{"id":29,"date":"2003-12-01T16:44:57","date_gmt":"2003-12-01T14:44:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=29"},"modified":"2024-10-13T01:10:17","modified_gmt":"2024-10-12T23:10:17","slug":"ein-babylonisches-missverstandnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29","title":{"rendered":"Ein Babylonisches Missverst\u00e4ndnis"},"content":{"rendered":"<p>Reformstau oder Rezession, Angebot oder Nachfrage: Der Gleichklang der &ouml;ffentlichen Meinung blockiert die Wirtschaftspolitik. Von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong> und <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> &ndash; Die Ordnung der Wirtschaft<br>\n<!--more--><\/p><p>Schon wieder ist Abschwung in Deutschland. Ob man es Rezession nennen will oder nicht &ndash; unbestreitbar ist, dass schon zum dritten Mal in nur zehn Jahren die europ&auml;ische und die deutsche Wirtschaft in eine Schw&auml;chephase geraten ist, die gro&szlig;e Wachstumsverluste mit sich bringt und den Abbau der Arbeitslosigkeit, der gerade in Schwung gekommen war, unterbrochen hat. Vom dritten Quartal 1999 bis zum dritten Quartal 2000 war die deutsche Wirtschaft um mehr als drei Prozent gewachsen. In der gleichen Zeit war die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von 4,105 Millionen auf 3,863 Mill. oder um sechs Prozent gesunken. Die Zahl der offenen Stellen hatte deutlich zugenommen und die Besch&auml;ftigung war sp&uuml;rbar gestiegen. Von da an verschwand die Dynamik und Stagnation machte sich breit. Vom dritten Quartal 2000 bis zum dritten Quartal 2001 wuchs die Produktion der gesamten Wirtschaft nur noch um 0,3 Prozent, die Zahl der Arbeitslosen stieg und die Nachfrage nach Arbeit begann zu sinken. Ende 2001 ist die Vier-Millionen-Marke bei der Arbeitslosigkeit fast wieder erreicht. Die Ausr&uuml;stungsinvestitionen der Unternehmen, Herz und Motor jeder Belebung, die in der ersten Phase um &uuml;ber elf Prozent gestiegen waren, kollabierten in der zweiten mit einem R&uuml;ckgang von &uuml;ber sechs Prozent.<\/p><p>Was war geschehen? Wie kann eine Wirtschaft, die eben noch eine erfreuliche Investitions- und Arbeitsplatzdynamik vorlegt, quasi &uuml;ber Nacht erlahmen? Warum investieren die Unternehmen nicht durch? Warum stellen sie Leute ein, die sie wenige Monate sp&auml;ter wieder mit hohen Kosten entlassen? War nicht die gesamte Debatte der 80er Jahre und die geistige &Uuml;berwindung des kurzfristigen Nachfragedenkens von der Hoffnung gepr&auml;gt, es werde eine langfristig angelegte, nicht von dauernden Nachfrageschocks unterbrochene Aufw&auml;rtsentwicklung geben k&ouml;nnen, wenn die &ldquo;strukturellen&rdquo; Bedingungen, also die Voraussetzungen f&uuml;r Investitionen auf der Angebotsseite nur stimmen? Der Sachverst&auml;ndigenrat schrieb 1981\/82 in seinem programmatischen Jahresgutachten: &ldquo;Weil das Angebot in der F&uuml;hrungsrolle f&uuml;r die wirtschaftliche Dynamik so bedeutsam ist, namentlich das Investieren derjenigen, die trotz oder gerade wegen einer schlechten Absatzlage etwas Neues wagen, und weil es derzeit nicht genug davon gibt, sollte man hier f&ouml;rdern.&rdquo; (Ziffer 301). Danach wurde 20 Jahre gef&ouml;rdert, die Steuern der Unternehmen wurden drastisch gesenkt, die Reall&ouml;hne blieben &uuml;ber weite Strecken hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ck, der Wohlfahrtsstaat wurde reformiert, es wurde dereguliert und in einer Weise privatisiert, die Anfang der 80er Jahre niemand f&uuml;r m&ouml;glich gehalten hatte. Und jetzt dennoch wieder dieser Einbruch? Wie kommt das?