{"id":28625,"date":"2015-11-11T09:20:54","date_gmt":"2015-11-11T08:20:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28625"},"modified":"2019-04-10T11:43:18","modified_gmt":"2019-04-10T09:43:18","slug":"nachdenkliches-zu-europa-und-unbekanntes-zu-russland-fragen-zu-nationalismus-und-fluechtlingskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28625","title":{"rendered":"Nachdenkliches zu Europa und Unbekanntes zu Russland \u2013 Fragen zu Nationalismus und \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c."},"content":{"rendered":"<p>Ein Abgrund tut sich auf, so will es vielen Zeitgenossen beim Blick auf das gegenw&auml;rtige Weltgeschehen, besonders auf die Vorg&auml;nge in Europa erscheinen, ein Abgrund, der die Werte der Nachkriegsgesellschaft &ndash; Menschenrechte, Solidarit&auml;t, Toleranz &ndash; verschluckt und an deren Stelle &uuml;berwunden geglaubte Gespenster des Nationalismus, des religi&ouml;sen Fanatismus oder gar des Faschismus in neuer Gestalt wieder aufsteigen l&auml;sst. Zu verdenken ist niemandem eine solche Sicht: die geistige Verschmutzung und das Elend des ukrainischen Krieges, die Verstetigung des Terrors in den Brutalit&auml;ten des &bdquo;Islamischen Staates&ldquo;, der besser Anti-Islamischer Staat genannt w&uuml;rde, der R&uuml;ckfall der Europ&auml;ischen Union in nationalistische Egoismen angesichts der &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo; m&uuml;ssen erschrecken. Vergleiche mit dem Ende des r&ouml;mischen Reiches werden gezogen, das trotz des Limes im Ansturm der hunnischen und germanischen V&ouml;lkerschaften unterging.  Thilo Sarazzins fade Prophezeiungen,  Deutschland schaffe sich ab, kommen zu neuen Ehren. Aber stimmt dieses Bild? Verweist das Anwachsen separatistischer Tendenzen, auch des aktuellen Nationalismus, ja, selbst die barbarische Kulturst&uuml;rmerei des &bdquo;IS&ldquo; &uuml;ber die Tagesereignisse hinaus nicht auch auf eine dahinter liegende Entwicklung, die in ihrer aktuellen Eskalation auf Ver&auml;nderung der gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnisse dr&auml;ngt? Ist  vielleicht nicht die Zivilisation am Ende, sondern nur die atlantische Dominanz, nicht Europa, sondern nur die imperiale EU, nicht Deutschland, sondern nur die gegenw&auml;rtige Verfasstheit Deutschlands als tendenzieller neuer Zuchtmeister Europas? Von <strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28625#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4767\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-28625-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151112_Nachdenkliches_zu_Europa_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151112_Nachdenkliches_zu_Europa_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151112_Nachdenkliches_zu_Europa_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151112_Nachdenkliches_zu_Europa_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=28625-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151112_Nachdenkliches_zu_Europa_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151112_Nachdenkliches_zu_Europa_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Damit kein Irrtum aufkommt zu dem hier Gemeinten: Keine Krankheit f&uuml;hrt automatisch zur Gesundung; solche Automatismen  m&uuml;ssten erst noch erfunden werden. Aber bei gr&uuml;ndlicher Diagnose w&auml;chst die Chance mit frischen Kr&auml;ften in einen neuen Lebensabschnitt einzutreten.<\/p><p><strong>Versuchen wir also eine Diagnose.