{"id":2884,"date":"2008-01-11T08:55:44","date_gmt":"2008-01-11T07:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2884"},"modified":"2015-12-03T10:58:50","modified_gmt":"2015-12-03T09:58:50","slug":"erziehungscamps-haertere-strafen-und-schnellere-abschiebungen-als-allheilmittel-gegen-gewalttaetige-jugendliche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2884","title":{"rendered":"Erziehungscamps, h\u00e4rtere Strafen und schnellere Abschiebungen als Allheilmittel gegen gewaltt\u00e4tige Jugendliche?"},"content":{"rendered":"<p>Die Schlagzeilen &uuml;ber gewaltt&auml;tige Jugendliche h&auml;ufen sich in letzter Zeit. Es ist Wahlkampf in Hessen. Der noch amtierende Ministerpr&auml;sident Roland Koch (CDU) hat ein Thema gefunden, mit dem er seine &auml;u&szlig;erst durchwachsene Regierungsbilanz &uuml;berdecken will. Mit seinen Forderungen nach mehr Polizeipr&auml;senz, sch&auml;rferen Gesetzen, Erziehungseinrichtungen und schnelleren Abschiebem&ouml;glichkeiten f&uuml;r Ausl&auml;nder und seinen aggressiven T&ouml;nen ist er bei Kirchen- und Immigrantenvertretern auf heftige Kritik gesto&szlig;en sind. Der Zentralrat der Juden warf Koch vor, sein Wahlkampf unterscheide sich kaum von dem der rechtsradikalen NPD. Christine Wicht<br>\n<!--more--><br>\nKochs Kampagne &ndash; massiv gest&uuml;tzt von der Bild-Zeitung &ndash; zielt auf die &ndash; verst&auml;ndlichen &ndash; spontanen Rachegef&uuml;hle und das Mitleid der Menschen mit den beklagenswerten Opfern. Die ern&uuml;chternde Frage nach den Ursachen gerade von jugendlichen Gewalt&uuml;bergriffen r&uuml;ckt in dieser emotionsgeladenen Debatte v&ouml;llig in den Hintergrund. Der hessische Ministerpr&auml;sident, setzt wie schon einmal bei einem Wahlkampf, als er eine Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsb&uuml;rgerschaft inszenierte, diffuse &Auml;ngste und das Gef&uuml;hl der Hilflosigkeit der Menschen &bdquo;brutalstm&ouml;glich&ldquo; zur W&auml;hlermobilisierung ein. <\/p><p>Kriminalit&auml;t, Gewalt und mangelnde Reue von T&auml;tern sind, bei aller Strafw&uuml;rdigkeit der T&auml;ter immer auch Spiegel einer bestehenden gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zumal bezogen auf Jugendliche spiegelt sich darin auch ein Versagen von Politik. Wenn in der Politik Bildung und Integration, berufliche und private Perspektiven von jungen Menschen seit Jahren zugunsten der Durchsetzung einer &bdquo;Ellbogen-Gesellschaft&ldquo; hintangestellt wird, dann kann man nun in dem lauten Geschrei &uuml;ber Gewalt&uuml;bergriffe Jugendlicher nur noch ein treffliches Ablenkungsman&ouml;ver vom eigenen Versagen sehen. Dass dabei nur die Gewalttaten ausschlie&szlig;lich von ausl&auml;ndischen Jugendlichen in den Vordergrund gestellt werden, erlaubt es, die latente Angst vieler B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger um ihre eigene Sicherheit mit der Angst, der Ablehnung oder gar dem Hass gegen&uuml;ber Ausl&auml;ndern zu steigern. Koch legt also gegen&uuml;ber seinem fr&uuml;heren ausl&auml;nderfeindlichen Wahlkampf noch eine Emotionalisierungsstufe zu, n&auml;mlich um das gleichfalls hochemotionale Thema Sicherheit.