{"id":29259,"date":"2015-12-01T17:03:01","date_gmt":"2015-12-01T16:03:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29259"},"modified":"2015-12-02T08:37:18","modified_gmt":"2015-12-02T07:37:18","slug":"seipels-buch-ueber-putin-ein-kompaktes-angebot-zur-information","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29259","title":{"rendered":"Seipels Buch \u00fcber Putin. Ein kompaktes Angebot zur Information."},"content":{"rendered":"<p>Unser Bild von Putin ist vermutlich mehrheitlich gepr&auml;gt von Darstellungen wie dieser:<\/p><div style=\"text-align: center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151201-putin_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><div style=\"text-align: center\">\n<p>(Weitere Abbildungen am Ende des Textes)<\/p>\n<\/div><p>Wenn Sie weiter in Ruhe und eingebettet in das &uuml;bliche Putin-Bild leben wollen, dann sollten Sie das Buch von Hubert Seipel nicht lesen. Wenn Sie die St&ouml;rung aushalten, dann ja und dann lernen Sie viel. Hubert Seipel, Journalist, Gespr&auml;chspartner und Kenner Putins wie kaum ein anderer, zeichnet das andere Bild. Dass sich m&ouml;glichst viele hier im Westen eine differenzierte Meinung bilden, ist politisch von Bedeutung. Denn das jetzt erkennbare Ziel einiger potenter Strategen im Westen, die auch im Falle Putins und Russlands auf Regime Change setzen, ist zumindest in zweifacher Hinsicht gef&auml;hrlich. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nErstens: Putin und seine Leute in der Russischen F&ouml;deration haben erkannt, dass mit dem Ziel des Regime Changes gespielt wird; dass sie sich dagegen wehren werden, ist verst&auml;ndlich, und deshalb wird der Versuch zu einem gro&szlig;en, f&uuml;r viele t&ouml;dlichen Konflikt f&uuml;hren. <\/p><p>Zweitens: Dass in Moskau ein besserer, d.h. ein friedfertigerer und f&uuml;r die innere Entwicklung Russlands g&uuml;nstigerer Politiker nachfolgt, ist nach menschlichem Ermessen und nach ein bisschen besserer Kenntnis der Person und Politik Putins, wie Hubert Seipel sie schildert, nur sehr schwer vorstellbar.<\/p><p><strong>Bibliografische Angaben<\/strong><\/p><p>Hubert Seipel, Putin. Innenansichten der Macht. Hamburg 2015. 365 Seiten, einschlie&szlig;lich einer Zeittafel und ausf&uuml;hrlichen Fu&szlig;noten. 22 &euro;<\/p><p><strong>Zum Autor<\/strong><\/p><p>Hubert Seipel, Jahrgang 1950 hat f&uuml;r den Stern, den Spiegel und f&uuml;r die ARD gearbeitet. Er hat Putin und Snowden interviewt. Er hat Zugang zum russischen Pr&auml;sidenten wie kaum ein anderer ausl&auml;ndischer Journalist. Er wurde hier im Westen mit Fernseh- und Journalistenpreisen pr&auml;miert und wegen seiner guten Beziehung zum russischen Pr&auml;sidenten angefeindet.<\/p><p><strong>Was man bei der Lekt&uuml;re des Buches so alles erf&auml;hrt &hellip;<\/strong><\/p><p>Wir erfahren einiges &uuml;ber die Lage in Russland, &uuml;ber die wirtschaftliche und soziale Lage vor Putins Pr&auml;sidentschaft und Ministerpr&auml;sidentschaft und wie sich diese ver&auml;ndert hat. Der Autor kommt auf den letzten Seiten des Buches auf dieses Thema noch einmal zur&uuml;ck und erkl&auml;rt damit, warum der russische Pr&auml;sident so popul&auml;r ist. &bdquo;Bei Putins Amtsantritt lebte fast ein Drittel aller Russen unter der Armutschwelle, jetzt sind es 11 %. Die Lebenserwartung kletterte von 65 auf 70 Jahre. Es gibt weniger Mord und Totschlag.