{"id":2880,"date":"2008-01-09T15:13:48","date_gmt":"2008-01-09T14:13:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2880"},"modified":"2015-12-03T11:01:19","modified_gmt":"2015-12-03T10:01:19","slug":"bild-kampagne-gegen-die-gesetzliche-krankenversicherung-geht-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2880","title":{"rendered":"BILD-Kampagne gegen die gesetzliche Krankenversicherung geht weiter"},"content":{"rendered":"<p>Derzeit erleben wir mal wieder ein typisches Beispiel f&uuml;r den Kampagnen-Journalismus der BILD. Am 7.1.08 verlautbarte BILD eine Studie der Arbeitgeber-PR-Agentur INSM mit einer Horrormeldung: <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BILD\/news\/wirtschaft\/2008\/01\/07\/krankenkassen\/beitraege-steigen,geo=3417530.html\">&bdquo;Wegen Gesundheitsfonds &ndash; Kassen-Beitr&auml;ge bis zu 712 Euro pro Jahr rauf!&ldquo;<\/a>. Einen Tag sp&auml;ter lautete die Schlagzeile: <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BILD\/news\/wirtschaft\/2008\/01\/08\/gesundheitsfonds\/krankenkassen,geo=3426168.html\">&bdquo;Wirtschaft fordert Stopp des Gesundheitsfonds&ldquo;<\/a>. Und heute titelt BILD: <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BILD\/ratgeber\/geld-karriere\/2008\/01\/krankenkassen-teuer\/ratgeber-geld,geo=3433636.html\">&bdquo;So teuer kann`s werden&ldquo;<\/a>.<br>\nWir haben erl&auml;utert, <a href=\"?p=2878\">welche Absicht hinter dieser Kampagne steht<\/a>, n&auml;mlich das Inkrafttreten des von der Gro&szlig;en Koalition beschlossenen &bdquo;Gesundheitsfonds&ldquo; im Jahr 2009 zu stoppen und stattdessen einen Systemwechsel von der parit&auml;tisch zur komplett privat finanzierte Gesundheitsvorsorge, mit einer unsolidarischen, f&uuml;r alle gleich hohen &bdquo;Kopfpauschale&ldquo; durchzusetzen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nBILD ist keine Zeitung, die informiert und kommentiert, was die Rolle der Medien in einer Demokratie sein sollte, nein, BILD betreibt systematische Meinungsbeeinflussung zur Durchsetzung interessensbezogener politischer Ziele &ndash; Kampagnenjournalismus eben.<\/p><p>Die Manipulation der &Ouml;ffentlichen Meinung und der Druck auf die Politik laufen h&auml;ufig nach dem gleichen Schema ab, wie diesmal:<br>\nDie arbeitgeberfinanzierte &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; ver&ouml;ffentlicht eine von ihr in Auftrag gegebene Studie, die zu einem von den Arbeitgebern erw&uuml;nschten Ergebnis kommt. Diese Ver&ouml;ffentlichung w&uuml;rde kaum jemand aufgreifen, weil der Lobby-Charakter der INSM sich inzwischen herumgesprochen hat. Nun macht BILD die Studie zur Schlagzeile und pl&ouml;tzlich st&uuml;rzen sich Medien und Politik auf dieses Thema. In &bdquo;Tagesschau&ldquo; oder &bdquo;heute&ldquo; bekommt das Thema einen prominenten Rang und fast alle Zeitungen berichten und kommentieren.<br>\nIm Grundrauschen der Medien bekommt der Zuschauer den diffusen Eindruck, die Krankenkassen k&ouml;nnten schon wieder teurer werden, der &bdquo;Gesundheitsfonds&ldquo; scheint der Grund. Nach dem Stimmenwirrwarr bleibt zur&uuml;ck: Nichts Genaues wei&szlig; man nicht.<br>\nDie &uuml;brigen Medien gehen wieder zur Tagesordnung &uuml;ber, aber Bild zieht das Thema weiter hoch: &bdquo;Die Debatte um die Beitragsexplosion durch den Gesundheitsfonds wird immer heftiger!&ldquo;, hei&szlig;t es heute.<\/p><p>Prompt findet sich auch schon eine Ministerin, die den Start des &bdquo;Gesundheitsfonds&ldquo; in Frage stellt: Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU): &bdquo;Solange die Auswirkungen nicht im Detail gekl&auml;rt sind, steht eine Verschiebung (nach der Wahl 2009, WL) im Raum.&ldquo;<br>\nDamit ist das Thema auf der B&uuml;hne der Politik.<br>\nWenn es zu einer Verschiebung nach 2009 kommen w&uuml;rde, w&auml;re das erste Ziel erreicht: Dann kommen die Bundestagswahlen und wenn diese eine schwarz-gelbe Mehrheit br&auml;chten, w&auml;re man dem Ziel der Kampagne n&auml;her gekommen: CDU und FDP wollen ja die Kopfpauschale und den Ausstieg aus der parit&auml;tischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung.<br>\nGanz so wie das Handwerksverbandschef Otto Kentzler in BILD fordert: &bdquo;Die Politik &hellip;muss sich zu einer radikalen Kurskorrektur durchringen, die Kassenbeitr&auml;ge vom Lohn abzukoppeln.