<\/strong><\/p><p>Weltfrieden? Europ&auml;ische Solidargemeinschaft? Demokratie? &ndash; Die meisten Menschen sind sich mehr oder weniger im Klaren dar&uuml;ber, dass von einem Weltfrieden nicht die Rede sein kann, es sei denn, man gehe der systematisch verbreiteten Anma&szlig;ung  derer auf den Leim, die den atlantischen Binnenraum als Weltgemeinschaft ausgeben.<\/p><p>Aber schon die Aufl&ouml;sung des sowjetischen Imperiums entzieht sich einer solchen Sicht. Die Transformationskriege am Rande der ehemaligen Sowjetunion &ndash; Usbekistan, Tadschikistan, die Gebiete des Kaukasus &ndash; forderten mehrere zigtausend Menschenleben. Die meisten dieser Kriege endeten in Diktaturen neu entstandener, nationalistischer, keineswegs demokratischer, solidarischer oder gar subsidi&auml;r verfasster Gesellschaften. Das bisher letzte Beispiel aus dieser Reihe war und ist die Ukraine. Millionen von Fl&uuml;chtlingen retteten sich seinerzeit nach Russland; aktuell kamen auch gerade wieder eine Million Menschen aus der Ukraine. Aber wen in der &bdquo;Weltgemeinschaft&ldquo;, in der Europ&auml;ischen Union, in Deutschland hat es interessiert, wie Russland in einer Situation, in der die Staatlichkeit des Landes bis hin in die lokalen sozialen Strukturen und bis in die Familien hinein zusammengebrochen war, neue Solidarit&auml;t entwickeln konnte?<\/p><p>Im Gegenteil wurde Wladimir Putins Kennzeichnung dieses Zusammenbruchs als gr&ouml;&szlig;te soziale Katastrophe des 20.\/21. Jahrhunderts als revanchistischer Anspruch auf Wiederherstellung des russischen Imperiums denunziert, bestenfalls als Gro&szlig;mannssucht besp&ouml;ttelt oder Putin gar als anti-demokratischer M&ouml;chtegern-Stalin d&auml;monisiert. Die tats&auml;chliche Wiederherstellung sozialen Vertrauens im Lande, die in Russland gelungen ist und die allein Grundlage solidarischen Zusammenlebens sein kann, entzieht sich ganz offensichtlich dem westlichen Verst&auml;ndnis, das Solidarit&auml;t und Demokratie nicht nach der tats&auml;chlichen Lebenslage der Menschen, sondern nach der Einhaltung formal-demokratischer Regeln beurteilt &ndash; und die sind in Russland zweifellos weitaus weniger entwickelt als in Deutschland.<\/p><p>Und was ist mit dem &bdquo;IS&ldquo;, was mit der &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo;? Beide Ph&auml;nomene sind ja nicht vom Himmel gefallen, passender gesagt, nicht pl&ouml;tzlich aus dem Untergrund hochgeschossen: Das Aufkommen des &bdquo;IS&ldquo; ist Ausdruck einer Eskalation des Wiederspruchs zwischen den im Gewand des Fortschritts und der Menschenrechte auftretenden reichen L&auml;ndern des Westens und den von ihnen zur W&uuml;ste gemachten L&auml;ndern des S&uuml;dens, insonderheit des afrikanischen Kontinentes, in denen die aus den fr&uuml;heren Kolonien entstandenen Nationalstaaten, die meisten von ihnen Diktaturen, heute nur noch die Rolle von Agenturen internationaler Kreditgeber spielen. Sie haben die Ressourcen ihres jeweiligen Landes und Absatzm&auml;rkte zur Verf&uuml;gung zu stellen.  Im &Uuml;brigen haben sie das Land, in der Regel mit Gewalt, ruhig zu halten. Wo das nicht gelingt, sind die &bdquo;Special forces&ldquo; zur Stelle. Nur wenige L&auml;nder haben sich aus dieser Zange befreien k&ouml;nnen.<\/p><p>Seit Gr&uuml;ndung der Internationalen W&auml;hrungsordnung nach 1945 war erkennbar, wohin diese Entwicklung  f&uuml;hren musste: In die Zerst&ouml;rung lokaler M&auml;rkte, in das Anwachsen einer Heerschar &bdquo;&Uuml;berfl&uuml;ssiger&ldquo;, die ihre Zukunft, noch dazu gesteigert durch das rasante Bev&ouml;lkerungswachstum nicht mehr in ihren Heimatgebieten, sondern im reichen Westen suchen &ndash; sofern sie &uuml;berhaupt noch die Kraft haben, &uuml;ber eine Zukunft f&uuml;r sich nachzudenken. Demokratische, solidarische, gar subsidi&auml;re Gesellschaften konnten unter diesen Bedingungen jedenfalls nicht entstehen. Dass diese Entwicklung nur in einer globalen Revolte gegen die Verursacher dieses Elends enden konnte, war schon lange klar.  