{"id":29305,"date":"2015-12-03T09:23:26","date_gmt":"2015-12-03T08:23:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29305"},"modified":"2019-01-04T12:29:59","modified_gmt":"2019-01-04T11:29:59","slug":"steueroase-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29305","title":{"rendered":"Steueroase Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Wenn von Steueroasen die Rede ist, dann denkt man meist an die Bahamas oder die Kaiman Inseln, in Europa an die Schweiz und Luxemburg, oder vielleicht noch an Malta und die Kanalinseln Guernsey und Jersey. In Deutschland hingegen bringt man mit Steuervergehen allenfalls prominente Einzelf&auml;lle wie Uli Hoene&szlig;, Alice Schwarzer und den Ex-Postchef Klaus Zumwinkel in Verbindung. Die Politik hingegen genie&szlig;t in punkto Bek&auml;mpfung von Steuerkriminalit&auml;t einen guten Ruf. Die Ank&auml;ufe von Steuer-CDs und die Unterzeichnung des Abkommens zum automatischen Informationsaustausch im vergangenen Jahr scheinen dies zu best&auml;tigen. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29305#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDass die Realit&auml;t jedoch eine andere ist, zeigt das neue Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Meinzer-Steueroase-Deutschland\/productview.aspx?product=13657015&amp;pac=weco_lsw\">Steueroase Deutschland &ndash; Warum bei uns viele Reiche keine Steuern zahlen<\/a>&ldquo;  von Markus Meinzer, Steueranalyst bei der Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network. &bdquo;Wie viele andere Staaten geriet die Bundesrepublik seit Mitte der 1980er Jahre in den Sog der Steueroasen-Strategien und wurde dabei selbst zu einer solchen&ldquo;, konstatiert Meinzer. Seit 2009 ver&ouml;ffentlicht Tax Justice Network einen <a href=\"http:\/\/steuergerechtigkeit.blogspot.de\/2015\/11\/schattenfinanzindex-2015-deutschland.html\">Schattenfinanzindex<\/a>. Demnach z&auml;hlt Deutschland inzwischen zu den zehn gr&ouml;&szlig;ten Schattenfinanzpl&auml;tzen der Welt.<\/p><p>Der Befund &bdquo;Steueroase&ldquo; l&auml;sst sich im Falle Deutschlands allerdings nicht an klassischen Merkmalen wie niedrigen Steuers&auml;tzen oder der Existenz zahlloser anonymer Briefkastenfirmen festmachen. Vielmehr wird bei der Lekt&uuml;re des Buches allm&auml;hlich deutlich, dass hierzulande in Steuerfragen ein enormes Vollzugsdefizit herrscht, das sich mit Schlagworten wie &bdquo;organisierte Verantwortungslosigkeit&ldquo;, &bdquo;vorauseilender Gehorsam&ldquo;, &bdquo;Gestaltungsohnmacht&ldquo; oder &bdquo;Handeln durch Unterlassen&ldquo; beschreiben l&auml;sst.<\/p><p>Sichtbar wird dies etwa an der hohen Attraktivit&auml;t Deutschlands f&uuml;r ausl&auml;ndisches Kapital. Meinzer spricht in diesem Zusammenhang auch von der &bdquo;Steuerfluchtburg Deutschland&ldquo;. Seinen Sch&auml;tzungen zufolge sind hierzulande bis zu drei Billionen Euro internationaler Gelder steuerfrei investiert. Grund daf&uuml;r ist, dass Ausl&auml;nder auf Zinsen, die sie auf deutschen Konten vereinnahmen, keine Steuern zahlen m&uuml;ssen. Die Finanz&auml;mter in den Herkunftsl&auml;ndern erfahren von diesen steuerfreien Gewinnen in der Regel nichts.<\/p><p>Selbst auf B&uuml;rger aus der Steueroase Schweiz &uuml;bt der deutsche Finanzplatz einen gewissen Reiz aus. Ein besonderes Datum ist hier der 8. Dezember; in &Ouml;sterreich, Liechtenstein und den katholisch gepr&auml;gten Kantonen der Schweiz der Feiertag Maria Empf&auml;ngnis. Ein Feiertagsausflug wird dann gerne mal mit einem Besuch bei einer Bank im s&uuml;ddeutschen Raum verbunden, nicht selten um dort Schwarzgeld loszuwerden. Im s&uuml;dbadischen Jestetten etwa wurde vor einigen Jahren mit versteckter Kamera gefilmt, wie ein Kunde aus der Schweiz bei der &ouml;rtlichen Sparkasse 12.000 Euro in gebrauchten Scheinen auf ein neu er&ouml;ffnetes Konto eingezahlt hatte. Fragen zur Herkunft der Gelder wurden ihm keine gestellt.<\/p><p>Solche Praktiken locken freilich auch Kunden ganz anderen Kalibers an. Meinzer spricht von &bdquo;Mafiosi, Steuerfl&uuml;chtlingen, Diktatoren, gro&szlig;en und kleinen Finanzjongleuren&ldquo;, die sich auf dem deutschen Finanzplatz tummeln oder tummelten. Mit dabei der fr&uuml;here Staatschef Libyens, Muammar al-Gaddafi, der gest&uuml;rzte tunesische Machthaber Ben-Ali, &Auml;gyptens Ex-Pr&auml;sident Hosni Mubarak, der chilenische Diktator Augusto Pinochet oder auch die kalabrische Mafia &acute;Ndrangheta, f&uuml;r die Deutschland so etwas wie die zweite Heimat ist.