{"id":2903,"date":"2008-01-18T08:30:36","date_gmt":"2008-01-18T07:30:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2903"},"modified":"2015-12-02T14:21:13","modified_gmt":"2015-12-02T13:21:13","slug":"baden-wuerttemberg-setzt-auf-studierfaehigkeitstest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2903","title":{"rendered":"Baden-W\u00fcrttemberg setzt auf Studierf\u00e4higkeitstest"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Studieren im Land Baden-W&uuml;rttemberg ist gar nicht so einfach: 90 Prozent aller Studieng&auml;nge sind zulassungsbeschr&auml;nkt. Wer zum Beispiel an der Fachhochschule Pforzheim das Fach Wirtschaftswissenschaften belegen m&ouml;chte, dem reicht eine gute Schulnote nicht aus. Er muss einen Studierf&auml;higkeitstest machen. Er soll die Eignung des Studierenden f&uuml;r das Fach &uuml;berpr&uuml;fen.&ldquo; So berichtet der <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/campus\/725775\/\">DLF<\/a> Statt Geld in die Hand zu nehmen und die Studienkapazit&auml;ten auszudehnen, setzt das Land auf Verknappung und Selektion. Das Abitur verliert seine Bedeutung als &bdquo;allgemeine Hochschulreife&ldquo;. Die Zeiten sind gekommen, wo wie in Japan oder in den USA Studierwillige nach der Schule ein oder gar zwei Jahre teure und private Paukkurse besuchen m&uuml;ssen, um an eine Hochschule gelangen zu k&ouml;nnen.<br>\n<!--more--><\/p><p>Wenn 90 Prozent aller Studieng&auml;nge zulassungsbeschr&auml;nkt sind, bedeutet das, dass an baden-w&uuml;rttembergischen Hochschulen ein immenser &Uuml;berhang an Nachfragern nach Studienpl&auml;tzen besteht.<br>\nIm OECD-Bericht <a href=\"2006%20http:\/\/www.bmbf.de\/pub\/bildung_auf_einen_blick_06_wesentliche_aussagen.pdf\">&bdquo;Bildung auf einen Blick&ldquo;<\/a> hei&szlig;t es: &bdquo;Eine hoch entwickelte Dienstleistungsgesellschaft, deren Wachstum zunehmend von der<br>\nRessource Wissen abh&auml;ngt, ist auf einen wachsenden Anteil hoch qualifizierter Fachleute<br>\nangewiesen. Hohe Studienanf&auml;ngerquoten und eine hohe Bildungsbeteiligung im<br>\nTerti&auml;rbereich tragen dazu bei, die Entwicklung und den Erhalt einer hoch qualifizierten<br>\n(Erwerbs-)Bev&ouml;lkerung sicherzustellen.&ldquo; Soweit die Sonntagsrede.<\/p><p>Die Studienanf&auml;ngerquote an Universit&auml;ten und Fachhochschulen lag 2004 in Deutschland bei 37 %, OECD-L&auml;ndermittel bei 53 % und im EU-L&auml;ndermittel bei 52 %. Und der Abstand zu den Spitzenreitern Schweden (79 %) und Finnland (73 %) ist gro&szlig;. Deutschland liegt unter 29 verglichenen L&auml;ndern ziemlich abgeschlagen auf den hinteren Pl&auml;tzen. Niedrigere Studienanf&auml;ngerquoten finden sich lediglich in Belgien, Griechenland, Mexiko und der T&uuml;rkei.<\/p><p>Duales System als Ausrede hin oder her, Deutschland braucht, um mithalten zu k&ouml;nnen, einen h&ouml;heren Studierendenanteil. In Deutschland soll aber offenbar die in aller Munde gef&uuml;hrte &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; nicht mit Bildung, sondern mit Sozialabbau und Lohnk&uuml;rzungen statt &uuml;ber Innovation und Produktivit&auml;tssteigerung hergestellt werden. <em>Wir bewegen uns also auf den Weg zur&uuml;ck in Richtung Steinzeit.<\/em><\/p><p>Statt die Studienkapazit&auml;ten auszubauen, wird bei uns die Zulassung zum Studium beschr&auml;nkt, und der baden-w&uuml;rttembergische Wissenschaftsminister Frankenberg r&uuml;hmt sich seiner Auswahlverfahren, um Studierwillige zu selektieren.<\/p><p>Das Abitur habe seine Aussagekraft verloren, wenn es &bdquo;inzwischen Studieng&auml;nge gibt wie Medizin in Heidelberg, bei denen man unter den 1,0-Abiturienten &uuml;ber Tests Auswahl trifft&ldquo;. Er tut also so, als ob man an deutschen Gymnasien ein Einser-Abitur nachgeworfen bek&auml;me. Statt aber &uuml;ber die Aussagekraft und Vergleichbarkeit von Abiturnoten nachzudenken, sollen nun von der ITB Consulting GmbH entwickelte Auswahl-Tests eine gr&ouml;&szlig;ere Aussagekraft &uuml;ber die Studierf&auml;higkeit bekommen als die Beurteilung von Lehrern &uuml;ber neun Jahre h&ouml;here Schule.