Der &bdquo;IS&ldquo; w&auml;chst  als vergiftete Speerspitze aus dieser Revolte hervor; die &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo; ist ein l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lliger Ausdruck  dieser Entwicklung.<\/p><p><strong>Erwachen der V&ouml;lker<\/strong><\/p><p>Ja, dies alles ist heute herrschende Realit&auml;t. Und dennoch ist damit nicht alles beschrieben. Unter all diesen Umst&auml;nden hat sich eine Tendenz herausgebildet, die einer der bekanntesten Strategen der USA, Zbigniew Brzezinski seinerzeit als &bdquo;awakening of people&ldquo; bezeichnet hat. Unter dem Druck der vom Westen ausgehenden neo-kolonialen Globalisierung sind als deren unvermeidliche Begleiterscheinung  immer mehr Menschen mit den M&ouml;glichkeiten bekannt geworden, die unsere Welt heute den Menschen zur Entfaltung ihrer Pers&ouml;nlichkeit bereitstellt &ndash; denjenigen, versteht sich, die Zugang zu diesen M&ouml;glichkeiten haben. Zu diesen zu geh&ouml;ren, tritt inzwischen bei einer wachsenden Zahl von Menschen als Verlangen nach Teilhabe an den Reicht&uuml;mern der Welt, nach Selbstbestimmung, nach Autonomie, in der Auseinandersetzung mit den herrschenden Kr&auml;ften als aktiver Separatismus oder, im pervertierten Fall des &bdquo;IS&ldquo;, als destruktiver pseudo-religi&ouml;ser Fanatismus zutage. Gegner sind in jedem Fall die etablierte Ausbeuterordnung der &bdquo;Weltgemeinschaft&ldquo; und deren lokale Statthalter.<\/p><p>Diese allgemeine Entwicklung macht auch vor der Europ&auml;ischen Union nicht halt, wenn sich die  schw&auml;cheren Mitglieder der Bevormundung und dem wirtschaftlichen Druck  durch die Gro&szlig;en der Kern-EU, allen voran durch Deutschland, nicht weiter beugen wollen. Von Binnenz&ouml;llen unbelastet w&uuml;rgt Deutschland als &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; die lokalen Wirtschaften der kleineren Mitgliedstaaten der EU ab, danach werden ihre Regierungen durch Kredithilfen in eine Abh&auml;ngigkeitsschleife gebracht, aus der f&uuml;r sie bei Beibehaltung der jetzigen Beziehungen kein Weg wieder herausf&uuml;hrt. Es ist der gleiche Mechanismus, mit dem die EU als Ganzes, wieder mit dem Motor Deutschland, die lokalen Wirtschaften in den nach-kolonialen L&auml;ndern in Abh&auml;ngigkeit h&auml;lt. Die &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo; ist nicht etwa die Ursache der Krise der EU; sie bringt das lange herangerollte Problem nur in die Sichtbarkeit der aktuellen Politik.  Um es in ein Bild zu fassen: in der &bdquo; Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo; laufen die langen Wellen der globalen und die aus der EU kommenden k&uuml;rzeren Wellen der Ausbeutungskonflikte aktuell zu m&auml;chtigen Brechern zusammen. Sie haben das Zeug, die Uferbefestigungen, auch wenn noch ein paar Sands&auml;cke aufgeworfen werden, glattweg zu &uuml;bersp&uuml;len und neue Uferkonturen entstehen zu lassen.<\/p><p>Kommt hinzu, dass die Entwurzelung  der Bev&ouml;lkerung in den aus den Kolonien hervorgegangenen Nationalstaaten, die dort aus der Zerst&ouml;rung der traditionellen Strukturen der Selbstversorgung ohne Aufbau von ad&auml;quaten Alternativen lokaler Wirtschaften resultiert, ihre Fortsetzung in der Europ&auml;ischen Union findet. In den Mitgliedstaaten, die in die Abh&auml;ngigkeit gedr&auml;ngt werden, nimmt die Verarmung der Bev&ouml;lkerung in dem Ma&szlig;e zu, wie das Bruttosozialprodukt in den Kern-L&auml;ndern der EU, vor allem Deutschlands w&auml;chst. Nehmen wir als letztes Beispiel Griechenland, das unter dem Druck seiner Kreditschulden dem von Br&uuml;ssel geforderten Abbau sozial-staatlicher Leistungen nachkommen musste &ndash; f&uuml;r Griechenland ein Fall ins Nichts, f&uuml;r Br&uuml;ssel eine Stabilisierung.