{"id":2929,"date":"2008-01-30T09:14:38","date_gmt":"2008-01-30T08:14:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2929"},"modified":"2015-11-29T14:27:06","modified_gmt":"2015-11-29T13:27:06","slug":"die-mechanik-der-finanzkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2929","title":{"rendered":"Die Mechanik der Finanzkrise"},"content":{"rendered":"<p>Wann die aktuelle Krise an den Finanzm&auml;rkten zu Ende sein wird, wei&szlig; niemand. Auch deshalb l&auml;sst sich nicht sicher voraussagen, ob und wie stark sie auf die reale Wirtschaft &uuml;bergreifen wird. Klar ist nur, dass diese Krise geradezu Modellcharakter hat: An ihrem Ablauf l&auml;sst sich studieren, welche Mechanismen in der Welt der Derivate und der Hedgefonds am Werke sind. Und warum die neuen &ldquo;Segnungen&rdquo; der Kapitalm&auml;rkte stets neue Krisen hervorbringen werden. Dieser Beitrag von Fr&eacute;d&eacute;ric Lordon ist zwar schon etwas &auml;lter, er beschreibt aber in einer guten Analyse, wie es zur derzeitigen Finanzkrise gekommen ist. Der Beitrag wurde uns von Le Monde diplomatique zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Mechanik der Finanzkrise von Fr&eacute;d&eacute;ric Lordon<\/strong><\/p><p>Wann die aktuelle Krise an den Finanzm&auml;rkten zu Ende sein wird, wei&szlig; niemand. Auch deshalb l&auml;sst sich nicht sicher voraussagen, ob und wie stark sie auf die reale Wirtschaft &uuml;bergreifen wird. Klar ist nur, dass diese Krise geradezu Modellcharakter hat: An ihrem Ablauf l&auml;sst sich studieren, welche Mechanismen in der Welt der Derivate und der Hedgefonds am Werke sind. Und warum die neuen &ldquo;Segnungen&rdquo; der Kapitalm&auml;rkte stets neue Krisen hervorbringen werden. Vor zweihundert Jahren beklagte Hegel die chronische Unf&auml;higkeit der Staaten, Lehren aus historischen Erfahrungen zu ziehen. Aber die politischen M&auml;chte sind nicht die Einzigen, die sich als lernunf&auml;hig erweisen. Im &ouml;konomischen Zentrum der Gesellschaft scheint das Kapital selbst, insbesondere das Finanzkapital, fast unausweichlich zu denselben Irrt&uuml;mern und Fehlentscheidungen verdammt zu sein &ndash; und damit zur ewigen Wiederkehr der Krise. Auch wenn die aktuelle Krise der Kreditm&auml;rkte neue Anlagefelder und Folgeprobleme betrifft, offenbart sie doch nur ein weiteres Mal die wichtigsten Ingredienzien des Desasters in chemisch reiner Form. Damit bietet sich allen, die es wissen wollen, erneut die Chance, &uuml;ber die &ldquo;Segnungen&rdquo; der liberalisierten Kapitalm&auml;rkte nachzusinnen.<\/p><p>Allerdings l&auml;sst sich der starre Glaube an die instrumentelle &ldquo;Vernunft&rdquo; der Finanzm&auml;rkte, der sich als das leibhaftige Realit&auml;tsprinzip ausgibt, nicht leichter Hand entlarven. Unterwirft dieses Prinzip nicht die Unternehmen einzig und allein der n&uuml;chternen Herrschaft der Fakten, den Kriterien des &ldquo;Reporting&rdquo; (in den Quartalsberichten) und des &ldquo;Track Record&rdquo; (im chronologischen Protokoll der Erfolgsdaten)? Heute, angesichts der deprimierenden Folgen der j&uuml;ngsten Geschichte erweisen sich dieselben Prediger des &ldquo;vern&uuml;nftigen&rdquo; Finanzmarkts auf monstr&ouml;se Weise als blind und ahnungslos.<\/p><p>Vielleicht weil der &ldquo;Track Record&rdquo; der finanziellen Liberalisierung nicht gerade umwerfend ist? Immerhin ist daran zu erinnern, dass die neue Finanzpolitik, seitdem sie grassiert, kaum mehr als drei Jahre in Folge ohne gro&szlig;e Unf&auml;lle &uuml;berstanden hat. Und von diesen verdienen es fast alle, in die Chronik der Wirtschaftsgeschichte einzugehen: 1987 der denkw&uuml;rdige B&ouml;rsenkrach; 1990 der Zusammenbruch der &ldquo;Ramschanleihen&rdquo; (&ldquo;Junk Bonds&rdquo;) und die Krise der US-amerikanischen Sparkassen (&ldquo;Savings and Loans&rdquo;); 1994 der Verfall der US-Staatsobligationen; 1997 die erste Phase der internationalen Finanzkrise (die vor allem Thailand, Korea und Hongkong betraf), gefolgt von der zweiten Phase 1998 (die Russland und Brasilien erfasste); 2001 das Platzen der Internetblase und anschlie&szlig;end die Krise der New Economy, die sich noch bis 2003 hinzog. Kettenreaktionen einer entfesselten Spekulation.<\/p><p>Und nun, im Jahr 2007? Heute lesen wir devote Interpretationen wie: &ldquo;Die Globalisierung der Wirtschaft ist ein gl&uuml;ckbringender, aber anf&auml;lliger Prozess.&rdquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] So Pierre-Antoine Delhommais in Le Monde, der angesichts der gewaltigen, selbstzerst&ouml;rerischen, immer wiederkehrenden Ersch&uuml;tterungen die Widerstandsf&auml;higkeit der Bestie nur noch mehr zu bewundern scheint, weil sie nach jeder Krise wieder auf die Beine kommt und noch prachtvoller dasteht als je zuvor. Verwunderlich nur, dass der Journalist vergisst, was es f&uuml;r die Haushaltskassen der Besch&auml;ftigten bedeutet, wenn nach dem Finanzrausch die Schulden zu begleichen sind. Denn unweigerlich trifft der Crash der M&auml;rkte zun&auml;chst die Banken, also den Kreditmarkt, dann die Investitionen und das Wirtschaftswachstum und am Ende die Arbeitspl&auml;tze. Offenbar musste der Journalist Delhommais erst die brutale &Uuml;bernahme seiner Zeitung durch einen Investmentfonds erleben und die Folgen des &ldquo;Downsizing&rdquo;, des &ldquo;Abspeckens&rdquo;, hautnah versp&uuml;ren, ehe er sich gedr&auml;ngt f&uuml;hlte, die Praktiken auf den Finanzm&auml;rkten und vor allem die dadurch ausgel&ouml;sten Krisen und ihre sozialen Folgen zu bilanzieren. Die Schl&auml;ge der Globalisierung m&uuml;ssen einen erst schmerzhaft treffen, bevor man aufh&ouml;rt, sie als &ldquo;gl&uuml;ckbringend&rdquo; zu empfinden. Die von den US-Kreditm&auml;rkten ausgehende Krise veranschaulicht idealtypisch die fatalen Kettenreaktionen der entfesselten Spekulation. Wie bei einer Parade f&uuml;hrt sie uns erneut das toxische Arsenal des Finanzkapitals vor. Es sind immer wieder dieselben Erscheinungen, die stets in derselben Phasenabfolge auftreten: Erstens das &ldquo;Ponzi-Gesetz&rdquo; der Spekulation; zweitens ein leichtfertiges Risikoverhalten auf dem Gipfel des Finanzzyklus; drittens die strukturelle Anf&auml;lligkeit gegen&uuml;ber minimalen Ver&auml;nderungen des &ouml;konomischen Umfelds und der Katalysatoreffekt lokaler Zusammenbr&uuml;che, der den Wandel des Wirtschaftsklima beschleunigt; viertens die Neigung zur &uuml;berst&uuml;rzten Revision bisheriger Einsch&auml;tzungen; f&uuml;nftens die Ansteckungsgefahr, wenn Misstrauen und Zweifel weitere Marktsegmente erfassen; sechstens die Schockwirkung auf die Banken, die sich bei der Kreditvergabe am st&auml;rksten exponiert haben; siebtens die Gefahr einer Systemkrise, also eines Zusammenbruchs der globalen Finanzm&auml;rkte und einer nach den allf&auml;lligen Kreditrestriktionen sich ausbreitenden Rezession. Worauf in der Regel ein Hilferuf an die Adresse der Zentralbanken ergeht, und zwar ausgerechnet von den fanatischen Verfechtern der freien Privatinitiative.<\/p><p><strong>Phase eins:<\/strong><br>\ndas &ldquo;Ponzi-Gesetz&rdquo; der Spekulation. Die innere Verkettung der Finanzm&auml;rkte hat niemand pr&auml;ziser dargestellt als Hyman Minsky, der seinen Befund in dem anschaulichen Begriff &ldquo;Katastrophenblindheit&rdquo; zusammenfasst.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Besondere Aufmerksamkeit schenkt Minsky dem betr&uuml;gerischen Treiben von Charles Ponzi. Dieser Spekulant k&ouml;derte in den 1920er-Jahren leichtgl&auml;ubige Einfaltspinsel mit dem Versprechen ungeahnter Renditen. Ohne irgendeine reelle Kapitalbasis, mit der er die finanziellen Versprechungen h&auml;tte einl&ouml;sen k&ouml;nnen, bediente Ponzi seine ersten Einleger mit den geliehenen Geldern derer, die er als n&auml;chste anlockte. Das ganze System beruhte also schlicht darauf, dass der Strom der Neuank&ouml;mmlinge auf keinen Fall abrei&szlig;en durfte. Sieht man von der betr&uuml;gerischen Seite dieses Treibens ab, funktionieren alle Finanzblasen nach einem vergleichbaren Mechanismus. Sie sind auf einen gleichbleibenden Zufluss an Liquidit&auml;t angewiesen, an Investitionen in den Markt, um die Hausse &ndash; samt der Illusion, dass alle von ihr profitieren &ndash; am Laufen zu halten. Es m&uuml;ssen also m&ouml;glichst viele Menschen in die Spekulation verwickelt werden. Und nat&uuml;rlich kommen nach der ersten Welle der Eingeweihten immer mehr &ldquo;normale&rdquo;, mit wenig Sachverstand ausgestattete Teilnehmer hinzu, die am Ende das Gros der Spekulationsbataillone stellen.<\/p><p>Nach diesem Modell funktionierte auch der US-Immobilienmarkt. Um sein Wachstum zu verstetigen, mussten immer mehr Menschen und Familien auf den Markt der Hypothekenanleihen gedr&auml;ngt werden. Am Anfang der Welle war es nicht allzu schwer, die Menschen, die den &ldquo;amerikanische Traum&rdquo; vom eigenen Grund und Boden hegen, vom Nutzen dieser Form des Schuldenmachens zu &uuml;berzeugen. Der Anreiz war besonders wirksam, weil zuvor viele US-B&uuml;rger auf die Internetblase hereingefallen und ein Finanzdebakel erlebt hatten und nun nach anderen Investitionsm&ouml;glichkeiten suchten.