{"id":2919,"date":"2008-01-25T09:18:40","date_gmt":"2008-01-25T08:18:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2919"},"modified":"2015-12-02T11:00:25","modified_gmt":"2015-12-02T10:00:25","slug":"gewollter-konstruktionsfehler-der-europaeischen-wirtschaftspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2919","title":{"rendered":"Gewollter Konstruktionsfehler der Europ\u00e4ischen Wirtschaftspolitik"},"content":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/wirtschaft\/aktuell\/?em_cnt=1276684\">Interview der Frankfurter Rundschau mit Bert R&uuml;rup<\/a> wird ein wichtiger und, wie ich finde, absichtlicher Konstruktionsfehler der europ&auml;ischen Wirtschaftspolitik, insbesondere der Geldpolitik, sichtbar: Die europ&auml;ische Zentralbank f&uuml;hlt sich nur f&uuml;r die Wahrung der Preisstabilit&auml;t verantwortlich und eben nicht f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung und Wachstum. Das widerspricht der breiteren Zielsetzung, wie sie im deutschen Stabilit&auml;ts- und Wachstumsgesetz von 1967 festgelegt wurde und noch immer gilt. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nR&uuml;rup deckt diese Schw&auml;che auf, ohne sie als Schw&auml;che zu benennen oder diesen Umstand gar zu kritisieren. Das ist unverst&auml;ndlich, zumal der Nachteil dieser Zielverschiebung f&uuml;r die innere Entwicklung unseres Landes und unserer Volkswirtschaft nun schon mehrmals erlitten wurde.<\/p><p>Schon zu Zeiten der Deutschen Bundesbank f&uuml;hlte sich diese nicht mehr f&uuml;r eine gute Besch&auml;ftigung mitverantwortlich. Das hatte immer wieder Folgen: in Deutschland wird keine ausreichende Politik f&uuml;r mehr Besch&auml;ftigung und Wachstum gemacht. Und wenn das von Seiten der Politik gelegentlich anders versucht wurde, dann steuerte die Bundesbank mit ihrer Geldpolitik &ndash; in der Regel mit massiven Zinserh&ouml;hungen &ndash; gegen diese Versuche, die Arbeitslosigkeit nachhaltig zu bek&auml;mpfen, an. Diese Missachtung der besch&auml;ftigungspolitischen Ziele ist auf die neu gegr&uuml;ndete Europ&auml;ische Zentralbank &uuml;bertragen worden, und zwar unter ma&szlig;geblichem Einfluss der in Deutschland in diesem Milieu einflussreichen Personen in der Zeit der Regierung Kohl. Siehe dazu einen fr&uuml;heren einschl&auml;gigen <a href=\"?p=1157\">Beitrag &uuml;ber die deutschen Chicago Boys<\/a> zur Abkehr von der Verpflichtung auch der Geldpolitik auf alle vier Ziele der Wirtschaftspolitik einen <a href=\"?p=2918\">Auszug aus &bdquo;Machtwahn&ldquo;<\/a>. Die Kerns&auml;tze daraus:<\/p><blockquote><p>Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, einem internationalen W&auml;hrungsabkommen, das auf festen Wechselkursen gegen&uuml;ber dem US-Dollar als Leitw&auml;hrung beruhte, <strong>erlangte die Deutsche Bundesbank die uneingeschr&auml;nkte Herrschaft &uuml;ber die deutsche Geldpolitik. Die Bundesbank benutzte diesen Machtzuwachs, um den Vorrang der Preisstabilit&auml;t &uuml;ber die anderen drei zentralen wirtschaftspolitischen Ziele &ndash; hoher Besch&auml;ftigungsstand, au&szlig;enwirtschaftliches Gleichgewicht und angemessenes Wachstum &ndash; durchzusetzen.<\/strong> Nur so sind die drei schweren Rezessionen von 1975, von 1981\/82 und 1993 zu verstehen. Seit Anfang der siebziger Jahre ist in Deutschland kein Aufschwung an Altersschw&auml;che ausgelaufen, sondern er wurde jedesmal fr&uuml;hzeitig von der Bundesbank abgebrochen. (Erg&auml;nzende Anmerkung: um 1980 mit einer Erh&ouml;hung der kurzfristigen Zinsen von 3,7 auf 12,2%; um 1992 mit einer Erh&ouml;hung des Diskontsatzes von 2,9 auf 8,75%)<br>\nDie seitdem propagierte Regel, dass die Stabilit&auml;t des Preisniveaus unabdingbare Voraussetzung f&uuml;r hohen Besch&auml;ftigungsstand und Wachstum sei, hat sich nicht erf&uuml;llt. Deutschland war in den letzten drei&szlig;ig Jahren zwar immer Stabilit&auml;tsweltmeister, aber bei den realwirtschaft&shy;lichen Zielen Wachstum und Besch&auml;ftigung haben wir es im internationalen Vergleich nur zu h&ouml;chst bescheidenen Ergebnissen gebracht.