{"id":29219,"date":"2015-11-30T09:35:21","date_gmt":"2015-11-30T08:35:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29219"},"modified":"2024-08-22T16:28:04","modified_gmt":"2024-08-22T14:28:04","slug":"wie-die-industrialisierte-landwirtschaft-die-umwelt-zerstoert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29219","title":{"rendered":"Wie die industrialisierte Landwirtschaft die Umwelt zerst\u00f6rt"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151130_hillbeck.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Die Erzeugung von Lebensmitteln ist zunehmend industrialisiert und wirkt sich in immer gr&ouml;&szlig;erem Ausma&szlig;e negativ auf die Umwelt aus, f&uuml;r deren &bdquo;Spielregeln&ldquo; sich der Markt  schlicht nicht interessiert. Wissenschaftler sprechen inzwischen bereits von einem zweiten &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_stumme_Fr%C3%BChling\">Stummen Fr&uuml;hling<\/a>&ldquo;, wie er zuletzt in den 1950er und 1960er Jahren durch das Insektengift <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dichlordiphenyltrichlorethan\">DDT<\/a> ausgel&ouml;st wurde: &Uuml;ber die Nahrungskette gelangen giftige Pflanzenschutzmittel best&auml;ndig auch in Lebewesen, die am Ende der Nahrungskette stehen, und gef&auml;hrden diese immens. Die Kritik der Wissenschaftler ist dabei zwar erstklassig belegt &ndash; sie wird von der Industrie jedoch nicht etwa aufgegriffen, sondern massiv bek&auml;mpft. &Uuml;ber die Macht der Agrochemie-Riesen in der Forschung und &uuml;ber die Folgen unserer aktuellen Art, Landwirtschaft zu betreiben, sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Angelika Hilbeck<\/strong>, Dozentin am Departement Umweltsystemwissenschaften der Eidgen&ouml;ssisch Technischen Hochschule Z&uuml;rich.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8690\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-29219-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151201_Industrialisierte_Landwirtschaft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151201_Industrialisierte_Landwirtschaft_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151201_Industrialisierte_Landwirtschaft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151201_Industrialisierte_Landwirtschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=29219-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151201_Industrialisierte_Landwirtschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151201_Industrialisierte_Landwirtschaft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau Hilbeck, das <a href=\"http:\/\/www.ensser.org\/\">European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility<\/a>, kurz ENSSER, dessen Vorsitzende Sie sind, ist Mitveranstalter eines &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.ensser.org\/increasing-public-information\/post-neonikotinoid-symposium\/\">Post-Neonikotinoid-Symposiums<\/a>&rdquo; am 1. Dezember in Berlin. Wieso interessieren sich Wissenschaftler, die sich um soziale und &ouml;kologische Verantwortung bem&uuml;hen f&uuml;r &hellip; Nikotin?