<\/p><p>Nachdem das Kontingent an &ldquo;gesunden&rdquo; Kreditnehmern relativ rasch ausgesch&ouml;pft war, musste der wachsende Markt unter allen Umst&auml;nden weiter gest&uuml;tzt werden. Deshalb suchten die H&auml;ndler mit Immobilienkrediten ihren Kundenkreis zu erweitern: &Ouml;konomisch &ldquo;kranke&rdquo; Kreditnehmer? Plattf&uuml;&szlig;e? Asthmatiker? Kein Problem: Sie wurden einfach f&uuml;r tauglich befunden. Die K&auml;ufer str&ouml;mten in Scharen auf den Markt, die Preise gingen st&auml;ndig in die H&ouml;he.<\/p><p>Und wenn sich Zweifel am finanzwirtschaftlichen Perpetuum mobile regten, wurden diese von Hausk&auml;ufern wie von Maklern mit der &Uuml;berlegung zerstreut: Selbst wenn ein Kunde die Zinsen und die Raten nicht bedienen kann, l&auml;sst sich das Haus mit Gewinn f&uuml;r die eine und Provision f&uuml;r die andere Seite verkaufen. Und da im Glauben an unbegrenztes Wachstum des Marktes jeder potenzielle Kunde als tauglich galt, wurden die Kredith&auml;hne bis zum Anschlag aufgedreht. Die spekulative, sich selbst ern&auml;hrende Hausse scheint allen recht zu geben. Damit ist ein Wort geboren, das Haltbarkeit und Zukunft verspricht: die Kategorie der &ldquo;Subprime Mortgages&rdquo;. Tats&auml;chlich handelt es sich um Immobilienwerte, deren tats&auml;chliche Eigent&uuml;mer &ndash; mit oft &uuml;beraus fragw&uuml;rdiger Kreditw&uuml;rdigkeit &ndash; den kreditgebenden Banken unbekannt sind. Doch auf dem H&ouml;hepunkt der Euphorie werden alle Grenzen &uuml;berschritten. Was gibt es Tolleres als Kredite der Kategorie &ldquo;Ninja&rdquo;? Die Abk&uuml;rzung steht f&uuml;r &ldquo;No income, no job or asset&rdquo;. Zu Deutsch: &ldquo;Kein Einkommen, kein Job, kein Verm&ouml;gen&rdquo;, also keinerlei Kreditabsicherung. Daf&uuml;r wird beim Abschluss eines solchen Vertrags der Champagner entkorkt.<\/p><p><strong>Phase zwei:<\/strong><br>\nleichtfertiges Risikoverhalten. Die Finanzwelt l&auml;sst sich nicht so leicht ersch&uuml;ttern, schlie&szlig;lich h&auml;lt sich jeder f&uuml;r einen Champion des Risikomanagements. Tats&auml;chlich ist, was neue Instrumente betrifft, der Einfallsreichtum fast unbegrenzt. Eines der Geheimrezepte hei&szlig;t &ldquo;derivative Produkte&rdquo;. Ein solches Produkt profitiert davon, dass ein Kredit, und zumal ein mit Risiken behafteter, bis zum &ndash; guten oder schlechten &ndash; Abschluss in den B&uuml;chern des Kreditgebers verbleibt. In den fr&uuml;hen 1990er-Jahren entdeckte man die tolle M&ouml;glichkeit, eine gewisse Anzahl von Krediten zu marktf&auml;higen Schuldverschreibungen zu b&uuml;ndeln. Der gewaltige Vorteil dieses zutreffend als &ldquo;Schuldtitel-Strategie&rdquo; (oder &ldquo;Schuldtitel-Trick&rdquo;) bezeichneten Gesch&auml;fts besteht darin, dass am Finanzmarkt solche neu gebackenen Wertpapiertitel in kleinen Paketen an finanzkr&auml;ftige und kaufwillige institutionelle Investoren abgegeben werden k&ouml;nnen. Damit verschwinden die problematischen Kredite aus der Bilanz der urspr&uuml;nglich verleihenden Banken. Letztere vergeben deshalb Kredite umso unbedenklicher, je mehr von ihnen sie dank der &ldquo;Schuldtitel-Strategie&rdquo; absto&szlig;en k&ouml;nnen. Aber warum sind die neuen Finanzinvestoren bereit, das zu kaufen, was die Banken doch nur loswerden wollen? Zum einen, weil sie damit Wertpapiere in kleineren Einheiten &uuml;bernehmen, vor allem aber, weil diese Titel marktf&auml;hig sind, also wiederum an Dritte ver&auml;u&szlig;ert werden k&ouml;nnen. Ein weiterer Grund ist der, dass die neue Art von &ldquo;Derivaten&rdquo; (die vom urspr&uuml;nglichen Typ des Kredits &ldquo;abgeleitet&rdquo; ist) sich in einzelne Teilbetr&auml;ge mit entsprechend verteilten Risiken aufgliedern l&auml;sst. Jeder institutionelle Investor pickt sich die f&uuml;r sein Profil und seine Risikobereitschaft geeignete Tranche heraus &ndash; in dem Wissen, dass sich immer jemand findet, der seinerseits die riskanteste und damit eintr&auml;glichste Tranche &uuml;bernimmt. Vor allem die Hedgefonds gehen derartige Risiken ein. Das Ganze geht gut, solange alles gut geht.<br>\nDas Risiko versickert in dunklen Kan&auml;len.