{"id":2928,"date":"2008-01-30T09:13:22","date_gmt":"2008-01-30T08:13:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2928"},"modified":"2015-11-29T14:29:09","modified_gmt":"2015-11-29T13:29:09","slug":"die-parteien-in-hessen-im-wortbruch-dilemma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2928","title":{"rendered":"Die Parteien in Hessen im Wortbruch-Dilemma"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Was wir vor der Wahl gesagt haben, gilt auch noch der Wahl&ldquo;, sagt die FDP von Parteichef Guido Westerwelle bis zu J&ouml;rg-Uwe Hahn, dem Vorsitzenden der Hessen-FDP: also d&uuml;rfte es keine Ampel in Hessen geben. Der Spitzenkandidat der Gr&uuml;nen, Tarek Al-Wazir, hatte nur ein Ziel, n&auml;mlich seinen Intimfeind Roland Koch aus der Regierung zu kegeln: also d&uuml;rfte es in Hessen keine Jamaika-Koalition geben. Andrea Ypsilanti hat noch am Wahlabend jede &bdquo;wie auch immer geartete Zusammenarbeit&ldquo; mit der Linken abgelehnt: also d&uuml;rfte es in Hessen keine SPD-Ministerpr&auml;sidentin und eben auch keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit zwischen Rot-Rot-Gr&uuml;n geben. Der hessische SPD-Generalsekret&auml;r sieht &bdquo;keine M&ouml;glichkeit f&uuml;r eine gro&szlig;e Koalition&ldquo;. Ypsilanti unter Koch, &bdquo;das geht nicht gut&ldquo; sagte die SPD-Spitzenkandidatin: also wird es keine Gro&szlig;e Koalition geben. Es wird keine also keine  Regierungsmehrheit in Hessen geben, ohne &bdquo;Wortbruch&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nAber Neuwahlen wird auch keine der Parteien wagen, jedenfalls nicht sofort und sonst m&uuml;sste man mit dem Zorn der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler rechnen, vor allem die Parteien, die das vorschl&uuml;gen und eine nach der Verfassung m&ouml;gliche Selbstaufl&ouml;sung des Parlaments durchsetzten.<\/p><p>Das Wortbruchdilemma geht aber nicht nur bei den m&ouml;glichen Koalitionskonstellationen, sondern noch viel mehr auf der programmatischen Ebene weiter. Legt man einmal die Wahlprogramme der Parteien und vor allem die Aussagen der Spitzenpolitiker nebeneinander, so ist keine Koalitionsbildung denkbar, ohne dass die Wahlk&auml;mpfer oder die Wahlk&auml;mpferin Wortbruch begingen, sowohl wenn es zu Jamaika oder zur Ampel k&auml;me aber auch, wenn es zur gro&szlig;en Koalition k&auml;me.<\/p><p>Die SPD und vorne dran ihr Parteivorsitzender Beck buhlen in Hessen um die FDP.<br>\nSchaut man sich einmal die Wahlprogramme der <a href=\"http:\/\/www.spd-hessen.de\/db\/docs\/doc_16244_20071019163542.pdf\">SPD [PDF &ndash; 496 KB]<\/a> und der <a href=\"http:\/\/www.fdp-hessen.de\/files\/274\/Programm_zur_Landtagswahl__kurz.pdf\">FDP [PDF &ndash; 36 KB]<\/a> , so sind diese inhaltlich nahezu komplett unvereinbar.<\/p><ul>\n<li>Die FDP will z.B. Atomstrom und Verl&auml;ngerung der Laufzeiten der KKW, die SPD ein &bdquo;atomstromfreies Hessen&ldquo;.<\/li>\n<li>Die FDP Hessen setzt in der Sozialpolitik auf die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, auf private Vorsorge. Die SPD will ein neues soziales Netz kn&uuml;pfen und &bdquo;Gesundheit f&uuml;r alle&ldquo;.<\/li>\n<li>In der Familienpolitik will die FDP Betreuungsgutscheine f&uuml;r alle, die SPD will einen Rechtsanspruch auf ganzt&auml;gige Betreuung f&uuml;r alle Kinder ab dem ersten Geburtstag.<\/li>\n<li>Die FDP will Studiengeb&uuml;hren und Eigenkapitalbildung (?) der Hochschulen, die SPD will die Studiengeb&uuml;hren wieder abschaffen.