<\/p><\/blockquote><p>Inzwischen kommen eine weitere schon geschehene (2001 ff) und vermutlich eine neue Rezession hinzu. Und wieder ist die zust&auml;ndige Zentralbank, die EZB, im Unterschied zur FED, dem Zentralbanksystem der USA, nicht bereit, dem &ouml;konomischen Niedergang entgegenzusteuern.<\/p><p>Der Vorsitzende des Sachverst&auml;ndigenrates kommentiert das lapidar:<\/p><blockquote><p>Das Mandat der EZB ist ein anderes. W&auml;hrend die FED sich sowohl um die Inflation als auch um Konjunktur und Besch&auml;ftigung k&uuml;mmern muss, schaut die EZB prim&auml;r auf die Inflation.<\/p><\/blockquote><p>Das kann doch nicht alles sein, wenn erneut die Arbeitspl&auml;tze von Hunderttausenden auf dem Spiel stehen und das bisschen Hoffnung f&uuml;r die dreieinhalb Millionen erfassten und mindestens 2 Millionen zus&auml;tzlichen Arbeitslosen wieder zerst&ouml;rt wird.<\/p><p>Das kann auch nicht alles sein angesichts eines inzwischen als dr&uuml;ckend empfundenen Verlustes an Wertsch&ouml;pfung und an Steigerung der Produktivit&auml;t und der Einkommen. Die Folgen dieses wiederkehrenden Abw&uuml;rgens der wirtschaftlichen Entwicklung sind nicht zu &uuml;bersehen:<\/p><ul>\n<li>Der Wachstumsverlust betrug schon bezogen auf das Jahr 2005 rund 700 Milliarden &euro; im Jahr. Wir h&auml;tten im Jahr 2005, wenn wir ab 1993 statt der erreichten durchschnittlichen 1,2% ein Wachstum von durchschnittlichen 2,5% (was nicht &uuml;bertrieben ist) erzielt h&auml;tten, zus&auml;tzlich G&uuml;ter und Dienstleistungen im Wert von rund 700 Milliarden &euro; erarbeiten k&ouml;nnen. Und dies Jahr f&uuml;r Jahr mehr und mit steigender Tendenz. Unseren Zentralbanken verdanken wir eine Menge Verlust an Wohlstand.<\/li>\n<li>Dies ist die eigentliche Ursache f&uuml;r die Stagnation der Masseneinkommen, der L&ouml;hne.<\/li>\n<li>Und dies wiederum ist &ndash; neben der systematischen Minderung der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente durch die Politik &ndash; eine wesentliche Ursache daf&uuml;r, dass die Renten stagnieren und &ndash; wenn wir die Politik nicht &auml;ndern &ndash; Altersarmut tats&auml;chlich eine um sich greifende Erscheinung wird. Das ist rundum unn&ouml;tig. Man sollte endlich mal dar&uuml;ber sprechen, dass f&uuml;r diese Entwicklung die fr&uuml;here Bundesbank und jetzige EZB ma&szlig;geblich verantwortlich sind. Und weiter sein werden.<\/li>\n<li>Die hohe Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit junger Menschen, die grassierende soziale Unsicherheit, usw.<\/li>\n<\/ul><p>Hinter der Kaltbl&uuml;tigkeit &ndash; die in der Vernachl&auml;ssigung der besch&auml;ftigungspolitischen Verantwortung zum Ausdruck kommt &ndash; steckt das Ziel, Massenarbeitslosigkeit als Druckmittel und Instrument f&uuml;r eine immer sch&auml;rfer werdende einseitige Einkommensverteilung einzusetzen. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber sie wird, obwohl so pr&auml;sent, dennoch gelegentlich &uuml;bersehen. <\/p><p>Die arbeitenden Menschen haben zu wenig Alternativen. Deshalb sind sie Pressionen ausgesetzt, deshalb sind sie Verlagerungsdrohungen oder vollendeten Tatsachen wie bei Nokia ausgesetzt. Von den entscheidenden Kreisen in der Europ&auml;ischen Zentralbank und im gesamten neoliberalen Zirkus wird Arbeitslosigkeit als n&uuml;tzliche Erscheinung zum Dr&uuml;cken der L&ouml;hne und vermeintliche Hilfe zur Preisstabilisierung betrachtet.<\/p><p>Dies ist eine schlimme Fehlkonstruktion Europas, genauer der Europ&auml;ischen Zentralbank. Wir Deutschen, pr&auml;ziser die bei der Verhandlung der Maastricht Vertr&auml;ge verantwortlichen Personen, tragen die Hauptverantwortung f&uuml;r diese Fehlentwicklung.