<\/p><p>Klar ist dabei, dass alle mit den urspr&uuml;nglichen Krediten verbundenen Verwertungsrechte an den Finanzstr&ouml;men, aber auch die entsprechenden Ausfallrisiken auf die Inhaber dieser RMBS (&ldquo;Residential Mortgage Backed Securities&rdquo;: an Immobilienkredite gebundene Wertpapiere) &uuml;bergehen. Da jedoch die Zahl dieser Inhaber so gro&szlig; und schwankend ist, l&auml;uft das Ganze auf eine ungeheure Streuung des Globalrisikos hinaus. W&auml;hrend die kreditgew&auml;hrende Bank fr&uuml;her ihre Ausf&auml;lle allein bew&auml;ltigen musste, ist sie nunmehr von diesem Risiko v&ouml;llig befreit. Und die Kosten der Ausf&auml;lle verteilen sich auf unz&auml;hlige Investoren, wobei jeder Investor nur einen kleinen Teil zu tragen hat, der f&uuml;r sein Gesamtportfolio nur ein verschwindendes Risiko zu sein scheint. Warum sich also Sorgen machen, wo die Finanzwelt mit dem &ldquo;Schuldtitel-Trick&rdquo; offenbar die Quadratur des Kreises gefunden hat und derselbe Trick auch noch auf der n&auml;chsten Ebene funktioniert, bei den RMBS? Was Letztere betrifft, so ben&ouml;tigen die riskantesten Tranchen allerdings eine Spezialbehandlung, damit sie leichter abzusto&szlig;en sind. Als Besitzer von RMBS-Titeln emittieren manche Investoren einen neuen Typus handelbarer Wertpapiere, die sogenannten CDO (Collateralised Debt Obligations oder &ldquo;geb&uuml;ndelte&rdquo; Schuldtitel). Konzipiert als &ldquo;Schuldscheine auf Schuldscheine&rdquo;, erlauben diese CDOs eine weitere Aufsplitterung des RMBS-Portfolios in unterschiedlich riskante Tranchen. Die oberste, &ldquo;Investment grade&rdquo; genannte Tranche sichert ihren Inhabern bei Zahlungsunf&auml;higkeit der Schuldner die ersten 20 bis 30 Prozent der Konkursmasse aus den beliehenen Immobilien. Darunter liegen eine mittlere (&ldquo;Mezzanine&rdquo;) und eine untere Tranche. Die Besitzer dieser risikoreichsten Papiere trifft bei Zahlungsunf&auml;higkeit der Schuldner der Schock der Pleite mit voller Wucht. Eine besch&ouml;nigende Bezeichnung f&uuml;r diese untere Tranche lautet &ldquo;Equity&rdquo; (Verm&ouml;genstitel), aber die Sprache des Marktes dr&uuml;ckt es ehrlicher aus: &ldquo;Toxic Waste&rdquo; also &ldquo;Giftm&uuml;ll&rdquo;. Das ist durchaus zutreffend, denn bei diesem Derivat ist das Risiko gleichsam ins Quadrat erhoben. Solange jedoch die Preise am Immobilienmarkt steigen und der Strom der R&uuml;ckzahlungen nicht unterbrochen ist, findet sich immer ein Abnehmer, und solange das Ausma&szlig; der &ldquo;Vergiftung&rdquo; noch nicht konkret zutage tritt, z&auml;hlt nur die enorme Verzinsung.<\/p><p>Die genannten Hedgefonds, die neue Mittel zu vergleichsweise niedrigen Zinss&auml;tzen aufnehmen k&ouml;nnen, investieren bewusst in mit hohem Risiko behaftete Wertpapiere. Diese k&ouml;nnen, so das zugrundeliegende Kalk&uuml;l, nach Belieben verkauft werden und entsprechend hohe Gewinne einspielen &ndash; solange der Markt nur liquide ist. Der &ldquo;Giftm&uuml;ll&rdquo; wird als Gold gehandelt. Die fantastischen Gewinnaussichten kaschieren die objektiven Risiken, die niemand sehen will. Und um die Melkkuh so lange wie m&ouml;glich am Leben zu erhalten, beschaffen die Immobilienmakler massenhaft neues Futter, also noch mehr Schuldner.<\/p><p><strong>Phase drei:<\/strong><br>\nvon der strukturellen Verwundbarkeit zu Pleite und Panik. Die Risikostreuung, die durch den Schuldtitel-Trick garantiert scheint, erzeugt letztendlich den Glauben, dass es gar keine Risiken mehr gibt. Das ist eine Illusion. Und dies umso mehr, als der s&uuml;&szlig;e Rausch die Akteure zu immer waghalsigeren Verhaltensweisen verleitet. Der Verk&auml;ufer von Immobilienkrediten redet sich ein: Wenn ich sogar meine lausigsten Kredite absto&szlig;en kann, gehe ich richtig zur Sache und verleihe noch mehr. Am anderen Ende der Schuldenkette sagt sich der Betreiber des Hedgefonds: Warum soll ich, solange der Derivatemarkt liquide ist, nicht auch noch die miesesten Schuldverschreibungen (CDO) &uuml;bernehmen, wo sie doch die profitabelsten sind? Nat&uuml;rlich sind in diesem System die Risiken &ldquo;irgendwie&rdquo; verteilt, aber die schiere Menge des &ldquo;Streuguts&rdquo; hat zu einem v&ouml;llig unkontrollierten weltweiten Wachstum gef&uuml;hrt. Damit treibt die Entwicklung der Finanzm&auml;rkte, f&uuml;r niemanden voll &uuml;berschaubar, in eine kritische Zone. Die strukturelle Fragilit&auml;t des skizzierten Spekulationsgeflechts erreicht nun einen Punkt, an dem es auf eher belanglose Ver&auml;nderungen im &ouml;konomischen Umfeld reagiert.Ein <\/p><p>Beispiel: Die schrittweise Anhebung der Zinss&auml;tze durch die amerikanische Zentralbank um jeweils 0,25 Prozent erscheint f&uuml;r sich genommen zun&auml;chst harmlos. Aber am anderen Ende der Risikokurve steigen die Sollzinsen f&uuml;r den Immobilienkredit, den Mrs. Brimmages 2005 aufgenommen hat, von 6,3 auf 11,25 Prozent und ihre monatlichen Kreditraten von 414 auf 691 Dollar. Das Ergebnis ist Zahlungsunf&auml;higkeit.