{"id":2885,"date":"2008-01-11T14:07:28","date_gmt":"2008-01-11T13:07:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2885"},"modified":"2015-12-03T10:55:43","modified_gmt":"2015-12-03T09:55:43","slug":"langsam-fliegt-der-riester-renten-schwindel-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2885","title":{"rendered":"Langsam fliegt der Riester-Renten-Schwindel auf"},"content":{"rendered":"<p>Gestern berichtete &bdquo;Monitor&ldquo; davon, dass Geringverdiener vermutlich von einer Riester-Rente wenig haben werden, wenn sie im Alter die Grundsicherung in Anspruch nehmen m&uuml;ssen. N&auml;here Informationen <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/tv\/monitor\/presse_080110.phtml\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/themen\/global\/webmedia\/webtv\/getwebtvextrakt.phtml?p=400&amp;b=016&amp;ex=2\">hier<\/a>. In <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/02\/riester-rente-studie\">&bdquo;Zeit online&ldquo;<\/a> erschien gleichzeitig ein Bericht &uuml;ber eine Studie des Berliner Finanzwissenschaftlers Giacomo Corneo, wonach &bdquo;h&ouml;here Riester-F&ouml;rderquoten bei den Niedrigeinkommensbeziehern &hellip; weder den Anteil der sparenden Haushalte in dieser Gruppe noch ihre Sparquote erh&ouml;hen. Somit scheint die Riester-F&ouml;rderung f&uuml;r erhebliche Mitnahmeeffekte anf&auml;llig zu sein.&ldquo; Soweit w&ouml;rtlich aus der Studie selbst, die Sie als <a href=\"http:\/\/www.fu-berlin.de\/wiwiss\/institute\/finanzen\/corneo\/dp\/Riester_CKS.pdf\">PDF Datei hier abrufen [364 KB]<\/a> k&ouml;nnen. &Uuml;ber die sp&auml;ten Erkenntnisse dieser Studie und den Bericht bei &bdquo;Zeit online&ldquo; kann ich nur mit Verachtung schreiben. Denn das konnte man alles vorher wissen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nWenn Sie den Beitrag von Heiner Flassbeck in Financial Times Deutschland vom 9.12.2000 (!) mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.flassbeck.de\/pdf\/2001\/17.1.2001\/Renten.pdf\">&bdquo;Subventioniertes Sparen &ndash; In der Rentenpolitik werden die ehernen Grunds&auml;tze gesunder Haushaltspolitik &uuml;ber Bord geworfen&ldquo; [PDF &ndash; 16 KB]<\/a> und den Text des Denkfehlers Nr. 7 &bdquo;Jetzt hilft nur noch private Vorsorge&ldquo; in meinem 2004 erschienenen Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; nachlesen, dann wissen Sie alles, was jetzt in der als neu verkauften Studie des Finanzwissenschaftlers der FU pr&auml;sentiert und von &bdquo;Zeit online&ldquo; als ziemlich &uuml;berraschend dargestellt wird. Auch den Text des Denkfehlers Nr. 7 hatten wir in den <a href=\"?p=247\">NachDenkSeiten schon im Januar 2005<\/a> eingestellt. In der Reforml&uuml;ge finden Sie den entsprechenden Text auf Seite 126 bis 140 und besonders Einschl&auml;giges auf Seite 133. <\/p><p>Zumindest Heiner Flassbeck und mich &uuml;berrascht nichts an dem, was die neue Studie ans Licht gebracht hat. Dass der Berliner Professor &bdquo;staunte&ldquo; und dass er und\/oder der Redakteur der Zeit das Ergebnis &bdquo;verbl&uuml;ffend&ldquo; fand, sagt mehr &uuml;ber den Zustand der deutschen Wirtschaftswissenschaft und der deutschen Medien als &uuml;ber die Riester-Rente.<\/p><p>Man konnte mit ein bisschen Verst&auml;ndnis f&uuml;r gesamtwirtschaftliche Zusammenh&auml;nge und ein bisschen Einsicht in die Lebensumst&auml;nde wenig verdienender Familien wirklich alles wissen:<\/p><ul>\n<li>Man konnte wissen, dass Familien und Personen mit niedrigem Einkommen die Riester-Rente und ihre F&ouml;rderung kaum in Anspruch nehmen k&ouml;nnen, weil sie gar kein Geld &uuml;brig haben. In den NachDenkSeiten haben wir dieses vermutlich schon Dutzende Male geschrieben.