<\/p><p>Es sei noch nicht genug &bdquo;reformiert&ldquo; worden, sagen die Verfechter der seit 20 Jahren tonangebenden Richtung. Deutschland sei erstarrt und verkrustet, wir h&auml;tten ein hartn&auml;ckiges Strukturproblem und kein Konjunkturproblem. Weiter reformieren und entstaatlichen, den Arbeitsmarkt flexibler machen, die sozialen Sicherungssysteme weiter privatisieren, die gesamte Reformagenda konsequent abarbeiten, und &uuml;berhaupt, der Abschied vom &bdquo;Modell Deutschland&ldquo; sei angezeigt. Unfug, sagen die anderen, in allen L&auml;ndern, ob mit oder ohne Wohlfahrtsstaat, reagieren die Unternehmen gleich, wenn der Absatz einbricht. Also, jetzt etwas f&uuml;r die Nachfrage tun, die Zinsen senken, die staatlichen Investitionen ankurbeln und auf den privaten Verbrauch mit Hilfe ordentlicher Lohnerh&ouml;hungen setzen. Dabei gehen die Fronten quer durch die Parteien und die Lager: In der &ldquo;progressiven&rdquo; deutschen Regierung und insbesondere bei den Gr&uuml;nen gilt die Nachfrageseite als des Teufels, w&auml;hrend bei der &ldquo;konservativen&rdquo; Opposition kurzfristig eine h&ouml;here Verschuldung bei einer nochmaligen massiven Steuersenkung nicht ausgeschlossen wird. Die rechte amerikanische Regierung macht Nachfragepolitik in Reinkultur, w&auml;hrend die linke franz&ouml;sische sich nicht traut.<\/p><p>Diese paradoxe Situation ist das Spiegelbild einer grotesken Debatte. Kann man ernsthaft Angebotsseite und Nachfrageseite in einer Marktwirtschaft trennen? Warum muss man ideologische Bedenken dagegen haben, jeweils an der Seite anzusetzen, wo sich die Ursache der akuten Krankheit ausmachen l&auml;sst? Was w&uuml;rden wir von einem Mediziner halten, der nur Krankheiten der inneren Organe ernst nimmt und einen akuten Knochenbruch glatt ignoriert? Ist alles nicht ein babylonisches Missverst&auml;ndnis, die Unf&auml;higkeit, eine gemeinsame Sprache zu finden, weil schon die Vorurteile gegen&uuml;ber dem jeweils anderen das f&uuml;r eine Ursachenforschung notwendige Zuh&ouml;ren unm&ouml;glich machen? Man k&ouml;nnte &uuml;ber das Hickhack zwischen den &ouml;konomischen Schulen und ihren so widerspr&uuml;chlichen Niederschlag in der Politik spotten, wenn dieses Denken in Klischees nicht so b&ouml;se Folgen h&auml;tte: f&uuml;r die Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren oder einen suchen, und f&uuml;r die Unternehmen, die ums &Uuml;berleben ringen.<\/p><p>Schauen wir uns einige der wichtigen Fragen etwas genauer an. Ist es Nachfrage- oder Angebotstheorie, wenn man ausk&ouml;mmliche Gewinne f&uuml;r Investoren in einer Marktwirtschaft f&uuml;r unabdingbar h&auml;lt und zum Zentrum seiner Strategie macht? Riskante Investitionen in Sachanlagen werden nur vorgenommen, wenn die erwartete Rendite gr&ouml;&szlig;er ist als der Ertrag einer risikolosen Finanzanlage. Nur durch Ausdehnung der Produktion und neue Investitionen entstehen neue Arbeitspl&auml;tze. Der &uuml;ber Jahrzehnte zu beobachtende enge Zusammenhang zwischen Investitionen und Besch&auml;ftigung zeigt, dass die Unternehmen in Arbeit und Kapital zur gleichen Zeit investieren und desinvestieren, wenn sie gute Gewinnchancen haben. Folglich m&uuml;ssen gute Bedingungen f&uuml;r unternehmerische Gewinne und Investitionen geschaffen werden. Ist das Angebotspolitik? Nein, es ist das Credo einer marktwirtschaftlichen Nachfragepolitik. Man kann n&auml;mlich ohne weiteres den Begriff Nachfrage in der &uuml;blichen nachfrageseitigen Terminologie durch Gewinn der Unternehmen ersetzen, ohne diesem Gewalt anzutun. Im Gegenteil: Einfluss auf den Gewinn in der Gesamtwirtschaft zu nehmen, ist das Herz dieses Konzeptes.