{"id":2865,"date":"2008-01-03T09:25:07","date_gmt":"2008-01-03T08:25:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2865"},"modified":"2019-07-25T18:38:54","modified_gmt":"2019-07-25T16:38:54","slug":"mit-einer-steuerfinanzierten-mindestrente-wuerde-die-gesetzliche-rentenversicherung-sturmreif-geschossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2865","title":{"rendered":"Mit einer steuerfinanzierten Mindestrente w\u00fcrde die gesetzliche Rentenversicherung sturmreif geschossen."},"content":{"rendered":"<p>Der vom Vorsitzenden des Sachverst&auml;ndigenrates f&uuml;r die wirtschaftliche Entwicklung Bert R&uuml;rup geforderte Kurswechsel in der Rentenpolitik durch Einf&uuml;hrung einer <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/news\/_pv\/_p\/200050\/_t\/ft\/_b\/1371535\/default.aspx\/index.html\">steuerfinanzierten Sockel-Mindestrente f&uuml;r langj&auml;hrig Versicherte &uuml;ber dem Niveau der heutigen Grundsicherung<\/a> h&ouml;rt sich sozial an, hinterl&auml;sst jedoch sogleich eine faden  Beigeschmack. Schlie&szlig;lich sind einschneidende Verschlechterungen des Niveaus der gesetzlichen Rentenversicherung eng mit dem Namen Bert R&uuml;rup und der von Ex-Kanzler Schr&ouml;der eingesetzten &bdquo;R&uuml;rup-Kommisssion&ldquo;, verbunden: Drastische Absenkung des Rentenniveaus im Zuge der Rentenreform von Riester, der Einf&uuml;hrung des Nachhaltigkeitsfaktors  durch Rot-Gr&uuml;n sowie der &bdquo;Rente mit 67&ldquo; durch die Gro&szlig;e Koalition.<br>\nVon Ursula Engelen-Kefer ehemals DGB-Vizechefin und Mitglied der sog. R&uuml;rup-Kommission.<br>\n<!--more--><br>\nInzwischen sind die Alarmsignale drohender Altersarmut  nicht mehr zu &uuml;berh&ouml;ren. W&auml;hrend heute noch 25 Beitrags-Jahre (wohlgemerkt) mit einem Durchschnittseinkommen erforderlich sind, um in der Altersrente &uuml;berhaupt erst einen  Anspruch auf Altersrente in H&ouml;he der Grundsicherung von 660 Euro im Monat zu erreichen,  m&uuml;ssen es 2030 bereits 30 Jahre sein.<\/p><p>Um Missverst&auml;ndnissen vorzubeugen: Nat&uuml;rlich w&auml;re es gut, wenn auch Geringverdiener mit 35 Beitragsjahren eine  Rente erhielten, die h&ouml;her ist als die heutige Grundsicherung. Doch R&uuml;rups neuer Vorschlag einer stuerfinanzierten Mindestrente birgt die Gefahr einer noch weitergehenden Aush&ouml;hlung beitragsfinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung, die bekanntlich den Schutz des Grundgesetzes hat.<br>\nWas Professor R&uuml;rup vorschl&auml;gt, w&auml;re eher ein weiteres Kurieren an den Symptomen, nicht jedoch die notwendige Bek&auml;mpfung der Ursachen der wachsenden Altersarmut.<br>\nWie die bittere  Erfahrung lehrt, w&auml;re eine steuerfinanzierte Mindestrente bei Haushaltsproblemen der jeweiligen Regierungen noch viel leichter K&uuml;rzungsman&ouml;vern ausgesetzt als die beitragsfinanzierte Rente. Denn der f&uuml;r die beitragsfinanzierte gesetzliche Rentenversicherung geltende Schutz des Grundgesetzes w&uuml;rde dann entfallen. Davon abgesehen k&auml;men auf die Steuerzahler  erhebliche zus&auml;tzliche Belastungen zu, die R&uuml;rup nicht beziffert und die derzeit kaum abzusehen sind.<br>\nNach  den vielen Entt&auml;uschungen durch die so genannten &bdquo;Rentenreformen&ldquo; &ndash; die alle auf weitere K&uuml;rzungen der Rentenleistungen hinausliefen &ndash; w&uuml;rde dies das bereits  stark  angeschlagene Vertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung  weiter besch&auml;digen.<br>\nWie schon bei fr&uuml;heren &bdquo;Rentenreformen&ldquo; k&ouml;nnten sich allein die privaten Versicherer   einmal mehr ins F&auml;ustchen lachen.<\/p><p>Notwendig w&auml;re die Bek&auml;mpfung der Ursachen der f&uuml;r immer mehr Arbeitnehmer drohenden Altersarmut. Hierzu muss die gesetzliche Rentenversicherung f&uuml;r langj&auml;hrig Versicherte grunds&auml;tzlich Rentenleistungen erm&ouml;glichen, welche die Lebensexistenz auch sichern k&ouml;nnen.  Dazu w&auml;re die Verbreiterung der Solidarit&auml;tsbasis durch eine Pflichtversicherung f&uuml;r alle Erwerbst&auml;tigen unerl&auml;sslich.