{"id":2937,"date":"2008-02-01T09:19:33","date_gmt":"2008-02-01T08:19:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2937"},"modified":"2015-11-29T14:15:56","modified_gmt":"2015-11-29T13:15:56","slug":"historiker-melden-sich-in-der-aktuellen-debatte-auch-deshalb-zu-wort-weil-sie-heute-schon-linien-der-geschichtsschreibung-festzurren-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2937","title":{"rendered":"Historiker melden sich in der aktuellen Debatte auch deshalb zu Wort, weil sie heute schon Linien der Geschichtsschreibung festzurren wollen"},"content":{"rendered":"<p>Der am 30.1. in der Frankfurter Rundschau abgedruckte Essay des Historikers G&ouml;tz Aly &bdquo;Die V&auml;ter der 68er&ldquo; hat in den <a href=\"?p=2935\">Hinweisen vom 31.1. (Nr. 14)<\/a> schon den passenden Kommentar von Wolfgang Lieb ausgel&ouml;st. Ich komme darauf zur&uuml;ck, weil dieser Vorgang wieder ein sch&ouml;nes Beispiel f&uuml;r den Versuch mancher Historiker ist, durch vehemente Pr&auml;gung der aktuell herrschenden Meinung auch die Geschichtsschreibung zu pr&auml;gen. Das ist dann sozusagen die Fortsetzung der Manipulation in alle Ewigkeit. Dazu ein paar F&auml;lle aus der Vergangenheit und aus der Zukunft. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Beginnen wir mit G&ouml;tz Aly und seinem Versuch, Gemeinsamkeiten der 68er mit der jungen Generation der Nazis von 1933 zu konstruieren und sie nebenbei noch als ziemlich unerheblich erscheinen zu lassen. Daran stimmt vieles nicht:\n<ul>\n<li>Die 68er waren keine homogene Bewegung. Rudi Dutschke und drei andere zu zitieren und daran festzumachen, dass die 68er zu gewaltt&auml;tigen Aktionen neigten, zur totalit&auml;ren Sprache, zur Feindschaft gegen das &bdquo;System&ldquo; und die &bdquo;Schei&szlig;-Liberalen&ldquo; &ndash; das reicht nicht. Damit kann man jede Differenzierung erschlagen. Es gab eine Unzahl von Personen in der damaligen Studenten-Bewegung, die damit nichts am Hut hatten und sich dennoch in Demonstrationen einreihten und f&uuml;r etwas andere Lebensformen und Erziehungsmethoden einsetzten.<\/li>\n<li>Wer diese Differenzierung nicht macht, verkennt dann auch die Wirkung der 68er auf die weitere Entwicklung in unserem Land. Die vielen Nicht-Wortf&uuml;hrer in der damaligen Studentenbewegung pr&auml;gten diese Bewegung und wurden davon gepr&auml;gt &ndash; zum gro&szlig;en Teil mit segensreicher Wirkung f&uuml;r das politische Engagement einer ganzen Generation, wie auch z. B. f&uuml;r den Umgang der Eltern mit ihren Kindern und mit anderen in unserer Gesellschaft insgesamt. Die Wirkung dieses Geistes, der nichts mit Gewaltt&auml;tigkeit und Radikalismus zu tun hatte, wird weit untersch&auml;tzt.<\/li>\n<li>Einfach mal so Gegnerschaft zum &bdquo;System&ldquo; und damit bei diesem Sprachgebrauch Gegnerschaft zum parlamentarischen, demokratischen System insgesamt zu unterstellen, ist historisch falsch &ndash; und unglaublich grob geschnitzt. Waren denn die vielen Anti-Springerdemonstrationen gegen das &bdquo;System&ldquo; gerichtet? Im Gegenteil: hier haben junge Leute die Realisierung der Versprechen des Systems, n&auml;mlich auf m&ouml;glichst freie und nicht-manipulierte Meinungsbildung, eingefordert.<\/li>\n<li>Gegen Ende seines Essays zitiert G&ouml;tz Aly den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger als Zeuge f&uuml;r die Behauptung, &bdquo;die 68er-Studenten h&auml;tten sich haupts&auml;chlich f&uuml;r Konflikte organisiert, &sbquo;die ihre Wurzel im Ausland haben&rsquo;, gerade so als g&auml;be es in Deutschland nicht genug zu besprechen. Seiner Ansicht nach folgten sie der &bdquo;merkw&uuml;rdigen Illusion&ldquo;, sie k&ouml;nnten so &bdquo;aus der deutschen Geschichte flehen.&ldquo;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dieser Historiker Aly scheint irgendwo anderswo zu leben, oder er hat sich im Archiv vergriffen. Oder er ist entschlossen, die 68er als verantwortungslos darstellen. Denn es ging ihnen ja partout nicht nur um Vietnam und um die damals endlich begonnene Sorge um die Entwicklungsl&auml;nder. Es ging um die Hochschulen und ihren Zustand, um die Wahrung der Informations- und Pressefreiheit, um die Bild-Zeitung, auch um die Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung, und um die Wirtschaftsordnung, um Marktversagen, w&uuml;rde man heute sagen. Teilweise hatten die damals  jungen Leute etwas &uuml;bertriebene Vorstellungen davon, was man mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel erreichen k&ouml;nnte. Deshalb konzentrierten sich viele von ihnen auf diesen Vorschlag. Aber das kann man ihnen erstens nicht &uuml;belnehmen und zweitens beschr&auml;nkte sich diese Konzentration auf ein kleines Segment in der gesamten Bewegung.