{"id":2887,"date":"2008-01-14T08:43:25","date_gmt":"2008-01-14T07:43:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2887"},"modified":"2015-12-03T10:46:47","modified_gmt":"2015-12-03T09:46:47","slug":"die-vision-des-neoliberalismus-widerspricht-entscheidenden-anforderungen-der-freiheitlichen-demokratischen-grundordnung-des-grundgesetzes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2887","title":{"rendered":"\u201eDie Vision des Neoliberalismus widerspricht entscheidenden Anforderungen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das ist einer der Kerns&auml;tze eines Essays von Wieland Hempel, den wir Ihnen zur Lekt&uuml;re und zur Diskussion empfehlen. Unser Autor, Ministerialbeamter und ausgewiesen im Verfassungsrecht, unternimmt es, die herrschende neoliberale Politik am unver&auml;nderbaren Kern des Grundgesetzes zu messen. Sein Befund best&auml;tigt die h&auml;ufig diffuse Vermutung, dass die neoliberalen &ldquo;Reformen&rdquo; auf eine andere Republik zielen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDer Neoliberalismus will die Marktkr&auml;fte von allen &ldquo;Fesseln&rdquo;, Verantwortlichkeiten und R&uuml;cksichten befreien. Deshalb muss er den sozialen Rechtsstaat bis zur Wirkungslosigkeit aush&ouml;hlen. Wieland Hempel belegt, dass die &ldquo;Erfolgsbilanz&rdquo; der neoliberalen Politik in Deutschland kein Zufall ist, sondern einer langfristigen Strategie folgt. Er bezieht den Kulturbruch, den der Neoliberalismus f&uuml;r die deutsche Gesellschaft darstellt, in seine verfassungsrechtliche Kritik ein und sucht nach den geistes- und sozialgeschichtlichen Voraussetzungen dieser Entwicklung. <\/p><p>Unser Autor pl&auml;diert f&uuml;r eine argumentativ wohl begr&uuml;ndete Verteidigung des Grundgesetzes gegen seine Ver&auml;chter &ndash; auch gegen die gutgl&auml;ubig Verfassungsvergessenen. Er hofft, dass die Delegitimierung der neoliberalen Machtelite die Abwehrkraft der Mehrheitsgesellschaft st&auml;rkt. <\/p><p>Wieland Hempel hat uns zum Einstieg auch noch etwas zur Erbauung geschickt: die Merkelsche Eidesformel in den Worten des wunderbaren Karikaturisten Klaus Stuttmann (Tagesspiegel vom 27.11.2005):<\/p><blockquote><p>Ich schw&ouml;re, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Marktes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, die Gesetze des freien Wettbewerbs wahren und verteidigen und Gerechtigkeit gegen alle Besserverdienenden &uuml;ben werde. So wahr mir die Wirtschaft helfe.<\/p><\/blockquote><p>Ich kann da nur noch anmerken. Wenn es wenigstens Wettbewerb und nicht &uuml;ber weite Strecken Durchsteckerei und F&ouml;rderung der Gro&szlig;en w&auml;re!<\/p><p>Diese Anmerkung soll nicht ablenken von der Lekt&uuml;re eines interessanten Aufsatzes.<br>\nDaf&uuml;r ein gro&szlig;es Dankesch&ouml;n dem Autor. Es ist immer wieder eine Freude zu sehen, wie viele gute Beitr&auml;ge &ndash;  gro&szlig;e, kleine und die interessanten t&auml;glichen Hinweise &ndash; uns von Freundinnen und Freunden der NachDenkSeiten erreichen. Danke vielmals! Oder: Merci vielmals, wie man hier im Grenzbereich von Elsass und S&uuml;dpfalz sagt.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><\/p><center>Die schleichende Revolution<br>\n<strong>Mit neoliberalen Reformen in eine andere Republik?<\/strong><\/center><p><em>Von Wieland Hempel<\/em><\/p><p><em>(Download: <a href=\"upload\/pdf\/20080113_Hempel_Schleichende_Revolution.pdf\">&ldquo;Die schleichende Revolution&rdquo; als PDF-Datei [144 KB]<\/a>)<\/em><\/p><p>&Uuml;bersicht:   <\/p><ul>\n<li>Verfassungsfragen und Machtfragen<\/li>\n<li>Die freiheitliche demokratische Grundordnung<\/li>\n<li>Die neoliberale Vision<\/li>\n<li>Neoliberale Strategien f&uuml;r Deutschland<\/li>\n<li>Erfolge<\/li>\n<li>Unerledigtes<\/li>\n<li>Verfassungsfeindlich, verfassungsvergessen<\/li>\n<li>Spurensuche<\/li>\n<li>Kulturbruch<\/li>\n<li>Offensive Verteidigung des Grundgesetzes<\/li>\n<\/ul><p>Vor zehn Jahren schrieb Jan Ro&szlig;, heute Koordinator in der au&szlig;enpolitischen Redaktion der ZEIT, ein Buch &uuml;ber &ldquo;Die neuen Staatsfeinde&rdquo; und wurde bereits im Untertitel konkret: &ldquo;Was f&uuml;r eine Republik wollen Schr&ouml;der, Henkel, Westerwelle und Co?&rdquo; Die Antwort f&auml;llt heute nicht anders aus als damals, als bereits eine Bilanz der Wende von 1982\/83 gezogen werden konnte. Sie wollen eine Republik, die sich im Wettbewerb um Rendite suchendes Kapital behauptet. Sie wollen f&uuml;r dieses Ziel Steuern, Sozialleistungen und Arbeitskosten der Kapitaleigner senken (&ldquo;Sozial ist alles was Arbeit schafft&rdquo;), gesetzliche Sozialleistungen einschr&auml;nken (&ldquo;St&auml;rkung der Selbstverantwortung&rdquo;), staatliche Beeinflussung der Wirtschaft, wie sie mit sozialen, rechtlichen oder &ouml;kologischen Standards verbunden ist, abbauen (&ldquo;Mehr Freiheit wagen&rdquo;), Daseinsvorsorge privatisieren (&ldquo;B&uuml;rokratie abbauen&rdquo;) und die Produktivit&auml;tsgewinne der Kapitalseite zukommen lassen (&ldquo;Leistung muss sich wieder lohnen&rdquo;). Die so entfachte Dynamik des Kapitals soll Wachstum und Besch&auml;ftigung erzeugen. Es ist dies das Konzept des Neoliberalismus, der seit einem viertel Jahrhundert in Deutschland und mehr noch weltweit zur bestimmenden Kraft geworden ist. Ist es auch der Weg in eine andere Republik, in eine andere als die der freiheitlichen demokratischen Grundordnung? Oder geht es lediglich um die politisch zwar umk&auml;mpfte, letztlich aber legitime Nutzung grundgesetzlicher Handlungsspielr&auml;ume?<\/p><p><strong>Verfassungsfragen und Machtfragen<\/strong><\/p><p>In Deutschland legt die Politik durchaus Wert auf ordnungsgem&auml;&szlig;e rechtsstaatliche und parlamentarische Verfahren. Es wird artig f&uuml;r eine neue Mentalit&auml;t geworben, damit die &ldquo;notwendigen Reformen&rdquo; realisiert werden k&ouml;nnen. M&ouml;glichst mit einem &ldquo;Ruck&rdquo; soll sich die Gesellschaft von Lethargie, Beharrungsverm&ouml;gen und Besitzstandsdenken befreien und Raum schaffen f&uuml;r Flexibilit&auml;t, Mobilit&auml;t und Zuversicht. Hier an schleichende Aush&ouml;hlung der Verfassung zu denken, erscheint abwegig, zumal Parlament und Regierung sich auf das Mandat ihrer &ndash; wenn auch zunehmend unzufriedenen &ndash; W&auml;hler st&uuml;tzen k&ouml;nnen. Verfassungsrechtliche Aufmerksamkeit k&ouml;nnte allerdings schon deshalb angebracht sein, weil der Neoliberalismus in anderen Weltteilen seine Macht keineswegs so harmlos erworben hat. Weder in S&uuml;damerika noch in Afrika, Russland, China oder in den Tigerstaaten S&uuml;dostasiens war seine Durchsetzung eine demokratische Veranstaltung. Sie beruhte in der Regel auf finanzpolitischer Erpressung, Staatsstreichen, Terror und Au&szlig;erkraftsetzen von Verfassungen. Selbst die demokratisch legitimierte Revolution von Margret Thatcher w&auml;re ohne die Machtdemonstration des Falklandkrieges und die Niederk&auml;mpfung der Bergarbeiter und ihrer Gewerkschaft nicht zustande gekommen.<\/p><p>Der fr&uuml;he Liberalismus, dessen historische Leistung die &Uuml;berwindung von Absolutismus und Merkantilismus sowie die Durchsetzung individueller Freiheitsrechte ist,  wusste: Verfassungsfragen sind Machtfragen und Machtfragen sind auch Verfassungsfragen. Auch die Arbeiterbewegung wusste dies in ihrem Kampf um menschenw&uuml;rdige Arbeits- und Lebensbedingungen. Heute ist die Machtfrage gestellt  zwischen einer neoliberal agierenden Elite und einer Mehrheitsgesellschaft, in der gro&szlig;e Teile sich in ihrem Gerechtigkeitsgef&uuml;hl und in ihren Zukunftschancen  verletzt sehen. Auch diese Machtfrage &ndash; f&uuml;r die es vor allem auf Wahlen, Arbeitsk&auml;mpfe und die Verf&uuml;gung &uuml;ber Produktion, Finanzkapital und Bewusstseinsindustrie ankommt &ndash; ist zugleich eine Verfassungsfrage. Denn es geht nicht zuletzt darum, wie die Gesellschaft leben will:  in einer formal rechtsstaatlichen Demokratie mit staatlichem Gewaltmonopol zur Sicherung der wirtschaftlichen Abl&auml;ufe, insbesondere optimaler Renditen &ndash; oder in einem kulturell und sozial anspruchsvollen Gemeinwesen, in dem ein handlungsf&auml;higer Staat dem Wohl der Allgemeinheit verpflichtet ist.<\/p><p>Die Vordenker und Macher des Neoliberalismus w&uuml;rden solche Fragen als idealistisch, moralisierend und polarisierend abtun. Sie erwarten von der Verfassungsinterpretation, dass sie die jeweils f&uuml;r unausweichlich erkl&auml;rte Realit&auml;t beflissen legitimiert. Doch solche Erwartungen k&ouml;nnen geltende Rechtsnormen nicht entkr&auml;ften, ebenso wenig wie die W&auml;hler dies k&ouml;nnten. Woher aber bezieht der normative Geltungsanspruch einer Verfassung hinreichende Kraft, um in der machtpolitischen Auseinandersetzung zu bestehen? Entscheidend d&uuml;rfte sein, dass die Verfassung f&uuml;r die Lebenspraxis der Menschen von Bedeutung ist, dass sie von ihnen wertgesch&auml;tzt wird, weil sie auf lebenswichtige Fragen eine &uuml;berzeugende, die eigenen Einsch&auml;tzungen und Bed&uuml;rfnisse best&auml;tigende Antwort zu geben vermag. Ein klares Nein des Grundgesetzes zur neoliberalen Umgestaltung der Republik k&ouml;nnte eine solche Antwort sein. Umgekehrt: Das Grundgesetz zu dieser zentralen Herausforderung nicht zu befragen hie&szlig;e, sein politisches Potential zu schw&auml;chen und letztlich abzuschreiben. Jene politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten, die eine andere Republik wollen, blieben im vertrauten Besitz demokratischer Legitimit&auml;t.<\/p><p>Die Verfassungsfrage wird in Deutschland derzeit nicht mit der Dringlichkeit gestellt, die sie verdient. Gewiss gibt es eine Scheu, gew&auml;hlten Politikern, erfolgreichen Konzernchefs, prominenten Wissenschaftlern und vertrauten Medien Treubruch gegen die Verfassung zuzutrauen; schlie&szlig;lich wollen sie nicht als Extremisten gelten, die vom &ouml;ffentlichen Dienst fernzuhalten sind. Oder ist man davon beeindruckt, dass der Verfassungsschutz die etablierte Macht, deren Teil er ist, nicht observiert? Die FAZ stellte am 11.8. 