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Auf dieselbe Weise wurden im ersten Quartal 2007 14 Prozent der Subprime-Kreditnehmer in die Insolvenz getrieben. Ein missgl&uuml;cktes Abenteuer verunsichert den ganzen Markt<\/p><p>Die schrittweisen Zinsanhebungen der Zentralbank sind eigentlich als bescheidene Anpassungsma&szlig;nahme entworfen, tats&auml;chlich aber haben sie einen doppelten Schereneffekt. Zum einen vermindern sie die Zahl der Neuvertr&auml;ge auf dem Immobilienmarkt, was die Preise fallen l&auml;sst; zum anderen sind die verschuldeten Hausbesitzer au&szlig;erstande, ihre monatlichen Abzahlungsraten zu bedienen, womit der Erfolg ihres Eigenheimerwerbs insgesamt gef&auml;hrdet ist. Tats&auml;chlich bedeutet der Verkauf ihrer Immobilie in der Regel einen Wertverlust nicht nur f&uuml;r sie selbst, sondern auch f&uuml;r alle anderen, denn durch die Baisse wird der drohende Preisverfall noch beschleunigt.<br>\nWie immer bei Finanzkrisen muss ein auf Spezialit&auml;ten fixierter &ldquo;Investor&rdquo; als Erster die Suppe ausl&ouml;ffeln. Doch sein Zusammenbruch wirkt als Signal zur gro&szlig;en Wende. Im aktuellen Fall haben zwei finanzielle Zusammenbr&uuml;che &ndash; jeweils an den Enden der Kette &ndash; die M&auml;rkte aufgeschreckt. Zum einen war die Investmentbank Bear Stearns gezwungen, zwei ihrer wohl allzu &ldquo;dynamischen&rdquo;, mit CDO &ldquo;gedopten&rdquo; Fonds zu schlie&szlig;en. Zum anderen musste der Immobilienfinanzierer American Home Mortgage (AHM) einen Antrag auf Gl&auml;ubigerschutz stellen.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Das missgl&uuml;ckte Abenteuer des Immobilienfinanziers verunsichert die M&auml;rkte st&auml;rker als das der Investmentbank, denn AHM ist im Bereich Subprime nicht sonderlich engagiert. Das provoziert die Frage: Wie steht es dann erst um andere Unternehmen? <\/p><p><strong>Phase vier:<\/strong><br>\n&uuml;berst&uuml;rzte Revision der Risikobewertung. In dieser Phase kommt es zu einer leichten Panik. Die &ldquo;Toxic Wastes&rdquo; riechen schon recht unangenehm und n&auml;hren den Verdacht, dass auch die mit Bestnoten (AA oder gar AAA) bewerteten &ldquo;Investment grade&rdquo;-Tranchen der CDO frisiert sein k&ouml;nnten. Doch wie konnte es zu solch einer gigantischen Fehlbewertung der finanziellen Risiken kommen?<\/p><p>Nat&uuml;rlich hat das zun&auml;chst mit der prinzipiellen Schwierigkeit einer objektiven Bewertung von Derivaten zu tun. So haben die Bewertungsagenturen hunderte von CDO- und RMBS-Tranchen zu pr&uuml;fen und einzusch&auml;tzen. Doch diese Agenturen sind nicht mit flei&szlig;igen Arbeitnehmern gleichzusetzen, die unter der Last ihrer Aufgaben st&ouml;hnen. Ihren Hauptumsatz erzielen sie mit den Geldinstituten, die ihre zur Bewertung vorgelegten Titel in dem dargestellten Treibhausklima emittiert haben. Die Agentur Moody&rsquo;s etwa erzielte ihren Jahresumsatz von 2006 zu 40 Prozent mit der Bewertung &ldquo;strukturierter Produkte&rdquo;. Und bevor die jeweils neuen bewertet werden, ist es f&uuml;r beide Seiten zweifellos g&uuml;nstig, wenn die zuvor auf den Markt gebrachten Finanzprodukte f&uuml;r &ldquo;gesund&rdquo; erkl&auml;rt wurden.<\/p><p>Eine weitere &Uuml;berlegung macht klar, warum die Bewertungsagenturen es nie verstanden haben, sich von der Euphorie des Marktes, die sie eigentlich d&auml;mpfen sollten, wirklich freizumachen, und dass sie im Gegenteil diese Stimmung geflissentlich gef&ouml;rdert haben. Wenn man der Finanzwelt so nahesteht und sich dazu noch aus ihren Taschen bedient, kann man schwerlich &ldquo;Vorsicht!&rdquo; rufen, w&auml;hrend alle anderen noch fett verdienen.<\/p><p>Das Ergebnis ist bekannt: Die Bewertungsagenturen verhalten sich auf katastrophale Weise prozyklisch, wenn sie antizyklisch sein sollten; sie lassen der Hausse freien Lauf &ndash; und revidieren, sobald der Umschwung einsetzt &uuml;berst&uuml;rzt ihre urspr&uuml;ngliche Einsch&auml;tzung, was die Krise wiederum versch&auml;rft. Vermutlich stehen wir erst am Beginn der Krise. Die k&uuml;nftigen R&uuml;ckzahlungsausf&auml;lle auf dem Hypothekenmarkt laufen ger&auml;uschlos im Vorzimmer der sogenannten &ldquo;Teasing Rates&rdquo; auf.