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Neo-Nikotin. Das sind synthetische Abk&ouml;mmlinge vom Nikotin und sehr potente Nervengifte, die auch als Pestizide verwandt werden. Und wir interessieren uns daf&uuml;r, weil wir als Wissenschaftler, die sich unabh&auml;ngig und kritisch mit Umwelttechnologien auseinandersetzen und diese aus verschiedenen Perspektiven erforschen, mit den geltenden Richtlinien zur Absch&auml;tzung der Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen von solchen und anderen Produkten, wie zum Beispiel der Gentechnik, oftmals unzufrieden sind. <\/p><p>Insbesondere unzufrieden, dass notorisch Wirtschafts- und Industrieinteressen vor jenen der menschlichen Gesundheit und Umwelt rangieren. Wir haben zwar wunderbare Gesetze und Prinzipien &ndash; wie etwa das Vorsorgeprinzip &ndash;, diese werden aber aus allen Richtungen unterwandert, umgedeutet und ausgeh&ouml;hlt, bis sie am Ende das Papier nicht mehr wert sind, auf dem sie geschrieben stehen. Und schlimmer noch, Wissenschaftler, die diese Dinge sagen und f&uuml;r die Industrie unangenehme Forschungsfragen stellen, ja, diese unbequemen Ergebnisse sogar noch zu publizieren wagen, werden massiv angegriffen und zum Teil auf &uuml;belste Art und Weise diskreditiert. Sie werden mit systematischen Rufmordkampagnen eingedeckt, um sie mundtot zu machen oder gleich ganz aus ihren Jobs zu entfernen. Das ist v&ouml;llig inakzeptabel! <\/p><p>Die offiziellen staatlichen Stellen halten sich dabei bestenfalls raus oder liegen ansonsten auf einer Linie mit den Industrieinteressen und &uuml;bernehmen deren Positionen &ndash; manchmal sogar 1:1. <\/p><p>Wir haben daher begriffen, dass wir uns am besten selbst organisieren, um den unabh&auml;ngigen kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und dem <em>Dissens<\/em> eine Stimme zu geben. Wir wollen uns gemeinsam und solidarisch gegen derlei &uuml;ble Kampagnen zur Wehr setzen. Diskreditierung von und Angriffe auf unbequeme Wissenschaft sind einfach mittelalterliche Methoden, die im 21. Jahrhundert keinen Erfolg mehr haben. <\/p><p>In diesem Sinne gibt es auf europ&auml;ischer Ebene <em>ENSSER<\/em> und auf nationaler Ebene verschiedene andere Organisationen wie etwa die <em>Vereinigung Deutscher Wissenschaftler<\/em> in Deutschland, <em>CRIIGEN<\/em> in Frankreich und beispielsweise die <em>Critical Scientists Switzerland<\/em> in der Schweiz. <\/p><p><strong>Von Neonikotinoid habe ich ehrlich gesagt aber noch nie etwas geh&ouml;rt. Um was f&uuml;r ein Nervengift handelt es sich denn genau? Und wieso ist dasselbe kritischen Wissenschaftlern wichtig genug, um eine Tagung allein hierzu zu organisieren?<\/strong><\/p><p>Haben Sie schon einmal vom Bienensterben geh&ouml;rt? Nun, Neonikotinoide stehen ganz oben auf der Liste der m&ouml;glichen Verursacher, entweder alleine oder in Kombination mit weiteren Faktoren, wie zum Beispiel den weitverbreiteten Milben und Parasiten von Bienen. <\/p><p>Nikotin wirkt in geringen Dosen auf den Menschen stimulierend, auf Insekten jedoch bereits t&ouml;dlich. Darum wurden fr&uuml;her Nikotinpr&auml;parate im Pflanzenschutz beispielsweise gegen Blattl&auml;use eingesetzt. Neonikotinoide sind industriell erzeugte Nikotinabk&ouml;mmlinge und werden als systemische Pestizide eingesetzt. Das geschieht, indem man zum Beispiel das Saatgut mit diesen Mitteln behandelt oder es direkt auf die Pflanzen spritzt. Wenn diese behandelten Samen dann keimen, nehmen sie diese Substanzen mit auf und verlagern sie w&auml;hrend des Wachstums in praktisch alle Pflanzenteile. Dort bleiben diese Gifte monatelang aktiv &ndash; was sie ja auch sollen: sie sollen die Insekten, die an den Pflanzen fressen, &uuml;ber die gesamten Vegetationsperiode hinweg t&ouml;ten. Erschreckend ist dabei vor allem, dass das Gift sogar in Pollen und Nektar auffindbar ist. Wir haben hier also ein hoch-persistentes Pestizid, das in kleinsten Mengen