{"id":2895,"date":"2008-01-15T17:24:28","date_gmt":"2008-01-15T16:24:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2895"},"modified":"2015-12-03T10:37:06","modified_gmt":"2015-12-03T09:37:06","slug":"entscheidungsfindung-mit-dem-finger-im-wind-ueber-gravierende-politische-fehlentscheidungen-wegen-orientierung-an-moden-und-interessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2895","title":{"rendered":"Entscheidungsfindung mit dem Finger im Wind &#8211; \u00fcber gravierende politische Fehlentscheidungen wegen Orientierung an Moden und Interessen."},"content":{"rendered":"<p>Im &bdquo;Spiegel&rdquo; dieser Woche erschien ein Beitrag &uuml;ber den Diebstahl der Kindheit. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,528522,00.html\">&bdquo;Gestresste Sch&uuml;ler, besorgte Lehrer &ndash; die Auswirkungen des auf 12 Jahre verk&uuml;rzten Wegs zum Abitur&ldquo;<\/a>. Am 31.12.2007 erschien in SpiegelOnline ein Beitrag unter der &Uuml;berschrift: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,525947,00.html\">&bdquo;Wie viel Staat braucht das Land?&ldquo;<\/a> (Ausz&uuml;ge siehe Anlage). Da wurde berichtet, dass viele Projekte der Privatisierung und Liberalisierung nicht erfolgreich waren und dass viele Kommunen schon eine Kehrtwende vollziehen. &ndash; Um uns herum tobt eine Diskussion um die Riester-Rente. Eine absolut groteske Reform, die man wirklich nur begreift, wenn man untersucht, wo unsere Steuergelder &ndash; unpr&auml;zise auch staatliche F&ouml;rderung genannt, so als gebe es einen Goldesel bei Herrn Steinbr&uuml;ck &ndash; hinflie&szlig;en: zur Lobby der Finanzindustrie. &ndash; Dann beklagt man die Verwahrlosung und mangelhafte Integration von jungen Menschen, solchen von ausl&auml;ndischer Herkunft und einheimischer. &ndash; Und man beklagt die Folgen des kommerzialisierten Fernsehens, der st&auml;ndigen Darstellung von r&uuml;cksichtsloser Gewalt, der grassierenden Verbl&ouml;dung. Und so weiter &hellip;<br>\nIn allen diesen F&auml;llen gilt: man konnte leicht vorher wissen, was man anrichtet. Die politische Entscheidungsfindung aber orientiert sich zum ersten an modischen Trends und zum zweiten am gro&szlig;en Geld und dessen Interessen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nBeide Herausgeber der NachDenkSeiten waren in der politischen Planung des fr&uuml;heren Bundeskanzleramtes t&auml;tig, ich selbst von 1973 bis 1982. Auch damals gab es modische Trends. Auch damals gab es den Einfluss von Interessen. <strong>Aber eine so gedankenlose Auslieferung an das H&ouml;rensagen wie etwa bei der Verk&uuml;rzung der Schulzeit auf 12 Jahre ist eigentlich unm&ouml;glich.<\/strong> Auch vor Beginn der Entscheidungen &uuml;ber die Verk&uuml;rzung war doch klar, dass man Kinder unter Stress setzt und ihnen die Zeit zum Spielen nimmt. Auch vor diesen Entscheidungen war doch klar, dass derart gestresste Sch&uuml;ler nicht einmal die guten Instrumente f&uuml;r den verherrlichten Wettbewerb auf dem Weltmarkt sein werden. Dies alles konnte man sich ausdenken und wissen. Und dennoch ist es so entschieden worden. Weil andere Staaten das auch machen, weil man angeblich ins Hintertreffen ger&auml;t, weil von Br&uuml;ssel solche T&ouml;ne kommen, weil die Wirtschaft es will. Eigentlich unvorstellbar. Eigentlich m&uuml;sste man doch wissen, welche kleinkarierten Betriebswirte dort den Ton angeben.<\/p><p>Genauso bei der <strong>Privatisierung und Liberalisierung<\/strong>. In dem zitierten SpiegelOnline Artikel wird mit Berufung auf Ernst Ulrich von Weizs&auml;cker so getan, als w&uuml;rde man jetzt erst erkennen k&ouml;nnen, dass man nicht alles privatisieren kann. Es ist lange bekannt, dass sich die Produktion mancher G&uuml;ter und Dienstleistungen nicht so aufteilen l&auml;sst, dass Wettbewerb zwischen mindestens zwei Produzenten einer Ware oder einer Dienstleistung m&ouml;glich ist. Wenn ich mich recht erinnere, sind in den drei&szlig;iger Jahren des letzten Jahrhunderts die richtungsweisenden Aufs&auml;tze in Fachzeitschriften f&uuml;r Volkswirte erschienen. Produktionen zum Beispiel, die mit Unteilbarkeiten und mit sinkenden St&uuml;ckkosten verbunden sind, lassen sich schlecht im Wettbewerb erstellen und betreiben.