{"id":2918,"date":"2008-01-25T09:19:18","date_gmt":"2008-01-25T08:19:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2918"},"modified":"2015-12-02T10:58:43","modified_gmt":"2015-12-02T09:58:43","slug":"der-lange-marsch-durch-die-institutionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2918","title":{"rendered":"Der lange Marsch durch die Institutionen"},"content":{"rendered":"<p>Wie es zum Konstruktionsfehler der Wirtschaftspolitik und insbesondere der Geldpolitik in Deutschland und darauf folgend in Europa kam.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Auszug aus &bdquo;Machtwahn. Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige Elite uns zugrunde richtet&ldquo;, Seite 88 folgende:<\/strong><\/p><p><strong>Der lange Marsch durch die Institutionen &ndash; Eine Lehre setzt sich durch<\/strong><\/p><p>Die Bilanz des Wirkens unserer Eliten, wie im letzten Kapitel aufgef&uuml;hrt, liest sich kaum weniger dramatisch als die Rede des Bundespr&auml;sidenten anl&auml;sslich der Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestages im Juli 2005. Doch anders als der Bundespr&auml;sident glauben machen will, sind die Strukturen unseres Landes nicht verantwortlich f&uuml;r die wirtschaftliche Krise, in der wir uns be&shy;finden. Wir sind in einer weitgehend selbstgemachten Krise. Die seit Jahren Verantwortlichen, unsere Eliten in Politik und Wissenschaft, in Medien und Wirtschaft, sind nicht f&auml;hig und nicht bereit zu einer klugen Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Abl&auml;ufe. Statt dessen laufen sie seit &uuml;ber zwei Jahrzehnten einer Ideologie hinterher, der wir einen Gro&szlig;teil unserer Probleme zu verdanken haben.<\/p><p>Vom Sonderfall deutsche Einheit abgesehen, gibt es eigentlich keine nachvollziehbaren Gr&uuml;nde daf&uuml;r, dass unser Land schlechter h&auml;tte abschneiden m&uuml;ssen als vergleichbare L&auml;nder wie Schweden, &Ouml;sterreich, die Niederlande, Gro&szlig;britannien oder die USA. Die Globalisierung, die h&auml;ufig angef&uuml;hrt wird, trifft &Ouml;sterreich, die Niederlande, Schweden, Gro&szlig;britannien und die USA schlie&szlig;lich in gleicher Weise. Auch &Ouml;sterreich grenzt an Ost&shy;europa. Auch zwischen Schweden und China gibt es Liefer- und Konkurrenzbeziehungen. Trotzdem werden die Standardfloskeln &uuml;ber die angeblich neuen Herausforderungen immer nur auf uns angewandt: Globalisierung, Wissensgesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Demographie.<\/p><p>Demographie &ndash; dieses unendlich bem&uuml;hte Problem als Ursache unserer wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu bezeichnen ist geradezu abenteuerlich. Selbst wenn man die k&uuml;nftige Entwicklung der Zahl der hier lebenden Menschen und der Alterung unserer Gesellschaft f&uuml;r gravierend h&auml;lt, die heutigen Ziffern sind es nicht. Wir haben aufgrund der Babyboomer-Generation ein eher g&uuml;nstiges Verh&auml;ltnis von arbeitender Generation zur Rentner&shy;generation. Gegenw&auml;rtig haben wir also gar kein bedr&auml;ngendes demographisches Problem.