<\/p><p>Angebotspolitik reklamiert zwar das gleiche Ziel, schaltet erstaunlicherweise aber den Mechanismus aus, der allein zum Ziel f&uuml;hrt. Gewinne entstehen f&uuml;r die Unternehmen einer Volkswirtschaft selbstverst&auml;ndlich nur dann, wenn stimulierenden Ma&szlig;nahmen auf der Angebotsseite nicht bremsende auf der Nachfrageseite gegen&uuml;berstehen. Eine Steuersenkung ist f&uuml;r das einzelne Unternehmen gut, sie vermag aber die Unternehmensgewinne nicht zu erh&ouml;hen, wenn der Staat zur selben Zeit die Staatsausgaben im gleichen Ausma&szlig; zur&uuml;ckf&uuml;hrt, weil dadurch zwingend die Ums&auml;tze und die Gewinne der Unternehmen an anderer Stelle schrumpfen. Zus&auml;tzliches Sparen der privaten Haushalte verbessert nicht die Situation der Wirtschaft und die Gewinnlage der Unternehmen, sondern verschlechtert sie, wie wir mit Blick auf Amerika seit Anfang des vergangenen Jahres alle wissen. Weniger L&ouml;hne f&uuml;r das einzelne Unternehmen erh&ouml;hen dessen Ertragskraft, weil es davon ausgehen kann, dass seine Nachfrage nicht im Gefolge der Lohnsenkung sinkt. In der Gesamtwirtschaft ist diese Annahme nicht haltbar, weil die Lohnkosten des einen Unternehmens die Nachfrage eines anderen bestimmen. Eine einzelne Volkswirtschaft in der Welt kann zwar versuchen, ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit zu verbessern, sie kann die Fr&uuml;chte davon aber nur ernten, wenn in den &uuml;brigen L&auml;ndern, die Nachfrage steigt.<\/p><p>Im globalen Rahmen und f&uuml;r die Volkswirtschaft insgesamt sind die Kosten des einen notwendigerweise die Ertr&auml;ge des anderen. Eine Strategie der forcierten Kostensenkung in einem Bereich oder einem Land kann nur erfolgreich sein, falls andere bereit sind, ihre Nachfrage aufrechtzuerhalten, obwohl ihre Ertr&auml;ge und ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit sinken. Die anderen Sektoren oder L&auml;nder m&uuml;ssen sich folglich zus&auml;tzlich verschulden, um die Gewinne aller Unternehmen zu stabilisieren und ein Nullsummenspiel bei einer konstanten Gewinnsumme zu vermeiden. So hat Europa in den 90er Jahren vor allem deswegen einige Male eine kurze Aufschwungphase erlebt, weil die USA &ndash; trotz ihrer geringen Wettbewerbsf&auml;higkeit im internationalen Vergleich &ndash; bei boomender Inlandsnachfrage Importe beg&uuml;nstigten und sich gegen&uuml;ber dem Rest der Welt hoch verschuldeten.<\/p><p>Angebot und Nachfrage geh&ouml;ren in der Marktwirtschaft untrennbar zusammen. Es gibt kein entweder oder, sondern nur ein ,,und&rdquo;. Wo die Politik auch ansetzt, ohne die Ber&uuml;cksichtigung der jeweils anderen Seite f&uuml;hrt sie in die Irre. Die deutsche Angebotspolitik agiert aber seit 20 Jahren wie ein Lehrbuchunternehmen ,,bei gegebener&rdquo; Nachfrage. Die Gesamtwirtschaft ist aber kein Unternehmen und die Nachfrage ist f&uuml;r die gesamte Wirtschaft nicht in jedem Zeitpunkt gegeben, weil, wie derzeit, ein negativer Nachfrageschock aus dem Ausland oder eine restriktive Geldpolitik, auch von den besten Angebotsbedingungen nicht aufgefangen werden kann. Weil diese banale volkswirtschaftliche Erkenntnis nicht ernst genommen wird, leisten wir uns seit 20 Jahren eine ungeeignete Wirtschaftspolitik. Deutschland und Europa hat sich auf eine einseitige Theorie und ihre Instrumente fixiert, statt so undogmatisch wie die ansonsten als Vorbild gepriesenen USA alle verf&uuml;gbaren Instrumente der Wirtschaftspolitik einzusetzen.