&ldquo; So berichtet der Autor.<\/p><p>Putin hat die Ausbeutung des Landes durch inl&auml;ndische und ausl&auml;ndische Oligarchen und Finanzgruppen, die w&auml;hrend der Pr&auml;sidentschaft Jelzins &uuml;blich war, gestoppt. Er hat die &uuml;bertriebene Privatisierung beendet und dem Staat Macht und Mittel zur&uuml;ckgegeben. Alleine das schon kann manche Aggression unter Oligarchen und ihren Handlangern in Politik, Medien und Finanzwirtschaft erkl&auml;ren. Dass Menschen im Westen, die sich Demokraten und Menschenrechtler nennen, indirekte Sympathie f&uuml;r die in Russland zu Jelzins Zeiten &uuml;blich gewordene Pl&uuml;nderung des Volkes haben, begreife wer will.<\/p><p>Putin hat aus n&auml;chster N&auml;he miterlebt, wie hoffnungslos die Lage Jelzins vor der Pr&auml;sidentschaftswahl von 1996 war und wie dann in einem Feuerwerk eines von Oligarchen und vom Westen bezahlten und gesteuerten Wahlkampfs die Stimmung umgedreht wurde, mit Hilfe von cleverer Propaganda und mithilfe von gro&szlig; angelegter Bestechung von Journalisten. Sp&auml;testens da hat der heutige russische Pr&auml;sident wahrnehmen k&ouml;nnen, welche Bedeutung die Medien haben.<\/p><p>Seipel beschreibt die N&auml;he Putins zur russisch-orthodoxen Religion. Auch sein Bem&uuml;hen um die Einheit der russischen Kirche. Diese Religiosit&auml;t ist f&uuml;r ein eher agnostisches Publikum im Westen nicht leicht zu verstehen. Akzeptieren kann man es ohne Groll, wie die ungl&auml;ubige Mehrheit ja auch die periodisch wiederkehrenden Papstfeiern ertr&auml;gt und erduldet.<\/p><p>Seipel beschreibt die Arrangements und die Schwierigkeiten des Wechsels von Putin und Medwedew vom Stuhl des Pr&auml;sidenten zum Stuhl des Ministerpr&auml;sidenten und zur&uuml;ck. Dass Putin einmal darum bangen musste, dass sein Partner sich bei diesem Spiel an die Verabredung h&auml;lt und den Pr&auml;sidentensessel wieder r&auml;umt, war mir entgangen. Es war aber wohl so. Selbstverst&auml;ndlich kann man diese Verabredung des Wechselspiels von Pr&auml;sidentschaft und Ministerpr&auml;sidentschaft f&uuml;r undemokratisch halten. Verfassungswidrig ist sie wohl nicht.<\/p><p>Man erf&auml;hrt einiges von inneren Konflikten in Russland. &Uuml;ber Konflikte zwischen politischen Gegnern und unter Freunden. Putin hat einen Freund, der einmal Finanzminister und unterschiedlicher Meinung war &uuml;ber ein Thema, das wir alle kennen: &uuml;ber das Sparen des Staates und &uuml;ber angeblich notwendige Reformen. Putins Freund Alexej Kudrin pl&auml;dierte f&uuml;r solche Reformen und f&uuml;r die K&uuml;rzung von Sozialleistungen. Putin dazu: &bdquo;H&auml;tten wir alles umgesetzt, was mir mein Freund Kudrin empfohlen hat, w&auml;ren wir wirtschaftlich sicher weiter. Aber Millionen st&uuml;nden auf der Stra&szlig;e, weil sie ihre Arbeit verloren h&auml;tten.&ldquo; <\/p><p>Die Mehrheit jener Menschen im Westen, die sich gelegentlich mit Russland besch&auml;ftigen, wird kein sonderlich gutes Urteil f&auml;llen, wenn der Umgang mit westlichen Nichtregierungsorganisationen thematisiert wird. Wir sind gewohnt, dieses Wirken der sogenannten Zivilgesellschaft in anderen L&auml;ndern als eine Tugend zu betrachten. Es gibt viele F&auml;lle, wo das stimmt. Es gibt andere F&auml;lle, wo man mit seinem Urteil zur&uuml;ckhaltender sein sollte. Wenn solche NGOs in die Vorbereitung von inneren Revolten integriert sind, dann sollte man zumindest pr&uuml;fen, ob das Ende solcher Aktionen bedacht wird. Das geschieht in der Regel nicht. Wir haben ein Vorurteil positiver Art f&uuml;r das Wirken solcher NGOs und fragen nicht nach den Folgen. Wer bei der Lekt&uuml;re des Buches von Hubert Seipel Geist und Herz &ouml;ffnet, wird zumindest zum Bedenkentr&auml;ger. Putins Sorge wird in der Kennzeichnung dieser Vorg&auml;nge durch ihn sichtbar: moralische Kreuzz&uuml;ge.