<\/li>\n<li>Man konnte vor Verabschiedung der Riester-Rente im Jahr 2001 wissen, dass Sparer ihre Verm&ouml;gensanlagen einfach umschichten werden und deshalb &uuml;berhaupt nicht sicher ist, dass mehr gespart wird. Ich zitiere dazu die entsprechende Passage aus der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo;:<br>\n<blockquote><p>Wenn wir aber gesamtwirtschaftlich denken und dabei beachten, was sich &auml;ndern k&ouml;nnte, wenn einer beschlie&szlig;t, Geld f&uuml;r die private Vorsorge zu zahlen, und welche Konsequenzen die Entscheidung des jungen Arbeitenden haben k&ouml;nnte, dann kommen wir m&ouml;glicherweise zu einer ganz anderen Bewertung. Das hat verschiedene Gr&uuml;nde:<\/p>\n<ol>\n<li>Woher nimmt der junge Mensch das Geld f&uuml;r die monatlichen Zahlungen?<br>\nEr k&ouml;nnte mehr sparen, wenn er das Geld f&uuml;r sich und seine Familie nicht braucht &ndash; dann w&uuml;rde er die volkswirtschaftliche Sparquote nach oben zu schieben helfen. Er k&ouml;nnte auf andere Formen des Sparens verzichten, also ein Sparkonto aufl&ouml;sen, Aktien verkaufen, was auch immer. Er k&ouml;nnte auch Schulden machen, um die Riesterrente zu bezahlen. Nur im ersten Fall ergibt sich ein Kapitalzuwachs. Dieser Fall d&uuml;rfte aber heute selten sein, was man &uuml;brigens schon daran sieht, welche geringen Ergebnisse die Riesterrente zeitigt. Viele Menschen haben einfach kein Geld f&uuml;r Privatvorsorge.<\/li>\n<\/ol>\n<\/blockquote>\n<p>Heiner Flassbeck weist mit Recht daraufhin, dass selbst dann, wenn der Riester-Sparer nicht nur Verm&ouml;gensanlagen umschichtet, nicht sicher ist, dass die volkswirtschaftliche Sparquote steigt, wie ich noch freundlicherweise unterstellt habe.<\/p><\/li>\n<li>Man konnte wissen, dass &bdquo;die F&ouml;rderung in erster Linie Mitnahmeeffekte&ldquo; hat, wie der Berliner &Ouml;konom jetzt feststellt.<\/li>\n<\/ul><p>Warum werden diese Wissenschaftler jetzt erst schlau? Warum bedarf es neuer Studien, um Selbstverst&auml;ndlichkeiten herauszufinden?<\/p><p>Das hat viel damit zu tun, dass die gro&szlig;e Mehrheit der deutschen Wirtschaftswissenschaft, der Politik und der Medien von der Finanzindustrie gekauft ist. Dar&uuml;ber haben wir in den NachDenkSeiten schon h&auml;ufig berichtet. Ich verweise auf einfache Zahlen, die erkl&auml;ren, warum die Versicherungswirtschaft und die Banken eine massive Lobbyarbeit betreiben:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080111_1.gif\" alt=\"Privatisierung lohnt sich f&uuml;r die Lebensversicherungswirtschaft\" title=\"\"><\/p><p>Das sind die Zahlen aus dem Jahr 2002, als es mit der Riester-Rente begann. Die Lebensversicherungskonzerne konnten sich damals ausrechnen, dass sie ein Umsatzplus von 16 Milliarden in jedem Jahr erreichen werden, wenn es ihnen gelingt, nur 10% der Beitr&auml;ge von der gesetzlichen Rente auf ihre M&uuml;hlen umzulenken. <\/p><p>Ein solcher Umsatzzuwachs und die damit verbundenen Gewinne geben enormen Spielraum f&uuml;r Lobbyarbeit und politische Korruption. Walter Riester hat laut Ver&ouml;ffentlichung des Deutschen Bundestags mindestens 181.000 &euro; f&uuml;r Vortr&auml;ge und andere Leistungen im wesentlichen von der Finanzindustrie eingenommen. Siehe dazu unseren Eintrag im kritischen Tagebuch vom 6. Juli 2007:<\/p><p><a href=\"?p=2467\">&bdquo;Wg. Riester: Die mit 22 mal mindestens 7000 &euro; erkaufte Zerst&ouml;rung der sozialen Rentenversicherung.&ldquo;<\/a> <\/p><p>Der Vorsitzende des Sachverst&auml;ndigenrates und Rentenexperte Bert R&uuml;rup erh&auml;lt f&uuml;nfstellige Honorare f&uuml;r einen Vortrag. Das entspricht f&uuml;r einen Abend dem Jahreseinkommen mancher Geringverdiener. Reihenweise haben sich auch andere Wissenschaftler bei der Finanzindustrie verdingt.