<\/p><p>Ein weiteres Problemfeld sind die steuerlichen Aktivit&auml;ten von Apple, Amazon und Co. Zwar ist sp&auml;testens seit der Steueraff&auml;re &bdquo;LuxLeaks&ldquo; bekannt, dass internationale Gro&szlig;konzerne ihre Gewinne gerne mit allerlei Tricks und Kniffen kleinrechnen und in Steueroasen verschieben, wo sie dann nur minimal besteuert werden. Umso weniger wei&szlig; man jedoch dar&uuml;ber, dass solche Praktiken von der hiesigen Politik durchaus geduldet werden. Der Grund: Man will die Exporterfolge deutscher Unternehmen nicht gef&auml;hrden.<\/p><p>Sichtbar wird dies an solchen technischen Details wie der Betriebsst&auml;ttenregelung. Die Frage, was eine Betriebsst&auml;tte ist, spielt n&auml;mlich bei der Aufteilung der Konzerngewinne auf die einzelnen L&auml;nderniederlassungen eine zentrale Rolle. Die Bundesregierung macht sich hier bei der OECD und den Vereinten Nationen f&uuml;r eine sehr enge Definition stark. Dies beg&uuml;nstigt deutsche Firmen auf den Auslandsm&auml;rkten. Im Gegenzug nimmt man daf&uuml;r offenbar bereitwillig in Kauf, dass sich Konzerne wie Apple und Amazon hierzulande weitgehend steuerfrei bewegen k&ouml;nnen.<\/p><p>Einen der Gr&uuml;nde f&uuml;r die laxe Haltung in Fragen der internationalen Besteuerung sieht Meinzer darin, dass die Politik den Steuerwettbewerb nach wie vor als wichtigen Standortfaktor betrachtet. Deutschland habe sich inzwischen zu einem &bdquo;Beschleuniger ruin&ouml;sen Steuerdumpings&ldquo; gemausert, bemerkt er. &bdquo;Nur Bulgarien hat in der EU zwischen 2000 und 2013 den K&ouml;rperschaftssteuersatz st&auml;rker gesenkt als Deutschland.&ldquo; Und bei der tats&auml;chlichen Steuerbelastung der Kapitaleink&uuml;nfte liege Deutschland inzwischen sogar weit unter dem EU-Durchschnitt.<\/p><p>Als weiteres Problem hat Meinzer den f&ouml;deralen Aufbau der Bundesrepublik identifiziert. Weil die Finanzverwaltung in Deutschland L&auml;ndersache ist, gibt es keinen einheitlichen Steuervollzug. Weder arbeiten die Steuerverwaltungen in den einzelnen L&auml;ndern mit einer einheitlichen Software, noch gibt es einheitliche Praktiken bei Steuerfahndung und Betriebspr&uuml;fung. In Bayern etwa haben mittelgro&szlig;e Betriebe nur alle 20 Jahre den Besuch eines Betriebspr&uuml;fers zu f&uuml;rchten. Die Vorgaben der Finanzministerkonferenz liegen dagegen bei acht bis zehn Jahren. Dies schafften zuletzt nur Berlin, das Saarland und Sachsen-Anhalt.<\/p><p>Das Ganze hat freilich Methode. Denn gerade reiche Bundesl&auml;nder haben oft kein Interesse daran, ihre Firmen sch&auml;rfer zu kontrollieren, obwohl zus&auml;tzliche Betriebspr&uuml;fer erwiesenerma&szlig;en deutlich mehr Gelder einbringen als sie kosten. Grund f&uuml;r die &bdquo;Einstellungsrenitenz&ldquo; ist der L&auml;nderfinanzausgleich. Denn w&auml;hrend die Kosten f&uuml;r zus&auml;tzliche Betriebspr&uuml;fer voll bei den L&auml;ndern anfallen, flie&szlig;en die zus&auml;tzlichen Ertr&auml;ge zum Teil an den Bund und andere L&auml;nder ab. Hier liegt der Verdacht nahe, dass L&auml;nder mittels gewollter Personalknappheit Standortpolitik betreiben. Dies geht sogar so weit, dass besonders erfolgreiche Betriebspr&uuml;fer, <a href=\"http:\/\/www.capital.de\/themen\/wie-der-staat-unbequeme-steuerfahnder-kaltstellt.html\">wie in Hessen vor einigen Jahren geschehen, kurzerhand f&uuml;r verr&uuml;ckt erkl&auml;rt werden<\/a>.<\/p><p>Doch nicht nur beim Steuervollzug, sondern auch bei der Bek&auml;mpfung von Geldw&auml;sche treten eklatante Defizite zutage. &bdquo;Die Aufsicht &uuml;ber die Einhaltung der Geldw&auml;schepr&auml;vention im Nichtfinanzsektor bleibt st&uuml;mperhaft&ldquo;, konstatiert Meinzer und berichtet in diesem Zusammenhang von einer viel zu &bdquo;d&uuml;nnen Personaldecke&ldquo; und einem &bdquo;undurchdringlichen Beh&ouml;rdendschungel&ldquo;. Selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble soll bei einer internen Besprechung Ende 2011 nicht gewusst haben, dass sein Haus &uuml;berhaupt f&uuml;r Geldw&auml;sche zust&auml;ndig ist.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/9d82edd80ea94fe6b6a44854c8c16118\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn von Steueroasen die Rede ist, dann denkt man meist an die Bahamas oder die Kaiman Inseln, in Europa an die Schweiz und Luxemburg, oder vielleicht noch an Malta und die Kanalinseln Guernsey und Jersey. 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