<\/p><p>Wer jedoch &ndash; wie Koch es insinuiert &ndash; Gewalt nur ausl&auml;ndischen Jugendlichen zuordnet, blendet die zahlreichen Gewalttaten, ach so &bdquo;deutscher&ldquo;, rechtsradikaler Jugendlicher gegen&uuml;ber Ausl&auml;ndern, Behinderten und Obdachlosen aus. Wo waren denn da die Rufe nach sch&auml;rferen Gesetzen oder nach &bdquo;Erziehungs-Camps&ldquo;? <\/p><p>Aber auch jenseits dieser auff&auml;llig gespaltenen Wahrnehmung des Themas Jugendgewalt gerade in der CDU, sollte in der &ouml;ffentlichen Debatte mehr Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt werden, dass die Zunahme gewaltt&auml;tiger &Uuml;bergriffe von Jugendlichen, keine deutsche Besonderheit darstellt. Auch in England und Frankreich oder in Lateinamerika gibt es eine massive Zunahme von jugendlichen Gewalttaten. Gewalt nimmt offenbar mit der zunehmenden Perspektivlosigkeit junger Menschen in Gesellschaften, die sich sozial immer mehr spalten und in Parallelgesellschaften auseinanderdriften, zu.<\/p><p><strong>CDU profiliert sich mit einer &ldquo;Null-Toleranz-Politik&rdquo;<\/strong><\/p><p>Die CDU hatte auf ihrem Parteitag in Siegburg im Mai 2007 bereits &bdquo;Null Toleranz bei Jugendgewalt&ldquo; gefordert. Viel erfolgt ist darauf nicht.<\/p><p>Auf der CDU-Bundesklausurtagung &ndash; bezeichnender Weise vor der Hessenwahl &ndash; in Wiesbaden am 5. und 6. Januar 2008 wurde das Thema noch einmal hochgespielt. Unter dem Motto: &bdquo;Vorbeugen, Hinsehen, Eingreifen&ldquo; tritt die CDU nun f&uuml;r eine Erh&ouml;hung der H&ouml;chststrafe bei Jugendkriminalit&auml;t von 10 auf 15 Jahre ein. Zudem sollen Straft&auml;ter zwischen 18 und 21 Jahren vor Gericht wie Erwachsene behandelt werden. Des Weiteren wurde beschlossen, dass straff&auml;llige ausl&auml;ndische Jugendliche ab einer Haftstrafe von einem Jahr ausgewiesen werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich bis vor kurzem in Zur&uuml;ckhaltung ge&uuml;bt und in der Gro&szlig;en Koalition war das Thema innere Sicherheit durch die zahllosen Vorschl&auml;ge und Ma&szlig;nahmen zur Terrorismusbek&auml;mpfung komplett ausgef&uuml;llt. Nun zeigt sich die Kanzlerin pl&ouml;tzlich auch &uuml;ber die Jugendgewalt (im Westen) besorgt und fordert die SPD zu Gespr&auml;chen &uuml;ber ein sch&auml;rferes Jugendstrafrecht auf, konkret auch &uuml;ber den sog. Warnschuss-Arrest bei Bew&auml;hrungsstrafen und &uuml;ber Erziehungscamps mit Therapiekonzepten. <\/p><p>Au&szlig;enminister Frank-Walter Steinmeier hingegen will das Entdeckungsrisiko f&uuml;r Straftaten massiv steigern und den Zeitpunkt der Verurteilung nach vorne verlegen. Und damit k&ouml;nnte er Herrn Kochs Strategie des Sch&uuml;rens von &Auml;ngsten und der Schuldverlagerung von seinen eigenen Vers&auml;umnissen erheblich in die Bredoullie bringen, denn er musste &ouml;ffentlich eingestehen, dass gerade seine hessischen Amts- und Landgerichte bei der Bearbeitung von Jugendstrafsachen im Vergleich mit allen anderen Bundesl&auml;ndern die s&auml;umigsten sind.<\/p><p><strong>Erziehungscamps in USA<\/strong><\/p><p>Von CDU-Seite wird dementiert, dass an Erziehungscamps nach US-amerikanischem Vorbild gedacht sei. Dennoch steht die Forderung der Kanzlerin im Raum, Jugendliche in Erziehungscamps auf den Pfad der Tugend zu bringen. Die US-Camps sind wahrhaftig abschreckend. In den USA wurden seit den 1980er Jahren Erziehungslager zur &ldquo;Erziehung&rdquo; straff&auml;lliger Jugendlicher eingerichtet, die sowohl staatlich als auch privat betrieben werden. Es gibt verschiedene Formen von Bootcamps. Straff&auml;llige Jugendliche werden alternativ zu einer Freiheitsstrafe f&uuml;r 120 Tage in Camps untergebracht. Die andere Form ist die Unterbringung auf Veranlassung der Erziehungsberechtigten. Eltern k&ouml;nnen ihre Kinder an den so genannten &bdquo;Teenage Help Service&ldquo; abgeben, unter der Voraussetzung, dass sie noch nicht straff&auml;llig geworden sind, der dann die Jugendlichen mit H&auml;rte, Erniedrigungen und Drill umerzieht.