{"id":2912,"date":"2008-01-23T09:24:21","date_gmt":"2008-01-23T08:24:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2912"},"modified":"2015-12-02T14:07:07","modified_gmt":"2015-12-02T13:07:07","slug":"gerhard-bosch-aufloesung-des-deutschen-tarifsystems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2912","title":{"rendered":"Gerhard Bosch: Aufl\u00f6sung des deutschen Tarifsystems"},"content":{"rendered":"<p>Noch Anfang der 90er Jahre lag die Tarifbindung in Deutschland bei rund 90%. 72% der Besch&auml;ftigten arbeiteten damals in Unternehmen, die Mitglied in einem Arbeitgeberverband waren. 2006 fielen nur noch 68% der westdeutschen und 53% der ostdeutschen Besch&auml;ftigten unter einen Tarifvertrag. Bei hoher Arbeitslosigkeit und schw&auml;cheren Gewerkschaften verschafft sich eine wachsende Zahl von Unternehmen Wettbewerbsvorteile durch Unterbietung der Tarifl&ouml;hne. Der Niedriglohnsektor expandierte parallel zur Abnahme der Tarifbindung.<br>\n<!--more--><br>\nDer Anteil der gering bezahlten Vollzeitbesch&auml;ftigten stieg von 13,8% (1993) auf 17,3% (2003), in Betrieben mit weniger als 20 Besch&auml;ftigten sogar von 33,6% (1980) auf 36,4% (2003). Die starke Ausweitung des Niedriglohnsektors durch die Aufl&ouml;sung der angeblichen &bdquo;Tarifkartelle&ldquo; hat nicht, wie es neoliberale Wirtschaftswissenschaftler der Politik jahrelang eingeredet haben, die Besch&auml;ftigungssituation verbessert. Stattdessen werden dort heute L&ouml;hne unterhalb des Marktpreises gezahlt, wo Tarifvertr&auml;ge einst monopolistische Marktstrukturen oder Marktversagen korrigieren konnten. Mit dem Anwachsen des Niedriglohnsektors muss der Staat zunehmend L&ouml;hne unterhalb der Armutsgrenze subventionieren. Im Mai 2007 wurden bereits die L&ouml;hne von mehr als 1,2 Mio. Besch&auml;ftigten mit Arbeitslosengeld II aufgestockt.<br>\nVielen Unternehmern wird erst durch die &Auml;rzte- oder Lokf&uuml;hrerstreiks bewusst, wie wichtig die friedensstiftende Ordnungsfunktion des Fl&auml;chentarifs f&uuml;r sie ist.<br>\nDie abnehmende Tarifbindung ist zu einem guten Teil politisch verursacht worden. Sie wieder zu erh&ouml;hen, erfordert daher gleichfalls wieder politische Flankierung. Sicher ist jedenfalls, dass Nichtstun die Erosion des Tarifsystems f&ouml;rdert.<\/p><p>Der nachfolgende Beitrag von Gerhard Bosch, Pr&auml;sident des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universit&auml;t Duisburg-Essen, erscheint im <a href=\"upload\/pdf\/080123_Bosch_Endfassung.pdf\">Wirtschaftsdienst 1\/2008 [PDF &ndash; 52 KB]<\/a>. Er wurde uns vom Autor zur Verf&uuml;gung gestellt.<\/p><p>Noch Anfang der 90er Jahre lag die Tarifbindung in Deutschland bei rund 90%. Selbst nicht tarifgebundene Betriebe zahlten oft nach Tarif, da sie sich damit betriebliche Verhandlungen mit hohen Kosten sparen konnten. Deutlichstes Zeichen der Krise des Tarifsystems ist die starke Abnahme der Tarifbindung seit 1990. <\/p><p>Diese Entwicklung war politisch gewollt. So stand niemals zur Debatte, bei der Deregulierung der Produktm&auml;rkte die Tarife durch Allgemeinverbindlichkeitserkl&auml;rungen zu sichern. Zudem f&ouml;rdert der Staat heute die Zunahme gering bezahlter Besch&auml;ftigung durch sein Auftragsverhalten. Zumeist werden Auftr&auml;ge dem billigsten Anbieter erteilt, oft wissend, dass damit kein Tariflohn gezahlt werden kann. In Branchen mit hohen Anteilen an Niedrigl&ouml;hnen, wie etwa in der Fleischindustrie, gibt es &uuml;berhaupt keinen Fl&auml;chentarif mehr. Kampfstarke Gruppen, wie die Lokf&uuml;hrer oder die &Auml;rzte, streiken nicht mehr f&uuml;r allgemeine Lohnerh&ouml;hungen, sondern f&uuml;r Sonderinteressen. Stattdessen werden dort heute L&ouml;hne unterhalb des Marktpreises gezahlt, wo Tarifvertr&auml;ge einst monopolistische Marktstrukturen korrigieren konnten.