens von denjenigen bestimmt werden, die ihre Werbung an die Konsumenten bringen wollen. Die Aussage, des ehemaligen  RTL-Chefs Thoma, &bdquo;der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht den Angler&ldquo; ist f&uuml;r mich bezeichnend f&uuml;r ein zynisches Verh&auml;ltnis zum Zuschauer. Ich halte die Akzeptanz der &ouml;ffentlich-rechtlichen Vollprogramme f&uuml;r einen wichtigen Faktor der demokratischen Meinungsbildung. Sie m&uuml;ssten ein Kulturtr&auml;ger sein, der nicht zuletzt auch zur gesellschaftlichen Identifikation und Integration beitragen kann. Insofern bedaure ich, dass die Reichweite der &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender gegen&uuml;ber der meist kommerziellen Konkurrenz abnimmt.<\/p><p>Ich bin auch kein Quotenfetischist, denn f&uuml;r mich ist der &ouml;ffentliche Rundfunk auch dazu da, die W&uuml;nsche und Bed&uuml;rfnisse von Minderheiten zu befriedigen. Selbst wenn Arte, 3Sat oder Phoenix geringe Einschaltquoten haben, ja selbst wenn ich sie selbst nicht allzu h&auml;ufig verfolge, so ist es mir wichtig und meine Geb&uuml;hr wert, wenn Programme dieser Art und Qualit&auml;t angeboten werden. Mir ist allerdings auch klar, dass dauerhaft niedrige Einschaltquoten dazu benutzt w&uuml;rden, die allgemeine Rundfunkgeb&uuml;hr in Frage zu stellen.<\/p><p>Von den Programmverantwortlichen von ARD und ZDF werden viele Gr&uuml;nde als Begr&uuml;ndung f&uuml;r den R&uuml;ckgang angeboten, etwa, dass dieses Jahr eben keine Fu&szlig;ball-WM war, dass 2007 wenig politische Gro&szlig;ereignisse bot oder einfach, dass die Zahl der Sender zugenommen hat und die &bdquo;Piranhas am K&ouml;rper der Gro&szlig;en nagen&ldquo; (so Thomas Bellut).<\/p><p>Dass &bdquo;der Kuchen unter  immer mehr Sender aufgeteilt wird&ldquo; (so ARD-Programm Chef G&uuml;nter Struve)  scheint auf den ersten Blick plausibel, wenn man bedenkt, dass im GfK-TV-Panel im Auftrag der AGF (Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung) derzeit 700 Sender erhoben werden. Es ist gar nicht zu bestreiten, dass es vor zehn oder f&uuml;nfzehn Jahren nur einen Bruchteil davon gab. Diese fast un&uuml;berschaubare Zahl an Sendern in der digitalen Fernsehwelt relativiert sich jedoch, wenn man erf&auml;hrt, dass von den 600 frei empfangbaren Sendern (zus&auml;tzlich zu den etwa 100 verschl&uuml;sselten Bezahl-Sendern) gerade einmal 41 Sender einen kumulierten Zuschaueranteil von 96,5 Prozent erreichen. D.h. umgekehrt, auf alle &uuml;brigen 559 sog. Free-TV-Sender entf&auml;llt nur ein gemeinsamer Marktanteil von insgesamt 1 Prozent.<br>\nEs gibt die plausible These, dass je st&auml;rker sich der &bdquo;Markt&ldquo; fragmentiere, desto st&auml;rker werde der Sog der etablierten Programme. (<a href=\"http:\/\/www.presseportal.de\/pm\/42713\/1096378\/sevenone_media_gmbh\/\">So etwa Dr. Andrea Malgara, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Marketing SevenOne Media<\/a>)<br>\nDas hei&szlig;t, wer sich nicht t&auml;glich durch das nicht mehr &uuml;berschaubare Angebot k&auml;mpfen will und kann, verl&auml;sst sich lieber auf die gro&szlig;en und bekannten Sender.<\/p><p>Doch auch die etablierten Sender haben in diesem Jahr bis auf den Abspielkanal Vox auf niedrigere Einschaltquoten. Laut Spiegel ist RTL  mit 12,5 Prozent (Vorjahr: 12,8) so schlecht wie seit 1990 nicht mehr. Sat.1 und ProSieben liegen mit 9,6 Prozent und 6,5 Prozent (Vorjahr: 9,8 und 6,6) unter dem Niveau von 1991. Nur der kleine Sender Vox kann mit 5,7 Prozent (Vorjahr: 4,8) einen neuen Rekord aufstellen. Die Dritten kommen auf 13,3 Prozent (Vorjahr: 13,5).