2007 ihren Lesern den fr&uuml;heren s&auml;chsischen Ministerpr&auml;sidenten Biedenkopf in keineswegs denunziatorischer Absicht mit dem Satz vor, er wolle &ldquo;den Sozialstaat westdeutscher Pr&auml;gung abschaffen&ldquo;. Obwohl dies den Fakten und dem Selbstverst&auml;ndnis des Portraitierten nahe kommen k&ouml;nnte, wird vermutlich keine Observierungsakte angelegt worden sein. Andere wiederum m&ouml;gen bei einem &uuml;ber Jahrzehnte laufenden Prozess die dramatische Auflehnung gegen die Rechtsordnung vermissen und von Revolution erst sprechen wollen, wenn Pistolleros mit erhobener Waffe den Bundestag st&uuml;rmen oder zumindest einen blutigen Staatsstreich nach dem chilenischen Modell planen. Vielleicht beeindruckt aber auch die Wucht, mit der der Neoliberalismus sich weltweit durchgesetzt hat. Mit diesem Wissen f&auml;llt es schwer, im Grundgesetz und in dem von ihm demokratisch und sozial verfassten Staat eine Kraft zu sehen, die bei der B&auml;ndigung eines entfesselten Kapitalismus hilfreich sein k&ouml;nnte. . <\/p><p><strong>Die freiheitliche demokratische Grundordnung<\/strong><\/p><p>Das Grundgesetz d&uuml;rfte eine der anspruchsvollsten Verfassungen der Welt sein. Zum einen, weil es seine Grundentscheidungen auch gegen&uuml;ber dem verfassungs&auml;ndernden Gesetzgeber tabu stellt, ihnen also bis in weite Zukunft hinein Geltung und sachliche &Uuml;berzeugungskraft zutraut. Und zum anderen, weil es nicht nur wie &uuml;blich die Machtarchitektur festlegt (Republik, Demokratie, Gewaltenteilung, Bundesstaat), sondern auch die inhaltliche Gestalt des Gemeinwesens, seine Lebensweise in die &ldquo;Ewigkeitsgarantie&rdquo; einbezieht. Diese Bundesrepublik soll ein sozialer Rechtsstaat sein, dem die Achtung und der Schutz der Menschenw&uuml;rde aufgetragen ist (Art. 79, 1, 20, 28 GG). &ldquo;Nie wieder&rdquo; sollten nach der Katastrophe des Nationalsozialismus und dem vorangegangenen Scheitern der Weimarer Republik Entw&uuml;rdigung der Menschen und die Auslieferung des Gemeinwesens an die M&auml;chtigen und ihre Interessen eine Chance erhalten. Das Bundesverfassungsgericht hat die Elemente der gegen Verfassungsfeinde zu verteidigenden Grundordnung n&auml;her beschrieben und seine fr&uuml;hen Schl&uuml;sselentscheidungen immer wieder bekr&auml;ftigt.<\/p><ul>\n<li>Das <strong>Menschenbild des Grundgesetzes<\/strong> &ndash; ein Ma&szlig;stab auch f&uuml;r den homo oeconomicus &ndash; &ldquo;ist nicht das eines isolierten souver&auml;nen Individuums; das Grundgesetz hat vielmehr die Spannung Individuum &ndash; Gemeinschaft im Sinne der Gemeinschaftsbezogenheit und Gemeinschaftsgebundenheit der Person entschieden, ohne dabei deren Eigenwert anzutasten&rdquo; (Investitionshilfe-Urteil vom 20.7.1954).<\/li>\n<li><strong>Demokratie<\/strong> ist mehr als blo&szlig;e Legitimierung frei waltender und schaltender Repr&auml;sentanten. Sie ist auch politische Willensbildung des Volkes, das in Wahlen und Abstimmungen als Staatsorgan handelt (Urteil vom 30.7.1958 zu Volksbefragungsgesetzen).<\/li>\n<li>Die <strong>Sozialstaatlichkeit<\/strong> wird wegen ihrer Offenheit f&uuml;r unterschiedliche politische Entscheidungen des demokratischen Gesetzgebers gern als Verfassungslyrik abgewertet &ndash; zu Unrecht, wie die &uuml;ber Jahrzehnte kontinuierliche Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zeigt. Sozialstaatlichkeit bedeutet, dass der Staat &ldquo;ein Instrument der ausgleichenden sozialen Gestaltung&rdquo; ist. Das Sozialstaatsprinzip soll &ldquo;Ausnutzung der Arbeitskraft zu unw&uuml;rdigen Bedingung und unzureichendem Lohn unterbinden&rdquo;, &ldquo;es soll sch&auml;dliche Auswirkungen schrankenloser Freiheit verhindern und die Gleichheit fortschreitend bis zu einem vern&uuml;nftigerweise zu fordernden Ma&szlig;e verwirklichen&rdquo;. &ldquo;Dar&uuml;ber hinaus entnimmt die freiheitliche demokratische Grundordnung dem Gedanken der W&uuml;rde und Freiheit des Menschen die Aufgabe, auch im Verh&auml;ltnis der B&uuml;rger untereinander f&uuml;r Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu sorgen&rdquo; (KPD-Urteil vom 17.8.1956). Dass das grundrechtlich gew&auml;hrleistete Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll (Art. 14 Abs.2 GG), ist Ausdruck dieser Grundentscheidung. Die Sozialstaatlichkeit gestattet es deshalb dem Gesetzgeber z.B., bei &ouml;ffentlichen Auftr&auml;gen dem Verdr&auml;ngungswettbewerb durch Dumpingl&ouml;hne entgegenzuwirken (Beschluss vom 11.7.2006 zur Tariftreueregelung im Berliner Vergabegesetz).<\/li>\n<li>Speziell die <strong>Daseinsvorsorge<\/strong> hat im Sinne des Sozialstaats Verfassungsrang: &ldquo;Die Energieversorgung geh&ouml;rt zum Bereich der Daseinsvorsorge und ist eine Leistung, deren der B&uuml;rger zur Sicherung einer menschenw&uuml;rdigen Existenz unumg&auml;nglich bedarf&rdquo; .Gewinnstreben auf diesem Feld ist deshalb von Verfassungs wegen &ldquo;&uuml;berlagert&rdquo; durch die Erledigung &ouml;ffentlicher Aufgaben. (Beschluss vom 20.3.1984 zum Energiewirtschaftsgesetz).<\/li>\n<\/ul><p><strong>Der soziale Rechtsstaat<\/strong> macht Front gegen den b&uuml;rgerlichen Rechtsstaat mit seiner nur formalen Rechtsgleichheit, die sich um die tats&auml;chlichen Voraussetzungen der Aus&uuml;bung von Freiheit nicht k&uuml;mmert. Jener Begriff war Hermann Hellers Versuch im Jahre 1930, der von den Machteliten und den Krisen des Kapitalismus bedrohten Weimarer Republik und ihrer Verfassung rechtliche Legitimation zu verschaffen. Als Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verb&uuml;rgt der soziale Rechtstaat, dass die Bundesrepublik auch ein intervenierender, planender, lenkender, leistender, verteilender, individuelles wie soziales Leben erst erm&ouml;glichender Staat ist &ndash; so die Erl&auml;uterung durch den fr&uuml;heren Bundesverfassungsrichter Konrad Hesse und die inhaltsgleiche Kommentierung des Sozialstaats durch den fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten des Gerichts, Roman Herzog. Aktuell zur Privatisierung Siegfried Bro&szlig;, Richter am BVerfG, nachdenkseiten vom 2.2.2007\/andere interessante Beitr&auml;ge.<\/p><p>Auch wenn die freiheitliche demokratische Grundordnung vom Nationalstaat ausgeht, wird sie vom Grundgesetz ausdr&uuml;cklich im Blick auf die Verwirklichung eines vereinten Europas bekr&auml;ftigt. Die &Uuml;bertragung von Hoheitsrechten auf die <strong>Europ&auml;ische Union<\/strong> setzt deshalb voraus, dass diese &ldquo;demokratischen, rechtsstaatlichen, sozialen und f&ouml;derativen Grunds&auml;tzen&hellip;..verpflichtet ist&rdquo; (Art. 23 Abs.1). In seinem Urteil vom 12.10.1993 zum Maastricht-Vertrag erl&auml;utert das Bundesverfassungsgericht: &ldquo;Entscheidend ist, dass die demokratischen Grundlagen der Union schritthaltend mit der Integration ausgebaut werden und auch im Fortgang der Integration in den Mitgliedsstaaten eine lebendigen Demokratie erhalten bleibt&rdquo;.<\/p><p>Hinzuzuf&uuml;gen bleibt, worauf hinzuweisen fr&uuml;her kein Anlass bestand, dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, die Staatsgewalt also dem Volk und nicht nur Minderheiten zu dienen oder &ouml;ffentlich finanzierte Infrastruktur und Daseinsvorsorge in private Renditeobjekte umzuwandeln hat. In der vom Grundgesetz &uuml;bernommenen Sprache des kontinentaleurop&auml;ischen Staatsverst&auml;ndnisses hei&szlig;t das: Der Staat hat dem <strong>Wohl der Allgemeinheit<\/strong> zu dienen (z.B. Art. 56, 87e GG). Er ist der &ouml;ffentliche Kontrapunkt zu der von privaten Interessen geleiteten Gesellschaft. Durch Vorgabe oder Vereinbarung von Zielen und Rahmenbedingungen, durch B&uuml;ndelung von Ressourcen, auch durch Zusammenf&uuml;hrung von Interessen hat er eine gedeihliche Entwicklung des Gemeinwesens zu gew&auml;hrleisten. Seine <strong>Handlungsf&auml;higkeit<\/strong> im Blick auf diese Aufgabe zu sichern, geh&ouml;rt deshalb zu den verbindlichen Festlegungen des Verfassungskerns.<\/p><p>Und wenn sich die Welt so radikal ver&auml;nderte, dass das Land, hielte es an seiner Verfassung fest, nicht &uuml;berlebensf&auml;hig w&auml;re? Wenn etwa die &Uuml;bernahme seiner Wirtschaft durch konkurrierende M&auml;chte drohte, die ihre eigenen Ordnungsvorstellungen durchsetzen k&ouml;nnten? Solche Zwangsl&auml;ufigkeiten werden beschworen, um die Geltungskraft etwa des grundgesetzlichen Sozialstaats f&uuml;r erledigt zu erkl&auml;ren oder die demokratische Willensbildung dadurch zu relativieren, dass die internationalen Finanzm&auml;rkte als &ldquo;f&uuml;nfte Gewalt&rdquo; respektiert werden m&uuml;ssten (Hans Tietmeyer, Rolf Breuer). Derartigen Meinungen k&ouml;nnte bereits damit begegnet werden, dass die behauptete Alternativlosigkeit zur neoliberalen Umgestaltung der Republik aus vielerlei Sachgr&uuml;nden nicht besteht. Die grunds&auml;tzliche Antwort lautet jedoch, dass es nicht Sache einer selbst ernannten Elite, sondern <strong>allein Sache des Volkes ist, eine andere Republik durchzusetzen<\/strong>, etwa eine Republik, die einer tats&auml;chlich oder vermeintlich undemokratischen und unsozialen Weltentwicklung durch Anpassung Tribut zollt. Das Grundgesetz nimmt es mit seiner &ldquo;Ewigkeitsgarantie&rdquo; in Kauf, dass eine solche Lage im offenen Konflikt entschieden werden k&ouml;nnte, wenn eine verfassungstreue Minderheit Widerstand leistet (Art. 20 Abs.4 GG; s. hierzu die Kommentierung von Roman Herzog). Doch das ist gl&uuml;cklicherweise nur Theorie, denn vorerst m&ouml;chte noch nicht einmal die H&auml;lfte der W&auml;hler neoliberal &ldquo;durchregiert&rdquo; werden.  <\/p><p><strong>Die Vision des Neoliberalismus<\/strong><\/p><p>Der Neoliberalismus will Freiheit &ndash;  an erster Stelle die Freiheit des Marktes und der Marktteilnehmer, nicht die &ldquo;freie Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit&rdquo; eines jeden Menschen, auch nicht die politische Freiheit des B&uuml;rgers. Neoliberale Freiheit als h&ouml;chster Wert ist Selbstgenuss der Freien und Starken und nicht ein Instrument zur F&ouml;rderung des Wohls der Allgemeinheit. Ob eine Gesellschaft ohne Solidarit&auml;t &uuml;berhaupt kultiviert &uuml;berleben kann, bleibt au&szlig;erhalb der sozialphilosophischen und erst recht au&szlig;erhalb der empirisch-anthropologischen Reflexion. Der Crash wird der Praxis &uuml;berlassen. Diese ideologischen Setzungen bestimmen das Menschenbild und das Staatsverst&auml;ndnis neoliberaler Politik. Folgten die Kreuzz&uuml;ge dem Ruf &ldquo;Gott will es&rdquo;, so legitimiert sich die neoliberale Revolution mit dem fundamentalistischen Ruf &ldquo;Die Freiheit will es&rdquo;. Dass ihre Netzwerke und think tanks im Laufe der Jahrzehnte differenzierte Konzepte einschlie&szlig;lich gelegentlicher sozialer R&uuml;cksichten entwickelt haben (Dieter Plehwe, WZB-Mitteilungen Heft 110 Dez. 2005), ber&uuml;hrt die hier interessierende  Begr&uuml;ndung und Sto&szlig;richtung der neoliberalen Vision, ihre grunds&auml;tzlichen Ziele, nicht. Auf die kritischen Publikationen von Christoph Butterwegge et al. (Kritik des Neoliberalismus 2007, mit umfassendem Literaturverzeichnis), Ulrich Duchrow et al. (Solidarisch Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus &ndash; Wege zu ihrer &Uuml;berwindung 2006), John Gray (Die falsche Verhei&szlig;ung 1998), Naomi Klein (Die Schocktherapie 2007) und Ton Veerkamp (Der Gott der Liberalen 2005) sei pauschal verwiesen.<\/p><p>Bereits in den 20er und 30er Jahren hatten deutsche &ldquo;Ordoliberale&rdquo; im Vertrauen auf die angenommenen Selbstheilungskr&auml;fte des Marktes gegen staatliche Interventionen in die Wirtschaft (und gegen den Parlamentarismus der Weimarer Republik) angeschrieben. Folgenreicher war es, dass in den USA der 30er und 40er Jahre wirtschaftsliberale Wissenschaftler und Intellektuelle  erleben mussten, dass die Politik die aus ihrer Sicht falschen Konsequenzen aus den gro&szlig;en Krisen gezogen hat. Sie folgte dem Rat von John Maynard Keynes und lie&szlig; den Staat in die Wirtschaft hineinregieren, legte Investitions-  und Sozialprogramme gegen das Massenelend auf,  regulierte L&ouml;hne und Preise und vor allem: Sie beanspruchte hierf&uuml;r einen betr&auml;chtlichen Teil der Wertsch&ouml;pfung f&uuml;r den Staat, anstatt ihn den Kapitaleignern zu &uuml;berlassen. Diese Politik rettete zwar den Kapitalismus vor dem Untergang. Liberale sahen indessen nur einen Verlust an &ldquo;Freiheit&rdquo;. In den Krisen und Katastrophen des Kapitalismus versage nicht der Markt, sondern der Staat, weil er interveniert, anstatt dem zerst&ouml;rerischen Gesundungsprozess freien Lauf zu lassen. <strong>Wahre Marktwirtschaft kann deshalb nur &ldquo;freie&rdquo; Marktwirtschaft sein<\/strong>, die es gegen politische Deformierung &ndash; etwa zur sp&auml;teren &ldquo;sozialen&rdquo; Marktwirtschaft in Deutschland &ndash; zu verteidigen gilt.<\/p><p>Das war der Konsens der 1947 im schweizerischen Mont P&egrave;lerin von Friedrich August von Hayek ins Leben gerufenen Gesellschaft. Chicagoer Wirtschafts-wissenschaftler unter Leitung von Milton Friedman entwickelten auf dieser Grundlage Modelle, die die selbstregulierende und stabilisierende Wirkung uneingeschr&auml;nkt freier M&auml;rkte beweisen sollten, machten Vorschl&auml;ge zur Regulierung der Geldmenge, zu freien Wechselkursen und bereiteten Strategien zur Durchsetzung einer hierauf gegr&uuml;ndeten Wirtschaftspolitik vor. Die enge Verbindung mit gro&szlig;en Banken und Unternehmen, die sich durch eine gemischte Wirtschaftsordnung nicht nur in den USA, sondern insbesondere auch in S&uuml;damerika eingeengt sahen, gab den Konzepten der &ldquo;Chicago boys&ldquo; die Chance, gesellschaftliche Wirklichkeit zu werden. In ihren klassischen Streitschriften pl&auml;dieren von Hayek (Der Weg zur Knechtschaft 1944) und Friedman (Kapitalismus und Freiheit 1962) gegen jegliche Intervention des Staates, weil sie denknotwendig in der Zerst&ouml;rung der Freiheit enden m&uuml;sse, wie der sowjetische Sozialismus zeige &ndash; eine Polarisierung, die alle Bem&uuml;hung um Zivilisierung des Kapitalismus durch eine soziale Demokratie diskreditieren sollte. Die deutsche Debatte zur Reanimierung des Wirtschaftsliberalismus nach 1945 (M&uuml;ller-Armack, Ludwig Erhard) verlief  zun&auml;chst differenzierter, insbesondere kam hier der Staat als H&uuml;ter eines fairen Wettbewerbs ins Spiel (Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftgeschichte seit 1945, 2004). &ldquo;Freiheit statt Sozialismus&rdquo; kam sp&auml;ter.<\/p><p>Friedman verwahrte sich mit Recht dagegen, dass den Missst&auml;nden des unregulierten Kapitalismus ein Idealbild des intervenierenden Staates, getragen von vern&uuml;nftigen und selbstlosen Akteuren, entgegengehalten wird. Seine Beispiele f&uuml;r Fehlsubventionen und Fehlinterventionen sind nicht zu bestreiten. Leider hielt er diesen wiederum die ideale Blaupause der &ldquo;Freiheit&rdquo; entgegen. Nach der weltweiten Umsetzung seiner Ratschl&auml;ge k&ouml;nnen Neoliberalismus und sozialer Rechtsstaat gleicherma&szlig;en an ihren Fr&uuml;chten erkannt werden. F&uuml;r den Vergleich bieten sich die gro&szlig;en Themen der Gegenwart an, die man entsprechend den pers&ouml;nlichen  Vorstellungen von einem lebenswerten Leben bewerten und zu beiden Gesellschaftskonzepten in Beziehung setzen kann: Umweltzerst&ouml;rung, Erzeugung und Verteilung des Reichtums &ndash; global und national -, Massenarbeitslosigkeit und W&uuml;rde der Arbeit, Armut und Verwahrlosung, demokratische Vitalit&auml;t, sozialer Zusammenhalt oder die tats&auml;chlichen Chancen f&uuml;r individuelle Freiheit durch Zugang zu &ouml;ffentlichen G&uuml;tern.<\/p><p>Unabh&auml;ngig von solchen au&szlig;errechtlichen Einsch&auml;tzungen ist jedoch das rechtliche Urteil eindeutig: <strong>Die Vision des Neoliberalismus widerspricht entscheidenden Anforderungen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes<\/strong> &ndash; das zu respektieren allerdings weder der &Ouml;sterreicher von Hayek noch der Amerikaner Friedman Veranlassung hatten. Ihnen und ihren Freunden in der amerikanischen Wirtschaft stand und steht es frei, den New Deal zu bek&auml;mpfen oder mit von Hayek  zu meinen, dass der Begriff soziale Gerechtigkeit &ldquo;f&uuml;r eine Gesellschaft freier Menschen&hellip;. &uuml;berhaupt keinen Sinn hat&rdquo;. Wer jedoch das Leitbild schrankenloser Freiheit f&uuml;r die Marktkr&auml;fte auf die Bundesrepublik &uuml;bertragen und seine konkrete Politik hiermit rechtfertigen will, scheitert an dem entgegen gesetzten Leitbild eines freien und zugleich sozial gebundenen und verantwortlichen Individuums, an der rechtlichen Verb&uuml;rgung gleicher Freiheit und an der Verfassungsentscheidung f&uuml;r einen Staat, der ihre Freiheit f&ouml;rdert, ihre W&uuml;rde sch&uuml;tzt und den sozialen Ausgleich reguliert. Indem der Neoliberalismus den sozialen Rechtsstaat bek&auml;mpft und ihn insbesondere durch Steuersenkungen seiner Handlungsf&auml;higkeit beraubt, versucht er sich der einzigen Macht zu entledigen, die zu Gunsten der kleinen Leute und eines gedeihlichen Zusammenlebens  massenwirksam Solidarit&auml;t zu organisieren und den Bessergestellten einen Beitrag abzuverlangen vermag.(vertiefend: Erhard Eppler, Auslaufmodell Staat? 2005; Brun-Otto Bryde, Richter am BVerfG, Steuerverweigerung und Sozialstaat, in: Festschrift f&uuml;r F.v.Zezschwitz 2005; Dieter Grimm, Hg., Staatsaufgaben 1994).<\/p><p>Die <strong>Minimierung des Staates<\/strong> macht die Frage nach der Ordnung der Freiheit umso dringlicher. Von Hayek antwortet, dass es die Individuen sind, die durch ihr Zusammenwirken die erforderliche Ordnung spontan und damit flexibel und frei von staatlichem Zwang herstellen. Die spontane Ordnung korrespondiert jener unsichtbaren Hand, die auf der Basis der von der Zentralbank festgelegten Geldmenge die richtigen Preise der Produktionsfaktoren und damit ihren optimalen Einsatz gew&auml;hrleistet, etwa die Preise f&uuml;r die Arbeitskraft im freien globalen Arbeitsmarkt. Staatliches Handeln mit dem Ziel einer guten Ordnung des Gemeinwesens, des bonum commune, gilt als prinzipiell verfehlt, weil es neben den Individuen und ihren Familien &ldquo;so etwas wie Gesellschaft&rdquo; laut Margret Thatcher gar nicht gibt. (Systematisierend: Christoph Zeitler, Spontane Ordnung, Freiheit und Recht. Zur politischen Philosophie von Friedrich August von Hayek, 1996) Folgerichtig ist neoliberales Denken betriebwirtschaftliches, nicht volkswirtschaftliches Denken. Das jeweilige Eigentum soll seinen Nutzen maximieren und hierf&uuml;r die sozialen und &ouml;kologischen Kosten externalisieren d&uuml;rfen. Statt der sozialstaatlichen Verpflichtung, dass der Gebrauch des Eigentums zugleich dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen habe, folgt der Neoliberalismus der vorkonstitutionellen Vorstellung vom b&uuml;rgerlichen Eigentum, das das B&uuml;rgerlichen Gesetzbuch von 1896 in seinem &sect; 903 so anschaulich definiert hat, n&auml;mlich als Recht, &ldquo;mit einer Sache nach Belieben zu verfahren und andere von jeder Einwirkung auszuschlie&szlig;en&ldquo;. &ldquo;Andere&rdquo; &ndash; das sind auch die Besch&auml;ftigten, die dem &ldquo;Herrn im Hause&rdquo; zu dienen und nicht etwa &uuml;ber ihre Arbeit und Arbeitsbedingungen mitzubestimmen haben.<\/p><p>Ohne einen das Gemeinwesen mitgestaltenden Staat hat eine auf ihn bezogene Demokratie keine wesentliche Bedeutung. Worauf sollte sich die &ldquo;Mitwirkung des Volkes an der politischen Willensbildung&ldquo; oder gar das Selbstbestimmungsrecht des Volkes beziehen, wenn die Wirtschafts- und Sozialordnung &uuml;ber das Eigentumsrecht reguliert wird? Neben der Wahl des staatlichen F&uuml;hrungspersonals, das der Freiheit der Kapitalvermehrung zu dienen hat, bleiben gerade noch die Au&szlig;enpolitik sowie die Gestaltung des Polizei-, Justiz- und Milit&auml;rwesens. Zum Ausgleich f&uuml;r diese Entleerung der staatsbezogenen Demokratie sollen die B&uuml;rger bzw. Standortbewohner Eigentum an Unternehmen erwerben und dort an den Entscheidungen mitwirken k&ouml;nnen. Die wahre Demokratie der Freiheit ist Aktion&auml;rsdemokratie, genauer: &ldquo;ownership society&rdquo;. Ob die verbleibenden staatlichen Institutionen demokratisch reguliert werden &ndash; f&uuml;r Friedman ohnehin nur ein &ldquo;Hilfsmittel&rdquo; im Entscheidungsverfahren der freien Individuen -, ist daneben zweitrangig. Die Lebensf&auml;higkeit des Kapitalismus in autorit&auml;ren oder diktatorischen Regimen l&auml;sst hieran keinen Zweifel zu.