<br>\nKritisiert werden die Einrichtungen unter anderem von Menschenrechtsorganisationen, da sie im paramilit&auml;rischen Stil gef&uuml;hrt werden und darauf abzielen den Willen der Jugendlichen zu brechen. Viele Insassen erleiden Zusammenbr&uuml;che, die seelischen Langzeitfolgen eines solchen Martyriums sind fatal. Wer das Lager &uuml;bersteht, dessen Vorstrafen werden gel&ouml;scht. Wer den seelischen Druck und die Dem&uuml;tigungen hingegen nicht ertr&auml;gt, muss wieder zur&uuml;ck ins Gef&auml;ngnis. (Fotos von einem Bootcamp k&ouml;nnen unter <a href=\"http:\/\/www.juergenknoll.com\/experiment_bootcamp\/info.html\">www.juergenknoll.com<\/a> abgerufen werden). <\/p><p>Der &bdquo;Erziehungsgedanke&ldquo; vieler solcher Camps beruht auf einer bis heute in den USA weit verbreiteten psychologischen Lehre, wonach man psychisch kranke oder auch notorisch kriminelle Menschen dadurch therapieren k&ouml;nne, dass man ihre alte Pers&ouml;nlichkeit durch Schocks ausl&ouml;scht und sie dann antreibt sozusagen eine neue Identit&auml;t anzunehmen. Naomi Klein schreibt in ihrem Buch &bdquo;Die Schock-Strategie&ldquo;, dass die amerikanischen Foltermethoden auf demselben Prinzip basieren.<\/p><p>Auch wenn es Einrichtungen in diesem Stil in Deutschland wohl so schnell nicht geben wird, haftet dem Wort &ldquo;Erziehungseinrichtungen&rdquo; ein makabrer Beigeschmack an. Wir hatten n&auml;mlich in Deutschland schon einmal Besserungs- und Korrekturanstalten.<\/p><p><strong>D&eacute;j&agrave;-vu &ndash; Besserungsanstalten und Korrekturanstalten<\/strong><br>\nIm 19. Jahrhundert gab es in unserem Land so genannte Besserungsanstalten, in denen verwahrloste Personen, wie Waisenkinder, Verbrecher, Vagabunden, Trunkenbolde, Arbeitsscheue, liederliche Dirnen und entlassene Str&auml;flinge zur Arbeit angehalten wurden. Kinder, die aus welchem Grund auch immer, au&szlig;erhalb der Gesellschaft standen, wurden in Besserungsanstalten abgeschoben, in denen Kinder ohne R&uuml;cksicht auf ihre Belange, Bed&uuml;rfnisse und Gef&uuml;hle ein trauriges Leben f&uuml;hrten. Erst ab dem Jahr 1871 erkannte das Strafgesetzbuch den unter 12-j&auml;hrigen Kindern Strafunm&uuml;ndigkeit zu (&sect; 55 RStGB). Zu den 12- bis 18-J&auml;hrigen hei&szlig;t es in &sect; 56 RStGB: <\/p><blockquote><p>(&hellip;) &bdquo;Ein Angeschuldigter, welcher zu einer Zeit, als er das 12., aber nicht das 18. Lebensjahr vollendet hatte, eine strafbare Handlung begangen hat, ist freizusprechen, wenn er bei Begehung derselben die zur Erkenntnis ihrer Strafbarkeit erforderliche Einsicht nicht besa&szlig;. In dem Urteil ist zu bestimmen, ob der Angeschuldigte seiner Familie &uuml;berwiesen oder in eine Erziehungs- und Besserungsanstalt gebracht werden soll. In der Anstalt ist er so lange zu behalten, als die der Anstalt vorgesetzte Verwaltungsbeh&ouml;rde solches f&uuml;r erforderlich erachtet&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p>Doch schon wenige Jahre sp&auml;ter, n&auml;mlich 1876 wurde die Vorschrift erweitert, dass durch einen Beschluss der Vormundschaftsbeh&ouml;rde auch unter 12-J&auml;hrige in Erziehungs- und Besserungsanstalten eingewiesen werden konnten. 1939 wurde die &bdquo;Verordnung zum Schutz gegen jugendliche Schwerverbrecher&ldquo; erlassen, wodurch auf Jugendliche das Erwachsenenrecht angewandt wurde. 