<\/p><p>Der R&uuml;ckgang der Zuschauerquote der meisten gro&szlig;en Sender muss deshalb wohl auch noch andere Gr&uuml;nde als die Programmvermehrung haben. Bei ein wenig mehr Selbstkritik k&ouml;nnten die Programmverantwortlichen die Antwort aus einer Umfrage des <a href=\"http:\/\/www.medienhandbuch.de\/prchannel\/details-12034.html%20\">Marktforschungsinstituts &bdquo;Ipsos&ldquo; vom August 2007<\/a><br>\nablesen. Darin stellen die Zuschauer dem Fernsehen ein vernichtendes Zeugnis aus: Mehr als die H&auml;lfte aller Zuschauer (50,5 Prozent) glauben TV-Berichten nicht mehr. Knapp 60 Prozent finden, das Fernsehprogramm sei &ldquo;d&uuml;mmer&rdquo; geworden.<br>\nIn Deutschland scheint sich mit der &bdquo;Amerikanisierung&ldquo; der Medien ein Vertrauensverlust einzustellen, wie er in den USA noch viel ausgepr&auml;gter ist: Dort sind 74 Prozent der Zuschauer mit der Qualit&auml;t unzufrieden und 61 Prozent sind der Ansicht, dass die klassischen Medien den Kontakt zum B&uuml;rger verloren haben.<\/p><p>Dieser Verlust an Bezug zur Wirklichkeit der Zuschauer ist nach meiner Meinung ein ganz wesentlicher Grund warum gerade auch die prestigetr&auml;chtigen Nachrichtenmagazine wie die ARD-&bdquo;Tagesthemen&ldquo; mit einem Anteil von nur noch 10 Prozent und das ZDF- &bdquo;heute journal&ldquo; mit 12 Prozent an Zuschauerinteresse eingeb&uuml;&szlig;t haben.<br>\nAls relativ regelm&auml;&szlig;iger Nutzer dieser Nachrichtensendungen frage ich auch mich immer h&auml;ufiger, von welcher Welt reden die Moderatorinnen oder Moderatoren da eigentlich. Wenn etwa dort z.B. das ganze Jahr &uuml;ber st&auml;ndig vom &bdquo;gro&szlig;en Aufschwung&ldquo; geredet wird, so fragen sich die zwei Drittel der Menschen, die nach einer <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~E4EE70479C0CE4186B0910CB9066C76D2~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Allensbach-Umfrage<\/a> nichts vom Aufschwung gemerkt haben, von welchem Land sprechen die im Fernsehen eigentlich. Oder wenn Monat f&uuml;r Monat  die Arbeitsmarktzahlen gefeiert werden, so fragen sich die H&auml;lfte der Zuschauer, im Osten sind es gar zwei Drittel, die ihren Arbeitsplatz f&uuml;r unsicher halten, ob die Leute, die vor der Kamera frohe Botschaften verk&uuml;nden, nicht den Kontakt zur Arbeitswelt verloren haben. Wurde schon einmal dar&uuml;ber berichtet wie viele aus der Statistik in Billigjobs oder Leiharbeit gegangen sind? Man kann diese Diskrepanz zwischen dem was da im Fernsehen als Erfolg verk&uuml;ndet wird und der Wahrnehmung der Zuschauer auf ganz vielen Feldern beobachten. Nehmen wir etwa die ganz unverhohlene Propaganda von ZDF und auch von ARD f&uuml;r die private Altersvorsorge. Was haben die jetzigen Rentner, die ja &ndash; wie man h&ouml;rt &ndash; die wichtigste Sehergruppe der &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender geworden sind, davon, wenn sie tagt&auml;glich erleben, dass ihre Rente immer mehr gek&uuml;rzt wird. Was sollen die Leute von den auch im Fernsehen st&auml;ndig geforderten Reformen halten, wenn sie an jedem Monatsende beim Blick in ihren Geldbeutel feststellen m&uuml;ssen, dass ihnen mit jeder neuen Reform nur st&auml;ndig in ihre Taschen gegriffen wurde.<br>\nManchmal dr&auml;ngt sich einem bei der Kommentierung oder bei der Berichterstattung in unseren Sendern der Ausspruch der franz&ouml;sischen K&ouml;nigin Marie Antoinette auf: Wenn die Leute kein Brot haben, warum essen sie dann nicht einfach Kuchen.<\/p><p>Den gro&szlig;en &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern geht es bei ihrem dem politischen Zeitgeist folgenden Informationsangebot offenbar wie den gro&szlig;en Parteien. SPD und CDU erleben einen dramatischen Mitgliederschwund, ARD und ZDF einen Zuschauerschwund. Die W&auml;hler der gro&szlig;en Parteien fl&uuml;chten in die Wahlenthaltung, die Zuschauer der gro&szlig;en Sender stimmen mit der Fernbedienung ab und schalten ab oder fl&uuml;chten in die Unterhaltungswelt der privaten Sender.