<\/p><p>Aber nicht nur in Griechenland, auch in Spanien, Italien, Portugal, den Balkanl&auml;ndern f&uuml;hrt das Diktat der EU als &bdquo;Wettbewerbsgemeinschaft&ldquo;, dominiert vom &bdquo;Exportmeister&ldquo; Deutschland zu einer immer weiter auseinander gehenden Schere zwischen dem reichen Kern der EU und dr&uuml;ckender Armut in den peripheren Mitgliedsl&auml;ndern. Eine Pyramide der Ausbeutung innerhalb der EU ist entstanden, an deren Spitze Deutschland die Bedingungen diktiert; sogar Frankreich muss sich ducken. Arbeitslosigkeit, Niedrigl&ouml;hne und sinkende soziale Versorgung &ndash; runtergestaffelt von Norden nach S&uuml;den, von innen nach au&szlig;en &ndash; bilden die Basis der Pyramide.<\/p><p>Demokratie, Solidarit&auml;t und Subsidiarit&auml;t bleiben bei diesem Prozess nicht nur im globalen Ma&szlig;stab, nicht nur in der EU, sondern auch in Deutschland zunehmend auf der Strecke. Dar&uuml;ber werden t&auml;glich gen&uuml;gend Fakten ver&ouml;ffentlicht, so dass hier auf Details verzichtet werden kann. Aber je gr&ouml;&szlig;er der Druck der &bdquo;Wettbewerbsgemeinschaft&ldquo; EU, desto breiter wird die Basis und desto intensiver das Verlangen, diese Art der Gemeinschaft zu verlassen.  Initiativen f&uuml;r direkte Demokratie, f&uuml;r Autonomie, separatistische Bewegungen wie die in Schottland, in Katalonien, R&uuml;ckz&uuml;ge auf nationale Alleing&auml;nge in der EU wie die Ungarns, Austrittstendenzen wie die Englands, begleitet von nationalistischen Exzessen wie in der Ukraine, terroristischen wie denen des &bdquo;IS&ldquo; und anderswo sind Ausdruck dieser Entwicklung.<\/p><p>Kurz gesagt, es macht Sinn, im heute zu beobachtenden Chaos nicht nur den Schrecken des Zerfalls, der Revolte, der demonstrativen Zerst&ouml;rung von Menschen und Kultur, sondern auch die Dynamik der &Uuml;berwindung, wenn auch teils pervertiert, der f&uuml;r diese Entwicklung urs&auml;chlichen Herrschaftsstrukturen zugunsten kleinerer, &uuml;berschaubarer, autonomer miteinander auf Augenh&ouml;he kooperierender Lebenseinheiten zu erkennen &ndash; auch wenn klar ist, dass dieser &Uuml;bergang ein lang andauernder ist und noch viele Opfer kosten wird.<\/p><p>Wichtig ist wohl an dieser Stelle noch einmal in den Vergleich zu Russland zu gehen, das sich von deutschen Politikern und Medien in zunehmendem Ma&szlig;e als nationalistisch kritisieren lassen muss. Wladimir Putin erscheint in dieser Kritik gar als der leibhaftige Wiederg&auml;nger Hitlers, der das Land in einem nationalistischen Rausch und unter Inkaufnahme eines neuen Weltbrandes zu neuer  imperialer Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;hren wolle.<\/p><p>Ach, wollte doch nur einer dieser Kritiker Russland einmal von innen, das hei&szlig;t, von seiner sozialen und kulturellen Struktur her betrachten! Zum einen ist Russland zwar ein Zentralstaat, ohne Moskau geht gar nichts, zum anderen ist das Land aber nach Republiken und im Land miteinander lebender unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Sprachgruppen derartig vielgestaltig organisiert, dass es sich verbietet von einer russischen Nation zu sprechen. Alle Versuche eine solche Nation zu definieren, sind gescheitert. Das H&ouml;chste, was an &bdquo;nationaler&ldquo; Vereinheitlichung erreicht wurde, war der &sbquo;Gro&szlig;e Vaterl&auml;ndische Krieg&lsquo; unter