<\/p>\n<p>Vermutlich kann ich hier schreiben, was ich will. Die heute gepflanzten Vorurteile nach dem Muster des Historikers G&ouml;tz Aly werden in die Geschichtsschreibung eingehen. So ist es auch gedacht.<\/p><\/li>\n<li><strong>So hat es mit anderen Vorurteilen in der Vergangenheit funktioniert.<\/strong><br>\nAuf eine zusammenh&auml;ngende Serie Willy Brandt betreffend bin ich in den NachDenkSeiten schon einmal eingegangen: die Behauptung, der Bundeskanzler Willy Brandt sei wirtschafts- und gesellschaftspolitisch ein Versager gewesen. Er sei ein Au&szlig;en-Kanzler gewesen, er sei ein Opfer des Linksrucks seiner Partei und so weiter. Das ist ein Komplex von manipulierten Meinungen, die sich in den Geschichtsb&uuml;chern bereits niederschlagen.\n<p>Dort steht auch zu lesen, dass die SPD 1972 die Wahl wegen der Ostpolitik und wegen der Person Willy Brandts so glorios gewonnen habe. Dass sie damals noch einen Kampf gegen das gro&szlig;e Geld gewagt hat, kommt in den Geschichtsb&uuml;chern allenfalls in Fu&szlig;noten vor. W&uuml;rde es gr&ouml;&szlig;er geschrieben, k&ouml;nnte man ja vielleicht f&uuml;r die gegenw&auml;rtigen Probleme daraus lernen. Das will man partout nicht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Und jetzt noch ein paar Beispiele daf&uuml;r, was uns ins Haus stehen wird:<\/strong>\n<p>Wenn wir in 50 Jahren oder auch nur in 30 Jahren die Geschichtsb&uuml;cher aufschlagen k&ouml;nnten, dann w&uuml;rden wir zum Beispiel folgendes lesen:<\/p>\n<ul>\n<li>Schon in den siebziger Jahren erwiesen sich die nach dem englischen National&ouml;konomen Keynes formulierten wirtschaftspolitischen Rezepte nicht mehr als passend. Strukturell bedingt wuchs die Arbeitslosigkeit von Sockel zu Sockel.<\/li>\n<li>Darauf folgend kam es zu einem Reformstau. Wichtige Strukturreformen wurden vers&auml;umt.<\/li>\n<li>Der Sozialstaat erwies sich nicht mehr als bezahlbar.<\/li>\n<li>Auch die gesetzliche Rente nicht. Sie sank auf unter 40% des  Arbeitseinkommens.<\/li>\n<li>Erst die Regierung Schr&ouml;der hatte den Mut zu durchgreifenden Strukturreformen.<\/li>\n<li>Einen besonderen Namen machte sich damals der unscheinbare Franz M&uuml;ntefering. Er setzte mit der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre gegen populistische Stimmen eine wichtige Reform durch.<\/li>\n<li>Die wichtigste Reform jener Zeit war die Einf&uuml;hrung der so genannten Riester-Rente. Schon Ende des Jahres 2007 hatten 10 Millionen Deutsche eine solche Rente. Sie wurde vom Staat richtigerweise gef&ouml;rdert.<\/li>\n<li>Der Erfolg der Reformen wurde manifest im Aufschwung der Jahre 2006 und 2007.<\/li>\n<li>Usw. usw.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der am 30.1. in der Frankfurter Rundschau abgedruckte Essay des Historikers G&ouml;tz Aly &bdquo;Die V&auml;ter der 68er&ldquo; hat in den <a href=\"?p=2935\">Hinweisen vom 31.1. (Nr. 14)<\/a> schon den passenden Kommentar von Wolfgang Lieb ausgel&ouml;st. Ich komme darauf zur&uuml;ck, weil dieser Vorgang wieder ein sch&ouml;nes Beispiel f&uuml;r den Versuch mancher Historiker ist, durch vehemente Pr&auml;gung der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2937\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[11],"tags":[352,1691,282,248,416,271],"class_list":["post-2937","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-strategien-der-meinungsmache","tag-68er","tag-aly-goetz","tag-buergerproteste","tag-frankfurter-rundschau","tag-nationalsozialismus","tag-springer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2937","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2937"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2937\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29203,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2937\/revisions\/29203"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2937"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2937"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2937"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}