<\/p><p><strong>R&uuml;ckblick auf den Paradigmenwechsel in der Rentenpolitik<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die pauschale Heraufsetzung des gesetzlichen Rentenalters auf 67 Jahre mit der Konsequenz h&ouml;herer Abschl&auml;ge bei den Renten in den wahrscheinlichen und h&ouml;chst realistischen F&auml;llen des vorzeitigen Ausscheidens aus dem Erwerbsleben geht auf langj&auml;hriges Betreiben von Bert R&uuml;rup  zur&uuml;ck. Die Erh&ouml;hung des Rentenalters wurde von der R&uuml;rup- Kommission mit gro&szlig;er Mehrheit verabschiedet.<\/li>\n<li>Eine Verbesserung des Zugangs in eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente  f&uuml;r  gesundheitliche besonders belastete Arbeitnehmer blieb eine Minderheitsmeinung von Vertretern der Gewerkschaften, der Sozialverb&auml;nde und einiger Wissenschaftler. Sie wurde von der Mehrheit der Mitglieder in der Kommission abgelehnt.<\/li>\n<li>Entsprechendes gilt f&uuml;r die Einf&uuml;hrung einer Pflicht-Erwerbst&auml;tigenversicherung, um die Solidarit&auml;tsbasis der gesetzlichen Rentenversicherung zu verbreitern und die Belastungen f&uuml;r den einzelnen Beitragszahler zu vermindern\n<p>Dies war die Fortsetzung  des &bdquo;Rot-Gr&uuml;nen&ldquo; Paradigmenwechsels in der Rentenpolitik: Einfrieren der Beitragss&auml;tze auf 20 Prozent bis zum Jahre 2020 und 22 Prozent bis 2030.<\/p><\/li>\n<li>Beschlossen wurde dies im Zuge der Einf&uuml;hrung der sog. Riesterrente: d.h. die &ouml;ffentliche F&ouml;rderung einer privaten Zusatzrente in H&ouml;he von 4 Prozent des Bruttoeinkommens (&uuml;ber mehrere Jahre gestaffelt). Der Pferdefu&szlig; f&uuml;r die gesetzliche Rentenversicherung war die gleichzeitige Absenkung des Rentenniveaus ebenfalls um 4 Prozent durch willk&uuml;rlichen Eingriff in die Rentenformel. Bittere Konsequenz f&uuml;r die Rentner: f&uuml;r alle wird das Niveau der Rentenleistungen um 4 Prozent gek&uuml;rzt <\/li>\n<li>unabh&auml;ngig davon, ob sie tats&auml;chlich eine private Riesterrente abgeschlossen haben oder nicht. Wie zu erwarten, trifft dies vor allem viele Menschen im unteren Einkommensbereich, die  auch bei gro&szlig;z&uuml;giger &ouml;ffentlicher F&ouml;rderung  gar keinen finanziellen Spielraum haben, f&uuml;r eine Zusatzrente zu sparen.<\/li>\n<li>Eine weitere Verschlechterung der Rentenleistungen in der Gesetzlichen Rentenversicherung  ist auch die von &bdquo;Rot Gr&uuml;n&ldquo; vorgenommene Einf&uuml;hrung des sog. Nachhaltigkeitsfaktors &ndash; mithin die weitere Absenkung des Rentenniveaus um die &bdquo;demographische Komponente&ldquo; &ndash; d.h. die Verschlechterung des Verh&auml;ltnisses von Beitragszahlern zu Rentnern.\n<p>Zwar konnte die volle Absenkung des Rentenniveaus zun&auml;chst nicht umgesetzt werden, da der Gesetzgeber eine Notbremse eingebaut hatte: die nominalen  Rentenleistungen durften nicht abgesenkt werden. Die Konsequenz waren allerdings jahrelange Null-Runden bei der Rentenanpassung und damit eine erhebliche Verschlechterung der realen Kaufkraft f&uuml;r viele Rentner. Gleichzeitig wurden die Belastungen f&uuml;r die Rentner durch den Gesetzgeber stark angehoben: h&ouml;here Eigenbeitr&auml;ge in der gesetzlichen Krankenversicherung mit dem H&ouml;hepunkt der Praxisgeb&uuml;hren, &Uuml;bernahme der vollen Beitr&auml;ge zur Pflegeversicherung. Hinzu kamen die  betr&auml;chtlichen Preissteigerungen sowie die Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer um 3 Prozent. Die f&uuml;r 2008 angek&uuml;ndigte Mini-Rentenerh&ouml;hung  wird bei weitem nicht einmal die Preissteigerungen ausgleichen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus nehmen Niedriglohnsektoren und prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse dramatisch zu. Daran hat auch die verbesserte Konjunktur und Besch&auml;ftigung im vergangenen Jahr wenig ge&auml;ndert. Weit &uuml;ber 6 Mio.  400-Euro-Jobs, bald  700 000 Leiharbeitsverh&auml;ltnisse,  1,3 Mio. &bdquo;Working Poor,  &uuml;ber 1 Mio. prek&auml;re Selbst&auml;ndige und &uuml;ber 1.2 Mio. Langzeitarbeitslose und 300 000 Ein-Euro-Jobs im Jahresdurchschnitt sprechen eine deutliche Sprache.