bereits giftig ist; vor allem f&uuml;r eine Reihe von Insekten wie beispielsweise den Bienen. Einige wenige mit Neonikotinoid gebeizte K&ouml;rner k&ouml;nnen aber auch bereits f&uuml;r Kleins&auml;uger und V&ouml;gel t&ouml;dlich sein. Darum stehen Neonikotinoide ganz oben auf der Liste der Verursacher sowohl des Bienensterbens als auch des massiven R&uuml;ckgangs an V&ouml;geln, der aktuell zu beobachten ist, denn diese ern&auml;hren sich ja von den vergifteten Insekten und K&ouml;rnern. <\/p><p>In Summe: Trotz aller vollmundigen Bekenntnisse von Politik und Wissenschaft, die Biodiversit&auml;t zu sch&uuml;tzen und etwas gegen das Artensterben zu tun, erleben wir gerade faktisch einen zweiten &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_stumme_Fr%C3%BChling\">Stummen Fr&uuml;hling<\/a>&ldquo;, wie er in den 1950er und 1960er Jahren zuletzt durch das Insektengift <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dichlordiphenyltrichlorethan\">DDT<\/a> ausgel&ouml;st wurde: &Uuml;ber die Nahrungskette gelangen giftige Pflanzenschutzmittel aus Wasser, Boden und Pflanzen in Lebewesen, welche am Ende der Nahrungskette stehen, zum Beispiel eben V&ouml;gel. Die Giftstoffe werden entlang der Nahrungskette weitertransportiert und reichern sich in den betroffenen Lebewesen immer weiter an&ndash; bis hin zum Sterben von Tieren, die ganz oben in der Nahrungskette stehen und vielleicht selbst gar nicht im landwirtschaftlichen &Ouml;kosystem vorkommen; oder eben auch bis hin zu schweren Erkrankungen bei Menschen.<\/p><p><strong>Und hiergegen wird seitens der Politik <em>nichts<\/em> getan, sodass die Industrie schaltet und waltet ganz wie es sie beliebt?<\/strong><\/p><p>Nicht ganz. Die EU-Kommission hat inzwischen ein partielles Verbot f&uuml;r 3 Neonikotinoide verh&auml;ngt. F&uuml;r Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Sie will diese Einschr&auml;nkungen aber dieser Tage nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft neu beurteilen. Das Verbot kann nun also verl&auml;ngert werden, <em>muss<\/em> es aber nicht. Darum spitzt sich die Diskussion jetzt auch zu und werden wir aktiv.<\/p><p><strong>Und wenn nun aber das Verbot f&auml;llt oder mit anderen als diesen drei Neonikotinoiden galant umgangen wird: Was w&auml;ren die absehbaren Folgen f&uuml;r Mensch und Natur?<\/strong><\/p><p>Das hat die <em>Task Force on Systemic Pesticides<\/em> der <em><a href=\"http:\/\/www.iucn.org\/\">International Union for Conservation of Nature<\/a><\/em> &uuml;ber Jahre detailliert zusammengetragen und ausgewertet. Ihr <a href=\"http:\/\/www.tfsp.info\/assets\/WIA_2015.pdf\">Bericht<\/a>, der letztes Jahr ver&ouml;ffentlicht wurde, ist h&ouml;chst alarmierend und in seiner Deutlichkeit von gro&szlig;er Seltenheit. Wir erleben, stellen die Forscher fest, zurzeit einen bedrohlichen R&uuml;ckgang an Artenvielfalt, der mit gr&ouml;&szlig;ter Wahrscheinlichkeit zu einem betr&auml;chtlichen Anteil auf den globalen Einsatz von Neonikotinoide seit Anfang der 1990er-Jahre zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. <\/p><p>Die Industrie tut selbstverst&auml;ndlich aber alles, was sie mit ihrer gro&szlig;en und demokratisch v&ouml;llig unlegitimierten Macht tun kann, um die vorhandene und glasklare Datenlage zu verwirren, verw&auml;ssern oder f&uuml;r Nicht-Wissenschaftler bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen, um hierdurch zu verhindern, dass der Einsatz der Neonikotinoide zuk&uuml;nftig wom&ouml;glich vollst&auml;ndig verboten wird und ihr damit nach zum Beispiel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Glyphosat\">Glyphosat<\/a> ein weiterer Kassenschlager verloren geht. Hier geht es ausschlie&szlig;lich ums Geld.