<\/li>\n<\/ul><p>Sie k&ouml;nnen alle der 76 Seiten des SPD Wahlprogramms durchgehen und es mit den Positionen der FDP vergleichen, man wird M&uuml;he haben auch nur die kleinste Schnittmenge zu finden.<\/p><p>&bdquo;Freiheit oder Sozialismus&ldquo;, das ist die Abgrenzung der Hessen-FDP zur SPD. Die FDP vertritt eine marktradikale und wirtschaftliberale Ideologei, die weit &uuml;ber die Agenda-Politik hinausgeht.<\/p><p>Wie will also Andrea Ypsilanti ihr von den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern offenbar am st&auml;rksten zuerkannte Attribut, n&auml;mlich ihre Glaubw&uuml;rdigkeit bewahren, wenn sie sich auf diese Programmatik der FDP einlie&szlig;e. Das w&auml;re ein Wortbruch in der Sache mit Langzeitwirkung weit &uuml;ber Hessen hinaus.<\/p><p>Das gleiche Dilemma g&auml;be es auch bei einer Gro&szlig;en Koalition, die Hessen CDU ist eben die Koch-CDU und die steht weit Rechts im Spektrum der Bundes-CDU.<\/p><p>Was w&auml;re aber mit dem anderen Wortbruch, n&auml;mlich einer wie auch immer gearteten Zusammenarbeit mit der Linken?<\/p><p>Ypsilanti k&ouml;nnte Ministerpr&auml;sidentin werden und versuchen ihr Programm in praktische Politik umzusetzen. Sie k&ouml;nnte zeigen, dass sie politisch glaubw&uuml;rdig ist, weil sie dazu steht, was sie angek&uuml;ndigt hat. Oder m&ouml;chte sie etwa im Parlament gar nicht mehr als Gegenkandidatin antreten? <\/p><p>Und wenn sie dann f&uuml;r diese Politik nicht die n&ouml;tigen parlamentarischen Mehrheiten f&auml;nde, dann w&uuml;rden auch die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in Hessen verstehen, dass Neuwahlen notwendig w&auml;ren. Da k&ouml;nnten die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler auch beurteilen, wie sich die Linke in der Praxis verhielte und die SPD k&ouml;nnte. au&szlig;er durch l&auml;cherlich wirkendes Abgrenzungsvokabular, durch Taten deutlich machen, wo die politischen Unterschiede liegen.<\/p><p>Ist die Situation nicht &auml;hnlich wie 1984 als die Gr&uuml;nen in den hessischen Landtag einzogen, und die galten damals in &auml;hnlicher Weise als  &ldquo;Schmuddelkinder&rdquo; der Politik, mit denen niemand koalieren wollte. Holger B&ouml;rner lie&szlig; sich erst einmal ein Jahr lang von den Gr&uuml;nen tolerieren. In Sachsen-Anhalt hat das unter Ministerpr&auml;sident <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/politik\/deutschland\/artikel\/1\/das-hat-gut-funktioniert\/?src=TE&amp;cHash=8d6bd95980\">H&ouml;ppner<\/a> sogar acht Jahre ziemlich erfolgreich funktioniert. <\/p><p>Aber w&uuml;rden dann nicht CDU und FDP und der konservative Medienchor Verrat rufen? Die SPD sei endg&uuml;ltig auf Linkskurs? Das sei ein Affront gegen Beck, Steinmeier und Steinbr&uuml;ck? Die SPD paktiere mit Kommunisten?<br>\nJa, so w&uuml;rde das konservative Lager aufschreien! <\/p><p>Aber was h&auml;tte sich damit ge&auml;ndert.<br>\nDie FDP und die CSU haben schon vor der Hessen-Wahl beschlossen, dass sie die Parole Freiheit oder Sozialismus wieder ausgraben werden. Die CDU wird das, wenn die Linke weiter zulegt, ebenso tun; ob nun Ypsilanti Ministerpr&auml;sidentin wird oder nicht. Hat die Union nicht von Adenauer bis Kohl mit dieser Keule gearbeitet?