<br>\nDamals wusste man schon, dass manches sinnvoller Weise in &ouml;ffentlicher Regie produziert wird. Zum Beispiel das Verteilen von Briefen und Paketen. Weil es sinnlos ist, vier Lieferwagen hintereinander in die gleiche Stra&szlig;e zu schicken. Br&uuml;cken &uuml;ber den Rhein oder die Elbe kann man auch nicht im Wettbewerb bauen und betreiben lassen.<br>\nUm das zu wissen, bedurfte es keiner neuen Erkenntnisse. Die neuen Erkenntnisse, die zum Beispiel dann zu Regulierungsbeh&ouml;rden gef&uuml;hrt haben, sind ja eher l&auml;cherlich. Wenn ich in diesen Tagen lese, dass der oberste Beamte der Regulierungsbeh&ouml;rde meint, man m&uuml;sse untersuchen, ob die Energiepreise nicht zu hoch sind, dann muss man ja wohl fragen d&uuml;rfen, was das f&uuml;r eine Marktwirtschaft ist, wenn irgend jemand dar&uuml;ber befindet, ob die Trassen-Preise stimmen und ob die Kalkulationen von E.on, Vattenfall, EnBW und RWE angemessen sind. Dass der private Betrieb einer U-Bahn nicht funktioniert und auch der private Bau und die private Bewirtschaftung eines Tunnels &ndash; wie in L&uuml;beck geschehen &ndash; ein Flop werden wird, und dass man die Bundesdruckerei besser in &ouml;ffentlichen Hand behalten h&auml;tte, und dass die Rastst&auml;tten an unseren Autobahnen in &ouml;ffentlicher Hand mit Verpachtung an private P&auml;chter nicht die d&uuml;mmste L&ouml;sung war, und auch die Kliniken in Hamburg sinnvollerweise in &ouml;ffentlicher Hand waren &ndash; das alles konnte man vorher wissen. Da brauchte man keine neuen Gutachten und Untersuchungen. <\/p><p>Dass den Spiegelredakteuren im Falle Privatisierung und im Falle der Verk&uuml;rzung der Schulzeit auf 12 Jahre erst jetzt der Groschen f&auml;llt, das geh&ouml;rt sozusagen zur Berufskrankheit von Spiegelredakteuren und sei deshalb geschenkt.<\/p><p>Die L&ouml;sung: R&uuml;ckkehr zur Entscheidungsfindung durch Abw&auml;gung der Frage, ob etwas besser in &ouml;ffentlicher Regie oder in privater Regie produziert und geleistet wird. Die Sachabw&auml;gung muss die Orientierung an modischen Trends und an den Privatinteressen der Betreiber, der Berater und der Vermittler von Privatisierungsprojekten wieder ersetzen.<\/p><p>Die <strong>Sache mit der Riester-Rente<\/strong> ist der klare Fall einer Kombination von gro&szlig;en finanziellen Interessen und Propaganda. Aus gesamtgesellschaftlicher Warte sind die Riester- und die R&uuml;rup-Rente die gr&ouml;&szlig;ten und verschwenderischsten Flops der Nachkriegszeit. Flop ist eigentlich eine Verharmlosung. Es sind Zerst&ouml;rungswerke, die obendrein die Gefahr von Altersarmut verst&auml;rken.<\/p><p>Die L&ouml;sung: R&uuml;ckkehr zum preiswerteren, weil effizienter arbeitenden Umlageverfahren. Damit w&auml;re f&uuml;r Niedrigverdiener und f&uuml;r die Normalverdiener die Altersvorsorge um vieles g&uuml;nstiger zu organisieren und auch zu sichern, als dies heute der Fall ist.<\/p><p>&Auml;hnlich w&auml;ren die <strong>Vorg&auml;nge um die Kommerzialisierung des Fernsehens und die Vernachl&auml;ssigung unserer Jugend<\/strong> und speziell der Jugendlichen mit ausl&auml;ndischen Hintergrund zu analysieren. Nahezu alles wusste man: Wenn man jungen Leuten nicht hilft, sich zu integrieren, wenn man ihnen keine berufliche Perspektiven gibt, wenn sie sehen, dass sie kaum eine Chance haben, sich aus einer schlechten Situation heraus zu bewegen, wenn sie sehen, wie die Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung in unserem Land quasi auseinander fliegt und sie immer unten bleiben, dann kann man das Ende vom Lied einigerma&szlig;en sicher komponieren. Jetzt &uuml;berrascht zu tun, wie das vor allem konservative Kreise und Parteien tun, ist verlogen. Und ihre Konsequenz &ndash; weg sperren &ndash; ist zugleich inhuman und gef&auml;hrlich.