<\/p><p>Gemeinsam mit der genannten Task Force haben wir daher die Konferenz am 1. Dezember organisiert, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse noch einmal mit allem Nachdruck in die politische Debatte zu tragen. Diese Pestizide m&uuml;ssen verboten werden!<\/p><p>Im genannten Bericht hei&szlig;t es, ich zitiere: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es hat sich eine aussagekr&auml;ftige Evidenzlage angeh&auml;uft, die eindeutig belegt, dass der gro&szlig;fl&auml;chige Einsatz dieser persistenten, wasserl&ouml;slichen Chemikalien weitreichende, chronische Auswirkungen auf die globale Biodiversit&auml;t und wahrscheinlich gro&szlig;e negative Effekte auf &Ouml;kosystemdienstleistungen wie die Bl&uuml;tenbest&auml;ubung hat. Diese sind jedoch lebenswichtig f&uuml;r die Ern&auml;hrungssicherheit und nachhaltige Entwicklung. Es besteht daher die dringende Notwendigkeit, den Einsatz dieser Chemikalien zu reduzieren und die Lebensmittelproduktion und Sch&auml;dlingsbek&auml;mpfungsmittel auf nachhaltige Methoden umzustellen, welche die globale Biodiversit&auml;t nicht weiter reduzieren und die &Ouml;kosystemleistungen, von denen wir alle abh&auml;ngig sind, unterminieren. (&hellip;) Die systemischen Insektizide, Neonikotinoide und Fipronil repr&auml;sentieren ein neues Kapitel offensichtlicher Verfehlungen der &Uuml;berpr&uuml;fungs- und Genehmigungsprozesse. Sie ber&uuml;cksichtigen die Gefahren, die ein gro&szlig;fl&auml;chiger Einsatz von hochwirksamen Insektiziden auf das Funktionieren und die Leistungen von &Ouml;kosystemen haben, nicht vollst&auml;ndig. Unsere Unf&auml;higkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, ist bemerkenswert.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Und der Fortbestand dieser drei Verbote w&uuml;rde das Problem l&ouml;sen?<\/strong><\/p><p>Der Fortbestand w&uuml;rde sicher nicht <em>alle<\/em> Probleme l&ouml;sen, die wir mit der industrialisierten Landwirtschaft haben. Die sind nat&uuml;rlich viel weitreichender &ndash; aber Pestizide sind definitiv ein signifikanter Bestandteil dieses Problems. Wenn Neonikotinoide und Herbizide verschwinden w&uuml;rden w&auml;re schon mal ein gro&szlig;er Anteil des t&auml;glichen Giftcocktails, mit dem wir konfrontiert sind, weg &ndash; allerdings nur dann, wenn er nicht gleich wieder mit neuen Giften ersetzt w&uuml;rde. <\/p><p>Und hier wird es dann kompliziert, denn diese durch Subventionen gef&ouml;rderte, industrialisierte Landwirtschaft ist <em>ohne<\/em> Giftcocktail gar nicht denkbar, nicht m&ouml;glich. Man m&uuml;sste also eine andere, eine nachhaltige Landwirtschaft betreiben, die mit den Spielregeln der Natur funktioniert und sich dieser anpasst anstatt sie zu bek&auml;mpfen und ihre Spielregeln best&auml;ndig zu brechen. <\/p><p><strong>Und all das war bzw. ist legal? Die Umwelt derart zu zerst&ouml;ren? Wie kann das m&ouml;glich sein?<\/strong><\/p><p>Ja, all das ist legal. Diese Mittel kamen ganz legal auf den Markt weil die Richtlinien zur &Uuml;berpr&uuml;fung ihrer Sicherheit nicht ausreichen, um das postulierte Ziel zu erreichen: den Schutz der Menschen und der Umwelt vor sch&auml;dlichen Auswirkungen. <\/p><p>Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind vielf&auml;ltig. Zum einen sind die entwickelten Testverfahren maximal reduktionistisch, das hei&szlig;t, es werden von synthetischen Pestizid-Formulierungen nur die vom Hersteller angegebenen &bdquo;aktiven Wirkstoffe&ldquo; &uuml;berhaupt &uuml;berpr&uuml;ft. Was die Hersteller dabei als sogenannte <em>Beistoffe<\/em> deklarieren, wird nicht oder nur in viel geringerem Umfang gepr&uuml;ft. Viele davon sind jedoch ebenfalls toxisch.