{"id":29103,"date":"2015-11-27T09:13:28","date_gmt":"2015-11-27T08:13:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29103"},"modified":"2019-01-30T10:21:42","modified_gmt":"2019-01-30T09:21:42","slug":"brauchbare-illegalitaet-ueber-das-verschwinden-der-moral-aus-der-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29103","title":{"rendered":"\u201eBrauchbare Illegalit\u00e4t\u201c \u2013 \u00dcber das Verschwinden der Moral aus der Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Die Sendung <em>Kulturzeit<\/em> des Senders 3sat befragte am 3. November 2015 den Bielefelder Organisationssoziologen Stefan K&uuml;hl zu den Korruptionsskandalen der letzten Zeit. Seine Antworten haben <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29103#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] zu einem Kommentar veranlasst.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9043\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-29103-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151130_Brauchbare_Illegalitaet_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151130_Brauchbare_Illegalitaet_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151130_Brauchbare_Illegalitaet_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151130_Brauchbare_Illegalitaet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=29103-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151130_Brauchbare_Illegalitaet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151130_Brauchbare_Illegalitaet_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Moderatorin fragt Herrn K&uuml;hl, was seine Wissenschaft zu den Vorw&uuml;rfen gegen den DFB und gegen den Volkswagenkonzern, die Weltmeisterschaft im eigenen Land gekauft beziehungsweise die Abgaswerte manipuliert zu haben, zu sagen habe. Regelverst&ouml;&szlig;e, sagt Herr K&uuml;hl seien in Firmen und Organisationen normal und n&ouml;tig, &bdquo;um flexibel auf Marktanforderungen reagieren zu k&ouml;nnen&ldquo;. Unternehmen seien so gesehen &bdquo;professionelle Heuchler&ldquo;. K&uuml;hl nennt diese Verhaltensweisen im Anschluss an seinen Lehrmeister Niklas Luhmann &bdquo;brauchbare Illegalit&auml;t&ldquo;. Diese garantiere wirtschaftlichen Erfolg, und keine Firma oder Organisation k&ouml;nne auf solche Praktiken verzichten.<\/p><p>K&uuml;hl macht seinem Namen alle Ehre und spricht dar&uuml;ber n&uuml;chtern, ohne jede ironische Brechung und ohne einen Hauch moralischer Emp&ouml;rung. Wenn er sagen w&uuml;rde: Man k&ouml;nnte das, was Volkswagen da macht, &bdquo;brauchbare Illegalit&auml;t&ldquo; nennen, so ist halt der Umgang mit Normen und Regeln im Kapitalismus. So sagt er es aber nicht. K&uuml;hl liefert ein Bespiel f&uuml;r das, was man mit dem fr&uuml;hen Sloterdijk <em>Wissenschaftszynismus<\/em> nennen k&ouml;nnte. Er ist eben Systemtheoretiker, den nur das Funktionieren und das m&ouml;glichst reibungslose Zusammenspiel der diversen Subsysteme, aus denen eine Gesellschaft zusammengesetzt ist, interessieren. Wie heruntergekommen ist diese Soziologie!? Hegemonial scheint inzwischen eine amoralische, gef&uuml;hllose <em>Psychopathen-Soziologie<\/em> zu sein!<\/p><p>Das Gros der sogenannten <em>Psychopathen<\/em> befindet sich nicht etwa in den Gef&auml;ngnissen, sondern l&auml;uft frei herum und zeichnet sich teilweise sogar durch besonderen Erfolg im Beruf aus. Es sind <em>funktionale Psychopathen<\/em>, die gelernt haben, aus ihrer St&ouml;rung &ndash; Gef&uuml;hlsk&auml;lte, Skrupellosigkeit und v&ouml;llige Furchtlosigkeit &ndash; einen Vorteil zu machen. Sie zerst&uuml;ckeln niemanden &ndash; jedenfalls nicht k&ouml;rperlich -, sondern machen Karriere. Sie besitzen genau die Pers&ouml;nlichkeitsmerkmale, die man ben&ouml;tigt, um in kapitalistischen Unternehmen seinen Weg nach oben zu machen. Sie besitzen ein durch nichts zu ersch&uuml;tterndes Selbstbewusstsein, sie werden nicht von Selbstzweifeln und schlechtem Gewissen geplagt. Man findet Psychopathen in Spitzenpositionen von Gesellschaft, Industrie und Banken. &bdquo;Gerade moderne Unternehmen mit ihren sich rasch wandelnden Strukturen stellen den idealen N&auml;hrboden f&uuml;r psychopathische