<\/p><p>Unabh&auml;ngig von der Legalit&auml;t einzelner Handlungen und unabh&auml;ngig von Verbotsverfahren spricht das Grundgesetz solchen &ldquo;Zielen&rdquo;, die &ldquo;darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeintr&auml;chtigen oder zu beseitigen&rdquo; (Art. 21 Abs.2), die Legitimit&auml;t ab. Die grundlegenden Ziele des Neoliberalismus und die zu ihrer Realisierung ergriffenen Ma&szlig;nahmen sind deshalb in der politischen Auseinandersetzung als verfassungsfeindlich zur&uuml;ckzuweisen. <\/p><p><strong>Neoliberale Strategien f&uuml;r Deutschland<\/strong><\/p><p>Der Neoliberalismus ist in dem Ma&szlig;e erfolgreich, wie das Kapital auf der Grundlage stabiler W&auml;hrungen frei agieren kann: soweit es weltweit investieren kann wo und wie es will und keine sozialen, &ouml;kologischen und steuerrechtlichen Standards, auch keine lenkenden Gebote und Verbote, keine staatlichen Grenzen die Minimierung der Kosten und die Maximierung der Gewinne aufhalten. Dieses Konzept, das Helmut Schmidt gerne Raubtierkapitalismus nennt, geht offenkundig zu Lasten der Bev&ouml;lkerungsmehrheit. Demokratische Mehrheitsentscheidungen sind deshalb zumindest auf kurze Sicht kaum zu erreichen. Naomi Klein hat, auch an Hand frei gegebener Dokumente der CIA, dargestellt, dass die neoliberale Umgestaltung in aller Regel anderen Mustern folgt, insbesondere der Ausnutzung, erforderlichenfalls auch Schaffung katastrophaler Situationen. Dann gilt es, die Herrschaft &uuml;ber den Ausnahmezustand zu gewinnen und die vorbereiteten Ma&szlig;nahmen &ndash; <strong>Deregulierung, Privatisierung der Daseinsvorsorge, Senkung von Steuern und Abgaben f&uuml;r die Unternehmen, Sozialabbau<\/strong> &ndash; zu realisieren. H&auml;ufig ist es die akute Kreditnot eines Landes, die dem Internationalen W&auml;hrungsfonds die Chance gibt, dieses Programm &ndash; den &ldquo;Washington Konsensus&rdquo; &ndash; durchzusetzen.<\/p><p>Die Bundesrepublik Deutschland kommt in dem volumin&ouml;sen Buch von Naomi Klein  nicht vor. Das ist kein Zufall. Als zur Wende 1982\/83 die Strategiepapiere von Graf Lambsdorff, Haimo George und Ernst Albrecht kursierten, war die Machtbasis in den neuen Koalitionsparteien noch ungesichert. Dem rechten Fl&uuml;gel in der FDP war es gerade erst mit M&uuml;he gelungen, die Sozialliberalen auszubooten und der Wirtschaftsfl&uuml;gel der CDU war noch weit von seinem Durchmarsch auf dem Leipziger Parteitag von 2003 entfernt. In der Zukunft lag auch noch die Schw&auml;chung der Gewerkschaften durch gesetzliche Ma&szlig;nahmen, Mitgliederverlust und die endg&uuml;ltige Aufk&uuml;ndigung des sozialpartnerschaftlichen &ldquo;rheinischen Kapitalismus&rdquo; durch die Arbeitgeber. Eine Strategie der kleinen aber zielstrebigen Schritte war deshalb das Gebot der Stunde und der folgenden Jahre. Vorsorglich hat sich die Regierung Kohl f&uuml;r weitere Neuverschuldung entschieden, um strukturelle Einschnitte unterhalb einer politisch brisanten Schmerzschwelle zu halten und Eskalationen wie in Gro&szlig;britannien zu vermeiden.<\/p><p>Die Sto&szlig;richtung der deutschen Neoliberalen brachte am klarsten das Thesenpapier zum Ausdruck, das der damalige nieders&auml;chsische Ministerpr&auml;sident <strong>Ernst Albrecht<\/strong> im Auftrag des CDU-Vorsitzenden Kohl erarbeitet hatte (Handelsblatt vom 27.8.1983). Die Entlohnung des investierten Kapitals sei zu gering, die Entlohnung der Arbeit zu hoch. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche System der Bundesrepublik sei verkrustet, was mit den Stichworten K&uuml;ndigungsschutz, Sozialpl&auml;ne, Mitbestimmung, Jugendschutz und Baunormen belegt wird. Das soziale System sei teuer und unwirtschaftlich. Die Unternehmensbesteuerung m&uuml;sse sp&uuml;rbar gesenkt werden. Die sozialen Lasten wirtschaftlicher Anpassungsvorg&auml;nge m&uuml;ssten &uuml;berwiegend von der Allgemeinheit getragen werden.<\/p><p>Der Vorsitzende des Arbeitskreises Arbeit und Soziales der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion <strong>Haimo George<\/strong> stellte im Pressedienst seiner Fraktion vom 13.7.1983 fest: &ldquo;Der Schl&uuml;ssel f&uuml;r die L&ouml;sung der heutigen Probleme liegt in den Kosten &ndash; vor allem der Arbeit, damit also des Tarifssystems, das aus der heutigen (Besitzstands-)Erstarrung gel&ouml;st werden muss.&ldquo; Es folgen inzwischen vertraute Stichworte wie die St&auml;rkung der betrieblichen Ebene gegen&uuml;ber den Fl&auml;chentarifvertr&auml;gen, die &ldquo;Frage der Zumutbarkeit angebotener Arbeit f&uuml;r l&auml;ngere Zeit Arbeitslose&rdquo; oder die untertarifliche Bezahlung unter humanem Aspekt.<\/p><p><strong>Graf Lambsdorff<\/strong> hatte diese Richtung und die kleinen aber zielstrebigen Schritte bereits im September 1982 mit seinem ber&uuml;hmten &ldquo;Scheidungspapier&rdquo; zur Beendigung der Regierung Schmidt vorgezeichnet. Zwei seiner Forderungen waren  auf l&auml;ngere Sicht  besonders wirksam: Zum einen die &ldquo;Verlagerung bisher &ouml;ffentlich angebotener Leistungen auf den privaten Bereich mit dem Ziel einer effizienten Aufgabenerf&uuml;llung und einer Entlastung der Haushalte sowie einer St&auml;rkung der wirtschaftlichen Dynamik.&rdquo; Und zum anderen die Forderung, die europ&auml;ische Ebene systematisch zur Aushebelung nationaler Standards zu nutzen: &ldquo;Ablehnung gemeinschaftlicher Regelungen, insbesondere Richtlinien, die bereits im Stadium der Beratung &hellip;&hellip;. das Investitionsklima belasten&hellip;.&rdquo; Ihre j&uuml;ngste Bekr&auml;ftigung hat diese Strategie einer ausged&uuml;nnten demokratischen Kontrolle im europ&auml;ischen Verfassungsprozess erfahren. Der vom Bundestag bereits ratifizierte Entwurf war an den Volksentscheiden in Frankreich und den Niederlanden nicht zuletzt wegen der Verpflichtung auf eine neoliberale Politik gescheitert. Das hindert die Regierungen nicht, im Vertrag von Lissabon ihre Grundentscheidung f&uuml;r eine freie Marktwirtschaft aufrecht zu erhalten, sie aber &uuml;ber Verweisungen und Fu&szlig;noten hinter den Kulissen und einigen sozialen Feigenbl&auml;ttern  zu verbergen. <\/p><p>Die Regierungen <strong>Kohl, Schr&ouml;der und Merkel<\/strong> haben die damaligen Konzepte zu einem erheblichen Teil ins Werk gesetzt, wenn auch in den hierf&uuml;r bislang ben&ouml;tigten 25 Jahren nicht immer gradlinig und auch noch keineswegs vollst&auml;ndig. Ob die SPD jene Strategiepapiere noch einmal, wie 1984 geschehen, unter dem Titel &ldquo;Dokumente der Reaktion. Die Kampfansage der Rechten an den Sozialstaat&rdquo; ver&ouml;ffentlichen w&uuml;rde, darf bezweifelt werden.<\/p><p><strong>Erfolge <\/strong><\/p><p>In der &ouml;ffentlichen Rhetorik werden die abverlangte &ldquo;Lohndisziplin&rdquo;, die Einschr&auml;nkung von Sozialleistungen, das &ldquo;Sparen&rdquo; des Staates und die Besserstellung der ohnehin Bessergestellten damit gerechtfertigt, dass hierdurch die Massenarbeitslosigkeit und die Staatsverschuldung abgebaut und Raum f&uuml;r Zukunftsinvestitionen geschaffen w&uuml;rde (&ldquo;Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitspl&auml;tze von &uuml;bermorgen&rdquo;). Verglichen mit der Abschlussbilanz der Regierung Schmidt hat die seitherige Politik diese Ziele nicht nur verfehlt, sondern die Probleme versch&auml;rft. Das ist nicht &uuml;berraschend. Denn eine einseitige Politik der Kostensenkung unterst&uuml;tzt zwar die Exportwirtschaft, schw&auml;cht aber Massenkaufkraft und Binnennachfrage, was schon Henry Ford wusste: Autos kaufen keine Autos. Und &uuml;berraschen kann auch nicht, dass eine prozyklische Sparpolitik die notwendigen Investitionen in Infrastruktur und &ldquo;Humankapital&rdquo; nicht bezahlen kann und damit nachhaltiges Wachstum schw&auml;cht.<\/p><p>Erfolgreich ist neoliberale Politik deshalb nicht bei ihren propagierten, wohl aber bei der Realisierung ihrer strategischen Ziele, n&auml;mlich bei der Renditesteigerung und der  Verteilung. Erreicht wurden z.B.:<\/p><ul>\n<li>H&ouml;here Entlohnung des Kapitals, geringere Entlohnung der Arbeit<\/li>\n<li>Umwandlung Deutschlands in ein Niedrigsteuerland f&uuml;r Unternehmensgewinne und   Kapitaleink&uuml;nfte im Zuge eines internationalen Steuerdumping<\/li>\n<li>F&ouml;rderung des globalen Kaufens und Verkaufens von Unternehmen z.B. durch Steuerfreiheit f&uuml;r Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne, Deregulierung der Finanzm&auml;rkte und eine die deutschen global player beg&uuml;nstigende Au&szlig;enwirtschaftspolitik der EU<\/li>\n<li>Unterst&uuml;tzung der deutschen Exportwirtschaft bei der Erschlie&szlig;ung neuer Absatz-, Investitions- und Rohstoffm&auml;rkte auch um den Preis der Verlagerung zumal wenig qualifizierter Arbeit ins Ausland<\/li>\n<li>Umverteilung von unten nach oben (&ldquo;Einkommensspreizung&rdquo;, Abschaffung der Verm&ouml;gensteuer, Minimierung der Erbschaftsteuer, &ldquo;Steuergestaltung&rdquo; f&uuml;r die h&ouml;heren Einkommen)<\/li>\n<li>Privatisierung von strategischen Unternehmen (Verkehr, Energie, Post, Telekommunikation, Banken) und weiteren Bereichen der Daseinsvorsorge (Krankenh&auml;user, Wasserversorgung, Entsorgung)<\/li>\n<li>&ldquo;Flexibilisierung&rdquo; des &ldquo;verkrusteten&rdquo; Arbeitsmarkts, um den Kostenwettbewerb &uuml;ber L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen f&uuml;hren zu k&ouml;nnen (Abbau von Schutzrechten, Ausbau prek&auml;rer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse und des Niedriglohnsektors)<\/li>\n<li>Neue Ma&szlig;st&auml;be f&uuml;r Kapitalrenditen, mit denen auch rentable Betriebe niedergerungen werden k&ouml;nnen<\/li>\n<li>&Uuml;berw&auml;lzung der sozialen Kosten flexibilisierter, prek&auml;rer Arbeitsverh&auml;ltnisse auf die einzelnen (Scheinselbst&auml;ndigkeit, Ich-AG) bzw. auf die Allgemeinheit, bis hin zu &ouml;ffentlich mitfinanzierten Kombil&ouml;hnen<\/li>\n<li>Teilprivatisierung der herk&ouml;mmlich solidarisch finanzierten Altervorsorge und der Gesundheitskosten (die Gewinnexplosion der privaten Lebensversicherer durch die kapitalgedeckte Rente wird auch durch staatliche Werbung und Kosten&uuml;bernahme angetrieben)<\/li>\n<li>Gro&szlig;z&uuml;gigkeit bei umwelt- und verbraucherpolitischen Regulierungen (Automobilindustrie, Energiewirtschaft, chemische und pharmazeutische Industrie)<\/li>\n<li>Senkung der Staatsquote mit der Folge geringerer Aufwendungen f&uuml;r Zukunftsinvestitionen  (s. OECD-Vergleiche zur Bildungsfinanzierung und zum schulischen Leistungsniveau) oder auch f&uuml;r sozialpr&auml;ventive, jugendpolitische Aufgaben, die f&uuml;r den sozialen Zusammenhalt unerl&auml;sslich sind<\/li>\n<li>Drastischer Abbau des &ouml;ffentlichen Dienstes und seiner Leistungsf&auml;higkeit<\/li>\n<li>Aushebelung staatlicher Regulierungen durch (dann nicht eingehaltene) Selbstverpflichtung der Wirtschaftsverb&auml;nde (Ausbildungspl&auml;tze, Einwegflaschen, Kfz-Emissionen, Pharmapreise, Nichtraucherschutz in der Gastronomie)<\/li>\n<li>Vermeidung unkalkulierbarer parlamentarischer Beratungen durch Vorschaltung prominent besetzter Expertenkommissionen und durch administrations- und parlamentsnahe Lobby-Arbeit<\/li>\n<li>New Public Management  in der &ouml;ffentlichen Verwaltung, im Bildungs- , Wissenschafts-, Gesundheits- und Pflegebereich zur Durchsetzung betriebswirtschaftlicher Nutzenkalk&uuml;le<\/li>\n<li>Diskreditierung des Staates als Anwalt der kleinen Leute und der Zukunftssicherung<\/li>\n<li>Etablierung von privatem Fernsehen und Rundfunk <\/li>\n<li>Positive Besetzung von &ldquo;Wettbewerb&rdquo; und &ldquo;Elite&rdquo; unabh&auml;ngig von chancengleichen Wettbewerbsbedingungen und unabh&auml;ngig von fairen Perspektiven f&uuml;r die Verlierer.