<\/p><p>Das Buch beleuchtet internationale Konflikte, mit denen wir uns in den letzten Jahren besch&auml;ftigten mussten. Seipel zitiert und beleuchtet dabei oft beide Seiten des Konflikts. Konkret: wir erfahren, was Putin zu einzelnen Fragen und Konflikten der Ukraine Krise denkt und sagte, und wir erfahren, was andere, was Obama und Angela Merkel nicht nur &ouml;ffentlich sagten, sondern in Telefongespr&auml;chen und im Zwiegespr&auml;ch oder im gr&ouml;&szlig;eren Kreis gesagt haben. <\/p><p>Diese Passagen des Buches sind stark. Wir Leserinnen und Leser bekommen einen unmittelbaren Eindruck vom Umgang der Gro&szlig;en dieser Welt miteinander. Manchmal bin ich bei der Lekt&uuml;re dieser Passagen erschrocken, verwundert &uuml;ber den r&uuml;den Ton, der sich gelegentlich in den Telefongespr&auml;chen breitmacht. Unwahrheiten und Pokern w&uuml;rden einen ja nicht st&ouml;ren. Aber die vielen Anfl&uuml;ge von Aggression in den Telefonaten der Spitzen unserer Welt, das ist schon etwas merkw&uuml;rdig &ndash; merk-w&uuml;rdig.<\/p><p>Die Tonlage von Obama ist &uuml;brigens meist h&auml;rter als die von Putin. Das mag aber daran liegen, dass der Autor &uuml;ber Putin schreibt und nicht &uuml;ber Obama, und auch daran, dass der Autor die &Auml;u&szlig;erungen des amerikanischen Pr&auml;sidenten oder jene von Angela Merkel aus der Quelle Putin sch&ouml;pft. Dennoch, der vermittelte Eindruck scheint nicht falsch zu sein. Putin geb&auml;rdet sich weniger aggressiv als seine westlichen Partner. Das konnte man auch in &ouml;ffentlichen Reden best&auml;tigt finden. Die NachDenkSeiten haben dar&uuml;ber am Beispiel von UNO-Auftritten Obamas im Vergleich zu solchen der russischen Seite berichtet.<\/p><p>Seipel hilft mit seinen Berichten, handelnde Personen der Weltgeschichte besser und anders einzusch&auml;tzen, als dies gel&auml;ufig geschieht. Ein Musterbeispiel daf&uuml;r ist der ehemalige Kommissionspr&auml;sident Barroso. Putin hatte f&uuml;r diesen Menschen nur noch Verachtung &uuml;brig. Das folgte nicht nur aus einer pers&ouml;nlichen Aversion, sondern aus Putins Erkenntnis, dass es sich bei diesem portugiesischen Politiker um einen besonders aggressiven Vertreter der westlichen Ideologie handelt und Barroso keinerlei Verst&auml;ndnis daf&uuml;r zeigte, dass es nicht sinnvoll ist, die Ukraine aus dem engen wirtschaftlichen Verbund mit Russland herauszul&ouml;sen. <\/p><p>Viele Passagen des Buches sind zum einen einer Vorstellung vom Verh&auml;ltnis zwischen West und Ost gewidmet, die vom Autor und seinem Studienobjekt in gleicher Weise gew&uuml;nscht wird: dass n&auml;mlich der Konflikt zwischen West und Ost beendet ist. Zum andern  erfahren wir sozusagen aus erster Hand von der Entt&auml;uschung, vom Gef&uuml;hl des Betrogenseins auf Seiten der russischen F&uuml;hrung.