Stalin. Gerade diese Formulierung, die Worte wie sowjetische oder russische Nation vermeidet, zeigt aber auch das vollkommen andere Verst&auml;ndnis von Vaterland oder Nation in Russland: Russland ist nach russischem Sprachgebrauch ein Vaterland vieler &bdquo;Nationen&ldquo;, d.h., ein Land von V&ouml;lkern mit eigener Sprache, Religion und Kultur sowie unterschiedlichster Republiken in unterschiedlichsten Stadien von Autonomie, die einen gemeinsamen Organismus vieler Vaterl&auml;nder im friedlichen Zusammenleben miteinander bilden. Der Zusammenhalt kann  nicht befohlen, er muss im Konsens immer wieder neu hergestellt werden. Putin ist ein Meister des Konsenses. Ausnahmen wie der Tschetschenienkrieg, der eine Sezession gewaltsam unterband, best&auml;tigen wie immer die Regel. Der Tatsache der Vielv&ouml;lker-Konsensgesellschaft tr&auml;gt Rechnung, dass dieser Organismus in Russland nicht als russisch, sondern als russl&auml;ndisch bezeichnet wird. Moskau, einer russl&auml;ndischen Redewendung folgend, ist auch heute immer noch weit.<\/p><p>Was den angeblichen aktuellen Nationalismus angeht, so mag ein Beispiel gen&uuml;gen: Der Tschuwaschische, im Herzen Russlands an der Wolga lebenden &bdquo;Nationalschriftsteller&ldquo; (eine ins Deutsche nicht &uuml;bersetzbare Formulierung) Michail Juchma, 79, sein Leben lang engagiert, die Tschuwaschische Kultur vor ihrer &Uuml;berformung durch  das Russische zu bewahren, aus dieser Position heraus ein scharfer Kritiker Putins, antwortete im Sommer 2015  auf die Frage, was er von der Politik Putins halte, er stimme Putin in seiner Au&szlig;enpolitik voll zu: &bdquo;Er verteidigt unser Vaterland&ldquo;. &bdquo;Unser Vaterland&ldquo;, erkl&auml;rt Juchma, das ist mein tschuwaschisches Vaterland im untrennbaren Zusammenhang des russl&auml;ndischen Organismus.<\/p><p>Wer im Glashaus sitzt, soll also nicht mit Steinen schmei&szlig;en, so k&ouml;nnte man diesen Artikel beenden. Anders gesagt: M&ouml;glicherweise k&ouml;nnen Europ&auml;er in ihrer Auseinandersetzung mit dem Nationalismus von der russl&auml;ndischen Realit&auml;t etwas lernen, zumindest Anregungen f&uuml;r ein Europa nach der Europ&auml;ischen Union gewinnen, das die unterschiedlichen Gewordenheiten der europ&auml;ischen Kulturen im lebendigen Konsens verbindet, statt sie weiter in ein Korsett der &bdquo;Wettbewerbsgemeinschaft&ldquo; zu schn&uuml;ren.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Kai Ehlers<\/strong> ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.kai-ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Abgrund tut sich auf, so will es vielen Zeitgenossen beim Blick auf das gegenw&auml;rtige Weltgeschehen, besonders auf die Vorg&auml;nge in Europa erscheinen, ein Abgrund, der die Werte der Nachkriegsgesellschaft &ndash; Menschenrechte, Solidarit&auml;t, Toleranz &ndash; verschluckt und an deren Stelle &uuml;berwunden geglaubte Gespenster des Nationalismus, des religi&ouml;sen Fanatismus oder gar des Faschismus in neuer Gestalt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28625\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,125],"tags":[1055,1426,1202,835,259,1203,260],"class_list":["post-28625","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-rechte-gefahr","tag-fluechtlinge","tag-hegemonie","tag-isis","tag-nationalismus","tag-russland","tag-separatismus","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28625"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28625\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50841,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28625\/revisions\/50841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}