{"id":2936,"date":"2008-01-31T10:45:54","date_gmt":"2008-01-31T09:45:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2936"},"modified":"2019-02-15T12:49:24","modified_gmt":"2019-02-15T11:49:24","slug":"christoph-butterwegge-niederlage-fuer-den-rechtspopulismus-oder-was-ist-eigentlich-populismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2936","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge: Niederlage f\u00fcr den Rechtspopulismus oder: Was ist eigentlich Populismus"},"content":{"rendered":"<p>Durch die Stimmungsmache gegen&uuml;ber jungen Migranten, die im hessischen Landtagswahlkampf 2007\/08 von Ministerpr&auml;sident Roland Koch als potenzielle Gewaltt&auml;ter verunglimpft, von der Bild-Zeitung &uuml;ber Wochen hinweg zum innenpolitischen Kardinalproblem emporstilisiert und von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher der &bdquo;Deutschenfeindlichkeit&ldquo; bezichtigt wurden, hat der Begriff &bdquo;Rechtspopulismus&ldquo; wieder gr&ouml;&szlig;ere Aktualit&auml;t gewonnen. Dass die rassistische Kampagne keinen Erfolg zeitigte, sondern der hessischen CDU enorme Stimmenverluste bescherte, &auml;ndert nichts an der Tatsache, dass sie die politische Kultur des Landes besch&auml;digt und dem friedlichen Zusammenleben seiner Bewohner\/innen einen B&auml;rendienst erwiesen hat. Von  Christoph Butterwegge.<br>\n<!--more--><br>\nDer zuletzt beinahe inflation&auml;r verwendete <em>Populismus<\/em>begriff ist aus zwei Gr&uuml;nden schillernd und unscharf. Einerseits fallen darunter h&auml;ufig link(sradikal)e genauso wie recht(sextrem)e und basis- bzw. radikaldemokratische genauso wie antidemokratische Str&ouml;mungen, was seine Offenheit f&uuml;r unterschiedliche Strategien und Taktiken signalisiert, aber auch inhaltliche Mehrdeutigkeit, Verschwommenheit und Konturlosigkeit bedingt. Andererseits wird h&auml;ufig so getan, als sei &bdquo;Rechtspopulismus&ldquo; das demokratisch gel&auml;uterte, zumindest sehr viel moderatere Pendant zum Rechtsextremismus, nicht etwa nur eine Spezialform desselben. Dies bringt jedoch weitere Abgrenzungsprobleme mit sich, ohne gleichzeitig mehr terminologische Klarheit zu schaffen. Missverst&auml;ndlich ist der Populismusbegriff insofern, als daf&uuml;r zwei unterschiedliche Deutungsmuster existieren, die wir nachfolgend darstellen und kommentieren wollen.<\/p><p>Das <em>erste<\/em>, in der Forschungslandschaft wie in der Fachliteratur klar dominante Deutungsmuster begreift Populismus als Politik(vermittlungs)form und Regierungsstil, welcher von Personen, Parteien oder Koalitionen ganz unterschiedlicher Couleur praktiziert werden kann, was man ggf. mittels der Differenzierung zwischen Links- und Rechtspopulismus zum Ausdruck bringt. Nach herrschender Lehre charakterisiert der Populismus gar nicht die <em>Politik<\/em> einer Partei, sondern nur die <em>Art<\/em>, wie sie gemacht und\/oder &bdquo;an den Mann gebracht&ldquo; wird.<\/p><p>Ein gewisses rhetorisches Talent und die argumentative Demagogie seiner f&uuml;hrenden Repr&auml;sentanten sind auff&auml;llige Merkmale des Populismus, aber nicht f&uuml;r ihn konstitutiv. Nach gr&ouml;&szlig;erer Popularit&auml;t zu streben, &bdquo;dem Volk aufs Maul zu schauen&ldquo; und komplexe Zusammenh&auml;nge leicht verst&auml;ndlich darzustellen, ist h&ouml;chstens dann populistisch, wenn damit die Manipulation von Menschen zugunsten einer privilegierten Minderheit verbunden ist. Unbefriedigend bleibt eine blo&szlig;e Formaldefinition f&uuml;r Populismus, wenn sie keinerlei inhaltliche Festlegung enth&auml;lt. Die Bezeichnung eines Parteiprogramms als &bdquo;populistisch&ldquo; ist sowenig aussagekr&auml;ftig wie der Begriff &bdquo;Protestpartei&ldquo;, weil in beiden F&auml;llen keine Aussage &uuml;ber die dahinter steckende Ideologie getroffen wird.