Aufsteiger dar&ldquo;, schreibt der britische Psychologe Kevin Dutton. <\/p><p>Was f&uuml;r ein Begriff: &bdquo;brauchbare Illegalit&auml;t&ldquo;? Er unterstellt das Recht der Brauchbarkeit und N&uuml;tzlichkeit. Die Erf&uuml;llung von Normforderungen wird auf jenes Minimum reduziert, das einen gerade noch vor strafrechtlicher Verfolgung sch&uuml;tzt. Kant w&uuml;rde sich angesichts solcher Thesen im Grabe herumdrehen. In seinem Denken war es so: Wenn die Menschen mit dem Sittengesetz und seinem kategorischen Imperativ nichts anfangen k&ouml;nnen, wenn ihr allt&auml;gliches Handeln mit dem Sittengesetz wenig zu tun hat, dann spricht das gegen das, was sie tun, nicht gegen das, was geschehen sollte. Es ist nicht das Sittengesetz, das es zu &auml;ndern gilt. Das Ziel, das Handeln am Sittengesetz auszurichten, bleibt auch dann richtig, wenn es schwer f&auml;llt, es zu erreichen. Brauchbarkeit kann nicht das Kriterium sein bei der Beantwortung der Frage, ob eine Handlung moralisch richtig ist. Es w&uuml;rde dem Opportunismus T&uuml;r und Tor &ouml;ffnen. Der Aufkl&auml;rer Helvetius hat das fr&uuml;h gesehen und ironisch formuliert: Wenn N&uuml;tzlichkeit das einzige Kriterium ist, das &uuml;ber die Richtigkeit einer Verhaltensweise entscheidet, ist gar nicht einzusehen, warum ich einen anderen nicht &uuml;berfallen und ihm sein Geld wegenehmen soll, wenn Entdeckung ausgeschlossen ist.<br>\nNach Kant muss ich mich fragen: Kann ich wollen, dass alle so handeln wie ich jetzt? Taugt der von mir befolgte Grundsatz als Basis der allgemeinen Gesetzgebung? Er gibt ein Beispiel: Wenn es f&uuml;r mich vorteilhaft ist, gebe ich ein l&uuml;genhaftes Versprechen ab mit der Absicht, es nicht zu halten. Das geliehene Geld gebe ich nicht wie versprochen zur&uuml;ck. Kann ich aber wollen, dass meine Maxime des geschickten L&uuml;gens ein allgemein anerkanntes Gesetz wird? Kants klare Antwort lautet: nein. Die kapitalistische Gesellschaft bringt die Moral auf blanken Utilitarismus herunter: Gut und B&ouml;se werden zu Kategorien der &Ouml;konomie: Gut ist, was den Gewinn mehrt, schlecht, was ihn schm&auml;lert. Die <em>praktische Vernunft<\/em>, die laut Kant auf die Frage antwortet: <em>Was soll ich tun?<\/em>, erweist sich als zu schwach angesichts der Wucht &ouml;konomischer Prozesse. Die instrumentell-&ouml;konomische Vernunft der industriellen Revolution triumphiert &uuml;ber die politisch-philosophischen Gehalte der b&uuml;rgerlichen Revolution. Wer Kants Moralphilosophie ernst nimmt, muss zum Kritiker der b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Ordnung werden. Das Sittengesetz verlangt die Abschaffung einer Gesellschaft, deren einziger kategorischer Imperativ die Bereicherung ist. Sozialismus hei&szlig;t, den &bdquo;Wahnsinn der rasenden Industrie zur Vernunft zu bringen&ldquo;. (Max Horkheimer)<\/p><p>Was Ulrich Sonnemann seinem Vorwort zum 1969 bei Kindler erschienenen Sammelband <em>Wie frei ist unsere Justiz?<\/em> in der Tradition Kants und Hegels &uuml;ber die Justiz schrieb, gilt auch f&uuml;r die Sozialwissenschaften: &bdquo;Die Gerechtigkeit, die auf Lateinisch Justiz hei&szlig;t, ist mit dem Zustand, in dem sie die Welt vorfindet, unzufrieden; daher kann eine Justiz, die dem Bestehenden beim Bestehenbleiben behilflich ist, ihre Idee nicht erf&uuml;llen, sondern nur deren Perversion und Verrat sein.&ldquo;  Der Begriff &bdquo;brauchbare Illegalit&auml;t&ldquo; ist eine solche Perversion und ein Verrat!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. G&ouml;tz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet als Gef&auml;ngnispsychologe in der JVA Butzbach. Im Verlag Brandes &amp; Apsel ist Anfang des Jahres sein neues Buch &bdquo;Zwischen Amok und Alzheimer &ndash; Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo; erschienen. Siehe dazu die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\">Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sendung <em>Kulturzeit<\/em> des Senders 3sat befragte am 3. November 2015 den Bielefelder Organisationssoziologen Stefan K&uuml;hl zu den Korruptionsskandalen der letzten Zeit. 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