<\/p><p>Aus der Erkenntnis, dass Angebotspolitik in einem marktwirtschaftlichen System niemals alleine agieren kann, folgt nicht, der Angebotspolitik ihre spezifische Wirksamkeit abzusprechen. Das w&auml;re so unsinnig wie die einseitige Ablehnung jeder Ber&uuml;cksichtigung der Nachfrageseite. Angebotspolitik hat ihre spezifischen St&auml;rken. In Teilen ist sie deckungsgleich mit dem, was man in den 50er und 60er Jahren Ordnungspolitik nannte, also einer Politik, die f&uuml;r die effiziente Steuerung der marktwirtschaftlichen Ordnung unverzichtbar ist. Innovationen dieser Social Technique, dieser Regeln und Regulierungen, sind angesichts des st&auml;ndigen Wandels ebenso wichtig wie Innovationen in den Unternehmen und von den Unternehmen f&uuml;r die M&auml;rkte. Innovationen und Investitionen schlie&szlig;lich sind die Quelle der Produktivit&auml;t und unseres Realeinkommens. Sie erh&ouml;hen das Einkommen aber nur potentiell und noch nicht real, solange die Nachfrage nicht gegeben ist. Oft steigt die Nachfrage automatisch, was das ber&uuml;hmte Gesetz vom Angebot, das seine Nachfrage schafft, beschreibt. Aber das ist bei Schocks aller Art nicht gesichert, jedenfalls nicht ausreichend gesichert, wie wir gerade erleben, um die Nachfrageseite politisch vollkommen ausblenden zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Manche auf der Linken sagen, Angebotspolitik sei reine Interessenpolitik der Unternehmen, w&auml;hrend man auf der Rechten behauptet, Nachfragepolitik sei nur verbr&auml;mte Interessenpolitik f&uuml;r die Arbeitnehmer. Doch auch das ist nicht richtig, wenn man die Schablonen zur Seite legt. So schaden sich die Interessenvertreter, die eifrigsten Nachbeter und F&ouml;rderer der herrschenden Ideologien, am meisten selbst. Warum etwa lehnen Unternehmensverb&auml;nde kategorisch Nachfragepolitik ab, obwohl diese allein auf einer realistischen Theorie der Gewinne beruht, und auf nichts anderes, als die unmittelbare F&ouml;rderung der Gewinne, hinausl&auml;uft? Warum wird gesamtwirtschaftliches Denken systematisch ausgeschaltet, obwohl der Misserfolg aller anderen Ans&auml;tze evident ist? Warum sollte ein vernunftbegabter Mensch von vorneherein bestreiten, dass im Kino ein Zuschauer durch Aufstehen seine Sicht verbessern kann, aber nicht alle. Warum verzichtet gerade der &ldquo;Wirtschaftsliberalismus&rdquo;, wie ihn R&uuml;stow schon 1918 nannte, auf eine stringente gesamtwirtschaftliche Analyse? Wieso wei&szlig; der Mediziner, dass, was immer er sonst tut, der Kreislauf des Patienten zu stabilisieren ist, der &Ouml;konom aber nicht?<\/p><p>Warum betreiben wir hierzulande nun schon seit 20 Jahren eine Wirtschaftspolitik, die immer wieder auf&rsquo;s Neue zu hohen Einkommensausf&auml;llen, vernichtetem Kapital und all dem pers&ouml;nlichen Desaster f&uuml;hrt, mit dem Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Bankrott das Leben von Menschen und ganzer Familien ruinieren? Und wie kommt es, dass unber&uuml;hrt von der bisherigen Erfolglosigkeit in diesen Tagen nahezu einhellig die Erh&ouml;hung der Dosis der nicht angeschlagenen Medizin gefordert wird, statt einer neuen Diagnose?<\/p><p>In einer Demokratie &ndash; so unsere Lehrbuchvorstellung &ndash; sorgt der &ouml;ffentliche Diskurs daf&uuml;r, dass sich das sachlich Richtige und Beste durchsetzt. Wenigstens ann&auml;herungsweise. Warum ist diese Regel in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik weitgehend au&szlig;er Kraft gesetzt? Warum verl&auml;uft die &ouml;ffentliche Debatte flach und undifferenziert, warum wird der gro&szlig;e Strom von Meinungen von Parolen und den immer gleichen Glaubenss&auml;tzen gepr&auml;gt? Wir leiden unter Reformstau, nur Strukturreformen bringen Arbeitspl&auml;tze, all die Konjunkturprogramme haben nichts gebracht, Keynes ist out, die Sozialen Sicherungssysteme sind nicht mehr zu