<\/p><p>Zweitens sind die Testverfahren so aufgebaut, dass man erst einmal nur <em>akute<\/em> Toxizit&auml;ten der angegebenen Wirkstoffe als Einzelsubstanz in k&uuml;nstlichen Laborbedingungen &uuml;berpr&uuml;ft und die gefundenen Werte dann die Basis daf&uuml;r abgeben, in welche Gefahrenklassen die Wirkstoffe einzuordnen sind. Das hei&szlig;t, die Substanzen, die toxisch sind, werden nicht etwa <em>nicht<\/em> zugelassen &ndash; denn alle Pestizide sind ja toxisch, sonst w&auml;ren es keine &ndash;, sondern schlicht in Giftklassen eingeordnet und diese dann mit bestimmten Regeln des Umgangs versehen. Nur die allerschlimmsten k&ouml;nnen dann &ndash; nach Eintritt des Schadens und dessen Beweis &ndash; mit einem Verbot belegt werden. Kombinationswirkungen werden dabei gar nicht erst untersucht, obwohl die Pestizide sp&auml;ter ja <em>mit<\/em> allen Beistoffen aufs Feld kommen. <\/p><p>Und drittens sind es die Hersteller selber, die die sch&auml;dlichen Auswirkungen ihrer Produkte einsch&auml;tzen &bdquo;m&uuml;ssen&ldquo;; die EU &uuml;berpr&uuml;ft lediglich die Plausibilit&auml;t der von diesen vorgelegten Ergebnissen und entscheidet dann auf dieser Basis &uuml;ber die Zulassung. Dass die Hersteller aufgrund ihrer finanzstarken Interessen eine sehr eigenwillige Art und Weise haben, ihre eigenen Daten zu interpretieren und darzulegen, wurde just dieser Tage wieder einmal deutlich, als dem Agrochemie-Riesen Monsanto entsprechende einseitige Deutungen zum Kassenschlager Glyphosat <a href=\"http:\/\/www.umweltinstitut.org\/aktuelle-meldungen\/meldungen\/monsanto-verfaelscht-eigene-studien-zu-glyphosat.html\">nachgewiesen<\/a> werden konnten. Die Diskussion dazu ist noch in vollem Gang.<\/p><p><strong>Unser Essen ist also nicht nur mit Pestiziden wie Glyphosat <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26726\">belastet<\/a>, sondern inzwischen auch mit derlei Neonikotinoiden kontaminiert? Und die Politik erm&ouml;glicht respektive unterst&uuml;tzt derlei auch noch? Mit welchen Argumenten tut Sie das denn und wer bringt sie dazu?<\/strong><\/p><p>Da m&uuml;ssen Sie die Politik selbst fragen. Aber ich vermute, man wird Ihnen antworten, dass man sich an Recht und Ordnung halte und alle Grenzwerte einhalte oder nur minimal und in Ausnahmef&auml;llen &uuml;berschreite. Nur ist es ja so, dass in unseren Gesetzen viele industriefreundliche Regularien enthalten sind und dass diese Grenzwertfindungen ebenfalls eher auf politischer als auf wissenschaftlicher Basis stattfinden. Die Industrie schreibt an den Gesetzen tats&auml;chlich sogar oft mit. Dazu kommt dann, dass jedes Gesetz auch Interpretationsspielr&auml;ume offenl&auml;sst. Und diese werden dann praktisch <em>immer<\/em> im Sinne der Industrie ausgelegt und praktisch <em>nie<\/em> im Sinne von Vorsorge und der Gesundheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &ndash; wobei Ausnahmen diese Regel best&auml;tigen und nicht widerlegen. <\/p><p>Das tut die Politik und die staatlichen Beh&ouml;rden wohl auch, weil sie die geballte Macht der Industrie f&uuml;rchtet, die sich ja eine Zulassung auch einklagen kann: Die