{"id":287,"date":"2005-04-28T17:03:25","date_gmt":"2005-04-28T16:03:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=287"},"modified":"2016-03-14T17:22:07","modified_gmt":"2016-03-14T16:22:07","slug":"perspektive-deutschland-2004-eine-umfrage-die-exemplarisch-ist-fur-die-umdeutung-von-kritik-an-der-reform-politik-in-die-forderung-nach-weiter-gehenden-reformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=287","title":{"rendered":"\u201ePerspektive Deutschland 2004\u201c, eine Umfrage, die exemplarisch ist f\u00fcr die Umdeutung von Kritik an der \u201eReform\u201c-Politik in die Forderung nach weiter gehenden Reformen"},"content":{"rendered":"<p>Gro&szlig;es Tamtam d&uuml;rfte eine Online-Umfrage unter mehr als einer halben Million Teilnehmern entwickelt vom Unternehmensberater McKinsey und wohl finanziert von ZDF und Stern die n&auml;chsten Tage erregen. &bdquo;Deutschland in der Krise&ldquo;, &bdquo;Deutsche bekennen sich klar zu Reformen&ldquo;, &bdquo;Wir m&uuml;ssen konsequent den Weg weiter gehen&ldquo; sollen die Botschaften sein. Dass sich die Deutschen in ihrem Heimatland &uuml;berwiegend wohl f&uuml;hlen, dass sie sich aber sehr wohl Sorgen &uuml;ber den eingeschlagenen politischen Kurs machen oder dass sie mehr soziale Gerechtigkeit wollen, das wird bei der Interpretation dieser aufw&auml;ndigen Umfrage ausgeblendet, umgedeutet oder kommt allenfalls zwischen den Zeilen vor.<br>\n<!--more--><br>\nLassen wir einmal die Frage, ob mit Online-Umfragen ein repr&auml;sentatives Stimmungsbild gewonnen werden kann, au&szlig;en vor. Reden wir auch nicht dar&uuml;ber, dass ZDF und Stern nicht etwa ein renommiertes Meinungs- oder gar ein Sozialforschungsinstitut beauftragt, sondern die angebotenen Dienste der in ihrer gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Ausrichtung einschl&auml;gig bekannten Unternehmensberatungsfirma McKinsey in Anspruch genommen haben. <\/p><p>Schaut man bei &bdquo;ZDF.de&ldquo; auf die Darstellung der Ergebnisse, so verk&uuml;nden die &Uuml;berschriften folgende Hauptbotschaften: &bdquo;Gro&szlig;e Vertrauenskrise&ldquo;, &bdquo;Deutschland in tiefer Krise&ldquo;, &bdquo;85% bekennen sich klar zu Reformen&ldquo; und wollen den &bdquo;gesellschaftlichen Wandel&ldquo;. <\/p><p>Sieht man sich allerdings die Umfrageergebnisse im Detail an, so staunt man &uuml;ber solche Schlussfolgerungen: &bdquo;Die Stimmung in Deutschland ist schlecht&ldquo; lautet ein Fazit. Dabei ergibt das Umfrageergebnis, dass 64% der Deutschen &ndash; im Westen sind es sogar 75% &ndash; sich in ihrem Heimatland &bdquo;wohl f&uuml;hlen&ldquo;. Im lebensfrohen Frankreich sind es dagegen nur 62% und in &bdquo;bella Italia&ldquo; nur 53%, im wirtschaftlich angeblich so erfolgreichen England gar nur 46% und ganz schlecht ist die Gef&uuml;hlslage im papsttreuen Polen, wo sich nur 6% derzeit wohl f&uuml;hlen. Wenn in Deutschland also Depression herrscht, dann m&uuml;sste bei unseren Nachbarn mindestens schon Weltuntergangsstimmung herrschen und die Polen k&ouml;nnen eigentlich nur noch &bdquo;r&uuml;ber machen&ldquo;. <\/p><p>Wie so h&auml;ufig in den letzten Jahren, darf man sich in Deutschland aber nicht mit zufriedenstellenden Zust&auml;nden zufrieden geben, sondern die Stimmung der Deutschen muss mal wieder mies geredet werden. Dabei haben sie eine ziemlich realistische Sicht der Dinge, aus der sich ergibt, dass ihnen die derzeitigen Umst&auml;nde Sorgen machen und aus denen sich im R&uuml;ckschluss ergibt, dass sie kaum Vertrauen in die herrschende Politik bzw. in die &bdquo;Reformen&ldquo; setzen. Aber das darf nat&uuml;rlich so nicht &uuml;berkommen. Was eben nicht sein darf, das nicht sein kann. <\/p><p>Wen kann es eigentlich wundern, dass bei &uuml;ber 5 