{"id":29392,"date":"2015-12-07T09:59:27","date_gmt":"2015-12-07T08:59:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29392"},"modified":"2024-08-22T16:25:09","modified_gmt":"2024-08-22T14:25:09","slug":"das-terror-tabu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29392","title":{"rendered":"Das Terror-Tabu"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151207_schreyer.jpg\" alt=\"Paul Schreyer\" title=\"Paul Schreyer\"><\/div><p>Der Terror ist allgegenw&auml;rtig in den Medien und rechtfertigt inzwischen nicht mehr nur eine immer gr&ouml;&szlig;er werdende Zahl von <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25535\">Kriegen<\/a>, sondern auch einen immer weitreichenderen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24886\">Demokratie- und Grundrechteabbau<\/a> und beispielsweise die Verwendung von Notstandsgesetzen <a href=\"http:\/\/www.kontext-tv.de\/node\/500\">gegen hunderttausende Protestierende<\/a>.  Er soll schuld an bzw. Grund f&uuml;r <a href=\"http:\/\/taz.de\/Klimaaktivist-ueber-Hausarrest-in-Paris\/!5255902\/\">alles M&ouml;gliche<\/a> sein. Umso verwunderlicher, dass eine <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28827\">vertiefende Analyse<\/a> zu den Anschl&auml;gen der letzten Zeit und ihren <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24659\">Hintergr&uuml;nden<\/a> bisher kaum je medial auffindbar war, ja, dass gewisse Fragen offenbar so sehr tabu sind, dass man schnell zum Auss&auml;tzigen wird, wenn man sie zu stellen wagt. Der Autor und Publizist <strong>Paul Schreyer<\/strong> stellt sie dennoch. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach mit ihm hierzu.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5626\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-29392-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151207_Das_Terror_Tabu_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151207_Das_Terror_Tabu_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151207_Das_Terror_Tabu_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151207_Das_Terror_Tabu_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=29392-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151207_Das_Terror_Tabu_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151207_Das_Terror_Tabu_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Schreyer, Sie sind seit Langem kritischer Beobachter sowohl der Militarisierung als auch der terroristischen Aktivit&auml;ten innerhalb westlicher Gesellschaften. Wie kam es dazu? Woher r&uuml;hrt ihr Engagement?<\/strong><\/p><p>Ich geh&ouml;re zu der Generation, die mit 9\/11 politisiert wurde. Als die Flugzeuge ins World Trade Center einschlugen, war ich Mitte Zwanzig und wollte verstehen, was da vor sich ging. Zun&auml;chst blo&szlig; passiv, als interessierter Leser und Medienkonsument. Das eigene Schreiben begann erst Jahre sp&auml;ter. So wie ich es erlebt habe, sind mit dem 11. September 2001 viele Menschen aufgewacht, auch was ein kritisches Bewusstsein den Medien gegen&uuml;ber angeht. <\/p><p>Jeder, der es sehen wollte, konnte damals erkennen, dass bestimmte Dinge nicht berichtet wurden, dass kritische Fragen und abweichende Sichtweisen unter dem Teppich blieben. Von Anfang an war alles auf eine Story zugeschnitten: Bin Laden und die 19 R&auml;uber. Offene Fragen und Spuren, die in andere Richtungen wiesen, wurden nicht verfolgt.