<\/li>\n<\/ul><p><strong>In der Summe<\/strong> sind dies die <strong>Weichenstellungen<\/strong> weg vom sozialen, im Sinne des Gemeinwohls intervenierenden und ausgleichenden Rechtsstaat hin zu einer anderen Republik. Man t&auml;te den Protagonisten dieser Entwicklung Unrecht, wollte man in der &Uuml;bereinstimmung von neoliberaler Vision, Strategiepapieren und politischer Realisierung nur das zuf&auml;llige Ergebnis situationsbezogener Entscheidungen sehen. Die Strategen und Macher haben Anspruch auf Anerkennung ihrer Leistung. Die skrupul&ouml;se Scheu, strategische Zusammenh&auml;nge anzuerkennen, ihre <strong>Tabuisierung als &ldquo;Verschw&ouml;rungstheorie&rdquo;<\/strong>, verstellt den Blick auf die Wirklichkeit. Wer den Strategiepapieren von 1982\/83 den Erfolg nicht zuerkennen mag, kann aus j&uuml;ngerer Zeit die ausgereiften und umsetzungsbezogenen  Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung und bedeutender Unternehmensberatungsgesellschaften w&uuml;rdigen, die die neoliberale Basisstrategie auf zahlreiche Politikfelder anwenden. Auch die freundlichste Interpretation der vorstehenden Erfolgsliste kommt an der Tatsache nicht vorbei, dass zahlreiche einschneidende Ma&szlig;nahmen wie die Beg&uuml;nstigung von Finanzinvestoren oder die Privatisierungen in der Daseinsvorsorge nicht dem Kostendruck des globalen Wettbewerbs geschuldet sind. Ganz im Sinne des Neoliberalismus zielen sie &ndash; als Selbstzweck &ndash; auf ausschlie&szlig;liche Aneignung der Produktivit&auml;tsgewinne durch die Kapitalseite, auf Umverteilung von unten nach oben, auf Verlagerung vom gemeinwohlorientierten auf den gewinnorientierten Sektor, auf Abbau chancengleichen Zugangs zu &ouml;ffentlichen G&uuml;tern und auf Entmachtung des Staates. Sollte die Globalisierung mit ihrem Kostendruck tats&auml;chlich <strong>Wohlstandseinbu&szlig;en<\/strong> in Deutschland erzwingen, so w&auml;re eine am Gemeinwohl orientierte Politik nicht gehindert, diese <strong>solidarisch zu organisieren<\/strong> und eine faire Teilhabe am Sagen und Haben anzustreben. Neoliberale Politik will und tut das Gegenteil.<\/p><p>Der Erfolg der neoliberalen Strategie f&uuml;r Deutschland ist nicht zu trennen von der Entwicklung in den USA. Zwar sorgten diese schon in den 70er Jahren in ihrem s&uuml;damerikanischen &ldquo;Hinterhof&rdquo; f&uuml;r neoliberale Ordnung. Den Durchbruch brachte jedoch erst die Pr&auml;sidentschaftswahl 1980, als die amerikanischen Milliard&auml;re den Wahlsieg ihres Kandidaten Ronald Reagan feiern konnten. Gro&szlig;britannien folgte seit der zweiten Amtszeit von Margret Thatcher. Der marktradikale Kurs pr&auml;gte seitdem die internationale Finanz- und Handelspolitik (IWF, Weltbank, WTO, GATS). Ohne diese <strong>machtpolitische Ermutigung<\/strong> w&auml;ren die deutschen Strategiepapiere von 1982\/83 vermutlich eines geblieben: Papier. Weitere Erfolgsbedingungen sind die von deutschen Regierungen mitbetriebene neoliberale Ausrichtung der EU und die international agierenden Medienkonzerne von Murdoch &uuml;ber Time Warner und Berlusconi bis zu Bertelsmann und Springer. Letztere arbeiten daran, breiten Mehrheiten den Glauben an die Segnungen unregulierter Wirtschaft und die &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit des Staates beizubringen. Die Meinungsf&uuml;hrerschaft dank der Massenmedien wird erg&auml;nzt durch gro&szlig;z&uuml;gig finanzierte Denkfabriken und PR-Agenturen (Scholz&amp;Friends propagieren f&uuml;r die Arbeitgeber seit 2000 die &ldquo;Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo;), durch Zusammensetzung von Expertengremien und die Besetzung  wirtschaftswissenschaftlicher Lehrst&uuml;hle, die die <strong>Deutungshoheit<\/strong> zu sichern haben. Dadurch k&ouml;nnen griffige Schlagworte wie Globalisierung, Demographie, Neidsteuer,  Deregulierung und Entfesselung (statt Entrechtlichung), Freizeitpark oder soziale H&auml;ngematte, aber auch Kampagnen gegen den gefr&auml;&szlig;igen, verschwenderischen und ineffizienten Staat unabh&auml;ngig von ihrem argumentativen Wert platziert werden. Alternative Politiken, mit denen andere L&auml;nder die gro&szlig;en wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme unter Wahrung ihrer sozialen Demokratien und ohne Einbu&szlig;en an notwendigem Kapital l&ouml;sen, k&ouml;nnen erfolgreich ignoriert oder diskreditiert werden. <\/p><p>Daneben hatte permanentes Schlechtreden des &ldquo;Standorts Deutschland&rdquo; daf&uuml;r zu sorgen, dass weitere  &ldquo;Reformen&rdquo; als unerl&auml;sslich erscheinen. Inzwischen geht es darum, dem Publikum beizubringen, dass die aktuelle (vielleicht nur fl&uuml;chtige) Verbesserung einiger Wirtschaftsdaten der &ldquo;Reformpolitik&rdquo; zu danken sei. Au&szlig;erordentlich erfolgreich sind die treibenden Kr&auml;ften des neoliberalen Projekts darin, Schl&uuml;sselpositionen auf  unternehmerischen, staatlichen und verbandlichen F&uuml;hrungsebenen einzunehmen. Dass der Mitverfasser des Lambsdorff-Papiers Kanzlerberater und Pr&auml;sident des Bundesbank und sodann Kuratoriumsvorsitzender der &ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo; wurde, m&ouml;ge als Beispiel dienen. Inzwischen ist die deutliche Mehrzahl der Entscheidungstr&auml;ger in Wirtschaft, Politik und Massenmedien dem neoliberalen Projekt verbunden. (Zum marktradikalen Elitennetzwerk in Deutschland s. Butterwegge et al. S. 75 ff; das internationale Netzwerk pr&auml;sentiert sich der &Ouml;ffentlichkeit j&auml;hrlich in Davos als &ldquo;Weltwirtschaftsforum&ldquo;) <\/p><p><strong>Unerledigtes<\/strong><\/p><p>Erhebliche Teile der neoliberalen Agenda sind noch nicht abgearbeitet. Sie sind darauf gerichtet, Reste des K&uuml;ndigungsschutzes, der Mitbestimmung und des gewerkschaftlichen Einflusses auf die Arbeitsbedingungen zu beseitigen, die Erbschafts- und Gewerbesteuer abzuschaffen, mit einer flat-tax die hohen Einkommen weiter zu entlasten, dem Steuerrecht sozialstaatliche und &ouml;kologische Lenkungsfunktionen zu entziehen, die Pflegeversicherung zu privatisieren, den Sockelbetrag der Sozialhilfe zu halbieren, die Kinderarmut in den nicht steuerpflichtigen Familien durch h&ouml;here Steuerfreibetr&auml;ge zu bek&auml;mpfen und die bereits erreichte &Ouml;konomisierung vieler &ouml;ffentlicher Dienstleistungen durch Verk&auml;ufe zum Schn&auml;ppchenpreis zu erg&auml;nzen, wie dies aktuell f&uuml;r die Deutsche Bahn vorbereitet wird. Der aufkommende Widerstand gegen den Ausverkauf des Staates, nicht nur bei der Bahn, sondern gerade auch in den St&auml;dten und Gemeinden, signalisiert, dass die schleichende Revolution sich noch anstrengen muss. (Werner<br>\nR&uuml;gemer, Privatisierung in Deutschland. Eine Bilanz, 2006)<\/p><p>Selbst die neoliberale Meinungsf&uuml;hrerschaft und Deutungshoheit ist noch nicht gesichert. Noch immer behaupten sich Redaktionen gegen das Diktat der Quote und die Interessen der Werbekunden; Wissenschaftler, die es wollen, k&ouml;nnen noch  ihre Unabh&auml;ngigkeit wahren und kleinere Netzwerke entziehen sich der Gleichschaltung. Vor allem aber hilft eigene Betroffenheit dem Publikum zunehmend dabei, Propaganda von Fakten und Verlautbarungspolitik von Realpolitik zu unterscheiden. Protagonisten des Neoliberalismus wie der Bundespr&auml;sident oder Alan Greenspan (nach seinem Abschied als Pr&auml;sident der US-Notenbank) sehen sich veranlasst, dessen augenscheinliche Konsequenzen wie Armut, soziale Schieflage und wachsende Entfremdung zwischen Unternehmen und Gesellschaft zu beklagen. Auch der Verlauf und Ausgang des Wahlkampfes 2005 nebst anschlie&szlig;enden R&uuml;cksichtnahmen auf br&ouml;ckelnde Akzeptanz n&auml;hrt Zweifel am ungehinderten Erfolgskurs des Neoliberalismus in Deutschland. F&uuml;r den Bundesfinanzminister war dies Grund genug, von einem wirtschaftsnahen Institut erforschen zu lassen, was zu tun sei, damit das Volk mehr von jenen Reformen verlangt, die es bisher nicht will (nachdenkseiten vom 13.8.2007). Der Rat der Forscher: Zum richtigen Zeitpunkt vollendete Tatsachen  schaffen und die Botschaft beharrlich und unbeirrt wiederholen, ganz im Sinne von Margret Thatchers und Gerhard Schr&ouml;ders TINA: There Is No Alternative. <\/p><p><strong>Verfassungsfeindlich, verfassungsvergessen<\/strong><\/p><p>Das Bundesverfassungsgericht pr&uuml;ft auf Antrag einzelne Gesetzesvorschriften auf ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz und stellt ggf. ihre Nichtigkeit fest. Grundlage seiner Pr&uuml;fung sind Rechtsnormen. Das Handeln des Gesetzgebers ist in der Regel  nicht Vollzug von Verfassungsnormen sondern vorrangig politisches Handeln. Es bedarf  vor allem einer von der Verfassung verliehenen Zust&auml;ndigkeit; im &uuml;brigen