finanzieren, Entstaatlichung, Privatisierung, Deregulierung, Zuwanderung, Niedriglohnsektor und Kombilohn &ndash; wo eine ruhige Analyse und die dazu passende Therapie gefragt w&auml;ren, produziert der Mainstream der &ouml;ffentlichen Debatte vorgestanzte Formeln. Zweifel und Differenzierung sind nicht zeitgem&auml;&szlig;. Die gestanzten Parolen beziehen ihre Glaubw&uuml;rdigkeit aus der kommunikativen Kraft der agitierenden Institutionen und Personen und einer erstaunlichen Gleichschaltung der Meinungen. Wenn viele &auml;hnliches sagen, dann kann das nicht falsch sein, so eine alte Erfahrung in der Welt der Propaganda. Wenn die Aussagen zudem aus verschiedenen Richtungen kommen, dann verbietet sich jeder Zweifel. Dass Reformstau unser Problem sei, sagen heute Schr&ouml;der wie Stoiber; da&szlig; Keynes out sei, meinen SPD und CDU, Gr&uuml;ne, FDP und CSU &ndash; unisono.<\/p><p>Das demographische Problem z.B. diagnostizieren so unterschiedliche Absender wie die Zuwanderungskommission der Bundesregierung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, der Sachverst&auml;ndigenrat, der Chefredakteur der ZEIT und der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung als das Kernproblem der n&auml;chsten Jahrzehnte. Unser &bdquo;Schicksal&ldquo; meinen letztere. Darunter geht es nicht, und doch wird genau bei diesem &bdquo;zentralsten&ldquo; aller Probleme die Frage der gesamtwirtschaftlichen Wirkung unterschiedlicher Systeme, die in der Grundsatzdiskussion der 50er Jahre noch im Vordergrund stand, nicht ansatzweise ernsthaft diskutiert. Damals wussten die &Ouml;konomen noch, dass die Volkswirtschaft als Ganzes im Gegensatz zum einzelnen B&uuml;rger nicht &ldquo;sparen&rdquo; kann, weil das Geldverm&ouml;gen der gesamten Welt immer genau gleich Null ist, und eine offene Volkswirtschaft nicht einfach darauf setzen kann, dass die anderen L&auml;nder sich langfristig verschulden. Wer von den Meinungsmachern aber, die eine Rentenreform mit einer noch viel weitergehenden Privatisierung der Vorsorge durch individuelles Ansparen fordern, k&ouml;nnte uns erkl&auml;ren, welche Bedeutung die unbestreitbare Tatsache vom nicht vorhandenen Geldverm&ouml;gen f&uuml;r die Rentenpolitik auf kurze und auf lange Sicht hat.<\/p><p>In den einschl&auml;gigen Einlassungen einschlie&szlig;lich der wissenschaftlichen Anh&ouml;rung des Bundestages wurde die wichtigste Frage, wie denn aus vermehrten privaten Ersparnissen der Haushalte beim &ldquo;modernen&rdquo; Kapitaldeckungsverfahren mehr Investitionen der Unternehmen werden, &uuml;berhaupt nicht behandelt. Wie ineffizient m&uuml;ssen gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse gestaltet sein, dass bei einer so naheliegenden Frage das gesamtwirtschaftliche Denken einfach ignoriert oder durch Parolen ersetzt werden kann? Die Widerspr&uuml;che, die tagt&auml;glich entstehen, sind mit den H&auml;nden zu greifen, aber niemand greift danach. Der gleiche Bundesfinanzminister, der die Menschen in Deutschland seit dem Herbst in allen Reden beschw&ouml;rt, mehr Geld auszugeben, um die Konjunktur und die Investitionen anzukurbeln, subventioniert seit 1. Januar das Sparen, also das Nicht-Ausgeben, mit gro&szlig;en Betr&auml;gen aus dem Steuers&auml;ckel, weil er sich im Rahmen der Rentenreformdebatte hat einreden lassen, mehr Sparen heute h&auml;tte keine negativen Auswirkungen auf die Gewinne der Unternehmen und deren Investitionen.