<\/p><p>Die Ausdehnung der NATO und der EU bis an die Grenzen Russlands wurden und werden von Putin als Bedrohung und als eine Abfolge gebrochener Versprechen betrachtet. Bei der Lekt&uuml;re des Buches von Seipel kann man lernen, dass diese Erfahrung einen eigentlich westlich und vor allem nach Deutschland orientierten Politiker innerlich umgedreht hat. &bdquo;Bis hierher und nicht weiter.&ldquo; So k&ouml;nnte man das Lernziel des Westens in Bezug auf die Person Putin beschreiben.<\/p><p>Bei der Lekt&uuml;re lernt man viel &uuml;ber das Verh&auml;ltnis Russlands zu den USA, auch zu einzelnen schwierigen Problemen des Verh&auml;ltnisses.<\/p><p>Das Aufbrechen des Ukraine-Konflikts f&auml;llt in diese Zeit. Dar&uuml;ber schreibt der Autor sehr viel. Man lernt eine Menge. Ich fand einiges best&auml;tigt.  Anderes zwingt mich vielleicht zur Korrektur meiner skeptischen Bewertung der Motive von Merkel und Steinmeier. Ich ging bisher davon aus, dass die deutsche Seite sich auch beim zweiten Minsker Abkommen nicht aus der Umklammerung der USA gel&ouml;st hatte. Seipel bringt Argumente f&uuml;r eine andere Sicht auf Merkel, Steinmeier und Hollande. Er widerspricht sich allerdings dabei selbst. Am Anfang des Buches kommt das etwas anders r&uuml;ber: &bdquo;&hellip; Deutschland war in den letzten Jahren nie unbeteiligter Vermittler zwischen dem Westen und Russland sondern immer Partei in dem Konflikt zwischen Moskau und der Ukraine.&ldquo;<\/p><p>Die Abl&auml;ufe in der entscheidenden Nacht des Putsches in Kiew beschreibt Seipel nach Kenntnis der russischen Einsch&auml;tzungen so, wie man es bei kritischer Betrachtung bef&uuml;rchten muss. Da ist mit Scharfsch&uuml;tzen falsch gespielt worden. Seipel zitiert Putin mit der Frage, (in meinen Worten) wo denn die deutschen und franz&ouml;sischen und polnischen Au&szlig;enminister geblieben sind, als es um die Durchsetzung der Verabredung mit dem damaligen Ukrainischen Pr&auml;sidenten ging. Genau dies habe ich mich damals auch gefragt.<\/p><p><strong>Es folgen noch drei Spiegel-Titel zur &uuml;blichen Putin-Bild-Pflege.<\/strong><\/p><p>Wem das noch nicht reicht, <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=Putin+Titel+Spiegel&amp;rlz=1C1AVNC_enDE595DE595&amp;espv=2&amp;biw=1920&amp;bih=917&amp;tbm=isch&amp;tbo=u&amp;source=univ&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwj0ouKyjbnJAhUFVSwKHUgfAe8Q7AkIJw\">kann sich hier bedienen<\/a>. Nicht nur im Spiegel, auch bei der Zeit, bei der Bild-Zeitung und vielen anderen Medien.<\/p><div style=\"text-align: center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151201-putin-1.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><div style=\"text-align: center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151201-putin-2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><div style=\"text-align: center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151201-putin-3.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Bild von Putin ist vermutlich mehrheitlich gepr&auml;gt von Darstellungen wie dieser:<\/p>\n<div style=\"text-align: center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151201-putin_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<div style=\"text-align: center\">\n<p>(Weitere Abbildungen am Ende des Textes)<\/p>\n<\/p><\/div>\n<p>Wenn Sie weiter in Ruhe und eingebettet in das &uuml;bliche Putin-Bild leben wollen, dann sollten Sie das Buch von Hubert Seipel nicht lesen. 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