hat es die Normen der Verfassung zu achten. In diesem rechtlichen Rahmen hat der Gesetzgeber im gewaltenteilenden Staat sein eigenes Mandat, kraft demokratischer Legitimation politische Entscheidungen zu treffen, also zwischen Interessen zu entscheiden, Risiken abzuw&auml;gen, Zukunftsprognosen zu wagen und sich dabei an den Wertma&szlig;st&auml;ben und Erwartungen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu orientieren. Das Gericht respektiert diesen <strong>Vorrang des politischen Prozesses<\/strong> durch eine geringere Kontrolldichte. W&auml;hrend es beim Schutz der Grundrechte und der Wahrung von Zust&auml;ndigkeiten ein dichtes Normengeflecht vorfindet, pr&uuml;ft es im Bereich politischer Gestaltung z.B., ob das angegriffene Gesetz das rechtsstaatliche Gebot der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit wahrt und das Verbot willk&uuml;rlicher, insbesondere willk&uuml;rlich belastender, unter keinem sachlichen Gesichtspunkt nachvollziehbarer Regelungen beachtet ist. <\/p><p>Ein abrupter Umbruch in eine den Verfassungskern negierende Ordnung erh&ouml;ht die verfassungsgerichtliche Kontrolldichte, macht die freiheitliche demokratische Grundordnung zu einer unmittelbar anwendbaren Norm. Denn hier liegen die Intentionen, die die Akteure mit ihren gleichzeitigen und tief greifenden Ma&szlig;nahmen verfolgen, offen zu Tage. Die &uuml;ber Jahre und Jahrzehnte sich erstreckenden einzelnen Schritte des neoliberalen Projekts hingegen, die jeweils f&uuml;r sich genommen die verfassungsrechtliche Pr&uuml;fung bestehen k&ouml;nnen, ergeben erst in ihrer Summierung die angestrebte neue Ordnung. Das Bundesverfassungsgericht fahndet hier nicht nach  verfassungsfeindlichen Absichten und langfristigen Strategien. Die schleichende Revolution genie&szlig;t die <strong>Pr&auml;mie der kleinen Schritte<\/strong>.<\/p><p>Das neoliberale Projekt ist, wie dargestellt, gegen den Verfassungskern des Grundgesetzes gerichtet. Diejenigen, die es entwickeln, propagieren oder einzelne Elemente mit der Absicht umsetzen, die strategischen Ziele zu erreichen, handeln <strong>zumindest objektiv verfassungsfeindlich<\/strong>. Sie waren und sind dabei nicht ohnm&auml;chtige Vollstrecker einer naturw&uuml;chsigen Globalisierung. Meist haben sie mehrere Optionen und entscheiden sich f&uuml;r solche Ma&szlig;nahmen, die das neoliberale Projekt f&ouml;rdern und keinen unkalkulierbaren Widerstand ausl&ouml;sen. Es ist schwierig zu mutma&szlig;en, ob alle Akteure auch das finale Ziel des Neoliberalismus, den radikalen freien Markt zugunsten der Starken, erreichen oder auf halbem Wege stehen bleiben wollen oder ob sie ledigdiglich naiv dem Versprechen folgen, die verlangten &ldquo;Reformen&rdquo; f&uuml;hrten zu Arbeit und Wohlstand f&uuml;r alle, oder gar irrt&uuml;mlich meinen, unter weltwirtschaftlichen Zw&auml;ngen so handeln zu m&uuml;ssen. Was mag ein Bundeskanzler denken, der nach eigenem Bekunden &ldquo;geliefert&rdquo; hat und dann d&uuml;piert und hilflos die M&auml;chtigen der Wirtschaft um Patriotismus bittet? <strong>Auch subjektiv verfassungsfeindlich<\/strong> reden und handeln zumindest jene, die einzelne Elemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, deren Unantastbarkeit gem&auml;&szlig; Art.79 Abs.3 GG sie kennen, ausdr&uuml;cklich f&uuml;r nicht mehr bindend erkl&auml;ren, etwa weil der Sozialstaat nicht mehr finanzierbar, der Bundesstaat hinderlich f&uuml;rs Durchregieren oder die Mitwirkung des Volkes an der politischen Willensbildung nicht von Sachkunde und Gehorsam gegen&uuml;ber den Finanzm&auml;rkten getragen sei. F&uuml;r die W&uuml;rdigung im konkreten Fall sieht das Grundgesetz zu seinem eigenen Schutz die Verfahren zur Aberkennung von Grundrechten und zum Parteienverbot vor (Art. 18, 21 Abs.2).<\/p><p>Abseits solcher eher seltenen offenen Bekundungen verfassungsfeindlicher Absichten ergibt sich ein nicht weniger beunruhigender Befund. Viele Akteure, die in Denkfabriken, Medien, Parteien, Verb&auml;nden, Parlamenten und Regierungen in der Spur des neoliberalen Projekt arbeiten, tun dies, ohne ihr Handeln an den Geboten und Erwartungen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu messen. Das t&auml;gliche Gesch&auml;ft im jeweiligen Fachgebiet, aber auch die &uuml;berfordernde Komplexit&auml;t der Aufgaben l&auml;sst es opportun erscheinen, eigene Durchsetzungschancen nicht durch weiter reichende Fragen zu gef&auml;hrden. &Uuml;berdies wei&szlig; man sich geborgen im inzwischen herrschenden Meinungsklima, an dessen Entstehung vertrauensw&uuml;rdige Experten sowie jeweils nahe stehende Partei- und Fraktionsf&uuml;hrer beteiligt waren. Von diesen wird man erwarten d&uuml;rfen, dass sie die Eckpfeiler des neoliberalen Projekts &ndash; Deregulierung, Privatisierung, Steuersenkung usw. &ndash; sorgf&auml;ltig konzipiert haben und angesichts schwieriger Weltverh&auml;ltnisse das Beste f&uuml;r das Land und seine Menschen erreichen wollen. Warum dann noch an die Verfassung denken? Solche <strong>Verfassungsvergessenheit<\/strong> bewahrt zwar in der Regel vor rechtlichen Sanktionen, bleibt  aber trotzdem nicht folgenlos. Die Akteure der kleinen zielgerichteten Schritte, die sich um deren strategischen und verfassungsrechtlichen Kontext nicht k&uuml;mmern, verspielen die demokratische Legitimit&auml;t ihres Handelns, sie geben sich als Akteure zu erkennen, die nicht die Sache des Gemeinwesens, das Wohl der Allgemeinheit vertreten, sondern zumindest objektiv die Interessen einer Elite, die sich von diesen Anforderungen freigezeichnet hat. In einer demokratisch wachen, f&uuml;r die Lebensform ihrer Grundordnung eintretenden Gesellschaft ist dies eine Einbu&szlig;e an Meinungsf&uuml;hrerschaft und Durchsetzungskraft, mehr noch: dieser <strong>Legitimit&auml;tsverlust<\/strong> ist eine Ermutigung f&uuml;r alle, die sich ihr Recht, in einer freien, kultivierten und solidarischen Gesellschaft zu leben, nicht nehmen lassen wollen.  <\/p><p><strong>Spurensuche<\/strong><\/p><p>Was mag den Macht habenden Teil der deutschen Elite in Wirtschaft, Politik, Denkfabriken und Medien dazu bewegen, diesen Weg der Entsolidarisierung, der Bereicherung um jeden Preis, auch den der volkswirtschaftlichen Unvernunft zu forcieren, zu vergessen, was die Verfassung vor allem ihr abverlangt? An der &Uuml;berzeugungskraft marktradikaler Modelle wird es kaum liegen und pers&ouml;nliche Dispositionen wie die narzisstische Vergr&ouml;&szlig;erung des Ichs geh&ouml;ren ohnehin zur Menschheitsgeschichte. Auch die tats&auml;chlichen und die vermeintlichen Zw&auml;nge der Weltwirtschaft  d&uuml;rfen hier au&szlig;er Betracht bleiben. Denn  andere, insbesondere nordeurop&auml;ische L&auml;nder gehen mit der globalen Situation anders um und vor allem sind es die deutschen Machteliten selbst, die die &Ouml;ffnung ausl&auml;ndischer M&auml;rkte unter Au&szlig;erachtlassung sozialer, &ouml;kologischer und kultureller Standards betrieben haben und betreiben. Aufschlussreicher sind R&uuml;ckblicke ins 20.und 19. Jahrhundert.<\/p><p>Als 1945 gleich mehrere deutsche Wertehimmel einst&uuml;rzten, war es nahe liegend, sich auf das dringlich zu Machende zu konzentrieren. Hierf&uuml;r war die Ideologie n&uuml;tzlich, man k&ouml;nne Gesellschaft rein sachlich gestalten, ohne R&uuml;ckbindung an Interessen und Werte, zu denen man stehen muss, die sich aber eines Tages wieder als br&uuml;chig erweisen k&ouml;nnten. Die Anforderungen einer sozialen Demokratie waren von dieser Skepsis nicht ausgenommen, sie waren sogar &uuml;berfl&uuml;ssig: &ldquo;Die moderne Technik bedarf keiner Legitimit&auml;t; mit ihr herrscht man, weil sie funktioniert.&ldquo; (Schelsky 1965). Eine vermeintlich wertneutrale <strong>Technokratie<\/strong> gestattet es, Bed&uuml;rfnisse und soziale Forderungen, die quer zu den Interessen der Machtelite liegen, als ideologisch und damit als unsachlich abzutun. Karl Steinbuch 1982: &ldquo;Wenn wir unsere politische Ordnung wieder auf Rationalit&auml;t stellen wollen, dann m&uuml;ssen wir mit dem Diktat der uninformierten Mehrheit aufr&auml;umen.&ldquo; Willy Brandt 1984: &ldquo;Wann immer f&uuml;r &lsquo;Eliten&rsquo; getrommelt wird, marschiert im Geiste die Verachtung f&uuml;rs &lsquo;gemeine Volk&rsquo; mit&rdquo;. Ihren H&ouml;hepunkt erreichte die Ideologie der Ideologiefreiheit mit Ludwig Erhards und R&uuml;diger Altmanns Vision einer &ldquo;formierten Gesellschaft&ldquo;, handelnd durch ein &ldquo;Deutsches Gemeinschaftswerk&rdquo;, das den Sachverstand der Experten von unsachlichen Forderungen und demokratischen Verbiegungen freihalten sollte. Dass der Konflikt mit den wertbezogenen Grundentscheidungen der Verfassung damals nicht offen ausbrach, war neben dem baldigen Ende der Regierung Erhard jenem &ldquo;Wirtschaftswunder&rdquo; zu danken, das auch den Zur&uuml;ckgebliebenen das Gef&uuml;hl gen&uuml;gender Teilhabe an Wohlstand und Sicherheit verschaffte. Aktuell geblieben ist  technokratisches Denken gleichwohl, wie der Einfluss Niklas Luhmanns ebenso zeigt wie das vertraute Bekenntnis, dass es keine rechte und linke, sondern nur richtige und falsche Wirtschaftspolitik gebe.<\/p><p>F&uuml;r die Distanz der deutschen Machtelite zum Verfassungskern des Grundgesetzes ist es nicht weniger folgenreich, dass zur politischen Identit&auml;t der Bundesrepublik Deutschland die <strong>&ldquo;Wertegemeinschaft&rdquo; mit den USA<\/strong> geh&ouml;rt. Manager und Wissenschaftler, die von den dortigen Verh&auml;ltnissen fasziniert sind, glauben in deren Sinne zu handeln, wenn sie empfehlen,  amerikanischer Wirtschafts- und Sozialpolitik nachzueifern &ndash; ungeachtet der Feststellung des fr&uuml;heren Cheftheoretikers Margret Thatchers: &ldquo;Kein europ&auml;isches Land, nicht einmal Gro&szlig;britannien, ist bereit, das Ausma&szlig; an sozialem Elend hinzunehmen, das die freie Marktwirtschaft in den Vereinigten Staaten zu verantworten hat&rdquo; (John Gray 1998). Doch so sehr eine solche deutsch-amerikanische Wertegemeinschaft in rechtsstaatlichen, zum Teil auch in demokratischen Normen ihre Wurzeln hat, so sehr f&uuml;hrt sie im Blick auf den deutschen Sozialstaat (und auch im Blick auf die grundgesetzliche Verbindlichkeit von V&ouml;lkerrecht und defensiver Milit&auml;rpolitik) in die Irre. Die USA wollen kein Sozialstaat sein, auch wenn sie vor&uuml;bergehend wesentliche Elemente von Sozialstaatlichkeit realisiert haben. Sie wollen eine Gesellschaft freier Individuen sein, die sich auf eigene Faust durchsetzen und verteidigen, neue Grenzen erobern, mit eigener Initiative Gemeinn&uuml;tziges aufbauen, ihres Gl&uuml;ckes Schmied sind und ihre Niederlagen und ihr Elend ertragen, ohne vom Staat, allenfalls von der lokalen oder religi&ouml;sen Gemeinschaft, Hilfe zu erwarten. Man mag sich diese Lebensform w&uuml;nschen oder nicht. Als Vorbild gew&auml;hlt, ist sie f&uuml;r die deutsche Machtelite eine Ermutigung, den Geltungsanspruch des grundgesetzlichen Sozialstaats nicht ernst zu nehmen.