Millionen statistisch ausgewiesenen Arbeitslosen sich 56% der Befragten insgesamt, 74% der (Fach-) Arbeiter, 70% der Angestellten in der Privatwirtschaft, ja sich sogar 55% der Angestellten im &Ouml;ffentlichen Dienst Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen? Wer kann erstaunt sein, dass 66% die Situation auf dem Arbeitsmarkt als schlecht beurteilen? Ist es da nicht mehr als plausibel, wenn sich 85% Sorgen machen, dass sich ihre finanzielle Situation verschlechtert. <\/p><p>Ist es nicht eher eine massive Kritik an den Hartz-Gesetzen als Ausdruck einer schlechten Stimmung, wenn 68% nicht daran glauben, dass die Arbeitslosenzahlen zur&uuml;ck gehen? <\/p><p>Wenn man t&auml;glich aus allen Kan&auml;len zu h&ouml;ren bekommt, dass der internationale Wettbewerb die Verlagerung von Arbeitspl&auml;tzen erzwinge, wenn nicht L&ouml;hne und Arbeitnehmerrechte abgebaut w&uuml;rden, so w&auml;re es doch alles andere als &uuml;berraschend, wenn nicht mindestens 63% der Befragten der Meinung w&auml;ren, dass durch die Globalisierung Arbeitspl&auml;tze wegfallen. <\/p><p>Interessant ist, dass &ndash; trotz der t&auml;glichen Propaganda &ndash; die Kampagne zur Verl&auml;ngerung der Arbeitszeit bei den Leuten offenbar &uuml;berhaupt nicht verf&auml;ngt. Das zeigt sich etwa darin, dass 58% meinen, die Arbeit sei nicht gerecht verteilt. Nur 25% glauben daran, dass eine l&auml;ngere Arbeitszeit die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Wirtschaft erh&ouml;he, vielmehr sehen fast die H&auml;lfte der Befragten (46%) in weniger Arbeit mehr Chancen f&uuml;r Arbeitslose. Und jetzt kommt`s noch dicker: Nur etwas mehr als die H&auml;lfte der Befragten w&auml;re bereit auch nur 2 Stunden l&auml;nger zu arbeiten und nur um ein Drittel w&auml;re bereit irgendwelche Einkommensverzichte in Kauf zu nehmen, selbst wenn der Arbeitsplatz gef&auml;hrdet w&auml;re.<br>\nDiese Bockigkeit der Befragten muss die Befrager wirklich depressiv machen. <\/p><p>Geradezu &auml;rgerlich f&uuml;r den Leser, weil manipulativ ist die Umfrage, wenn es um die Alternative zwischen mehr Markt oder mehr Staat geht. Dabei werden vier Antwortm&ouml;glichkeiten vorgegeben: &bdquo;Mehr Staat&ldquo;, &bdquo;Mehr Markt&ldquo;, &bdquo;Viel mehr Markt&ldquo; und &bdquo;Markt pur&ldquo;. Bei soviel Markt ist es kein Wunder, wenn der Staat dabei schlecht abschneidet. Wer w&auml;re schon f&uuml;r mehr Staat? Die Frage nach mehr Sozialstaat, wurde &ndash; sicherheitshalber &ndash; erst gar nicht gesellt. Bei solcher Befragungsmethodik erkennt man die Absicht und man ist zu Recht verstimmt. <\/p><p>Ziemlich auffallen und penetrant wird das gesamtes &bdquo;Reform&ldquo;-Vokabular abgefragt. Jedoch, wenn man die Antworten einmal mit einander konfrontiert, kommt es doch f&uuml;r die Umfrager zu in ihren Interpretationstexten erkennbar unerw&uuml;nschten Ergebnissen: <\/p><p>Ja selbstredend, bei der von den Befragten als bedr&uuml;ckend empfundenen Realit&auml;t wollen 52% &bdquo;gesellschaftlichen Wandel&ldquo;, aber Wandel eben gerade nicht in die Richtung, wohin er derzeit abl&auml;uft, sondern &bdquo;ganz eindeutig&ldquo; in Richtung auf &bdquo;weniger soziale Unterschiede&ldquo;.