<\/p><p><strong>Anlage:<\/strong><\/p><p><em>Ausz&uuml;ge aus einem SpiegelOnline Artikel vom 31.12.2007<\/em><\/p><p><strong>STANDORT<br>\nWie viel Staat braucht das Land?<\/strong><br>\nPrivatisierung und Liberalisierung &ndash; diese Schlagworte standen einmal f&uuml;r mehr Wettbewerb bei Bahn und Post, bei Energieversorgern und Kommunalbetrieben. Doch nicht immer sind die Leistungen billiger und besser geworden. Bei vielen Politikern hat deshalb ein Umdenken begonnen.<\/p><p>[&hellip;]<\/p><p>Die Privatisierung und Liberalisierung, wie sie der Politik einst vorschwebte, ist gescheitert &ndash; nicht nur im Briefgesch&auml;ft: Viele Altmonopolisten beherrschen heute genauso wie in fr&uuml;heren Zeiten das Geschehen auf ihren M&auml;rkten, von offenem Wettbewerb keine Spur.<\/p><p>Der B&ouml;rsengang der Deutschen Bahn ist in weite Ferne ger&uuml;ckt, Konzernchef Hartmut Mehdorn will Bahn und Schiene nicht trennen und erschwert so Konkurrenten den Eintritt ins Gesch&auml;ft. Auch die vier gro&szlig;en Energieversorger dominieren nach der Liberalisierung ihre Einflussgebiete wie eh und je, sie erzeugen mehr als 80 Prozent des Stroms, das Oligopol besteht nahezu unangetastet fort.<\/p><p>Manche Kommunen vollziehen sogar schon die Kehrtwende: Sie bringen M&uuml;llabfuhr oder Wasserversorgung wieder zur&uuml;ck in staatliche Obhut<br>\n(SPIEGEL 24\/2007). Die Privatisierung hat ihren Zauber verloren. Die Hoffnung ist verflogen, dass alles billiger und besser wird, wenn erst<br>\ndie private Hand die Dinge richtig anpackt: schneller, effizienter und kundenfreundlicher. Das war die Verhei&szlig;ung, und sie stimmt l&auml;ngst nicht<br>\nimmer.<\/p><p>Denn Privatisierung kann nur gelingen, wenn der Staat gleichzeitig &ndash; wie in der Telekommunikation &ndash; f&uuml;r Wettbewerb sorgt. Sonst werden &ndash; wie bei der Post &ndash; nur die Monopolgewinne privatisiert. Und die lassen sich &ndash; wie bei vielen Stadtreinigungen &ndash; ungeniert in die H&ouml;he schrauben, wenn<br>\ndie &ouml;ffentliche Kontrolle durch ein Parlament und die W&auml;hler fehlt.<\/p><p>Postkunden stellen irritiert fest, dass der Konzern sein Filialnetz kr&auml;ftig ausged&uuml;nnt hat, Tausende Briefk&auml;sten fielen der Sparwut zum Opfer, manche Sendungen werden heute sp&auml;ter zugestellt als zu Bundespost-Zeiten. Bahnreisende beobachten, dass viele unrentable Strecken stillgelegt werden, 5000 Kilometer seit 1995, viele Gemeinden im Osten haben den Anschluss verloren.<\/p><p>[&hellip;]<\/p><p>Wenn alles in private H&auml;nde &uuml;bergeben w&uuml;rde &ndash; Stadtwerke, Krankenh&auml;user, Nahverkehr -, was h&auml;tte das Parlament dann noch zu entscheiden? Viele B&uuml;rger fragen sich heute schon, warum sie fast die H&auml;lfte ihres Einkommens als Steuern und Abgaben abf&uuml;hren, wenn ihnen der Staat immer weniger bietet. Wenn er, wie in der Hamburger Innenstadt, nicht einmal mehr f&uuml;r die Gehwege Sorge tr&auml;gt.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,525947,00.html\">SPIEGEL<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im &bdquo;Spiegel&rdquo; dieser Woche erschien ein Beitrag &uuml;ber den Diebstahl der Kindheit. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,528522,00.html\">&bdquo;Gestresste Sch&uuml;ler, besorgte Lehrer &ndash; die Auswirkungen des auf 12 Jahre verk&uuml;rzten Wegs zum Abitur&ldquo;<\/a>. Am 31.12.2007 erschien in SpiegelOnline ein Beitrag unter der &Uuml;berschrift: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,525947,00.html\">&bdquo;Wie viel Staat braucht das Land?&ldquo;<\/a> (Ausz&uuml;ge siehe Anlage). 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