<\/p><p>Das Wortbruchdilemma stellt sich f&uuml;r die SPD und Andrea Ypsilanti wie folgt dar:<\/p><p>Entweder verlieren Partei und Kandidatin f&uuml;r l&auml;ngere Zeit ihre gerade zaghaft wieder gewonnene politische Glaubw&uuml;rdigkeit. Ein Gro&szlig;teil der SPD-W&auml;hlerinnen und W&auml;hler, die den Versprechungen von einer Politik mit mehr sozialer Gerechtigkeit geglaubt hat und der SPD erstmals wieder einen beachtlichen Stimmenzuwachs beschert haben, werden sich wieder get&auml;uscht und entt&auml;uscht abwenden. Die Linke wird dadurch weiteren Zuwachs bekommen und die M&ouml;glichkeit, dass die SPD eine relative Mehrheit erreicht und damit einen Ministerpr&auml;sidenten oder gar den Kanzler stellen k&ouml;nnte, auf unabsehbare Zeit verbauen.<\/p><p>Oder die SPD wird vorgehalten, sie paktiere mit &bdquo;den Kommunisten&ldquo; und die Konservativen werden ihr abgestandenes &bdquo;Freiheit oder Sozialismus&ldquo; skandieren. <\/p><p>Aber das tun sie doch ohnehin!<\/p><p>Was w&auml;re in Hessen anders, als in Berlin? Hat dort Rot-Rot der SPD im Land oder im Bund geschadet? Hat es der Berliner Politik geschadet?<\/p><p>Im &Uuml;brigen: W&auml;re ein Umfallen FDP, den die SPD offenbar erhofft, nicht auch ein Wortbruch? W&auml;re dieser Wortbruch moralisch und politisch etwa anders zu bewerten?<\/p><p>Die SPD k&ouml;nnte sich bei einer &bdquo;wie auch immer gearteten Zusammenarbeit&ldquo; mit der Linken endlich aus der Sackgasse befreien, in die sie sich mit ihrer strikten Absage an die Linke verrannt hat. Schon in Hamburg und 2009 noch viel mehr im Saarland wird die SPD wieder vor dem gleichen Problem wie in Hessen stehen.<\/p><p>Kurz: Mit ihrer bedingungslosen Abgrenzung gegen die Linken verschlie&szlig;t sich die SPD Mehrheitsoptionen und damit f&uuml;r die absehbare Zukunft jede Chance eine Regierung zu f&uuml;hren. Sie k&auml;me allenfalls noch als Juniorpartner einer Gro&szlig;en Koalition in Frage und w&uuml;rde weiter zusammenschrumpfen.<\/p><p>Andere L&ouml;sungen f&uuml;r die Zwangslage der SPD und Andrea Ypsilanti gibt es nicht.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/20080130.gif\" alt=\"Wortbruch\" title=\"\"><\/p><p class=\"reference\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.nwz-online.de\">www.nwz-online.de<\/a><\/p><p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Was wir vor der Wahl gesagt haben, gilt auch noch der Wahl&ldquo;, sagt die FDP von Parteichef Guido Westerwelle bis zu J&ouml;rg-Uwe Hahn, dem Vorsitzenden der Hessen-FDP: also d&uuml;rfte es keine Ampel in Hessen geben. Der Spitzenkandidat der Gr&uuml;nen, Tarek Al-Wazir, hatte nur ein Ziel, n&auml;mlich seinen Intimfeind Roland Koch aus der Regierung zu kegeln:<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2928\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[195,191,190],"tags":[1011,250,257,246,245],"class_list":["post-2928","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-linke","category-spd","category-wahlen","tag-beck-kurt","tag-hessen","tag-koch-roland","tag-linke-mehrheit","tag-ypsilanti-andrea"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2928","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2928"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2928\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29209,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2928\/revisions\/29209"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2928"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2928"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2928"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}