{"id":28665,"date":"2015-11-13T09:09:49","date_gmt":"2015-11-13T08:09:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28665"},"modified":"2015-11-13T10:46:06","modified_gmt":"2015-11-13T09:46:06","slug":"ein-dickes-ding-der-nsu-im-krimiformat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28665","title":{"rendered":"Ein dickes Ding: Der NSU im Krimiformat"},"content":{"rendered":"<p>Mit &bdquo;Die sch&uuml;tzende Hand&ldquo; legt Wolfgang Schorlau in altbew&auml;hrter Manier und dennoch anders sein Recherchewissen zum NSU-Komplex vor, indem er Privatdetektiv Dengler auf die Spur des M&ouml;rders von Uwe Mundlos und Uwe B&ouml;hnhardt setzt. Denglers achter Fall unterscheidet sich nicht nur im Umfang &ndash; es sind fast 400 lesenswerte Seiten &ndash; sondern auch in der Beweisf&uuml;hrung von seinen Vorg&auml;ngern. Schorlau f&uuml;hrt den Lesern immer wieder die Akteneintr&auml;ge zum angeblichen Selbstmord vor Augen und l&auml;sst sie die Unstimmigkeiten nachvollziehen. F&uuml;r bereits mit dem Fall Vertraute mag das p&auml;dagogische L&auml;ngen haben, f&uuml;r diejenigen, die durch das Label &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; von der Besch&auml;ftigung mit den L&uuml;cken in der Darstellung des Hergangs vom 4.11.2011 in Eisenach abgehalten wurden, k&ouml;nnte der beschrittene Weg ein &uuml;berzeugender sein. Von <strong>Sabine Schiffer<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28665#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nNachdem Georg Dengler anonym den Auftrag bekam, den Tod von Mundlos und B&ouml;hnhardt aufzukl&auml;ren, und nach der emp&ouml;rten Reaktion seiner Partnerin Olga, die dahinter einen Rehabilitationsversuch von rechtsextremistischen M&ouml;rdern vermutete, treffen sie auf Widerspr&uuml;che in den Akten und der Medienberichterstattung. Im Grunde tr&auml;gt Schorlau mithilfe seiner Protagonisten die Erkenntnisse der Untersuchungsaussch&uuml;sse zusammen und zeigt auf, dass das bisherige Narrativ &uuml;ber den Tod der beiden Terroristen nicht stimmen kann.<\/p><p>Dengler ermittelt, dass die Selbstmordthese nicht zu halten ist. Ja sogar, dass die beiden Toten nicht im Camper zu Tode gekommen sind, weil wichtige (T&ouml;tungs-)Spuren auf den Tatortfotos fehlen. Da das Wohnmobil bereits vor dem Bank&uuml;berfall auf dem Platz stand, wo angeblich das Terror-Trio NSU endete, sei zudem auch nur sehr unwahrscheinlich, dass Mundlos und B&ouml;hnhardt die Bankr&auml;uber gewesen sein k&ouml;nnten. Er f&uuml;hrt schlie&szlig;lich den Skandal vor Augen, wie die fehlerhafte Polizeiarbeit die Spurensicherung behinderte und sieht darin die Absicht, ein Auffliegen tieferliegender Strukturen von Rechtsterrorismus und Geheimdiensten zu verhindern. Wie im echten Leben der neuaufgelegten Untersuchungsaussch&uuml;sse, gibt es auch hier nach der erkenntnisreichen Lekt&uuml;re durchaus mehr Fragen als Antworten. Aber eine Fragestellung entgeht auch ihm, n&auml;mlich die Feststellung, dass von den Fahrr&auml;dern, die angeblich zur Flucht dienten und die im Campingbus h&auml;tten deponiert sein m&uuml;ssen, nicht eine Spur auftauchte und diese fehlenden Spuren ebenso wenig vermisst wurden, wie etwa die fehlenden Fingerabdr&uuml;cke der beiden Toten auf den im Wohnmobil gefundenen Waffen.  <\/p><p>In R&uuml;ckblenden erm&ouml;glicht der Roman die fiktionale Aufarbeitung des Anschlags in der K&ouml;lner Keupstra&szlig;e, bei dem flankierende Staatssch&uuml;tzer anwesend waren, ebenso wie beim Mord an Halit Yozgat in Kassel, und die Infragestellung des Mordmotivs im Fall Mich&egrave;le Kiesewetter. In dem Krimi sind auch die auf diese F&auml;lle bezogenen ermittelten Widerspr&uuml;che &uuml;berzeugend dargestellt und geeignet, die Leser neugierig zur&uuml;ckzulassen. Mittels des Bekanntenkreises Denglers, der einen &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; und einen Journalisten umfasst, leuchtet der Autor kritisch die Medienberichterstattung sowie den erstarkenden Rechtsextremismus und Rassismus in Deutschland aus. Der Bogen von den rassistischen Anschl&auml;gen Anfang der 1990er Jahre bis zu den asylfeindlichen und islamophoben Demonstrationen und Organisationen von heute wird plausibel gespannt und am Ende entsteht eine nicht optimistische Vision f&uuml;r die weitere Entwicklung.