<\/p><p>Niemand kann ernsthaft behaupten, eine schlechtere Jung-Alt-Relation im Jahr 2010 oder 2020 strahle auf heute ab und sei f&uuml;r die Wachstumsschw&auml;che und die Schulden von heute verantwortlich. Auch die Vorstellung, unsere Wachstumsraten seien deshalb gering, weil die Geburtenrate niedrig ist, ist abwegig. Die auf eine niedrige Geburtenrate zur&uuml;ckgehende Konsum- und Nachfrage&auml;nderung findet ja nicht schlagartig statt und ist um vieles geringer als die durch Konjunktur und Arbeitslosigkeit bedingten Nachfrage&auml;nderungen. Auch minimale Ver&auml;nderungen der Erwerbsquote &ndash; wenn beispielsweise ein sp&uuml;rbar h&ouml;herer Anteil von Frauen die M&ouml;glichkeit hat zu arbeiten &ndash; haben gewichtigere Auswirkungen auf den privaten Verbrauch und damit auf die Nachfrage als noch so niedrige Geburtenraten. Wenn bei uns ernsthaft diskutiert wird, dass die Geburtenrate und ihre Ver&auml;nderung von nennenswerter makro&ouml;konomischer Bedeutung sei, so ist das schlicht abenteuerlich und zeugt von der mangelnden Kompetenz unserer Eliten.<\/p><p>Es muss also andere Gr&uuml;nde f&uuml;r die Krise geben, und es gibt sie auch. Diese Gr&uuml;nde sind allerdings eher banaler Natur: die Unf&auml;higkeit unserer Eliten zu einer umsichtigen, undogmatischen und pragmatischen Wirtschaftspolitik; ihre Unf&auml;higkeit und ihr Unwille, zu erkennen, dass wir unsere &Ouml;konomie im Inneren durch eine v&ouml;llige Missachtung der notwendigen Binnennachfrage haben verdursten lassen, dass wir die &ouml;ffentlichen Investitionen heruntergefahren haben und damit auch unsere Infrastruktur vernachl&auml;ssigen, was noch nicht jetzt unmittelbar, aber auf Dauer gef&auml;hrlich werden kann; dass die Lohn- und damit die Masseneinkommen in den letzten Jahren verk&uuml;mmerten und damit das Geld zum Kauf vieler Produkte fehlte, die das heimische Gewerbe f&uuml;r den heimischen Markt produziert und die &uuml;ber den Einzelhandel verteilt werden sollten. Im Gastgewerbe beispielsweise sind die Ums&auml;tze seit 2002 im Durchschnitt der Jahre um &uuml;ber 4 Prozent eingebrochen.<\/p><p>Wir sind in einen Sog nach unten geraten: Weil die Binnennachfrage fehlte, wuchsen die Arbeitslosigkeit und das Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitnehmer sind hoffnungslos am k&uuml;rzeren Hebel, von echtem Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt kann man nicht mehr sprechen. Die Eliten, die diese Entwicklung angesto&szlig;en und begleitet haben, haben offenbar nicht verstanden oder wollen nicht verstehen, dass L&ouml;hne nicht nur Kostenfaktoren, sondern auch wichtige Elemente von Kaufkraft und damit Bestandteil der Dynamik einer &Ouml;konomie sind.<\/p><p>In keinem anderen Land ist der makro&ouml;konomische Sachverstand so gering wie bei uns. Wir leiden heute unter einer ideologischen Wende, die Anfang der siebziger Jahre begann. Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, einem internationalen W&auml;hrungsabkommen, das auf festen Wechselkursen gegen&uuml;ber dem US-Dollar als Leitw&auml;hrung beruhte, <strong>erlangte die Deutsche Bundesbank die uneingeschr&auml;nkte Herrschaft &uuml;ber die deutsche Geldpolitik. Die Bundesbank benutzte diesen Machtzuwachs, um den Vorrang der Preisstabilit&auml;t &uuml;ber die anderen drei zentralen wirtschaftspolitischen Ziele &ndash; hoher Besch&auml;ftigungsstand, au&szlig;enwirtschaftliches Gleichgewicht und angemessenes Wachstum &ndash; durchzusetzen.