<\/p><p>Die Politik hat mithilfe der Wissenschaft und der Medien systematisch das Vertrauen in die gesetzliche Rente zerst&ouml;rt &ndash; vor allem mit Entscheidungen, die die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente reduzierten, und mit Subventionen f&uuml;r die Privatvorsorge. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080111_2.gif\" alt=\"Die Politik hat mithilfe der Wissenschaft und der Medien systematisch das Vertrauen in die gesetzliche Rente zerst&ouml;rt\" title=\"\"><\/p><p>Auch dar&uuml;ber haben wir schon oft berichtet.<\/p><p>Im Artikel in &bdquo;Zeit online&ldquo; wird die Renditesituation der Riester-Renten aus meiner Sicht zu rosig dargestellt. Vor allem fehlt jeder Hinweis auf die enormen Kosten der Privatvorsorge-Modelle. Auch hierzu eine &Uuml;bersicht:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20080111_3.gif\" alt=\"Betriebskosten der Altersvorsorgesysteme\" title=\"\"><\/p><p>Diese Kosten werden von den eingezahlten Pr&auml;mien abgezogen. Nur der Rest &bdquo;arbeitet&ldquo; f&uuml;r die Rente der Riester-Sparer. Da m&uuml;ssen die Renditen schon hoch sein.<br>\nIn dem Artikel ist leider auch nicht die Rede von den Risiken, die etwa dadurch entstehen, dass die Kurse an der B&ouml;rse zur&uuml;ckgehen oder die Finanzinstitute z.B. in faule Kredite in den USA investiert haben.<\/p><p>Der Artikel in &bdquo;Zeit online&ldquo; bringt allerdings eine Neuigkeit: die j&auml;hrlichen Steuerausf&auml;lle f&uuml;r die Riester-Rente werden f&uuml;r das Jahr 2009 nach Sch&auml;tzungen der Bundesregierung auf 12,5 Milliarden &euro; veranschlagt. 12,5 Milliarden vor allem f&uuml;r die Besserverdienenden, 12,5 Milliarden zu viel.<\/p><p>Die einzig vern&uuml;nftige politische Linie w&auml;re, das Vertrauen in die gesetzliche Rente wiederherzustellen, und das hei&szlig;t vor allem, ihre Leistungsf&auml;higkeit auch k&uuml;nftig zu sichern. Das w&auml;re mindestens so leicht m&ouml;glich wie der Umweg &uuml;ber die Privatvorsorge. Dieser stellt n&auml;mlich volkswirtschaftlich betrachtet eine riesige Verschwendung dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern berichtete &bdquo;Monitor&ldquo; davon, dass Geringverdiener vermutlich von einer Riester-Rente wenig haben werden, wenn sie im Alter die Grundsicherung in Anspruch nehmen m&uuml;ssen. N&auml;here Informationen <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/tv\/monitor\/presse_080110.phtml\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/themen\/global\/webmedia\/webtv\/getwebtvextrakt.phtml?p=400&amp;b=016&amp;ex=2\">hier<\/a>. In <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/02\/riester-rente-studie\">&bdquo;Zeit online&ldquo;<\/a> erschien gleichzeitig ein Bericht &uuml;ber eine Studie des Berliner Finanzwissenschaftlers Giacomo Corneo, wonach &bdquo;h&ouml;here Riester-F&ouml;rderquoten bei den Niedrigeinkommensbeziehern &hellip; weder den<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2885\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[127,40,132],"tags":[635,364,1134,273,345,346,1552],"class_list":["post-2885","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-altersarmut","tag-flassbeck-heiner","tag-nebeneinkommen","tag-privatvorsorge","tag-ruerup-bert","tag-riester-walter","tag-wdr"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2885"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2885\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29321,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2885\/revisions\/29321"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}