1940 traf sich der Reichsverteidigungsrat zu einer Sitzung zum Thema &bdquo;Besprechung &uuml;ber Jugendbetreuung&ldquo;, unter den Umst&auml;nden des Krieges ging der Rat von einer &bdquo;Verwilderung&ldquo; der Jugendlichen und von einem Anstieg der Jugendkriminalit&auml;t aus. Im Jahr 1943 wurde das Reichsjugendgerichtsgesetz (RJGG) unter anderem durch folgende Neuerungen erg&auml;nzt: <\/p><ul>\n<li>Abschaffung der Strafaussetzung zur Bew&auml;hrung<\/li>\n<li>Absenkung der Altersgrenze auf 12 Jahre unter bestimmten besonderen Umst&auml;nden<\/li>\n<li>Einf&uuml;hrung des Jugendarrests <\/li>\n<li>Legitimierung der polizeilichen Jugendschutzlager<\/li>\n<\/ul><p>H&auml;tten die heutigen politische Entscheidungstr&auml;ger sich mit der Entwicklung in der Vergangenheit befasst, w&auml;re ihnen aufgefallen, dass die aktuellen Forderungen erschreckende Parallelen aufweisen. Sollten die Forderungen der CDU Gesetz werden, dann w&uuml;rde dies einen fatalen R&uuml;ckfall der deutschen Gesetzgebung im Jugendstrafrecht bedeuten. <\/p><p><strong>Schule als Dienstleistungsbetrieb <\/strong><\/p><p>Der Chef der BSBD (Bund der Strafvollzugsbeamten Deutschlands, Landesverband Nordrhein-westfalen e. V. Gewerkschaft Vollzug) meinte: &bdquo;Erziehungscamps k&ouml;nnen allenfalls ein weiterer &bdquo;Pfeil im K&ouml;cher&ldquo; der Jugendhilfema&szlig;nahmen sein, um die Reaktionsm&ouml;glichkeiten des Staates auf gewaltt&auml;tiges Verhalten Jugendlicher zu erg&auml;nzen. F&uuml;r sich allein genommen werden diese Einrichtungen das Gewaltph&auml;nomen allerdings nicht beseitigen k&ouml;nnen!&ldquo; Des Weiteren wehrte er sich gegen den Vorwurf, der Jugendstrafvollzug w&uuml;rde versagen und wertete es als Erfolg, dass 54,9 Prozent jener T&auml;ter, bei denen alle anderen Erziehungsmittel wirkungslos verpufft sind, nicht wieder in den Strafvollzug zur&uuml;ckkehren m&uuml;ssen. Seiner Meinung nach war die Vergangenheit stark gepr&auml;gt vom Werteverlust. Politiker h&auml;tten an &Uuml;berzeugungskraft eingeb&uuml;&szlig;t und Schule werde kaum noch als staatliches Organ, sondern &uuml;berwiegend als Dienstleistungsbetrieb wahrgenommen. Deshalb forderte er die Politik auf, auf die zunehmende Gewaltbereitschaft von Jugendlichen und Heranwachsenden mit einem abgestimmten Konzept der F&ouml;rderung und Erziehung zu reagieren (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bsbd-nrw.de\/aktuell\/aktuell-9546.html\">www.bsbd-nrw.de<\/a>). <\/p><p>Jahrelange Vers&auml;umnisse in der Bildungspolitik und bei der beruflichen Bildung, hohe Jugendarbeitslosigkeit, ein Versagen beim Kampf gegen Kinderarmut, eine verweigerte und verfehlte Integrationspolitik bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die Betroffenen und auf die Gesellschaft insgesamt. Jugendliche ohne Perspektiven in der Gesellschaft driften ab in Parallelgesellschaften. Angestaute Wut und schwelender Hass entladen sich in sinnlosen und blindw&uuml;tigen Attacken auf unschuldige Opfer oder auf Symbole der Gesellschaftsschicht, aus der sich diese Jugendlichen ausgesto&szlig;en f&uuml;hlen oder die ihnen den Zugang verweigert.<\/p><p>Die <a href=\"?p=221\">Unruhen in Frankreich im November 2005<\/a> haben der franz&ouml;sischen Gesellschaft dieses Versagen vor Augen gef&uuml;hrt.  <\/p><p>Die Ausschreitungen in Frankreich hatten und haben im Kern ihre Ursachen in gesellschaftlicher Ausgrenzung, prek&auml;rer Lebensbedingungen und mangelnder Zukunftsperspektive. Nicht umsonst fand dort der gewaltsame Aufruhr in den &bdquo;Banlieues&ldquo; (w&ouml;rtlich in der Bannmeile), in den Ghettos der Vorst&auml;dte statt, wohin die Jugendlichen ausgesperrt sind.   <\/p><p><strong>London, die gef&auml;hrlichste Stadt Europas<\/strong><\/p><p>Im letzten Jahr sind in England 26 Jugendliche auf offener Stra&szlig;e erstochen oder erschossen worden. Rivalisierende Stra&szlig;enbanden entwickeln eine gef&auml;hrliche Gewaltbereitschaft. Im August wurde ein elfj&auml;hriger Junge in Liverpool vermutlich irrt&uuml;mlich Opfer einer derartigen Auseinandersetzung. Verwahrloste Jugendliche schlie&szlig;en sich zu Gangs zusammen und tyrannisieren Passanten. Die Gettoisierung ethnischer Gruppen, die gleichzeitig die Verlierer der &ouml;konomischen Umw&auml;lzungen sind, und die Ausgrenzung in &ldquo;rechtsfreie&rdquo; Gebiete, schafft die Probleme im Wortsinne an den Rand, l&ouml;st sie aber nicht. Zur &ldquo;L&ouml;sung&rdquo; hat Scotland Yard bereits im Februar 2007 eine Spezialeinheit ins Leben gerufen, um die eskalierende Gewalt der Jugendlichen in den Griff zu bekommen. Seinerzeit forderte Tony Blair sch&auml;rfere Gesetze zur Eind&auml;mmung von Bandenkriminalit&auml;t und h&auml;rtere Strafen f&uuml;r den Besitz von Waffen. <\/p><p><strong>Lateinamerika, perspektivlose Jugend<\/strong><\/p><p>In Brasilien sind sieben Millionen junge Menschen ohne Arbeit, wovon ein F&uuml;nftel keine Ausbildung hat. In Argentinien, stehen 800.000 junge Menschen auf der Stra&szlig;e. Das lateinamerikanische Netzwerk RITLA (Red de Informaci&oacute;n Tecnol&oacute;gica Latinoamericana) sieht die Ursachen f&uuml;r diese Misere in den begrenzten M&ouml;glichkeiten des Zugangs zur Bildung, da die &ouml;ffentliche Bildung der Ausrichtung der dortigen marktradikalen Politik zum Opfer gefallen ist. Des Weiteren wird dies mit dem begrenzten Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Gesundheitsdiensten begr&uuml;ndet. <\/p><p>Auch hier gleichen sich die Beispiele. Junge Menschen sind Opfer und T&auml;ter von Gewaltverbrechen, aufgrund gesellschaftlicher Ausgrenzung geraten sie auf die schiefe Bahn und driften in die Kriminalit&auml;t ab. &Auml;hnlich sieht es Mexiko aus, dort sind drei von zehn Jugendlichen ohne Besch&auml;ftigung und in Uruguay ist ein Viertel der Jugendlichen ohne Arbeit. Viele arbeiten in Gelegenheitsjobs, ohne jegliche Absicherung, einer Arbeit, die an die Form der mittelalterlichen Tagel&ouml;hner erinnert. <\/p><p><strong>EU-Strategien versch&auml;rfen soziale Unterschiede<\/strong><\/p><p>Auch in Europa d&uuml;rfte sich mit der Lissabon-Strategie oder Flexicurity-Konzepten die Spaltung der Gesellschaften noch weiter versch&auml;rfen. Die Lissabon-Strategie will die Budgets ausdr&uuml;cklich in profitable Bereiche lenken und damit notwendigerweise das Geld den Non-Profit-Bereichen entziehen, wie beispielsweise der Jugendarbeit, Integrationsprogrammen und der Bildung.<\/p><p><strong>Bildung darf nicht rein auf Erfolg abzielen<\/strong><\/p><p>Eine Politik, die die Ursachen der Gewalt vollkommen ausblendet und die Folgen als Schuldvorw&uuml;rfe an individuelle T&auml;ter und ethnische Gruppen weitergibt, wird auf Dauer keinen Erfolg in der Bek&auml;mpfung von aggressiver Gewalt gegen unschuldige Opfer haben. <\/p><p>Man mag wie in den USA bis hin zur Todesstrafe und mit dem&uuml;tigenden Jugendcamps noch so sehr auf Abschreckung setzten, man mag die &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen bis zur Strangulierung der B&uuml;rgerfreiheiten ausdehnen, man mag die Wohngegenden und Aufenthaltsgebiete der Etablierten mit Bannmeilen absichern, dadurch wird kein einzelner ausgesperrter Jugendlicher von Gewalttaten ablassen oder in gesellschaftliche Normen zur&uuml;ckgef&uuml;hrt &ndash; im Gegenteil.