<\/p><p>Die hohe Massenarbeitslosigkeit, kombiniert mit der sturen restriktiven Geldpolitik, wird dann auch noch eingesetzt, um der sozialen Sicherung ans Leder zu gehen. In SpiegelOnline vom 24.1. fand ich dazu einen passenden Artikel: den Bericht &uuml;ber ein Gespr&auml;ch mit Professor Norbert Walter, dem langj&auml;hrigen Chef&ouml;konomen der Deutschen Bank. Die Kernaussage: keine Senkung der Zinsen, aber Senkung der Sozialabgaben, was gleichbedeutend ist mit der Senkung der sozialen Sicherheit. Siehe Anlage 2.<\/p><p><strong>Wir haben es also mit einer Art Doppelstrategie zutun: die restriktive Geldpolitik und die daraus folgende hohe Arbeitslosigkeit wird benutzt zur weiteren rasanten Ver&auml;nderung der Einkommensverteilung und zum Abbau der Sozialstaatlichkeit. Das ist das herrschende Europa. Nicht gerade Vertrauen erweckend.<\/strong><\/p><p><strong>Anlage 1: Einschl&auml;gige Passagen von R&uuml;rup<\/strong><\/p><p><strong>Wirtschaftsweiser R&uuml;rup zu Konjunktursorgen &hellip; <\/strong><br>\nim Gespr&auml;ch mit der FR\/24.1.2008:<br>\nSind die Prognosen des Jahreswirtschaftsberichtes nicht l&auml;ngst Makulatur? :<br>\n&ldquo;Auf keinen Fall f&uuml;r das laufende Jahr. Deutschland ist ein konjunktureller  Nachz&uuml;gler&hellip;hier wird sich eine Abschw&auml;chung erst mit Verz&ouml;gerung bemerkbar  machen.&rdquo;<br>\nM&uuml;sste die EZB nicht der Zinssenkung der US-Notenbank folgen ? :<br>\n&ldquo;Das Mandat der EZB ist ein anderes. W&auml;hrend die FED sich sowohl um die Inflation als auch um Konjunktur und Besch&auml;ftigung k&uuml;mmern muss, schaut die EZB prim&auml;r auf die Inflation.&rdquo; (sic !)<\/p><p><strong>Anlage 2: SpiegelOnline &uuml;ber einen Appell des Chef&ouml;konomen der Deutschen Bank Norbert Walter:<\/strong><\/p><p><strong>Appell an die Bundesregierung: Deutsche-Bank-Chefvolkswirt fordert Senkung der Sozialabgaben<\/strong><\/p><p>Weniger Sozialabgaben, mehr Geld f&uuml;r die B&uuml;rger: Aus Sorge um die schw&auml;chelnde Konjunktur hat sich jetzt auch der Chef-&Ouml;konom der Deutschen Bank eingeschaltet &ndash; und fordert ein schnelles Handeln der Bundesregierung.<\/p><p>Den vollst&auml;ndigen Artikel erreichen Sie im Internet unter <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,530626,00.html\">www.spiegel.de<\/a><\/p><p><strong>Anlage 3:<\/strong><br>\nB&ouml;ckler Impuls 01\/2008<br>\n<strong>Zinssenkung gegen den Abschwung<\/strong><br>\nHoher &Ouml;lpreis, schw&auml;chere Weltkonjunktur, Finanzmarktkrise und Dollarkurs &ndash; 2008 bringt gro&szlig;e Risiken f&uuml;r die Wirtschaftsentwicklung. Die Impulse der deutschen Finanzpolitik verpuffen, die Europ&auml;ische Zentralbank ist gefordert.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-449EEC79\/hbs\/hs.xsl\/32014_90035.html?cis_mode=print\">Hans B&ouml;ckler Stiftung<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/wirtschaft\/aktuell\/?em_cnt=1276684\">Interview der Frankfurter Rundschau mit Bert R&uuml;rup<\/a> wird ein wichtiger und, wie ich finde, absichtlicher Konstruktionsfehler der europ&auml;ischen Wirtschaftspolitik, insbesondere der Geldpolitik, sichtbar: Die europ&auml;ische Zentralbank f&uuml;hlt sich nur f&uuml;r die Wahrung der Preisstabilit&auml;t verantwortlich und eben nicht f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung und Wachstum. Das widerspricht der breiteren Zielsetzung, wie sie im deutschen Stabilit&auml;ts-<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2919\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,30],"tags":[635,507,365,319,345,510],"class_list":["post-2919","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzpolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-altersarmut","tag-ezb","tag-inflation","tag-lohnentwicklung","tag-ruerup-bert","tag-vollbeschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2919"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29281,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2919\/revisions\/29281"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}