<\/p><p><em>In Deutschland gab es ja schon einmal Medizinertests, deren Entwicklung viel Geld kostete und deren Durchf&uuml;hrung weit &uuml;ber ein Jahrzehnt Millionen verschlang. Vor der Jahrhundertwende hat man sie abgeschafft, weil die Erfolgsprognose zwischen Abiturnote und Test um weniger als ein Prozent voneinander abwich.<br>\nJetzt f&uuml;hrt man solche Tests mit gro&szlig;em Brimborium wieder ein. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Absolvierung eines Test heutzutage von den Studierenden bezahlt werden m&uuml;ssen:<\/em> 50 Euro kostet zum Beispiel bei der ITB Consulting GmbH die Eignungspr&uuml;fung zum wirtschaftswissenschaftlichen Studium. Das verspricht ein gutes Gesch&auml;ft.<br>\nDie Studierwilligen sollen &ndash; so die Begr&uuml;ndung &ndash; deshalb bezahlen, damit sie sich nicht an allzu vielen Hochschulen bewerben und an einem Auswahlverfahren teilnehmen.<br>\nWer also mehr Geld zur Verf&uuml;gung hat, kann mehr Lose aus der Lostrommel ziehen.<\/p><p>Schon bei den fr&uuml;heren Medizinertests war es zu einem attraktiven Gewerbe geworden, Schulungsmaterial oder private Schulungskurse f&uuml;r optimales Testverhalten anzubieten. Ich sehe den Weg bereitet, dass auch in Deutschland wie in den USA, vor allem aber in Japan, junge Menschen nach dem Schulabschluss f&uuml;r teures Geld manchmal &uuml;ber mehr als ein Jahr an Paukkursen teilnehmen m&uuml;ssen, um bei den Eingangstestverfahren der Hochschulen erfolgreich abzuschneiden. <\/p><p><em>Bei der Einf&uuml;hrung der Studiengeb&uuml;hren hat man behauptet, damit k&auml;me man zu einer nachfrageorientierten Steuerung des Studiums. Der &bdquo;Kunde&ldquo; werde &bdquo;K&ouml;nig&ldquo;.<br>\nDiese hohle Phrase hat man nat&uuml;rlich schon l&auml;ngst vergessen. Jetzt w&auml;hlt der Anbieter Hochschule seine Nachfrager aus. Der K&ouml;nig Anbieter w&auml;hlt also die Kunden aus:<\/em> &bdquo;Jede Universit&auml;t bekommt so den f&uuml;r sie passenden Studenten&ldquo;, hei&szlig;t es in dem mal wieder absolut unkritischen und das sachliche Problem v&ouml;llig ignorierenden Bericht der Sendung Campus &amp; Karriere des Deutschlandfunks.<\/p><p>Am Ende des Berichts kommt der Chef des Testentwicklers ITB Consulting zu Wort: Studierf&auml;higkeitstests st&uuml;nden heute an der Spitze der Beliebtheitsskala der Studieninteressierten. H&auml;tte man von einem offenbar in Baden-W&uuml;rttemberg eine Monopolstellung einnehmenden kommerziellen Anbieter solcher Tests eine andere Antwort erwarten d&uuml;rfen, als dass er seine Produkte verkaufen m&ouml;chte?<\/p><p>Fazit: Auch die Bildungs- und Hochschulpolitik l&auml;sst sich heute zunehmend nur noch verstehen, wenn man fragt, wer an dieser Ausrichtung der Politik verdient.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Studieren im Land Baden-W&uuml;rttemberg ist gar nicht so einfach: 90 Prozent aller Studieng&auml;nge sind zulassungsbeschr&auml;nkt. Wer zum Beispiel an der Fachhochschule Pforzheim das Fach Wirtschaftswissenschaften belegen m&ouml;chte, dem reicht eine gute Schulnote nicht aus. Er muss einen Studierf&auml;higkeitstest machen. Er soll die Eignung des Studierenden f&uuml;r das Fach &uuml;berpr&uuml;fen.&ldquo; So berichtet der <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/campus\/725775\/\">DLF<\/a> Statt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2903\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,17,157],"tags":[743,521,621,234],"class_list":["post-2903","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-bawue","tag-hochschulzugang","tag-studienanfaenger","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2903"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2903\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29298,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2903\/revisions\/29298"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}