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]Das hei&szlig;t, dass die Haushalte, die 2005 und 2006 in eine Hypothekenklemme gerieten, erst 2007 und 2008 zahlungsunf&auml;hig werden &ndash; mit gravierenden Folgen f&uuml;r die betreffenden Kreditinstitute. Da die Globalisierung die Finanzm&auml;rkte und mit ihnen die finanzielle Einfalt erfasst, bleiben die Folgen der Krise nicht auf die USA beschr&auml;nkt. Gewiss hat sich vor allem der US-Hypothekenmarkt ins Delirium gesteigert, aber die daraus &ldquo;abgeleiteten&rdquo; Instrumente in Form geb&uuml;ndelter Schuldtitel waren weltweit f&uuml;r alle spekulativen Fonds ein reizvolles Angebot. Selbst die lange als langweilig und altmodisch geltenden, an ihren tristen Privatkundenbanken h&auml;ngenden Deutschen entschieden sich zur Jahrtausendwende, auf die &ldquo;aktiven M&auml;rkte&rdquo; zu setzen. Mit dem Ergebnis, dass 2007 eine Bank wie die IKB am Rande des Abgrunds taumelt, weil sie sich viel zu stark dem Subprime-Risiko ausgesetzt hat.<\/p><p><strong>Phase f&uuml;nf:<\/strong><br>\ndie Ausbreitung der Verdachtsmomente. Mit den ersten Anzeichen der Krise beschleunigten und durchkreuzten sich auf den globalen Finanzm&auml;rkten die Aktionen und Reaktionen. Das empfindliche Gleichgewicht der Derivate hielt nur, solange es von niemandem auf die Probe gestellt wurde, das hei&szlig;t, so lange alle vorgaben, an die Liquidit&auml;t des Derivatemarkts zu glauben. Sobald indes einer der beteiligten Makler unter Druck ger&auml;t und versucht, sich durch Verkauf seiner CDO etwas Luft zu verschaffen, entsteht eine latente Angst &ndash; und alle K&auml;ufer suchen das Weite. Hat sich die Liquidit&auml;t erst einmal verfl&uuml;chtigt, gibt es praktisch keine formal marktf&auml;higen Aktiva mehr. Von hoher Komik, aber auch zum Weinen ist die Mitteilung der franz&ouml;sischen Bankgruppe BNP Paribas, die am 9. August f&uuml;r drei ihrer (nat&uuml;rlich &ldquo;urdynamischen&rdquo;) Fonds die R&uuml;ckzahlungen stoppte: &ldquo;Das Verschwinden der Schuldverbriefungen in einigen Marktsegmenten der Vereinigten Staaten legt die Preisbildungsmechanismen lahm und f&uuml;hrt zu einem quasi totalen Wertverfall der Fondsaktiva, unabh&auml;ngig von deren Qualit&auml;t oder Rating.&rdquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Diese Situation hatte freilich BNP-Chef Baudoin Prot eine Woche vorher nicht gehindert, kategorisch zu best&auml;tigen, dass die Liquidit&auml;t der drei Fonds gesichert sei. Das macht deutlich, dass die allgemeine Nervosit&auml;t auch Tranchen infiziert, die als absolut sicher gelten.<\/p><p>Die Ansteckung macht also nicht auf halbem Wege Halt. Sie erfasst nicht nur alle Risikoklassen im Bereich der RMBS und Derivate, sondern greift auch auf Marktsegmente &uuml;ber, die mit diesen eigentlich nichts zu tun haben (sieht man davon ab, dass sie sich auf die Kreditorgie eingelassen haben). Das gilt insbesondere f&uuml;r den Sektor Private Equity, dem neuerdings prominentesten Sektor der Finanzinvestitionen. Diese Fonds verfolgen die Strategie, als lukrativ eingesch&auml;tzte Unternehmen vollst&auml;ndig aufzukaufen, sie von der B&ouml;rse zu nehmen, einer brutalen Umstrukturierung zu unterziehen und nach wenigen Jahren mit hohem Profit wieder abzusto&szlig;en.<br>\nDiese Fonds verf&uuml;gen &uuml;ber nur wenig Eigenkapital. Bei einem Firmenkauf verschulden sie sich massiv und bestreiten die finanziellen Verpflichtungen aus dem &uuml;bernommenen Unternehmen. Die dank dieser Strategie erzielten Gewinne schossen so exorbitant in die H&ouml;he, dass die Banken sich um die Finanzierung solcher Transaktionen buchst&auml;blich schlugen. In euphorischer Erwartung permanenter Gewinne boten die Banken den neuen Private-Equity-Fonds skandal&ouml;s bequeme Kreditbedingungen.<\/p><p>Da gibt es zum Beispiel eine Finanzierungstechnik, die man &ldquo;Covenant Lite&rdquo; nennt: Hier fehlen alle Klauseln, die normalerweise die finanziellen Risiken abdeckend, wie sie jeder normale Darlehensnehmer unterschreiben muss. Frei nach dem Motto: &ldquo;Macht was ihr wollt, wir sind dabei.&rdquo; Ein Kn&uuml;ller sind auch die Kredite mit der Bezeichnung PIK (Payment In Kind) oder auch IOU (I Owe You). Hier werden die Zinsen und die Schuldensumme nicht in bar getilgt, sondern in Form von zus&auml;tzlich aufgenommenen Krediten. Die auf diese Weise in Private-Equity-Fonds geleiteten, tats&auml;chlich aber ausstehenden Kreditzahlungen haben ein immenses Volumen erreicht.<br>\nTransaktionen dieser Art sind allerdings au&szlig;erordentlich anf&auml;llig, wenn der Moment des &ldquo;Absto&szlig;ens&rdquo; kommt. Dabei geht es um den Wiederverkauf notorisch illiquider Aktiva, und zwar nicht in Form einzelner Aktienpakete, sondern ganzer Unternehmen. Wenn dieses Man&ouml;ver erstmals missgl&uuml;ckt &ndash; weil ein Wiederverkauf unm&ouml;glich oder nur verz&ouml;gert oder mit Verlust m&ouml;glich ist &ndash; wird der gesamte Private-Equity-Sektor eine b&ouml;se &Uuml;berraschung erleben.