<\/p><p>Das <em>zweite<\/em> Deutungsmuster versteht unter Populismus eine st&auml;rker inhaltlich bestimmte Konzeption. Sie ist aufgrund ihrer Konstruktion eines (ethnisch) homogenen Volkes, das sie den &bdquo;korrupten Eliten&ldquo; gegen&uuml;berstellt, mit einer linken Weltanschauung bzw. deren Hauptstr&ouml;mungen (Sozialismus, Reformismus und Kommunismus) die Klassen und Schichten zu Basiskategorien ihrer Topografie der Gesellschaft machen, unvereinbar, aber mit den b&uuml;rgerlichen Grundrichtungen (Liberalismus und Konservatismus), die zwischen den genannten Gro&szlig;gruppen keine Interessengegens&auml;tze zu erkennen verm&ouml;gen, durchaus harmoniert. <em>Rechts<\/em>populismus w&auml;re f&uuml;r diese Orientierung zwar der treffendere Begriff, was allerdings nicht ausschlie&szlig;t, dass sich auch Str&ouml;mungen der &bdquo;Mitte&ldquo; oder der Linken zumindest vor&uuml;bergehend solcher Argumentationsmuster und entsprechender Agitationstechniken bedienen.<\/p><p>Populismus ist mehr als eine Stilfrage und eine Agitationstechnik, worauf schon die Etymologie des Terminus verweist, denn die urspr&uuml;ngliche Wortbedeutung l&auml;sst den Anspruch damit Bezeichneter erkennen, n&auml;mlich Politik im Namen des Volkes und\/oder f&uuml;r das Volk zu machen. Je nachdem, ob man diese Zielgruppe im Sinne von &bdquo;ethnos&ldquo; oder &bdquo;demos&ldquo; versteht, bildet das &bdquo;eigene&ldquo; oder das &bdquo;gemeine Volk&ldquo; den Fixpunkt. Zwar haben Rechtspopulisten nur wenig Hemmungen, ihrerseits &ndash; etwa als Parlamentsabgeordnete oder Minister &ndash; die Privilegien der M&auml;chtigen und Regierenden in Anspruch zu nehmen, verlangen von diesen jedoch, sich nicht pers&ouml;nlich zu bereichern, sondern sich selbstlos &bdquo;der Sache des Volkes&ldquo; anzunehmen. Rechtspopulisten stellen zwar die soziale Frage, ohne sie jedoch &uuml;berzeugend zu beantworten. Meistens verkn&uuml;pfen solche Gruppierungen die <em>soziale<\/em> mit der <em>nationalen<\/em> Frage, obwohl eine Verbindung von <em>sozialer<\/em> und <em>demokratischer<\/em> Frage n&ouml;tig w&auml;re, um sie zu l&ouml;sen.<\/p><p>Da sich der Rechtsextremismus im Hinblick auf seine Ideologieproduktion und Strategiediskussion sp&uuml;rbar modernisiert, programmatisch erneuert und vom Nationalsozialismus mehr oder weniger &uuml;berzeugend distanziert sowie aufgrund der Vielfalt von ihm mittlerweile besetzter Handlungsfelder, Aktionsformen und Organisationszusammenh&auml;nge erheblich ausdifferenziert hat, sollten nur jene (Partei-)Organisationen, Str&ouml;mungen und Bestrebungen als rechts<em>populistisch<\/em> bezeichnet werden, die den Dualismus von &bdquo;Volk&ldquo;, &bdquo;Bev&ouml;lkerung&ldquo; bzw. &bdquo;m&uuml;ndigen B&uuml;rgern&ldquo; und &bdquo;Elite&ldquo;, &bdquo;Staatsb&uuml;rokratie&ldquo; bzw. &bdquo;politischer Klasse&ldquo; zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Agitation und Propaganda machen, ohne militante Z&uuml;ge aufzuweisen und Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele anzuwenden oder anzudrohen. Innerhalb des Rechtspopulismus kann man idealtypisch vier Grundvarianten unterscheiden:<\/p><ol>\n<li>Wenn die Kritik an einem vermeintlich &uuml;berbordenden, die Volkswirtschaft l&auml;hmenden und den eigenen Wirtschaftsstandort gef&auml;hrdenden Wohlfahrtsstaat im Mittelpunkt der Propaganda einer Rechtspartei steht, w&auml;re von &bdquo;<em>Sozial<\/em>populismus&ldquo; zu sprechen. Man nutzt den unterschwellig vorhandenen, oft in der politischen und medialen &Ouml;ffentlichkeit gesch&uuml;rten Sozialneid gegen&uuml;ber noch &Auml;rmeren &ndash; in diesem Fall: den angeblich &bdquo;faulen&ldquo; bzw. &bdquo;arbeitsscheuen&ldquo; Erwerbslosen und Sozialhilfeempf&auml;nger(inne)n &ndash;, um von den eigentlichen Verursachern der sich vertiefenden Kluft im Land abzulenken. Von einem Sozialpopulismus kann allerdings dann nicht ernsthaft die Rede sein, wenn man z.B. kritisiert, dass Transferleistungen wie die Altersrente und die Arbeitslosenhilfe gek&uuml;rzt bzw. gestrichen werden.