<\/p><p>Wer verstehen will, warum wichtige Teile der Gesellschaft den entfesselten Egoismus als h&ouml;chsten Wert akzeptieren, kommt an der <strong>Geistes- und Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts<\/strong> speziell in Deutschland nicht vorbei. Mit der schwindenden &Uuml;berzeugungskraft von Metaphysik und Religion wurde die bindungslose Freiheit, die egomanische Selbstverwirklichung vorgedacht, nicht mutwillig, sondern zumeist im Zorn auf die  alten M&auml;chte Thron und Altar, die die Glaubw&uuml;rdigkeit ihres moralischen Anspruchs verspielt hatten. Symptomatisch hierf&uuml;r waren, wenn auch zun&auml;chst ohne Breitenwirkung, Max Stirner (Der Einzige und sein Eigentum) und Friedrich Nietzsche. Letzterer dichtete den gro&szlig;en gelungenen Menschen, der um seiner selbstbezogenen Gr&ouml;&szlig;e willen f&auml;hig ist, Leiden zuzuf&uuml;gen und den Anblick dieses Leidens auszuhalten (Die fr&ouml;hliche Wissenschaft). Die W&uuml;rde des Menschen, die das Grundgesetz geachtet und gesch&uuml;tzt sehen will, ist indessen nicht die einer heroischen Elite, sondern die unheroische W&uuml;rde eines jeden. Eine lockere Streitschrift &ldquo;Die Tyrannei des Gemeinsinns. Ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft&rdquo; (Herzinger 1997) ist ohne solchen Vorlauf schwer vorstellbar. Eine Fundgrube f&uuml;r die Wurzeln moralischer Indifferenz und elit&auml;rer Geringsch&auml;tzung der breiten Bev&ouml;lkerungsschichten ist die Sozialgeschichte des Kaiserreichs &ndash; vom Militarismus &uuml;ber die Reste des Feudalismus bis zum akademischen Standesd&uuml;nkel. Ihre Spuren sind mit der Flucht des Kaisers nicht ausgel&ouml;scht (Fritz Fischer, B&uuml;ndnis der Eliten. Zur Kontinuit&auml;t der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945, 1979).<\/p><p>Die Spurensuche f&uuml;hrt nicht zuletzt zu jenem fr&uuml;hen oder alten <strong>Liberalismus<\/strong>, der nun wieder neu und jung sein will &ndash; ein historischer R&uuml;ckgriff, f&uuml;r den sich ausdr&uuml;cklich auch Milton Friedman einsetzte. Jener fr&uuml;he Liberalismus pl&auml;dierte daf&uuml;r, dass der Staat sich auf Sicherheit, Ordnung und Verteidigung zu beschr&auml;nken habe. Roman Herzog erinnert in seiner Kommentierung des Art. 20 GG an den &ldquo;letztlich anarchistischen Urgrund des fr&uuml;hen theoretischen Liberalismus&hellip;.Die Aufl&ouml;sung des Staates bei Marx hat also ein prinzipiell liberales Vorbild&rdquo;. Diese antistaatliche Traditionslinie wurde nur kurzzeitig durch Sozialliberale von Friedrich Naumann und Hugo Preu&szlig; bis zu Karl Herrmann Flach, Werner Maihofer und Gerhard Baum unterbrochen, die die Idee eines sozialen Rechtsstaats mitgetragen haben. Umso gravierender f&uuml;r die politische Debatte in Deutschland ist es, dass der kontinuierliche Kampf des Liberalismus gegen Demokratie verdr&auml;ngt wird. Die Unvereinbarkeit von Demokratie mit b&uuml;rgerlicher, in Besitz und Bildung gegr&uuml;ndeter Freiheit hat Friedrich Christoph Dahlmann anschaulich beschrieben (Ein Wort &uuml;ber Verfassungen, 1815): Die Repr&auml;sentativverfassung &ldquo;hat nichts zu schaffen mit Volkssouver&auml;nit&auml;t, denn die Bev&ouml;lkerung kann gar wohl die Einsicht haben, dass um des Volkes willen regiert werde, ohne darum sich zu dem Wagest&uuml;ck zu versteigen, selbst die Regierung &uuml;bernehmen zu wollen.&rdquo; Die &ldquo;herrschende Lehre&rdquo; der Verfassungsrechtler hat sich um diese Unvereinbarkeit nicht gek&uuml;mmert, sondern den Zwitter einer &ldquo;liberalen Demokratie&rdquo; gezeugt. Auch diese Traditionslinie geh&ouml;rt, wie die &uuml;ber das 19. Jahrhundert hinausreichende, vom Liberalismus legitimierte Klassengesellschaft, zum Bewusstsein einer Elite, die sich sozialethisch und letztlich verfassungsrechtlich entpflichtet hat und die Kosten ihrer ungebundenen Freiheit dem Rest der Gesellschaft auferlegt. <\/p><p><strong>Kulturbruch<\/strong><\/p><p>Verglichen mit dem &ndash; aus deutscher Sicht &ndash; &ldquo;gew&ouml;hnlichen&rdquo; Kapitalismus, der sozialen Marktwirtschaft, ist der Neoliberalismus mehr als eine intensivere Umverteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums von unten nach oben. Er ist auch, und dies ist die praktische Konsequenz seiner Unvereinbarkeit mit dem Menschenbild des Grundgesetzes und einer dem Gemeinwohl verpflichteten Staatlichkeit, eine <strong>Absage an tradierte Leitbilder<\/strong> der individuellen Lebensf&uuml;hrung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sein plattes &ouml;konomistisches Menschenbild kennt nur Nutzenmaximierung und die hierf&uuml;r f&uuml;r erforderlich gehaltene Freiheit vom Staat. Es gestattet zum Beispiel noch nicht einmal ein Bedauern dar&uuml;ber, dass Bildung in instrumentelle Ausbildung pervertiert wird, dass die Kommerzialisierung in alle Poren das Alltagslebens eindringt oder die kultivierte Entwicklung des Menschen neben der Perfektionierung der Dinge in der &ldquo;Philosophie der Freiheit&rdquo; keinen Stellenwert hat. Neoliberalismus ist aber vor allem eine Absage an die gro&szlig;e Leistung der europ&auml;ischen Kultur, die Menschen durch das Recht  &ndash; auch und gerade in Klassengesellschaften &ndash; gegen den Mutwillen und die Gier der Starken sch&uuml;tzen zu wollen. Kultivierte Freiheit ist auf das Recht, auf Regulierung angewiesen.<\/p><p>Der &ldquo;gew&ouml;hnliche Kapitalismus&rdquo; begn&uuml;gt sich mit einer wie auch immer zu seinem Vorteil verschobenen Balance von individueller, durchaus auch &ouml;konomischer Freiheit und solidarischer R&uuml;cksicht, von materieller Bereicherung und Respekt vor den Verlierern. Damit bewegt er sich als eine von mehreren politisch m&ouml;glichen Optionen innerhalb der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Der Neoliberalismus will sich von diesen Fesseln grunds&auml;tzlich befreien. The winner takes all. Die Zerst&ouml;rung von Bindungen, Pflichten und Verantwortlichkeiten ist der Kern dieser &ldquo;Philosophie der Freiheit&rdquo; und sie ist der Kern ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Praxis bis hin zur Neuformierung bzw. Deformierung der Individuen. Sie bekennt sich unverschl&uuml;sselt zur Naturgegebenheit von Oben und Unten, von Herr und Knecht. Gr&auml;fin D&ouml;nhoff hatte diese weit &uuml;ber das &Ouml;konomische hinausreichenden Konsequenzen im Blick, als sie 1996 ihren &ldquo;Zw&ouml;lf Thesen gegen die Ma&szlig;losigkeit&rdquo; den Titel gab: <strong>&ldquo;Zivilisiert den Kapitalismus!&rdquo;<\/strong>.<\/p><p>Der franz&ouml;sische B&uuml;rgerk&ouml;nig hatte1830 seine Untertanen aufgefordert: &ldquo;Bereichert Euch!&rdquo;. Damals war eine sozialethische Verpflichtung des B&uuml;rgertums gegen&uuml;ber den zu diesem Zweck Ausgebeuteten oder gar ein Recht der Verlierer auf Sicherung eines menschenw&uuml;rdigen Unterhalts durch Arbeit oder &ouml;ffentliche Hilfe nicht vorgesehen. Erst die <strong>Erk&auml;mpfung solcher Rechte durch die Arbeiterbewegung<\/strong> und ihre Verankerung im sozialen Rechtsstaat hat dem einzelnen die Anerkennung als gleichberechtigtes Subjekt verschafft. Dem Neoliberalismus geht eine solche Inpflichtnahme der Mittel- und Oberschicht zu weit. Man ist bereit zu &ldquo;Charity&rdquo;, zu Wohlt&auml;tigkeit und Barmherzigkeit, aber m&ouml;glichst ohne Rechtsanspruch. Friedmans Vorschlag einer negative Einkommensteuer sei als Ausnahme erw&auml;hnt, ebenso der Mindestlohn in den USA als Relikt des New Deal. In der deutschen Adaption bevorzugt neoliberale Politik die Aufstockung unzureichender L&ouml;hne durch staatliche Transfers. Sie nimmt in Kauf, dass sich entw&uuml;rdigt f&uuml;hlt, wer trotz regul&auml;rer Arbeit &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung beantragen muss. Transferleistungen, die das Existenzminimum sichern und Wettbewerbsvorteile durch Dumpingl&ouml;hne erm&ouml;glichen, sollen davon abh&auml;ngig sein, dass jede &ndash; auch unterbezahlte &ndash; Arbeit angenommen wird (ALG II). Roland Koch hat geltend gemacht, dass der Staat f&uuml;r Brot und Salatk&ouml;pfe keine Preise festsetze, deshalb br&auml;uchten wir auch keine staatlich festgesetzten Preise f&uuml;r die Arbeit (rbb iinforadio vom 18.6.2007). Angesichts statussichernder Honorarordnungen f&uuml;r Rechtsanw&auml;lte, Steuerberater, &Auml;rzte und Architekten wird hier einmal mehr die elit&auml;re Verachtung f&uuml;rs &ldquo;Personal&rdquo;, f&uuml;r die Arbeitskraft als blo&szlig;e Ware, demonstriert.