<\/p><p>Und die jungen Leute holen sich ihre Informationen lieber aus dem Internet. Ich kann das bei meinen eigenen erwachsenen Kindern beobachten: &ldquo;Was soll ich mir die Laberei in den Talk-shows oder im ARD-Pressclub antun, wo jeder behaupten kann, was er gerade f&uuml;r eine Meinung vertritt, wenn ich mir die mich interessierende Information in wenigen Minuten aus dem Internet holen kann?&ldquo; sagte mir unl&auml;ngst mein Sohn, als ich ihn fragte, ob ihn eigentlich Sabine Christiansen oder die Tagesthemen nicht interessierten.<br>\nIch konnte ihm nicht widersprechen. Warum sollte man den im Fernsehen st&auml;ndig herumgereichten sog. Experten wie Miegel, Straubhaar, Raffelh&uuml;schen, Sinn und wie sie alle hei&szlig;en m&ouml;gen noch &uuml;ber den Weg trauen, wenn man ihre interessenbezogenen Behauptungen mit wenigen Klicks in den Suchmaschinen widerlegen kann.<br>\nDa &bdquo;chillen&ldquo; (entspannen) die jungen Leute doch lieber im Unterhaltungsangebot der Kommerzsender ab, da wissen sie von vorneherein, dass das, was ihnen da geboten wird, nichts mit der Realit&auml;t zu tun hat.<\/p><p>Unl&auml;ngst meldeten die Zeitungen, dass 78 Prozent der Fernsehzuschauer die verwendeten Begriffe in den Fernsehnachrichten <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BILD\/entertainment\/TV\/2007\/12\/13\/tv-nachrichten\/zuschauer-verstehen,geo=3261474.html%20\">oft nicht verstehen<\/a><br>\n . Die Programmverantwortlichen meinten dazu ziemlich arrogant, die Nachrichtensendungen seien keine Volkshochschulen. Vielleicht sollte man ihnen einmal klar machen, dass Vieles was in den Nachrichten vorkommt, den Leuten einfach nichts sagt, weil sie in ihrer Lebenswelt nichts damit anfangen k&ouml;nnen oder ihre Erfahrung ihnen etwas ganz anderes sagt.<\/p><p>Es kann sicher nicht darum gehen, dass das Fernsehen, den Leuten nach dem Mund redet, aber zuh&ouml;ren sollten sie vielleicht schon mal, was die Leute reden. Vielleicht k&ouml;nnten ARD und ZDF dann auch wieder mehr Zuschauer erreichen. Das w&uuml;rde aber verlangen, dass statt sie statt Hofberichterstattung wieder eine kritische W&auml;chterrolle gegen&uuml;ber der Politik und den m&auml;chtigen Interessengruppen und deren Vertreter einn&auml;hmen. Eine W&auml;chterrolle stellvertretend f&uuml;r die Zuschauer und auf die sich die Leute verlassen k&ouml;nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage konnte man im <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,523550,00.html\">Spiegel<\/a> lesen: &bdquo;Quoten von ARD und ZDF st&uuml;rzen auf historisches Tief&ldquo;. In der Tat ist das ein trauriger Rekord,<br \/> wenn die ARD nach eigener Prognose in diesem Jahr nur einen Marktanteil von 13,4 Prozent (Vorjahr: 14,2) erreicht und das ZDF nur noch mit einem Marktanteil von 12,8 Prozent (Vorjahr:<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2857\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,183],"tags":[313,1255,1588,1701,1539,494,244],"class_list":["post-2857","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-medienkritik","tag-oerr","tag-einschaltquote","tag-private-medien","tag-prosieben","tag-rtl","tag-sat-1","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2857","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2857"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2857\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29337,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2857\/revisions\/29337"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}