Entscheide der Beh&ouml;rden sind anfechtbar und in der Regel ist die Datenlage &uuml;ber Risiken sehr d&uuml;nn. Das liegt daran, dass niemand wirklich richtig in die entsprechende Forschung investiert und die Industrie selbst nat&uuml;rlich kein Interesse an Risikoforschung hat, die ihre Produkte schlie&szlig;lich gef&auml;hrden w&uuml;rde. In dieser Situation ist es f&uuml;r den Staat schwierig, Prozesse gegen die Industrie &uuml;berhaupt zu gewinnen. Und zwar insbesondere in Bezug auf Pestizide, die ja von Natur aus toxisch sind. <\/p><p>Das alles w&uuml;rde mit Abkommen wie TTIP &uuml;brigens noch viel krasser werden. Wenn die angedachten Investorenschutzklauseln von Handelsabkommen wie TTIP in Kraft sind, kann die Industrie Staaten sogar auf mutma&szlig;lich entgangene Gewinne verklagen.<br>\nWie gesagt: Wir haben es hier mit krassen Asymmetrien zu tun &ndash; minimale Investition in Risikoforschung, schon gar nicht in unabh&auml;ngige, auf der einen Seite; und maximale Investition in die ergebnis-gesteuerte Sicherheitsdokumentation, denn Forschung mag ich das nicht nennen, die die Industrie hinsichtlich ihrer Produkte anstellt, auf der anderen Seite. Das ganze System ist so aufgestellt und arrangiert, dass die &Ouml;ffentlichkeit eigentlich <em>immer<\/em> auf der schw&auml;cheren und also Verliererseite steht und stehen muss. Theoretisch m&uuml;sste sie sich ihre Rechte einklagen &ndash; aber wer sollte das schon konkret tun und hat dazu auch die notwendigen Ressourcen?<\/p><p><strong>Bei den Neonikotinoiden haben wir es jetzt allerdings mit einer klaren Beweislage zu tun. Der Schaden ist ja bereits da &ndash; von Vorsorge und auf dieser fu&szlig;enden Verboten kann also keine Rede mehr sein. Es geht um reale Schadensbegrenzung. Und der Schaden scheint massiv zu sein.<\/strong><\/p><p>So ist es. Leider sind wir diesmal deutlich besser als &uuml;blich aufgestellt und haben bessere Argumente als vorsorgliche Risikoabsch&auml;tzungen &ndash; es liegen nun schon Daten zu Sch&auml;den vor &ndash; dem Bienensterben zum Beispiel.<\/p><p><strong>Was t&auml;te Ihrer Einsch&auml;tzung nach aktuell denn not? Bez&uuml;glich der Neonikotinoide, der strukturell unterlegenen &Ouml;ffentlichkeit und unserer aktuellen Form von &bdquo;Landwirtschaft&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Wir brauchen schlicht eine Agrarwende. Damit bek&auml;mpft man n&auml;mlich zugleich mehrere globale Probleme auf einmal &ndash; denn die industrialisierte Landwirtschaft ist nicht nur ein Treiber hinter dem galoppierenden Biodiversit&auml;tsverlust, sondern auch hinter dem sich zunehmend ersch&ouml;pfenden Ressourcenabbau von Wasser, Boden, fossilen Energietr&auml;gern, Phosphaten etc. &ndash; und somit auch ein ganz wichtiger Treiber hinter dem Klimawandel. Das hie&szlig;e: Weg von synthetischen Pestiziden und D&uuml;ngern, die nat&uuml;rliche Prozesse und Systeme zerst&ouml;ren. Das w&uuml;rde einen grossen Beitrag zur L&ouml;sunge aller dieser Probleme mit einem Mal liefern &ndash; und von der Gesundheit der Menschen sprachen wir ja noch nicht einmal! <\/p><p>Dass das auch <em>geht<\/em>, beweisen der immer erfolgreichere Bioanbau und andere gift-freie Anbauformen sowie viele Studien, zumal der industrielle Anbau vor allem Tiere und Energieerzeugung &bdquo;ern&auml;hrt&ldquo; und, zugespitzt formuliert, M&uuml;llberge bedient, denn weit mehr als ein Drittel dessen, was schlie&szlig;lich den Weg in die Nahrungsmittelverwendung findet, wird sowieso <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Food_waste\">weggeworfen<\/a>.Es g&auml;be also fast nur Gewinner bei einer Agrarwende &ndash; lediglich die Agrochemieindustrie, die m&uuml;sste sich was Neues &uuml;berlegen oder halt verschwinden. Aber so ist das halt in dem kapitalistischen System, dem man dort huldigt.