&ldquo;<\/p><p>BILD wei&szlig; nat&uuml;rlich auch, dass die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung f&uuml;r eine solidarisch finanzierten Krankenversorgung ist (die Idee einer B&uuml;rgerversicherung findet hohe Zustimmung), deshalb heizt das Boulevard-Blatt den Zorn der Beitragszahler weiter an und listet auf Basis der von der INSM Studie in die Welt gesetzten Beitragserh&ouml;hung auf 15,5 % in einer gro&szlig;en Vergleichstabelle von 50 Krankenkassen auf, wie viel das jeweilige Kassenmitglied angeblich monatlich mehr zahlen muss.<\/p><p>Durch die Tabelle, die ja Exaktheit vorspiegeln soll, bekommt die vom Gesundheitsministerium als &bdquo;unseri&ouml;s&ldquo; beurteilte Studie der INSM beim Leser einen Wahrheitsgehalt. Es soll &Auml;rger beim einzelnen gesch&uuml;rt werden: Schon wieder wird mir in die Tasche gegriffen, der Gesundheitsfonds ist schuld, er muss weg! Eine solche Reaktion soll beim Leser erreicht werden.<\/p><p>Die Tabelle ist jedoch in doppelter Hinsicht eine T&auml;uschung:<br>\nErstens wird das Ergebnis einer bestellten Auftragsstudie der Arbeitgeberlobby &ndash; also die Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge &ndash;  als Tatsache suggeriert.<br>\nZweitens wird der Leser auch noch bei der H&ouml;he der errechneten Mehrbelastungen get&auml;uscht. Die Berechnung der Tabelle bezieht sich &bdquo;auf Durchschnittseinkommen von 3077 Euro brutto\/Monat&ldquo;. Bei Angaben von solchen Durchschnittswerten kann man generell sagen, dass sie entweder nichts aussagen oder dass sie manipulativen Charakter haben. Beim Durchschnittseinkommen flie&szlig;t n&auml;mlich das Managergehalt genauso ein, wie das Einkommen des Niedrigl&ouml;hner. <\/p><p>Das <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Publikationen\/Querschnittsveroeffentlichungen\/Datenreport\/Downloads\/1PreiseVerdiensteArbeitsk,property=file.pdf\">Statistische Bundesamt [PDF &ndash; 584 KB]<\/a> weist im Jahr 2005 z.B. f&uuml;r Arbeiter einen durchschnittlichen Bruttoverdienst von 2.542 Euro (im Osten 1.960 Euro) aus. Dementsprechend l&auml;ge die in der Tabelle ausgewiesene Mehrbelastung deutlich niedriger.<br>\nAber aus noch einem anderen Grund ist die Tabelle irref&uuml;hrend: Ab einem Monatseinkommen von 3.937,50 k&ouml;nnen sich Arbeitnehmer privat versichern &ndash; und das tun viele Besserverdiende auch, um die Vorteile der Zwei-Klassen-Medizin zu genie&szlig;en. Das hei&szlig;t, die Durchschnittseinkommen der Gruppe der gesetzlich Pflichtversicherten liegen erheblich niedriger. Auch deshalb wird der Durchschnittsbetrag der Mehrbelastung in der BILD-Tabelle zu hoch ausgewiesen.<\/p><p>Schon daran l&auml;sst sich die mangelnde Seriosit&auml;t dieser Tabelle erkennen.<\/p><p>Aber f&uuml;r den Kampagnen-Journalismus der BILD ist jede Manipulation recht. Hauptsache man kann damit seine politischen Ziele verfolgen.<br>\nAber kaum jemand greift diese hinterh&auml;ltige T&auml;uschung an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit erleben wir mal wieder ein typisches Beispiel f&uuml;r den Kampagnen-Journalismus der BILD. Am 7.1.08 verlautbarte BILD eine Studie der Arbeitgeber-PR-Agentur INSM mit einer Horrormeldung: <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BILD\/news\/wirtschaft\/2008\/01\/07\/krankenkassen\/beitraege-steigen,geo=3417530.html\">&bdquo;Wegen Gesundheitsfonds &ndash; Kassen-Beitr&auml;ge bis zu 712 Euro pro Jahr rauf!&ldquo;<\/a>. Einen Tag sp&auml;ter lautete die Schlagzeile: <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BILD\/news\/wirtschaft\/2008\/01\/08\/gesundheitsfonds\/krankenkassen,geo=3426168.html\">&bdquo;Wirtschaft fordert Stopp des Gesundheitsfonds&ldquo;<\/a>. Und heute titelt BILD: <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BILD\/ratgeber\/geld-karriere\/2008\/01\/krankenkassen-teuer\/ratgeber-geld,geo=3433636.html\">&bdquo;So<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2880\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,128,123],"tags":[459,1058,768,1544,769,343],"class_list":["post-2880","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","category-insm","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-bild","tag-gesundheitsfonds","tag-gkv","tag-kampagnenjournalismus","tag-kopfpauschale","tag-luegen-mit-zahlen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2880","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2880"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2880\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29323,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2880\/revisions\/29323"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2880"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2880"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}