<\/li>\n<li>Konzentriert sich eine rechte Gruppierung auf die Stigmatisierung und Diskriminierung von Straff&auml;lligen, pl&auml;diert sie energisch f&uuml;r &bdquo;mehr H&auml;rte&ldquo; der Gesellschaft im Umgang mit ihnen und nimmt sie besonders Drogenabh&auml;ngige, Bettler\/innen und Sexualstraft&auml;ter ins Visier, um die W&auml;hler\/innen mit einem Szenario der permanenten Bedrohung zu erschrecken, handelt es sich um <em>Kriminal<\/em>populismus, der die &bdquo;anst&auml;ndigen B&uuml;rger&ldquo; gegen den &bdquo;gesellschaftlichen Abschaum&ldquo; mobilisiert und seine Kampagnen auf dem R&uuml;cken von sozial benachteiligten Minderheiten inszeniert. H&auml;ufig genug spielt die Boulevardpresse dabei eine unr&uuml;hmliche Rolle als Sprachrohr einer intoleranten und illiberalen Mehrheitsgesellschaft.<\/li>\n<li>Steht mehr der staatliche Innen-au&szlig;en-Gegensatz bzw. die angebliche Privilegierung von Zuwanderern gegen&uuml;ber den Einheimischen oder die &bdquo;kulturelle &Uuml;berfremdung&ldquo; im Vordergrund, handelt es sich um <em>National<\/em>populismus. Charakteristisch ist f&uuml;r ihn, dass die zunehmende Pauperisierung breiter Bev&ouml;lkerungsschichten &ndash; &uuml;brigens vor allem <em>ethnischer<\/em> Minderheiten &ndash; nicht etwa als Konsequenz ihrer Diskriminierung (z.B. im Bildungsbereich sowie auf dem Arbeitsmarkt) und einer ungerechten Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen, vielmehr als Resultat der zu gro&szlig;en Durchl&auml;ssigkeit bzw. Aufhebung der Grenzen f&uuml;r Migrant(inn)en thematisiert und die Angst vor einer &bdquo;&Uuml;berflutung&ldquo; bzw. &bdquo;-fremdung&ldquo; durch diese kultiviert wird.<\/li>\n<li>Sofern eine Rechtspartei neben den genannten Themen die &bdquo;Systemfrage&ldquo; in den Mittelpunkt r&uuml;ckt und sich vor allem die Entfremdung vieler B&uuml;rger\/innen gegen&uuml;ber dem bestehenden Regierungs- bzw. Parteiensystem (&bdquo;Politikverdrossenheit&ldquo;) zunutze macht, das sie als verrottet oder korrupt ablehnt und mit dem Ziel einer Systemver&auml;nderung &ndash; meist unter dem Etikett der Erneuerung &ndash;  bek&auml;mpft, erreicht die populistische Zuspitzung eine andere Qualit&auml;t, was die Bezeichnung &bdquo;<em>Radikal<\/em>populismus&ldquo; rechtfertigt. Bei dieser Variante legt eine populistische Bewegung den Ma&szlig;stab f&uuml;r ihr eigenes (politisches) Verhalten sehr hoch. Umso leichter kann sie daran gemessen und &ndash; wie schon oft geschehen (z.B. die Schill-Partei oder die NPD) &ndash; selbst der politischen Unf&auml;higkeit, Inkompetenz und Korruptionsanf&auml;lligkeit &uuml;berf&uuml;hrt werden.<\/li>\n<\/ol><p><em>Vom Verfasser &uuml;berarbeiteter Auszug aus: Christoph Butterwegge, Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus, in: ders.\/Gudrun Hentges (Hrsg.), Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, &Ouml;sterreich und der Schweiz, Opladen\/Farmington Hills (Verlag Barbara Budrich) 2008, 306 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-86649-071-0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch die Stimmungsmache gegen&uuml;ber jungen Migranten, die im hessischen Landtagswahlkampf 2007\/08 von Ministerpr&auml;sident Roland Koch als potenzielle Gewaltt&auml;ter verunglimpft, von der Bild-Zeitung &uuml;ber Wochen hinweg zum innenpolitischen Kardinalproblem emporstilisiert und von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher der &bdquo;Deutschenfeindlichkeit&ldquo; bezichtigt wurden, hat der Begriff &bdquo;Rechtspopulismus&ldquo; wieder gr&ouml;&szlig;ere Aktualit&auml;t gewonnen. Dass die rassistische Kampagne keinen Erfolg zeitigte, sondern der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2936\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[159,125,11],"tags":[459,257,1191,786],"class_list":["post-2936","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-rechte-gefahr","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bild","tag-koch-roland","tag-populismus","tag-schirrmacher-frank"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2936"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49377,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2936\/revisions\/49377"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}