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Dr. Angelika Hilbeck<\/strong> ist Agrar&ouml;kologin am Institut f&uuml;r Integrative Biologie der Eidgen&ouml;ssischen Technischen Hochschule Z&uuml;rich, Schweiz. Sie ist Vorsitzende des European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENSSER).<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Internetseite: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.tfsp.info\/\">Task Force on Systemic Pesticides<\/a>&rdquo; der International Union for Conservation of Nature<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26726\">NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;Unser t&auml;glich Gift&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/magazin\/die-technologie-wurde-viel-zu-schnell-von-der-industrie-angewendet\/1178954\">Interview mit Angelika Hilbeck: &bdquo;Die Technologie wurde viel zu schnell von der Industrie angewendet&rdquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/-5a49\">Interview mit Angelika Hilbeck: &bdquo;Lebewesen sind nun mal keine Maschinen&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.tageswoche.ch\/de\/2012_44\/leben\/476326\/\">Interview mit Angelika Hilbeck: &bdquo;Hier geht es um viel Geld&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/-1ace\">Artikel: &bdquo;Wie die Industrie die Forschung kontrolliert&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.brigitte.de\/figur\/ernaehrung\/glyphosat-1257746\/\">Artikel: &bdquo;Glyphosat in Lebensmitteln &ndash; wie gef&auml;hrlich ist das?&ldquo;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/43\/43766\/1.html\">Artikel: &bdquo;Macht Agro-Chemie autistisch?&ldquo;<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von Jens Wernicke finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\"><strong>eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/strong><\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/2ba33b3ac48b4a97a2492666a6e37ebc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151130_hillbeck.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Die Erzeugung von Lebensmitteln ist zunehmend industrialisiert und wirkt sich in immer gr&ouml;&szlig;erem Ausma&szlig;e negativ auf die Umwelt aus, f&uuml;r deren &bdquo;Spielregeln&ldquo; sich der Markt schlicht nicht interessiert. Wissenschaftler sprechen inzwischen bereits von einem zweiten &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_stumme_Fr%C3%BChling\">Stummen Fr&uuml;hling<\/a>&ldquo;, wie er zuletzt in den 1950er<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29219\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,35,209,129,179,150],"tags":[1692,895,849,1693],"class_list":["post-29219","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-interviews","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-schadstoffe","category-verbraucherschutz","tag-agrarwirtschaft","tag-freihandel","tag-nahrungsmittel","tag-pestizide"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29219"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120063,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29219\/revisions\/120063"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}