<\/p><p>Die Ansicht von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU), dass unter bestimmten Bedingungen Erziehungscamps sinnvoll seien, da die Jugendlichen in solchen Camps lernen m&uuml;ssten, &ldquo;dass nur die Anstrengung zum Erfolg f&uuml;hrt und dass dann der Erfolg erst gut schmeckt&rdquo;, ist gerade das Gegenteil von dem, was etwa der Sozialwissenschaftler G&ouml;tz Eisenberg fordert: Seiner Meinung nach, reduziert eine Bildung, die rein auf Erfolg ausgerichtet ist, die Kinder auf ihre Verwertbarkeit, statt dass sie auf die Entwicklung ihrer eigenen Pers&ouml;nlichkeit abzielt.<\/p><p>Eisenberg befasst sich seit geraumer Zeit mit jugendlichen Amokl&auml;ufern, f&uuml;r ihn geht dieser Handlung ein sozialer Tod voraus. Seiner Meinung nach ist f&uuml;r den Amokl&auml;ufer die Vorstellung, andere Menschen in Furcht versetzen zu k&ouml;nnen, eine Quelle von Macht- und &Uuml;berlegenheitsgef&uuml;hlen. Er fordert, dass die Wirtschaft kein Mitspracherecht an Schulen erhalten d&uuml;rfe, damit Kinder lernen k&ouml;nnen, ohne st&auml;ndig an ihre Tauglichkeit denken zu m&uuml;ssen. (<a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/text\/archiv\/2002\/19\/200219_interview_eisenb.xml\">Ein interessantes Interview mit G&ouml;tz Eisenberg<\/a>). <\/p><p>Eine Politik, die zul&auml;sst, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, dass immer mehr Menschen nichts mehr zu verlieren haben, wird eher die individuelle Aggression junger Menschen steigern. <\/p><p>L&ouml;sungen, die nur auf h&auml;rtere Strafen, Wegsperren und Ausweisen abzielen, m&ouml;gen vielleicht im Wahlkampf und bei Teilen der Bev&ouml;lkerung deren Angst- und Rachegef&uuml;hle bedienen, an den Ursachen jugendlicher Gewaltausbr&uuml;che werden sie nichts &auml;ndern.<\/p><p><em>Siehe dazu auch:<\/em><\/p><p><strong>Angst essen Seelen auf<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/kulturheute\/719876\/\">DLF<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schlagzeilen &uuml;ber gewaltt&auml;tige Jugendliche h&auml;ufen sich in letzter Zeit. Es ist Wahlkampf in Hessen. Der noch amtierende Ministerpr&auml;sident Roland Koch (CDU) hat ein Thema gefunden, mit dem er seine &auml;u&szlig;erst durchwachsene Regierungsbilanz &uuml;berdecken will. Mit seinen Forderungen nach mehr Polizeipr&auml;senz, sch&auml;rferen Gesetzen, Erziehungseinrichtungen und schnelleren Abschiebem&ouml;glichkeiten f&uuml;r Ausl&auml;nder und seinen aggressiven T&ouml;nen ist er<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2884\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[159,60,132,190],"tags":[459,257,866,315,1221,421,252],"class_list":["post-2884","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-innere-sicherheit","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wahlen","tag-bild","tag-koch-roland","tag-konkurrenzdenken","tag-merkel-angela","tag-perspektivlosigkeit","tag-polizei","tag-steinmeier-frank-walter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2884"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2884\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29322,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2884\/revisions\/29322"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}