<\/p><p>Derzeit sind bereits eingeleitete Fonds&uuml;bernahmen nur noch mit M&uuml;he abzuschlie&szlig;en. Die Banken, die lange Jahre prinzipienlose Komplizen waren, halten sich pl&ouml;tzlich stark zur&uuml;ck. Darin zeigt sich ein f&uuml;r Finanzkrisen typischer &ldquo;Amalgameffekt&rdquo;. Nachdem in einem Sektor pl&ouml;tzlich Risiken aufgetaucht sind, denken die Akteure auch in anderen Sektoren &uuml;ber m&ouml;glichen Folgewirkungen nach. So wie 1994 die mexikanische Verschuldungskrise pauschal die &ldquo;Schwellenm&auml;rkte&rdquo; in Verruf brachte und Zweifel &uuml;ber das ziemlich entfernt liegende Thailand aufkommen lie&szlig;, so hat die heutige Immobilienkrise R&uuml;ckwirkungen f&uuml;r die Bewertung von Private Equity. Das eine hat mit dem anderen unmittelbar nichts zu tun &ndash; bis auf den Umstand, dass es in beiden Bereichen mehr oder weniger vergleichbare Exzesse gegeben hat.<\/p><p><strong>Phase sechs:<\/strong><br>\nder Bankenschock. Wenngleich es den Banken insgesamt gelungen ist, ihre Immobilienkreditportfolios durch die &ldquo;Schuldtitel-Strategie&rdquo; abzusto&szlig;en, erleiden die Banken derzeit R&uuml;ckschl&auml;ge an vielen Fronten. Zun&auml;chst lie&szlig;en sie zu, dass die von ihnen verwalteten Fonds mit Derivaten aufgef&uuml;llt wurden, womit das Hypothekenrisiko, das man vor die T&uuml;r gesetzt hatte, durchs Fenster wieder hereinkam. Hinzu kommt die Gefahr wechselseitiger Ansteckung, die insbesondere vom privaten Beteiligungskapital (Private Equity) ausgeht, dessen Krise sie direkt betrifft.<\/p><p>Am Ende wird Vater Staat als Geisel genommen<br>\nIn dieser Situation kennt die Bankenaufsicht keinen Spa&szlig;: Die Institute sind gehalten, bei der Dokumentation ihrer Zahlen, sprich ihrer Solvenz, die Angaben &uuml;ber ihr Eigenkapital strikt von denen &uuml;ber ihre anderen Engagements zu unterscheiden. Wenn negative Wertkorrekturen (auch latente) ans Licht kommen &ndash; und sie k&ouml;nnten in betr&auml;chtlicher H&ouml;he erfolgen, weil die Rating-Agenturen aufgewacht sind und ihre Bewertungen nach unten korrigieren -, sind die Banken zu entsprechenden R&uuml;ckstellungen verpflichtet. Zur Verteidigung ihrer Bonit&auml;tsrate m&uuml;ssen sie dann die bewilligten Kreditsummen in Relation zum Eigenkapital (abz&uuml;glich R&uuml;ckstellungen) verringern.<br>\nLetztendlich sind es, wie immer, die von der spekulativen Gier besonders weit entfernten &ldquo;realen&rdquo; Akteure, denen die Kredith&auml;hne zugedreht werden, weil die Banken in allen Bereichen weniger Geld ausleihen, um ihre Bilanzen aufzubessern. Das trifft auch die Unternehmen der Realwirtschaft und ihre Besch&auml;ftigten, die dann kaum begreifen, womit sie das verdient haben.<\/p><p><strong>Phase sieben:<\/strong><br>\nHilferuf an die Zentralbanken. Nachdem unsere Finanzhelden sich auf dem H&ouml;hepunkt des Booms zur Speerspitze des Fortschritts ernannt und entsprechend arrogant aufgef&uuml;hrt haben, sehen sie in der Krise ziemlich alt aus. Jetzt werfen sie sich weinend an die Brust von &ldquo;Vater Staat&rdquo;, die sie noch bekotzt haben, solange sie glaubten, angesichts ihrer Finanzmacht alle Grenzen missachten zu k&ouml;nnen. Nun soll die Zentralbank sie vor der Pleite bewahren, indem sie die Leitzinsen senkt und f&uuml;r neue Liquidit&auml;t in den M&auml;rkten sorgt. Die Zentralbank ist zwar nicht dem Staat gleichzusetzen. Aber sie ist eine &ouml;ffentliche, vom Markt unabh&auml;ngige Instanz, die man verachtet, solange die Profite flie&szlig;en, aber um Hilfe anfleht, sobald der Wind sich dreht.<\/p><p>Die Szene ist surreal und real zugleich: Jim Cramer, der beim B&ouml;rsenkanal CNBC &ndash; untermalt von Hardrock und mit Buzzer und B&ouml;rseneinblendungen &ndash; in Hemds&auml;rmeln eine popul&auml;re Sendung mit Finanztipps betreibt, ist dem Nervenzusammenbruch nahe und br&uuml;llt auf US-Notenbankchef Ben Bernanke ein: &ldquo;Cut! Cut!&rdquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Als Bernanke den Eindruck erweckt, dass er es mit der Senkung der Leitzinsen nicht allzu eilig hat, schleudert Cramer ihm die schlimmste aller Beleidigungen entgegen: Er habe nichts kapiert, er sei ja nur ein &ldquo;Akademiker&rdquo;.