<\/p><p>Die Frage, ob dieses Land dem Ideal entspricht, dem er und Marius Brauer &ndash; sein Erfurter Gegen&uuml;ber in Form eines kritischen Polizisten &ndash; sich verpflichtet f&uuml;hlen, durchzieht den Roman. Einige bekannte Aspekte der Berichterstattung &uuml;ber den sog. NSU sowie den Th&uuml;ringer Heimatschutz tauchen hier wieder auf, etwa der aus dem Westen importierte Verantwortliche f&uuml;r das Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz, der wohl wesentlich mit dazu beitrug, dass rechtsextreme Organisationen aufgebaut und vor Verfolgung gesch&uuml;tzt wurden. Ungekl&auml;rt bleibt auch hier, warum die Exekution B&ouml;hnhardts und Mundlos zu dem Zeitpunkt stattfand. Aber Dengler hat eine These.<\/p><p>Schorlau ist hier vorsichtiger und teils zur&uuml;ckhaltender in der Interpretation der verst&ouml;renden Fundst&uuml;cke, als etwa in &bdquo;Das M&uuml;nchen-Komplott&ldquo;, wo er dem Oktoberfestattentat nachsp&uuml;rt, oder in &bdquo;Die blaue Liste&ldquo;, seinem Erstlingsst&uuml;ck, das den Mord an Treuhandchef Rohwedder als ungekl&auml;rt nachweist. Jedoch weist seine Vision am Schluss &uuml;ber f&uuml;r Viele &uuml;berhaupt Vorstellbares hinaus, als er in Person seines Erzfeindes beim BKA in Wiesbaden, der nun die F&auml;den beim Th&uuml;ringer Verfassungsschutz zieht, das Guthei&szlig;en von rassistischen Ausschreitungen wie in Heidenau sichtbar macht. <\/p><p>Das publizistische Prinzip bleibt wie gehabt, und wieder scheint Schorlau mit der Mischung aus recherchierten Fakten und fiktionalen Elementen n&auml;her an der Realit&auml;t zu sein, als ein Teil der Strafverfolgung und ein Gro&szlig;teil der Berichterstattung.<\/p><p>Lesebefehl!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Wolfgang Schorlaus Buch <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/die-schuetzende-hand\/978-3-462-04666-3\/\">&bdquo;Die sch&uuml;tzende Hand. Denglers Achter Fall&ldquo;<\/a> ist im KiWi-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. phil. Sabine Schiffer hat zur Islamdarstellung in den Medien promoviert. 2005 gr&uuml;ndete sie das Institut f&uuml;r Medienverantwortung, das sie seither leitet. Sie doziert und publiziert zu den Themen: Vierte contra F&uuml;nfte Gewalt, Kriegsmarketing, Stereotype im Mediendiskurs sowie Medienbildung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit &bdquo;Die sch&uuml;tzende Hand&ldquo; legt Wolfgang Schorlau in altbew&auml;hrter Manier und dennoch anders sein Recherchewissen zum NSU-Komplex vor, indem er Privatdetektiv Dengler auf die Spur des M&ouml;rders von Uwe Mundlos und Uwe B&ouml;hnhardt setzt. Denglers achter Fall unterscheidet sich nicht nur im Umfang &ndash; es sind fast 400 lesenswerte Seiten &ndash; sondern auch in der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28665\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,125,208],"tags":[955,1266,1641],"class_list":["post-28665","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-rechte-gefahr","category-rezensionen","tag-neonazismus","tag-nsu","tag-schorlau-wolfgang"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28665"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28668,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28665\/revisions\/28668"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}