<br>\n&bdquo;Ausgesprochen gro&szlig; ist der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit. Diese Tendenz zieht sich durch weite Teile der Umfrage&ldquo; liest man denn auch im Kleingedruckten, wenn man sich die M&uuml;he macht, nach den &Uuml;berschriften weiter zu lesen. <\/p><p>&bdquo;Die Eigenverantwortung wird zuk&uuml;nftig immer gr&ouml;&szlig;er &ndash; und das ist auch gut so. So sehen es vor allem die &auml;lteren Menschen&ldquo; hei&szlig;t es im Fazit dieser Fragestellung. Dass aber die gro&szlig;e Mehrheit durchschaut, was hinter der &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; wartet, und deshalb nur 43% hinter dieser Forderung stehen, bleibt unkommentiert. <\/p><p>Suggestiv ist auch die Fragestellung nach Studiengeb&uuml;hren: Ob man denn daf&uuml;r w&auml;re, &bdquo;wenn ausreichend Stipendien f&uuml;r finanziell Benachteiligte zur Verf&uuml;gung stehen&ldquo;. Obwohl also eine positive Antwort gerade zu aufgedr&auml;ngt wird, stimmen nur 25% zu und mit nochmals 16% weniger stimmen dem die Sch&uuml;ler und Studenten zu. <\/p><p>Man k&ouml;nnte noch viele Beispiele f&uuml;r methodisch unsaubere Fragen und ihre tendenzi&ouml;se Interpretation anf&uuml;hren. Es ist durchg&auml;ngig mit H&auml;nden zu greifen, welche Tendenz hinter dieser Meinungskampagne steht. Thomas Mitschke, der die Umfrage betreuende McKinsey-Direktor zieht aus der Umfrage den Schluss: &bdquo;Wir m&uuml;ssen es nur wollen und konsequent den Weg weitergehen, den wir eingeschlagen haben&ldquo;. Ja, &bdquo;wir&ldquo;, die McKinseys dieser Welt, m&uuml;ssen es nur wollen, egal was die Menschen von dem eingeschlagenen Weg halten m&ouml;gen. Denn &uuml;ber deren Meinung k&ouml;nnen die Unternehmensberater nur noch ein &bdquo;trauriges Fazit&ldquo; ziehen: &bdquo;Die Deutschen haben das Vertrauen in eine baldige Erholung der Wirtschaft und eine grundlegende Reform des Sozialstaates verloren.&ldquo; So hei&szlig;t es irgendwo ganz versteckt und am Ende einer langen Liste von Pressemitteilung &uuml;ber die &bdquo;Perspektive Deutschland&ldquo; aus dem Hause McKinsey. <\/p><p>Wie wahr! Deshalb ist wohl weniger bei &bdquo;den Deutschen&ldquo; als bei denen, die eben gerade diese &bdquo;grundlegende Reform des Sozialstaats&ldquo; wollen, die Stimmung so schlecht und deshalb m&uuml;ssen sie die miese Stimmung auf die B&uuml;rger &uuml;bertragen. <\/p><p>Was die Propagandisten der Umfrage mit der Angst, die sie damit weiter verbreiten, auf alle F&auml;lle vermeiden wollen, ist die trotzige Nachfrage, ob das Vertrauen der Deutschen in eine baldige Erholung der Wirtschaft nicht vor allem deshalb verloren gegangen ist, weil sie dem herrschenden wirtschaftspolitischen Kurs gr&uuml;ndlich misstrauen. <\/p><p>Quelle 1: <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/1\/0,1872,2069825,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/1\/0,1872,2069825,00.html\">ZDF &raquo;<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/\">Perspektive Deutschland &raquo;<\/a><\/p><p>P.S.: Studieren Sie lieber die Untersuchung selbst als die Pressemitteilungen. Wenn Sie beide miteinander vergleichen, k&ouml;nnen Sie allerdings den manipulativen Charakter der Interpretation der Umfragewerte erkennen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro&szlig;es Tamtam d&uuml;rfte eine Online-Umfrage unter mehr als einer halben Million Teilnehmern entwickelt vom Unternehmensberater McKinsey und wohl finanziert von ZDF und Stern die n&auml;chsten Tage erregen. &bdquo;Deutschland in der Krise&ldquo;, &bdquo;Deutsche bekennen sich klar zu Reformen&ldquo;, &bdquo;Wir m&uuml;ssen konsequent den Weg weiter gehen&ldquo; sollen die Botschaften sein. Dass sich die Deutschen in ihrem Heimatland<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=287\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,12,161],"tags":[275,312,393,1540],"class_list":["post-287","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-manipulation-des-monats","category-wertedebatte","tag-mckinsey","tag-reformpolitik","tag-stern","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=287"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32134,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions\/32134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}