<\/p><p>Dieser Tunnelblick, dieses Weglassen von allem, was nicht zur offiziellen Erz&auml;hlung passte, das war irritierend. Wenn man mehr wissen wollte, musste man selbst nachforschen. Im Spiegel oder bei ARD und ZDF erfuhr man nur die amtliche Story. Das Misstrauen gegen&uuml;ber den Leitmedien, das heute &uuml;berall in der Branche beklagt wird, entstand f&uuml;r viele Menschen, mich eingeschlossen, genau damals, kurz nach dem 11. September.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie ihren Vorwurf, dass die Medien wichtige Dinge verschweigen, denn belegen?<\/strong><\/p><p>Vielleicht nur ein Beispiel. Im Oktober 2001 ver&ouml;ffentlichte die indische Schriftstellerin <em>Arundhati Roy<\/em> im Guardian einen scharfen <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/world\/2001\/oct\/23\/afghanistan.terrorism8\">Kommentar<\/a> gegen den gerade begonnenen Krieg in Afghanistan. Der Spiegel ver&ouml;ffentlichte wenige Tage sp&auml;ter eine <a href=\"http:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/20462217\">deutsche &Uuml;bersetzung<\/a>. Darin fehlte allerdings ein entscheidender Absatz, in dem es um die dubiose Rolle der milliardenschweren US-Investmentfirma Carlyle ging, welche am Krieg verdiente. Roy hatte die Namen der an diesem Unternehmen beteiligten US-Politiker genannt: Ex-Pr&auml;sident Bush, Ex-Au&szlig;enminister Baker, Ex-Verteidigungsminister Carlucci. Diese sehr konkreten und ebenso wichtigen wie zweifelsfrei zutreffenden Informationen waren dem Spiegel offenbar zu hei&szlig;. Ohne eine L&ouml;schung auch nur kenntlich zu machen, wurde der Passus in der ver&ouml;ffentlichten &Uuml;bersetzung einfach gestrichen. Als ich damals davon erfuhr, h&ouml;rte ich auf, den Leitmedien weiter gutgl&auml;ubig zu vertrauen. Das ist nur ein kleiner Puzzlestein, aber vielleicht ein sehr charakteristischer. <\/p><p>Dieses Weglassen von &bdquo;Unpassendem&ldquo; macht inzwischen immer mehr Schule. Zuletzt wurde das im Ukraine-Konflikt deutlich, aber auch bei der Debatte rund um Griechenland. Eine bestimmte Sichtweise wird breit in den Medien ge&auml;u&szlig;ert, die Gegenposition aber fehlt oder sie wird von vornherein als unseri&ouml;s und irrational abgewertet. Das f&uuml;hrt dazu, dass Journalisten oft wie Sprecher der M&auml;chtigen erscheinen und viele Zeitungen &ndash; mit den Worten der Kabarettisten der ZDF-Sendung &bdquo;Die Anstalt&ldquo; &ndash; als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/42\/42430\/1.html\">Lokalausgaben der NATO-Pressestelle<\/a>&ldquo;. <\/p><p><strong>Gemeinsam mit Mathias Br&ouml;ckers haben Sie unl&auml;ngst ja auch das Buch &bdquo;Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns Medien manipulieren&ldquo; ver&ouml;ffentlicht. Ihre Kritik an den Medien zielt also offenbar nicht auf einen Einzelfall, sondern auf eine, ja, &bdquo;systemische Manipulation&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Es gibt eine wirklich beunruhigende Tendenz zur Einseitigkeit und wir m&uuml;ssen fragen, woher das kommt. <\/p><p>Die Position der Leitmedien dazu lautet ungef&auml;hr: &bdquo;Alles Quatsch, wir sind v&ouml;llig frei in unserem Tun und bekommen keinerlei Vorgaben von oben, also gibt es auch keine Gleichschaltung&ldquo;. Nun ist es in der Tat sicher nicht so, dass in den Chefredaktionen jeden Morgen jemand anruft, einen &bdquo;Tagesbefehl&ldquo; durchgibt und bestimmt, was geschrieben werden soll und was nicht. So eine Vorstellung ist wirklich Unsinn. Dennoch ist es f&uuml;r jeden halbwegs wachen Geist offenkundig, dass die gro&szlig;en Medien zumindest bei den Hauptthemen wie Ukraine, Griechenland oder eben Terrorismus tats&auml;chlich mehr oder weniger das Gleiche schreiben. Es gibt da kaum noch substanzielle Unterschiede zwischen ARD, ZDF, RTL, FAZ, TAZ, Spiegel, Stern etc. Der Grundtenor bei den einzelnen Themen, vor allem bei au&szlig;enpolitischen Fragen, ist oft derselbe. Putin ist b&ouml;se, Varoufakis unseri&ouml;s, Staatsterror blo&szlig; Verschw&ouml;rungstheorie. Das finden Sie querbeet von Bild bis S&uuml;ddeutsche.