<\/p><p>Es ist nicht unbeabsichtigt, dass dieses Szenario bei vielen, die noch regul&auml;re Arbeit haben, <strong>Angst vor dem Absturz<\/strong> erzeugt. Das macht sie hinsichtlich ihrer Entlohnung und ihrer Arbeitsbedingungen gef&uuml;gig, sofern der Arbeitgeber nicht auf ihre spezifischen Qualifikationen angewiesen ist. Existenzangst setzt sich deshalb &ndash; neben den Geld- und Statusanreizen in den oberen Etagen &ndash; als zentrale Motivation im Arbeitsleben durch. Wenn prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse oder unzul&auml;nglicher K&uuml;ndigungsschutz die eigene wirtschaftliche Existenz und die der Familie bedrohen, k&ouml;nnte der Mut zu Konflikten am Arbeitsplatz zu teuer bezahlt sein. Vor allem muss nach neuer Arbeit Ausschau gehalten werden. <strong>Job-Mentalit&auml;t<\/strong> l&ouml;st die Verbundenheit mit der Arbeitsaufgabe ab, die herk&ouml;mmlich Garant ist f&uuml;r langfristiges Engagement, Kreativit&auml;t und Loyalit&auml;t, f&uuml;r professionelle Qualit&auml;t, Berufsstolz und selbstbewusste Identit&auml;t. Die neuen  renditegetriebenen Produktions- und Arbeitsformen und technologischen Umbr&uuml;che, die der Dynamik des zunehmend entgrenzten Kapitalismus zu danken sind, haben die Menschen, die auf Arbeit angewiesen sind, existentiell verunsichert. Mit ihrer Priorit&auml;t f&uuml;r weitere &ldquo;Flexibilisierung des Arbeitsmarkts&rdquo; setzt neoliberale Politik alles daran, diese Entwicklung unumkehrbar zu machen. <\/p><p>Die Konsequenzen f&uuml;r das Leitbild des <strong>politisch verantwortlichen B&uuml;rgers<\/strong>, des citoyen, liegen auf der Hand. Das gilt nicht nur f&uuml;r das Engagement des einzelnen, sondern auch f&uuml;r die demokratische Loyalit&auml;t wirtschaftlich und sozial ausgegrenzter Gruppen. Dem Extremismus des freien Marktes kann neben demokratischem Widerstand oder Resignation auch politischer Extremismus antworten. Auf der Hand liegen aber auch die Konsequenzen f&uuml;r die pers&ouml;nliche Lebensgestaltung, f&uuml;r den sozialen Zusammenhalt, f&uuml;r die Tragf&auml;higkeit von solidarischem Einstehen. Dass der homo oeconomicus bei seiner Erfindung an neoliberalen Schreibtischen noch nicht existierte, schlie&szlig;t nicht aus, ihn mittels Umgestaltung und &Ouml;konomisierung seiner Lebenswirklichkeit hervorzubringen. Viele Lebensbereiche, die ehedem durch eine gewachsene Kultur gepr&auml;gt waren, folgen bereits dem <strong>Diktat der Kostenminimierung und Gewinnoptimierung<\/strong>. Kultur und Bildung m&uuml;ssen sich rechnen, Pflege und Zuwendung werden in Zeiteineinheiten zerlegt und abgerechnet, Wohnraum und Urbanit&auml;t werden zum Spekulationsobjekt von Finanzinvestoren, Zeitstrukturen, die Raum schaffen sollen f&uuml;r Familie und autonome Lebensf&uuml;hrung, werden aufgel&ouml;st, Medien richten ihre Inhalte darauf aus, dass sie den Werbekunden gen&uuml;gend Aufmerksamkeit der H&ouml;rer und Zuschauer zuf&uuml;hren, am effektivsten durch Banalisierung und Infantilisierung, Verlage m&uuml;ssen ihre Programme auf den Publikumsgeschmack abstimmen, wie ihn die Handelsketten vorgeben usw. Dank der Herkunft des Neoliberalismus aus den Vereinigten Staaten sind es vor allem amerikanische Intellektuelle, die seine entpolitisierenden und dehumanisierenden Wirkungen analysiert  haben, z.B. Neil Postman (Wir am&uuml;sieren uns zu Tode 1985), Benjamin Barber (Coca -Cola und Heiliger Krieg 1995)  und Richard Sennett (Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus 1998).<\/p><p>Die Un-Kultur der Bindungslosigkeit und der angstbesetzten Konkurrenz fordert auch an der <strong>Spitze der Hierarchien<\/strong> ihren Preis, nicht nur pers&ouml;nlich in Gestalt von burn out und Blickverengung. &Uuml;ber Sieg und Niederlage entscheiden zunehmend die in Quartalsberichten ausgewiesenen kurzfristigen Gewinnerwartungen, die sich wiederum in der B&ouml;rsenbewertung des Unternehmens und damit in seiner Anf&auml;lligkeit f&uuml;r &Uuml;bernahmen niederschlagen. Diese neue Kultur der Arbeit und des Wirtschaftens gef&auml;hrdet die Unternehmen selbst und ihre Chancen zur Innovation und langfristig angelegten Wertsch&ouml;pfung. Der ehemalige Chef der Citigroup, Sandy Weill, macht f&uuml;r die aktuelle Krise der Finanzm&auml;rkte allein die Gier, auch in den Topetagen der Banken, verantwortlich (Der Tagesspiegel vom 14.12.2007). J&uuml;rgen Schrempp geb&uuml;hrt das Verdienst, vor seinem reich belohnten Scheitern das neue Grundgesetz auf den Punkt gebracht zu haben: &ldquo;Profit, Profit, Profit!&rdquo;. Eine Nebenwirkung des ungebremsten Profits auf der Top-Ebene k&ouml;nnte sich allerdings als Eigentor erweisen. Bislang wurde gesellschaftliche Ungleichheit noch als Konsequenz des &ldquo;Leistungsprinzips&rdquo;  akzeptiert. Ma&szlig;lose Bereicherung jenseits des Leistungsprinzips verspielt diese Akzeptanz. Eskalierende Korruption tut ein &uuml;briges.<br>\n<strong><br>\nOffensive Verteidigung des Grundgesetzes<\/strong><\/p><p>Die wirtschafts- und sozialpolitischen &ldquo;Erfolge&rdquo; des Neoliberalismus haben sich nicht zwangsl&auml;ufig eingestellt. Sie sind gemacht und deshalb auch gef&auml;hrdet. Die unerledigte Agenda, die immer sichtbarer werdende Unglaubw&uuml;rdigkeit der Propaganda, das unsichere Lavieren bei br&ouml;ckelnder W&auml;hlergunst, aber auch die hohe Akzeptanz des Sozialstaats und eines einigerma&szlig;en kultivierten Zusammenlebens zeigen: Die deutsche Mehrheitsgesellschaft muss nicht ohnm&auml;chtig zusehen, wie ihre Elite die neoliberale Revolution doch noch vollendet. <\/p><p>Die offensive Verteidigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sollte zur Gegenwehr geh&ouml;ren. Sie beginnt damit, in Wissenschaft, Medien und Organisationen deutlich zu machen, welche Antworten das Grundgesetz auf die Herausforderungen des Neoliberalismus gibt, insbesondere sein klares Nein zur schleichenden Aush&ouml;hlung eines handlungsf&auml;higen sozialen Rechtsstaats. Dar&uuml;ber hinaus sind verfassungsvergessene Akteure des neoliberalen Projekts mit dessen Zielen zu konfrontieren. Es sind ihnen schl&uuml;ssige Begr&uuml;ndungen f&uuml;r ihr Tun und Unterlassen abzuverlangen, etwa, wie sie mit popul&auml;ren Steuersenkungen bei hoher Staatverschuldung die verfassungsrechtlichen Mindesterfordernisse des Sozialstaats definieren und finanzieren wollen &ndash; oder warum sie die international &uuml;bliche, vom Grundgesetz (Art. 106 Abs.2 Nr.1) als selbstverst&auml;ndlich vorausgesetzte Verm&ouml;gensteuer blockieren, mit einer minimalistischen Erbschaftsteuer die Konzentration gro&szlig;er Verm&ouml;gen beg&uuml;nstigen und n&ouml;tige Zukunftsinvestitionen verhindern. Offensive Verteidigung hei&szlig;t auch, unter Anerkennung schwieriger Rahmenbedingungen L&ouml;sungen aufzuzeigen, die eine gedeihliche verfassungskonforme Entwicklung des Landes erm&ouml;glichen. An Konzepten und an ermutigenden ausl&auml;ndischen Erfahrungen fehlt es wahrlich nicht, von einem belastungsgerechten Steuerrecht &uuml;ber Ausgabenpriorit&auml;ten, die Umfinanzierung der auf schwindender Vollbesch&auml;ftigung basierenden sozialen Sicherungssysteme, die Arbeitszeitpolitik, eine effektive Kontrolle fairen Wettbewerbs bis hin zum Agieren in internationalen Organisationen (aktuell z.B. Friedrich-Ebert-Stiftung, Zukunft 2020, www.fes.de). <\/p><p>Offensive Verteidigung des Grundgesetzes darf sich nicht die Bl&ouml;&szlig;e geben, zum Preis einer verfassungskonformen Politik zu schweigen: Auch die Pflichten gegen&uuml;ber dem Gemeinwesen, insbesondere die nicht nur bei vielen Wohlhabenden ungeliebte Steuerpflicht, sind offensiv zu vertreten. Gleiches gilt f&uuml;r die entsprechende Pflicht des Staates, mit diesem Geld wirtschaftlich und sparsam umzugehen, also vermeidbare Belastungen der B&uuml;rger zu vermeiden, effizient und kosteng&uuml;nstig zu handeln, soziale Leistungen zielgenau auszurichten und den beg&uuml;nstigten B&uuml;rgern &ndash; den etablierten Subventionsempf&auml;ngern wie den Hilfsbed&uuml;rftigen &ndash; jenes Ma&szlig; an Eigenverantwortung, Anstrengung und Rechtlichkeit abzuverlangen, das sie sowohl der Solidargemeinschaft als auch ihrer Selbstachtung schuldig sind. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Biografische Daten zum Autor:<\/strong><\/p><p>DR. WIELAND  HEMPEL<\/p><p>12101 Berlin<br>\nSchulenburgring 2<br>\n030 \/ 786 11 31<br>\n<a href=\"mailto:helholl2@aol.com\">helholl2@aol.com<\/a><\/p><p>Jurist, geb. 1939, Senatsrat a.D.<\/p><p>1970 &ndash; 1979  Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Wissenschaft<br>\n1979 &ndash; 2002  Senatsverwaltung f&uuml;r Wissenschaft und Forschung Berlin<\/p><p><em>Buchver&ouml;ffentlichungen:  <\/em><\/p><p>Der demokratische Bundesstaat, 1969<\/p><p>F&ouml;rderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an den Hochschulen, 1973<\/p><p><em>Gr&ouml;&szlig;ere Aufs&auml;tze:<\/em><\/p><p>Das Mandat des Abgeordneten. Verfassungsrechtliche Fu&szlig;noten zu einem politischen Thema<br>\nDie Neue Gesellschaft 3\/1974<\/p><p>Verschnaufpause oder Dornr&ouml;schenschlaf? Sechs Gr&uuml;nde f&uuml;r eine Wiederbelebung sozialdemokratischer Hochschul- und Wissenschaftspolitik (pseudonym)<br>\nDie Neue Gesellschaft 7\/1984<\/p><p>Elite &ndash; oder: der Anspruch, mit dem Diktat der uninformierten Mehrheit aufzur&auml;umen<br>\nDie Neue Gesellschaft 10\/1984<\/p><p>&Ouml;konomisierung des Staates &ndash; Abschied vom Gemeinwohl?                                                                                                                       Wo betriebswirtschaftliches Denken die res publica besch&auml;digt<br>\nVorg&auml;nge 166 Heft 2 Juni 2004<\/p><p>Zeitschriften-, Tagungs- und Zeitungsbeitr&auml;ge zur Sicherheitspolitik, zum Sozialstaat und zu Hochschulangelegenheiten<\/p><p>Mitglied der SPD 1968 &ndash; 2007,  &Ouml;TV\/Verdi seit 1975<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist einer der Kerns&auml;tze eines Essays von Wieland Hempel, den wir Ihnen zur Lekt&uuml;re und zur Diskussion empfehlen. Unser Autor, Ministerialbeamter und ausgewiesen im Verfassungsrecht, unternimmt es, die herrschende neoliberale Politik am unver&auml;nderbaren Kern des Grundgesetzes zu messen. Sein Befund best&auml;tigt die h&auml;ufig diffuse Vermutung, dass die neoliberalen &ldquo;Reformen&rdquo; auf eine andere Republik zielen.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2887\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,160,205,161],"tags":[442,441,418,233,273,528,278],"class_list":["post-2887","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-markt-und-staat","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-wertedebatte","tag-eigenverantwortung","tag-freiheit","tag-grundgesetz","tag-marktliberalismus","tag-privatvorsorge","tag-soziale-marktwirtschaft","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2887"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2887\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29319,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2887\/revisions\/29319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2887"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}