<\/p><\/li>\n<\/ul><p><strong>Kurswechsel in der Renten- und Arbeitsmarktpolitik<\/strong><\/p><p>Die Alarmsignale zunehmender Altersarmut aus Wissenschaft, den Verb&auml;nden und der Deutschen Rentenversicherung Bund nehmen zu.<br>\nF&uuml;r die gesetzliche Rentenversicherung und die zuk&uuml;nftigen Rentner w&auml;re es ein Hoffnungssignal, wenn daraus die notwendigen Konsequenzen gezogen w&uuml;rden &ndash; vor allem durch die Beseitigung der Ursachen f&uuml;r die drastische Absenkung des Rentenniveaus:<\/p><ul>\n<li>Einf&uuml;hrung einer Pflicht-Erwerbst&auml;tigenversicherung zur Verbreiterung der Solidarit&auml;tsbasis, wobei in einem ersten Schritt die Selbst&auml;ndigen einbezogen werden sollten.<\/li>\n<li>Aussetzung der pauschalen Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 ,wenn geeignete Arbeitspl&auml;tze f&uuml;r &Auml;ltere fehlen und  die gesundheitlichen Belastungen ein l&auml;ngeres Erwerbsleben nicht erm&ouml;glichen;<\/li>\n<li>Erleichterung des Zugangs in eine abschlagsfreie existenzsichernde Erwerbsminderungsrente, wenn  gesundheitliche Belastungen dies erforderlich macht,<\/li>\n<li>steuerlicher Ausgleich an die gesetzliche Rentenversicherung f&uuml;r alle F&auml;lle, in denen durch gesetzliche Ma&szlig;nahmen Beitragsausf&auml;lle verursacht werden. Dies gilt sowohl im Falle  niedrigerer Beitragszahlungen f&uuml;r die 400 Euro Jobs, f&uuml;r Langzeitarbeitslose, f&uuml;r Ein-Euro Jobber wie f&uuml;r die Beitragsfreiheit bei Entgeltumwandlung f&uuml;r die tarifliche und betriebliche Altersvorsorge. <\/li>\n<\/ul><p>Einen Beitrag zur Verhinderung der weiteren Erosion der Beitr&auml;ge und Rentenleistungen leistete auch die Einf&uuml;hrung exsistenzsichernder Mindestl&ouml;hne.  Bleibt nur zu hoffen, dass  die hoffnungsvollen Ans&auml;tze beim Mindestlohn f&uuml;r Postzusteller konsequent f&uuml;r viele andere betroffenen Branchen fortgef&uuml;hrt werden und nicht im Wahlkampfget&ouml;se untergehen. Ein &uuml;berf&auml;lliger n&auml;chster Schritt ist die Allgemeinverbindlichkeit der f&uuml;r die Leiharbeit bereits seit eineinhalb Jahren vereinbarten Mindestl&ouml;hne zwischen DGB Gewerkschaften und zwei gro&szlig;en Zeitarbeitsverb&auml;nden.<br>\nWenn dann ein Element des Vorschlags von Bert R&uuml;rup aufgegriffen wird, n&auml;mlich bei der Mindestrente f&uuml;r langj&auml;hrige Versicherte auf die Anrechnung der Riesterrente zu verzichten, w&auml;re dies vielleicht sinnvoll.<br>\nWenn allerdings alle bereits beschlossenen Verschlechterungen des Rentenniveaus einschlie&szlig;lich der Rente mit 67 kompromisslos umgesetzt werden, bedeutet die von R&uuml;rup vorgeschlagene  steuerfinanzierte Mindest-Sockelrente ohne Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung einen weiteren gef&auml;hrlichen Aderlass f&uuml;r die vom Grundgesetz gesch&uuml;tzte beitragsfinanzierte gesetzliche Altersrente.<\/p><p>Die privaten Versicherungen k&ouml;nnten sich dar&uuml;ber einmal mehr die H&auml;nde reiben.<\/p><p><em>Siehe jedoch:<\/em><\/p><p><strong>Koalitionsexperten applaudieren R&uuml;rup<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/News\/Politik\/Deutschland\/_pv\/_p\/200050\/_t\/ft\/_b\/1371961\/default.aspx\/koalitionsexperten-applaudieren-ruerup.html\">Handelsblatt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der vom Vorsitzenden des Sachverst&auml;ndigenrates f&uuml;r die wirtschaftliche Entwicklung Bert R&uuml;rup geforderte Kurswechsel in der Rentenpolitik durch Einf&uuml;hrung einer <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/news\/_pv\/_p\/200050\/_t\/ft\/_b\/1371535\/default.aspx\/index.html\">steuerfinanzierten Sockel-Mindestrente f&uuml;r langj&auml;hrig Versicherte &uuml;ber dem Niveau der heutigen Grundsicherung<\/a> h&ouml;rt sich sozial an, hinterl&auml;sst jedoch sogleich eine faden Beigeschmack. 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