<\/p><p>Aber wie entsteht dieser Gleichklang? Dar&uuml;ber sollte endlich einmal &ouml;ffentlich diskutiert werden, und zwar nicht blo&szlig; in selbstgef&auml;lligen Scheindebatten wie dem &bdquo;<a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/ard_check\/\">ARD-Check<\/a>&ldquo;, wo die Verantwortlichen sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und die wirklich hei&szlig;en Eisen nicht anger&uuml;hrt werden. Warum verhalten sich so viele Journalisten auch ohne &bdquo;Befehl von oben&ldquo; weitgehend <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24698\">uniform<\/a>?<\/p><p><strong>Was glauben denn Sie?<\/strong><\/p><p>Ich denke, da spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Zun&auml;chst mal gibt es ganz schlicht eine <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25587\">Abnahme der Vielfalt<\/a> bei den Zeitungen. Redaktionen werden zusammengelegt. Das gro&szlig;e Verlagshaus DuMont hat zum Beispiel eine Hauptstadtredaktion. Und wenn einer der Redakteure dort eine Story schreibt, dann erscheint die wortgleich in der Frankfurter Rundschau, der Berliner Zeitung, dem K&ouml;lner Stadtanzeiger und weiteren Bl&auml;ttern. Das erkl&auml;rt schon mal einen Teil des Gleichklangs. Dann schreiben sehr viele Journalisten einfach von den Leitmedien ab. Sie schauen, was bringt Spiegel Online zu dem Thema und &uuml;bernehmen einfach die dortige Perspektive. Das ist wirklich ein Riesenproblem. Man kann es fast t&auml;glich beobachten. Kollegen verzichten auf eigenes Nachdenken und schlie&szlig;en sich freiwillig <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28254\">der Masse an<\/a>.<\/p><p>Wir haben also zum einen wirtschaftlichen Druck durch Rationalisierung und Zusammenlegung, worauf die einzelnen Journalisten wenig Einfluss haben, und zum anderen eine Mischung aus Bequemlichkeit und Opportunismus. <\/p><p>Dann gibt es aber noch einen dritten Faktor, n&auml;mlich gezielt gesetzte Anreize und Karriereoptionen im Umfeld von Lobbygruppen. Es scheint mir zum Beispiel absurd, zu behaupten, dass transatlantische Netzwerke keine Rolle in der deutschen Medienlandschaft spielen w&uuml;rden. Sie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28997\">spielen<\/a> eine Rolle und auch dar&uuml;ber sollte geredet werden. <\/p><p>In diesen Netzwerken findet zwar keine Gehirnw&auml;sche von Journalisten statt, wir leben ja nicht in Nordkorea, aber es werden dort eben gezielt Medienmacher eingeladen, von denen die Organisatoren wissen, dass sie schon &auml;hnlich ticken. Und wenn diese Leitartikler dann weiterhin das schreiben und sagen, was in den Netzwerken zum guten Ton geh&ouml;rt, und wenn sie das weglassen, was man dort nicht gern h&ouml;ren m&ouml;chte, dann gibt es auch Belohnungen, wie etwa Einladungen zu exklusiven Konferenzen, Zugang zu einflussreichen Interviewpartnern und Aussicht auf Jobs im Umfeld der Netzwerke. <\/p><p>Wenn solche Prozesse &uuml;ber Jahrzehnte ablaufen, dann entstehen irgendwann genau die Leitmedien, die wir heute haben. Die Pointe dabei ist, dass sich die besagten Medienmacher selbst f&uuml;r v&ouml;llig integer und unabh&auml;ngig halten.