<\/strong> Nur so sind die drei schweren Rezessionen von 1975, von 1981\/82 und 1993 zu verstehen. Seit Anfang der siebziger Jahre ist in Deutschland kein Aufschwung an Altersschw&auml;che ausgelaufen, sondern er wurde jedesmal fr&uuml;hzeitig von der Bundesbank abgebrochen. Die seitdem propagierte Regel, dass die Stabilit&auml;t des Preisniveaus unabdingbare Voraussetzung f&uuml;r hohen Besch&auml;ftigungsstand und Wachstum sei, hat sich nicht erf&uuml;llt. Deutschland war in den letzten drei&szlig;ig Jahren zwar immer Stabilit&auml;tsweltmeister, aber bei den realwirtschaft&shy;lichen Zielen Wachstum und Besch&auml;ftigung haben wir es im internationalen Vergleich nur zu h&ouml;chst bescheidenen Ergebnissen gebracht.<\/p><p>Als der damalige &raquo;Superminister&laquo; f&uuml;r Wirtschaft und Finanzen Helmut Schmidt im Oktober 1972 sagte, das deutsche Volk k&ouml;nne 5 Prozent Preissteigerung besser vertragen als 5 Prozent Arbeitslosigkeit, entfachte er einen Sturm der Entr&uuml;stung seitens der neoliberalen wirtschaftspolitischen Institutionen und Vertreter. Die einschl&auml;gige &ouml;konomische Wissenschaft leistete kr&auml;ftig Sch&uuml;tzenhilfe, indem sie behauptete, ein gewisser Teil der Arbeitslosigkeit sei strukturell bedingt und k&ouml;nne durch Nachfra&shy;geexpansion nicht beseitigt werden. Es wurden hochwissenschaftliche Berechnungen ins Feld gef&uuml;hrt, die so ausfielen, dass angeblich nur 1 Prozentpunkt, allenfalls 2 Prozentpunkte der &shy;Arbeitslosenquote durch mangelnde Nachfrage bedingt seien. Der weitaus gr&ouml;&szlig;ere Teil habe eben strukturelle Gr&uuml;nde. Flankierend wurde zum einen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage&shy;l&uuml;cke &ndash; ein wesentlicher Bestandteil der keynesianischen &Uuml;ber&shy;legungen &ndash; kleingerechnet und zum anderen der Glaubenssatz aufgestellt, dass expansive Staatsausgaben allenfalls ein Strohfeuer entfachen k&ouml;nnen, das nur zu mehr Staatsverschuldung f&uuml;hre. Bundesbank, Sachverst&auml;ndigenrat, die Forschungsinstitute &ndash; bis vor kurzem mit Ausnahme des DIW-Berlin &ndash;, die Masse der Wirtschaftsprofessoren, aber auch die OECD schwenkten auf diese Linie ein und immunisierten den Ansatz damit gegen jede Kritik.<\/p><p>Das Ergebnis dieser einseitigen Ausrichtung der Wirtschaftspolitik, die in Deutschland seit &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren konsequent verfolgt wird, sehen wir heute. Die Erkenntnis, dass die reale Bedrohung durch Arbeitslosigkeit wirklich schlimmer sein kann und schlimmere Folgen haben kann als eine leichte Preissteigerung, ist ganz offensichtlich richtig. Nur in den Arbeitszimmern der Zentralbanker, also bei Bundesbankpr&auml;sident Axel Weber und EZB-Chef Jean-Claude Trichet, und bei ihren Chefvolkswirten ist sie noch nicht angekommen.<\/p><p>Die Geldpolitiker der Bundesbank konterkarierten schon Anfang der siebziger Jahre die Fiskalpolitik der Bundesregierung. Die Bundesbank trat brutal auf die Zinsbremse. So erh&ouml;hten sich die kurzfristigen Zinsen von 5,7 Prozent 1972 auf 12,2 Prozent 1973, das ist ein Anstieg um 114 Prozent und damit ein echter Schock. &Auml;hnlich wurde die Vereinbarung des Bonner Weltwirtschaftsgipfels von 1978 geldpolitisch &raquo;begleitet&laquo;: Die kurzfristigen Zinsen wurden von 3,7 Prozent (1978) bis auf 12,2 Prozent (1981) hochgetrieben. Das wirkte enorm d&auml;mpfend auf die Konjunktur. Beim Bonner Weltwirtschaftsgipfel hatten sich die Teilnehmer einschlie&szlig;lich Deutschlands jedoch zu Ma&szlig;nahmen zur Belebung der Wirtschaft verpflichtet. Die Bundesregierung wollte aufgrund dieser Verabredung 1 Prozent des Bruttosozialprodukts zus&auml;tzlich f&uuml;r konjunkturanregende Ma&szlig;nahmen ausgeben.