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Auch die anderen befragten Experten, die besser gekleideten und nicht so vulg&auml;r herumschreienden Fondsverwalter, sind mit Cramers Urteil absolut einverstanden. Und wie sie jetzt alle Alan Greenspan nachweinen, der stets ohne jedes Z&ouml;gern die Zinsen &ldquo;gekappt&rdquo; hat. Der war noch ein echter Praktiker, unbelastet von &uuml;berfl&uuml;ssigen Studien, der musste nur den Hintern der Bestie bef&uuml;hlen und wusste sofort, wann die Geldpolitik Gas geben musste! <\/p><p>Weniger Uneinsichtige gestehen sich mittlerweile allerdings ein, dass Greenspans langj&auml;hrige laxe Geldpolitik zu den Exzessen der Finanzjongleure und zum Aufpumpen der Blase beigetragen hat, die jetzt am Platzen ist. Ben Bernanke scheint derzeit noch davon auszugehen, dass die tollk&uuml;hnsten Makler die Folgen ihres Leichtsinns zu tragen haben, und verordnet eher dosierte Liquidit&auml;tshilfen. Doch sollte man sich davon nicht t&auml;uschen lassen.<\/p><p>Dieser Standpunkt des Zentralbankchefs ist nur haltbar, solange die Ausf&auml;lle begrenzt bleiben. Sollten sie sich ausweiten und eine &ldquo;Systemkrise&rdquo; heraufbeschw&ouml;ren &ndash; oder einen Dominoeffekt ausl&ouml;sen, der zu einem allgemeinen Crash der Finanzm&auml;rkte f&uuml;hrt -, dann wird eine massive Intervention des Staates unvermeidlich.<br>\nDies ist &uuml;brigens bei allen &uuml;blen Machenschaften der Finanzwelt derjenige Aspekt, der weitaus am unertr&auml;glichsten ist. Durch die Strukturen des herrschenden System ermutigt, &uuml;berschreiten die ma&szlig;geblichen Akteure immer wieder die Schwelle zur Krise. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Aufsichtsbeh&ouml;rden nicht mehr l&auml;nger wegsehen k&ouml;nnen. Der Staat als &ldquo;letzter Gl&auml;ubiger&rdquo; ist gezwungen, f&uuml;r die Hasardeure das Eisen, sprich den verlorenen Einsatz, aus dem Feuer zu holen. Die perfekte Geiselnahme.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Pierre-Antoine Delhommais, &ldquo;Le Monde, 9. August 2007. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Hyman P. Minsky, &ldquo;Stabilizing an Unstable Economy&rdquo;, Yale (University Press) 1986.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] &ldquo;Mortgage Maze May Increase Forclosures&rdquo;, &ldquo;The New York Times, 6. August 2007.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Diese Verf&uuml;gung sch&uuml;tzt die Unternehmen vor allzu ungeduldigen Gl&auml;ubigern (Zahlungsaufschub f&uuml;r Sozialschulden). Sie entbindet den Arbeitgeber von seinen Verpflichtungen und verschafft ihm die M&ouml;glichkeit, Lohnvereinbarungen neu zu verhandeln.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Es handelt sich um (f&uuml;r deren H&auml;ndler) attraktive Umschuldungspakete, wobei die Makler ihre Kunden nach der Regel &ldquo;2 + 28&rdquo; k&ouml;dern: zwei Jahre zu einem bescheidenen Zinssatz, danach 28 Jahre zum vollen Satz, der richtig schmerzt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Mitteilung BNPParibas, 9. August 2007, Hervorhebung durch den Autor.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] CNBC, 3. August 2007, siehe: www.youtube.com\/watch?v=GKZgfrsItmw.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Ben Bernanke war lange Zeit Professor f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften.<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Aus dem Franz&ouml;sischen von Dietmar Trempenau<br>\nFr&eacute;d&eacute;ric Lordon ist Autor von &ldquo;Et la vertu sauvera le monde? Apr&egrave;s la d&eacute;b&acirc;cle financi&egrave;re, le salut par l&rsquo;&eacute;thique&rdquo;, Paris (Raisons d&rsquo;agir) 2003.<br>\nLe Monde diplomatique Nr. 8378 vom 14.9.2007, 145 Zeilen, Fr&eacute;d&eacute;ric Lordon<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann die aktuelle Krise an den Finanzm&auml;rkten zu Ende sein wird, wei&szlig; niemand. Auch deshalb l&auml;sst sich nicht sicher voraussagen, ob und wie stark sie auf die reale Wirtschaft &uuml;bergreifen wird. Klar ist nur, dass diese Krise geradezu Modellcharakter hat: An ihrem Ablauf l&auml;sst sich studieren, welche Mechanismen in der Welt der Derivate und der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2929\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50],"tags":[241,283,285,1246,233],"class_list":["post-2929","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","tag-bankenrettung","tag-finanzmaerkte","tag-hedgefonds","tag-immobilienblase","tag-marktliberalismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2929","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2929"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2929\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29208,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2929\/revisions\/29208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2929"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2929"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2929"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}