{"id":289,"date":"2005-05-31T17:46:05","date_gmt":"2005-05-31T16:46:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=289"},"modified":"2016-03-14T09:48:44","modified_gmt":"2016-03-14T08:48:44","slug":"den-liberalen-landern-geht-es-besser-eu-kommissar-mccreevy-verteidigt-seinen-kurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=289","title":{"rendered":"\u201eDen liberalen L\u00e4ndern geht es besser\u201c &#8211; EU-Kommissar McCreevy verteidigt seinen Kurs"},"content":{"rendered":"<p>So lautet die Headline &uuml;ber einem Interview mit McCreevy im &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;. Wer das &bdquo;Niveau&ldquo; unserer europ&auml;ischen Eliten kennen lernen will, sollte <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/31.05.2005\/1848906.asp\" title=\"Externer Link  zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/31.05.2005\/1848906.asp\">das gesamte Interview<\/a> lesen.<br>\nEin Fall f&uuml;r unsere Rubrik &bdquo;Manipulation des Monats&ldquo;. Hier einige Ausz&uuml;ge mit ausf&uuml;hrlichem Kommentar.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\nTagesspiegel: &bdquo;Herr McCreevy, die Franzosen haben auch aus Protest gegen die liberale Wirtschaftspolitik der EU gegen die Verfassung gestimmt. Geht es weiter wie bisher?&rdquo; <\/p>\n<p>McCreevy: &bdquo;Frankreich ist ein Gr&uuml;ndungsmitglied der EU. Wenn ein solch wichtiges Land etwas ablehnt, k&ouml;nnen wir das nicht ignorieren. Wir m&uuml;ssen nun tief durchatmen und erst einmal nachdenken, bevor es weitergeht.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nachzudenken w&auml;re in der Tat angebracht. Aber McCreevy tut es nicht. Er behauptet, &ldquo;die umstrittene Dienstleistungsrichtlinie&rdquo; und damit &ldquo;die H&uuml;rden f&uuml;r grenz&uuml;berschreitende Dienstleistungen weiter abzubauen w&uuml;rde uns Wachstum und neue Arbeitspl&auml;tze bringen.&rdquo;<\/p><p>Und weiter: <\/p><blockquote><p>\nF&uuml;r mich ist eine liberale Wirtschaftspolitik der richtige Weg, um die EU aus der Krise zu f&uuml;hren. Den L&auml;ndern, die liberale Reformen durchf&uuml;hren, geht es besser. Ich wei&szlig;, dass das nicht jeder in der EU denkt. Wenn mir jemand einen besseren Weg zu mehr Wachstum zeigt, bin ich bereit, zuzuh&ouml;ren. Aber Fakt ist doch auch, dass die L&auml;nder, die zuvor ein sozialistisches System hatten, nun diejenigen sind, die dem Liberalismus am offensten gegen&uuml;berstehen.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dazu ist zu sagen:<\/p><ol>\n<li>Dass L&auml;nder wie Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn hohe Wachstumsraten erreichen, ist angesichts der zur&uuml;ckgebliebenen Produktivit&auml;t und der Subventionen der EU nicht verwunderlich. Dies vor allem auf Liberalisierung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, ist schlicht l&auml;cherlich.<\/li>\n<li>Erfolgreiche Staaten wie Schweden haben eine hohe Staatsquote von weit &uuml;ber 50%, was ja nicht gerade f&uuml;r einen hohen Grad der Liberalisierung und Privatisierung spricht. Schweden ist ein Beispiel daf&uuml;r, dass der Staat bei der Daseinsvorsorge eine wichtige und produktive Rolle kann. Der desolate Zustand der Infrastruktur zum Beispiel in GB zeigt, dass der R&uuml;ckzug des Staates gro&szlig;e Nachteile haben kann. Insgesamt geht es um Optimierung und nicht um die Umsetzung von Ideologien. Letzteres ist der g&auml;ngige Geist der EU-Administration.