<\/p><p>Kaum absch&auml;tzbar sind die Kollateralsch&auml;den der Erosion des Tarifsystems. Mit dem Anwachsen des Niedriglohnsektors muss der Staat zunehmend L&ouml;hne unterhalb der Armutsgrenze subventionieren. Im Mai 2007 wurden bereits die L&ouml;hne von mehr als 1,2 Mio. Besch&auml;ftigten mit Arbeitslosengeld II aufgestockt.<\/p><p>Wichtige Zukunftsaufgaben, wie der Ausbau der Weiterbildung, die Modernisierung unserer Berufsbilder, die Schaffung altersgerechter Arbeitsstrukturen oder die sozialvertr&auml;gliche Gestaltung flexibler Arbeitszeiten, k&ouml;nnen nur noch in wenigen Branchen von starken Tarifpartnern, die auch in die Fl&auml;che wirken k&ouml;nnen, gemeistert werden. Es wirkt gelegentlich grotesk, wenn Politiker einerseits die Sozialpartner auffordern, bestimmte Zukunftsaufgaben zu schultern und andererseits die Aufl&ouml;sung von Tarifkartellen oder die Expansion des Niedriglohnsektors fordern. <\/p><p>Der Staat kommt nicht umhin, die schlimmsten Ausw&uuml;chse durch einen gesetzlichen Mindestlohn zu begrenzen. Im wachsenden Niedriglohnsektor bricht die duale Berufsausbildung zusammen und die Qualifikationsstruktur polarisiert sich. Es werden neue Berufsgewerkschaften<br>\nentstehen, die wirkungsvoll Sonderinteressen vertreten. Die Branchengewerkschaften bleiben in einigen Kernbereichen der Industrie und des &ouml;ffentlichen Dienstes stark, verlieren aber ihre gestaltende gesellschaftspolitische Rolle. Die Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Wirtschaft verringert sich durch einen zunehmenden Fachkr&auml;ftemangel. Die einfache R&uuml;ckkehr zur staatsfernen Tarifautonomie der Vergangenheit ist leider versperrt, da in vielen Branchen die Sozialpartner nicht mehr in der Lage sind, den Fl&auml;chentarif wieder zu beleben. Denkbar ist aber bei erfolgreicher Wiederbelebung der Tarifautonomie ein sp&auml;terer R&uuml;ckzug des Staates. Sicher ist auch, dass Nichtstun die Erosion des Tarifsystems f&ouml;rdert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch Anfang der 90er Jahre lag die Tarifbindung in Deutschland bei rund 90%. 72% der Besch&auml;ftigten arbeiteten damals in Unternehmen, die Mitglied in einem Arbeitgeberverband waren. 2006 fielen nur noch 68% der westdeutschen und 53% der ostdeutschen Besch&auml;ftigten unter einen Tarifvertrag. Bei hoher Arbeitslosigkeit und schw&auml;cheren Gewerkschaften verschafft sich eine wachsende Zahl von Unternehmen Wettbewerbsvorteile<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2912\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,109,30],"tags":[1138,1506,1670,317,288,394,324],"class_list":["post-2912","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-gewerkschaften","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-aufstocker","tag-bosch-gerhard","tag-iaq","tag-mindestlohn","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-subventionen","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2912"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29294,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2912\/revisions\/29294"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}