<\/p><p>So waren die siebziger Jahre vom gegenl&auml;ufigen Kr&auml;ftespiel zwischen Wirtschafts- und Finanzpolitik auf der einen Seite und Geldpolitik auf der anderen Seite gepr&auml;gt. War die Wirtschafts- und Finanzpolitik stark, wie es von 1974 bis 1979 der Fall war, dann schaffte sie es, wirtschaftliche Schwierigkeiten zu &uuml;berwinden. Das beste Beispiel sind die beiden &Ouml;lpreisexplosionen vom Oktober 1973 und im Jahr 1979. Nach der ersten &Ouml;lpreisexplo&shy;sion ging das Wachstum 1975 unter die Nullinie: minus 1,3 Prozent. Ein Jahr sp&auml;ter war ein Wachstum von 5,3 Prozent erreicht. Zusammen mit den darauf folgenden drei Jahren kam die deutsche Volkswirtschaft auf ein durchschnittliches reales Wachstum von 3,8 Prozent &ndash; davon w&uuml;rde man heute tr&auml;umen.<\/p><p>Vier Jahre hintereinander 3,8 Prozent &ndash; das ist kein Strohfeuer, wie die sp&auml;teren Propagandisten gegen die Konjunkturprogramme behaupteten. Die Arbeitslosenquote ging von 4,7 auf 3,8 Prozent zur&uuml;ck, bevor diese Politik abgebrochen wurde, und mit den &ouml;ffentlichen Investitionen wurde viel Vern&uuml;nftiges gemacht: Kl&auml;ranlagen gebaut, St&auml;dte saniert, Schulen und Hochschulen gebaut, Fl&uuml;sse saniert.<\/p><p>Aber der Einfluss der monetaristischen und angebots&ouml;kono&shy;mischen Kr&auml;fte, wie man diese wirtschaftspolitische Richtung nannte, wuchs. Dann kam das sogenannte Lambsdorff-Papier im September 1982, das bereits die Grundz&uuml;ge der heutigen Reformpolitik enthielt. Dieses Memorandum des damaligen FDP-Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff markiert das Ende der &shy;sozialliberalen Koalition und pr&auml;gte die Regierung Kohl mit. Es wurde dann zwar nicht in Reinkultur nach neoliberalem Rezept reformiert, aber reihenweise wurden soziale Errungenschaften abgebaut. Es wurde Druck auf die L&ouml;hne und die Arbeitnehmer ausge&uuml;bt. Die Lohnsteigerungen blieben unterhalb der Produk&shy;tivit&auml;tsentwicklung. Es wurde dereguliert und privatisiert. Bei all&shy;dem blieben die L&ouml;hne beachtlich unterhalb der M&ouml;glichkeiten, die im Rahmen der Produktivit&auml;tsentwicklung gelegen h&auml;tten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie es zum Konstruktionsfehler der Wirtschaftspolitik und insbesondere der Geldpolitik in Deutschland und darauf folgend in Europa kam.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,14],"tags":[290,374,745,477,299,1695,300],"class_list":["post-2918","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-binnennachfrage","tag-eliten","tag-erwerbstaetige","tag-keynesianismus","tag-konjunkturprogramme","tag-machtwahn","tag-mueller-albrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2918","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2918"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29280,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2918\/revisions\/29280"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}