<\/p><p>Nachplappern ersetzt das Nachdenken. New Economy, E-Commerce, Multimedia, Informationstechnologie, Internet &ndash; wer als Unternehmer im Maschinen- oder Fahrzeugbau, in der Chemieindustrie, im Handwerk oder Einzelhandel Arbeit, Kapital und Rohstoffe zusammenf&uuml;gt und normale Waren oder Dienstleistungen anbietet, der musste sich in den vergangenen Jahren oft seltsam altbacken vorkommen &ndash; &uuml;brigens auch dann, wenn er seine Waren und Dienste intelligent und mit modernster Technik produzierte. Heute ist das etwas anders, das Internet z.B. wird jetzt von den gleichen Medien, die es in den Himmel hoben, als gr&ouml;&szlig;te Geldvernichtungsmaschine aller Zeiten gebrandmarkt, und mit dem Platzen der Blase des Neuen Marktes ist wieder sichtbar geworden, dass Wertsch&ouml;pfung in der Regel nicht &uuml;ber Aktienspekulation stattfindet. Aber es bleibt die bittere Erfahrung, dass es der von Schlagworten gepr&auml;gten &ouml;ffentlichen Debatte einige Jahre gelungen ist, die wichtigsten Bereiche unserer Volkswirtschaft an den Rand des Geschehens zu dr&auml;ngen. Sie haben das mit sich geschehen lassen. So dominant ist der herrschende Meinung.<\/p><p>Bezeichnend f&uuml;r die Dominanz der gleichmachenden &ouml;ffentlichen Debatte ist auch der hemmungslose Gebrauch von Begriffen, die unsere Gesellschaft typisieren sollen. Dienstleistungsgesellschaft, Wissensgesellschaft, Informationsgesellschaft &ndash; diese Begriffe sind nichts als Teile eines Jargons von Leuten, die den Eindruck erwecken wollen, sie h&auml;tten etwas zu sagen, obwohl sie nichts zu sagen haben. Nach dem Wahrheitsgehalt wird nicht gefragt, denn dann zerbr&auml;che der gruppenbildende Zweck des Sprachgebrauchs. Wenn man z.B. fragen w&uuml;rde, wie wahr die Behauptung ist, wir lebten in einer Wissensgesellschaft, dann w&uuml;rden einen die Personalchefs und Ausbilder, die wie die Autoren der PISA-Studie wachsende Lese- und Schreibschw&auml;chen feststellen, und die Fernsehbeobachter, die eine wachsende Verbl&ouml;dung des Publikums erkennen, unangenehm hart auf den Boden der Tatsachen herunterholen. &ndash; Das moderne Schwadronieren im Jargon erinnert an die Zeiten vulg&auml;rmarxistischer Diskussionen in den 60er und 70ern. Auch damals hatten Begriffe &ndash; wie beispielsweise das Wort Vergesellschaftung &ndash; einen &auml;hnlich gruppenbildenden und vorrationalen Charakter. Heute allerdings sind ehemals Linke sowie ehedem und heute noch Konservative vereint im Jargon. Wenn das kein Fortschritt ist.<\/p><p>Die Qualit&auml;t der &ouml;ffentlichen Debatte &uuml;ber Wirtschaft und damit auch die politische Willensbildung befinden sich in einem schleichenden Erosionsprozess. Wo bleiben die sachverst&auml;ndigen und kritischen Instanzen? Die Parteien und das kritische B&uuml;rgertum? Die Publizistik und die Wissenschaft? In den Parteien finden Sachdebatten und damit auch die Mobilisierung von Sachverstand kaum mehr statt. Wenn es die Mobilisierung von Sachverstand &uuml;ber die Parteimitglieder und &ndash;gliederungen noch g&auml;be, dann w&auml;ren nennenswerte Gruppen von SPD-Mitgliedern und &ndash;gliederungen gegen die pauschale Verdammung aller Konjunkturprogramme und gegen die mit der Riesterrente verbundene Illusion eines angesparten Geldkapitals angegangen. Und die ins Absurde umgeschlagene Bewunderung f&uuml;r Startup Unternehmer in der New Economy und ihre unseri&ouml;se, von Werbung statt von Wertsch&ouml;pfung getragene Kapitalbeschaffung h&auml;tte eine konservative Partei auf den Plan rufen m&uuml;ssen. Die Parteien schwiegen aber. Als K&ouml;rperschaften, die Sachverstand f&uuml;r eine qualitative gute politische Willensbildung liefern sollen, sind sie tot. Auch das gut ausgebildete B&uuml;rgertum kann eher die Struktur einer Sonate beurteilen als den Zusammenhang zwischen Sparen und Investieren. Sie wie auch die linksliberale und kritische Intelligenz orientieren sich am Mainstream. &ndash; Und wo ist die kritische Publizistik? Nur noch gelegentlich blitzt sie auf, von der Medienkonzentration und den Gesetzen des Fernsehens auf Schlagzeilen reduziert. Der Zwang zu kurzen Texten f&ouml;rdert den Hang zur parolenhaften Kommunikation.