<\/li>\n<li>Deutschland hat &ndash; z.B. im Vergleich zu Frankreich &ndash; viel liberalisiert und privatisiert. Wo sind denn die Erfolge? Unsere Wachstumsschw&auml;che hat andere Ursachen, z.B. das Abw&uuml;rgen der Binnenkonjunktur anfangs der 90er. Wenn wir jetzt z.B. unser Bildungswesen noch weiter liberalisieren und privatisieren, bringt uns das nicht etwa eine bessere Bildung sondern eine weitere Aufspaltung der Bildungschancen nach Einkommen und Bildungsstand der Eltern.<\/li>\n<li>Der besondere &bdquo;Erfolg&rdquo; einiger L&auml;nder, die McGreevy im Blick hat &ndash; so die Slowakei und seine eigene Heimat Irland &ndash; erreichen ihre Wachstumsraten auch aufgrund eines EU-subventionierten Steuerdumping. Das h&auml;tten die EU und auch die Nettozahler wie wir nicht zulassen d&uuml;rfen. Dass der Kommissar jetzt die Folgen als Argument benutzt, ist schlicht dreist, zumal der Kommissar als ehemaliger Finanzminister Irlands selbst diese Machenschaften betrieben hat. Siehe dazu einen Bericht der &bdquo;Welt&rdquo; vom November 2004: &bdquo;McGreevy hatte &ndash; mit Hilfe kr&auml;ftiger Finanzspritzen der EU &ndash; sein Land zum wachstumsst&auml;rksten der Union gemacht, etwa indem er die Steuern senkte.&rdquo;<\/li>\n<li>Dass die mit solchen Methoden erreichten Wachstumsraten nicht viel &uuml;ber das Wohl des Volkes eines solchen Landes sagen, kann man am Beispiel Irland studieren:\n<p><strong>Den Iren bleibt wenig vom besonderen Wachstum<\/strong><\/p>\n<p>Dazu ein Auszug aus Albrecht M&uuml;ller, &ldquo;Die Reforml&uuml;ge&rdquo;:<\/p>\n<p>Um uns so richtig angst zu machen vor der weiteren Zukunft, wird auf die besondere &ouml;konomische Entwicklung der &raquo;kleinen Tiger&laquo; in der Europ&auml;ischen Union hingewiesen: auf &Ouml;sterreich, auf die Niederlande und besonders auf Irland. Sie h&auml;tten sich 1999 beim Bruttosozialprodukt je Einwohner vor die Bundesrepublik geschoben. Bewundert wird auch, dass Irland in den neunziger Jahren eine durchschnittliche reale Wachstumsrate von 6,5 Prozent erreicht habe, es liege mit seinem Pro-Kopf-Einkommen weit &uuml;ber dem europ&auml;ischen Durchschnitt und habe Deutschland hinter sich gelassen.<br>\nWer Irland kennt und wei&szlig;, was dort f&uuml;r die Menschen bleibt, der wundert sich. Zwar ist der Lebensstandard im Vergleich zu fr&uuml;her unverkennbar gestiegen, aber irgend etwas kann nicht stimmen an der Behauptung vom &Uuml;berholvorgang. Das sp&uuml;rt man, wenn man sich in Irland umh&ouml;rt und umsieht. Auf den zweiten Blick entdeckt man dann, dass Irland, einmal abgesehen von den hohen Subventionen aus der Kasse der EU, wegen seiner niedrigen Steuers&auml;tze ein besonders hohes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts hat, denn viele ausl&auml;ndische Konzerne haben ihre Gewinne dorthin verschoben. Diese Gewinne z&auml;hlen zum Bruttoinlandsprodukt, von dem dann aber nicht die Iren etwas haben, sondern nur die multinationalen Unternehmen, die die Steuersparm&ouml;glichkeit genutzt haben.<\/p>\n<blockquote><p>Wir haben die rote Laterne in Europa. Sie k&ouml;nnen noch soviel reden: Es gibt L&auml;nder in Europa, die stehen einfach besser da &ndash; Spanien, Gro&szlig;britannien.&laquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Angela Merkel, 19.12.2003<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote><p>Auch Iren, &Ouml;sterreicher und Niederl&auml;nder erwirtschaften pro Kopf inzwischen mehr als die Deutschen. (&hellip;) An der globalen Handelsstatistik l&auml;sst sich ablesen, dass die zweitgr&ouml;&szlig;te Exportnation der Welt st&auml;ndig an Boden verliert und der nationale Anteil am weltweiten Warenaustausch seit 1990 von 12,2 um fast ein Viertel auf 9,5 Prozent geschrumpft ist.&laquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Spiegel, 19.5.2003<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Um die Stichhaltigkeit dieser These zu kontrollieren, braucht man nur zu pr&uuml;fen, wie sich die Lohnquote in Irland entwickelt hat: Sie fiel von 77 Prozent 1980 auf 53 Prozent im Jahr 2001. 17,6 Milliarden Euro des irischen Bruttoinlandsprodukts von insgesamt 114,5 Milliarden sind 2001 als Einkommen ins Ausland &uuml;berwiesen worden. Den Iren blieben noch 96,8 Milliarden. Die arbeitenden Iren haben folglich vom statistischen Aufschwung des Pro-Kopf-Einkommens in ihrem Land sehr viel weniger gehabt als die Investoren von au&szlig;erhalb. Die hohe Wachstumsrate ist das Ergebnis einer trickreichen Steuerpolitik, und sie sagt nicht sehr viel &uuml;ber den Wohlstand des irischen Volkes aus. Irland erlaubt sich zudem eine Sonderrolle, die sich ein gro&szlig;es Land wie Deutschland nicht leisten kann, denn einerseits lockt Irland mit niedrigen Steuers&auml;tzen, und andererseits empf&auml;ngt es europ&auml;ische Subventionen. Wenn wir das t&auml;ten, w&uuml;rde es nicht mehr funktionieren.<br>\nEs ist die Frage, ob die Europ&auml;ische Union solche Tricks einzelner ihrer Mitglieder auf Dauer hinnehmen kann. Die Deutschen zahlen dabei doppelt: einmal, weil sie die gr&ouml;&szlig;ten Nettozahler in die Br&uuml;sseler Kasse sind, und dann noch einmal, wenn mit EU-Subventionen oder durch Steuerdumping im EU-Ausland die Voraussetzungen daf&uuml;r geschaffen werden, dass dort Arbeitspl&auml;tze entstehen, die aus Deutschland ausgelagert werden. &raquo;Warum ist das in Europa noch m&ouml;glich?&laquo; fragt sich nicht nur Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Hier w&auml;ren politischer Druck und eine &ouml;ffentliche Debatte wichtig, statt mit manipulativen Statistiken den Ruf des eigenen Landes zu besch&auml;digen. Ganz anders sieht das erstaunlicherweise der neue Bundespr&auml;sident, Horst K&ouml;hler. In einem Interview noch vor seiner Wahl wandte er sich gegen den Versuch, in der EU zur Vermeidung des Steuerdumping eine Mindestbesteuerung zu vereinbaren. Das w&auml;ren &raquo;regulierende Ma&szlig;nahmen&laquo;, die den Wettbewerb eind&auml;mmen, so Horst K&ouml;hler. Man reibt sich die Augen und versteht die Welt nicht mehr&hellip;\n<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lautet die Headline &uuml;ber einem Interview mit McCreevy im &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;. Wer das &bdquo;Niveau&ldquo; unserer europ&auml;ischen Eliten kennen lernen will, sollte <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/31.05.2005\/1848906.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/31.05.2005\/1848906.asp\">das gesamte Interview<\/a> lesen.<br \/> Ein Fall f&uuml;r unsere Rubrik &bdquo;Manipulation des Monats&ldquo;. Hier einige Ausz&uuml;ge mit ausf&uuml;hrlichem Kommentar.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[12,205,30],"tags":[374,233],"class_list":["post-289","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-manipulation-des-monats","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-eliten","tag-marktliberalismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/289","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=289"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/289\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32101,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/289\/revisions\/32101"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=289"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=289"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=289"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}