<\/p><p>Der Trend zur Plattit&uuml;de wird von der Expansion einer Branche verst&auml;rkt, &uuml;ber die im Kontext der Qualit&auml;t der &ouml;ffentlichen Debatte und der davon gepr&auml;gten Qualit&auml;t politischer Entscheidungen niemand spricht: die Public Relations. Ohne PR g&auml;be es die staatliche F&ouml;rderung privater Altersvorsorge nicht, ohne PR w&auml;re das US-Modell nicht so nachhaltig und falsch in den K&ouml;pfen und Herzen der Europ&auml;er verankert. Ohne PR h&auml;tte es den Umsturz unserer Kapitalm&auml;rkte und den Weihrauch f&uuml;r die sogenannte Aktienkultur und die feuchten Augen der B&ouml;rsenberichterstatter und Analysten nicht gegeben. Ohne die gewachsene Macht der PR g&auml;be es auch noch einen gr&ouml;&szlig;eren Teil unabh&auml;ngiger und damit auch kritischer Wissenschaft. Der Niedergang der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft ist sozusagen der Gegenzug zum Aufstieg der PR-Branche. Die Wissenschaft ist &ndash; auch wenn dar&uuml;ber verst&auml;ndlicherweise Nichts geschrieben und gesagt wird &ndash; erkennbar eines der bevorzugten PR-Werkzeuge, strategischer Hebel der scheinbar der Meinungsbildung dienenden Aufkl&auml;rung im Sinne des von der PR vorhergesehenen Ergebnisses. Dass die Professoren Rentenexperten die zur Begr&uuml;ndung der Riesterrente notwendige Behauptung durchgehen lie&szlig;en bzw. st&uuml;tzten, die Einf&uuml;hrung des Kapitaldeckungsverfahrens, also die &Auml;nderung eines reinen Finanzierungssystems k&ouml;nne &ndash; &uuml;ber vermehrtes Sparen &ndash; ein reales Problem, also der Relation von jung zu alt, l&ouml;sen helfen, ohne dass auch nur darauf hingewiesen wurde, dass diese Frage seit 50 Jahren in der Wissenschaft h&ouml;chst umstritten ist, sagt alles &uuml;ber wissenschaftliche Ethik im Zeitalter der PR.<\/p><p>Und die Politik und ihr Beamtenapparat? Kann man vom Bundesfinanzminister ernsthaft verlangen, dass er sich st&auml;ndig gegen den Mainstream der Meinungsmacher und &ndash;f&uuml;hrer wendet. Hans Eichel hat beherzigt, was die Meinungsf&uuml;hrer h&ouml;ren wollen: &bdquo;Ich bleibe bei meinem Konsolidierungskurs&ldquo;. Soll er ihnen erkl&auml;ren, da&szlig; es auch in der sogenannten globalisierten Wirtschaft den Unterschied zwischen Konsolidierungsabsicht und Konsolidierungserfolg gibt? Das ist viel verlangt, wenn man bedenkt, dass selbst nach hoher Evidenz f&uuml;r diese Erkenntnis, nach Steuersch&auml;tzungskorrektur und Beitragsausf&auml;llen, die Mehrheit der Wissenschaft und die Wirtschaftspresse im bequemen und nichtssagenden Mainstream verharren, der da lautet, staatliche Schulden seien nun mal von &Uuml;bel. Es ist viel verlangt. Aber m&uuml;ssen wir es nicht doch verlangen, verlangen von der Politik, von der Wissenschaft, von der Intelligenz, von der Wirtschaft und den Medien? Zuviel verlangt kann es nicht sein, wenn nur so die wirtschaftspolitische Debatte wieder auf eine rationale Grundlage gestellt und Sachfragen ernsthaft angegangen werden k&ouml;nnen, ganz gleich &uuml;brigens, welche Seite am Ende gewinnt.<\/p><p>(Manuskript)<\/p><p><em>&copy; FAZ \/  2. Februar 2002<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reformstau oder Rezession, Angebot oder Nachfrage: Der Gleichklang der &ouml;ffentlichen Meinung blockiert die Wirtschaftspolitik. 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