<\/p><p><strong>Im Online-Magazin <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/\">Telepolis<\/a> haben Sie in den letzten Jahren ja immer wieder auf Unschl&uuml;ssigkeiten und Eigenartigkeiten bei bekannten Terroranschl&auml;gen, die hiernach noch jedes Mal dazu genutzt wurden, um den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24886\">Abbau von Grund- und Freiheitsrechten<\/a> zu forcieren, hingewiesen. Warum ist dieses Thema so wichtig f&uuml;r Sie?<\/strong><\/p><p>Mit Terror wird Politik gemacht, &uuml;berall, und eigentlich auch schon immer. Der Abbau von B&uuml;rgerrechten ist das eine. Zugleich werden mit Terroranschl&auml;gen weiterhin Kriege im Ausland legitimiert, die man sonst kaum durchsetzen k&ouml;nnte. Wir erleben es ja gerade wieder. Kurz nach dem Blutbad in Paris schickt die Bundeswehr Soldaten nach Mali und Tornado-Jets nach Syrien. <\/p><p>Man sollte sich dabei immer wieder klar machen, dass eine Unterscheidung zwischen Terrorismus und Krieg v&ouml;llig willk&uuml;rlich ist. Der Krieg ist seinem Wesen nach eine Abfolge von Terrorangriffen. Der &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25535\">Krieg gegen den Terror<\/a>&ldquo; ist also zutreffender ein &bdquo;Terror gegen den Terror&ldquo;, oder noch zutreffender h&auml;ufig ein &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/45\/45127\/1.html\">Terror zur Erlangung von Bodensch&auml;tzen<\/a>&ldquo;.<\/p><p>Gerade deshalb ist es so wichtig, darauf zu beharren, dass Terroranschl&auml;ge transparent aufgekl&auml;rt werden. Da gibt es gro&szlig;e L&uuml;cken. Auch das erleben wir gerade wieder. Einen Tag nach den Pariser Anschl&auml;gen wurde behauptet, man kenne die T&auml;ter und inzwischen fragt kaum noch jemand nach einer detaillierten, sauberen Aufkl&auml;rung mit Fakten, Indizien, &uuml;berpr&uuml;fbaren Beweisen und transparentem Strafprozess. Alles scheint l&auml;ngst gekl&auml;rt, die Attent&auml;ter sind tot oder verschwunden, die Entsendung von Milit&auml;r als &bdquo;Antwort&ldquo; nur noch Formsache. Dabei sind <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28827\">auch<\/a> bei diesem Terroranschlag viele Fragen offen. <\/p><p><strong>Vor Kurzem wiesen Sie auf ein interessantes <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/46\/46608\/1.html\">Muster<\/a> hin, das diesbez&uuml;glich in letzter Zeit zu beobachten gewesen sei und von dem der normale Mediennutzer sicher noch nie etwas geh&ouml;rt haben wird&hellip;.<\/strong><\/p><p>Jemand, der sich intensiv und &uuml;ber Jahre hinweg mit 9\/11 befasst hat, der sieht jeden neuen Anschlag mit sehr kritischen Augen. Man achtet auf Dinge, die anderen vielleicht nicht gleich auffallen. <\/p><p>Ich wurde zum Beispiel hellh&ouml;rig, als nach den Pariser Anschl&auml;gen gemeldet wurde, dass am selben Tag auch eine Notfall&uuml;bung stattgefunden h&auml;tte, deren Szenario dem &auml;hnelte, was nur wenige Stunden sp&auml;ter dann real geschah. Ich musste an die Londoner Anschl&auml;ge von 2005 denken, wo es ebenfalls am gleichen Tag eine &Uuml;bung mit einem Szenario gegeben hatte, dass dem damaligen Anschlag bis ins Detail <a href=\"http:\/\/www.julyseventh.co.uk\/july-7-terror-rehearsal.html\">glich<\/a>. Und auch die Luftabwehr&uuml;bungen am Morgen von 9\/11, bei denen eine Flugzeugentf&uuml;hrung geprobt wurde, hatte ich in Erinnerung. <\/p><p>Diese Informationen verkn&uuml;pfte ich zu einem <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/46\/46585\/1.html\">Artikel<\/a> im Magazin Telepolis, um zun&auml;chst einmal ein Bewusstsein f&uuml;r diese seltsamen Koinzidenzen zu schaffen, ohne selbst gleich schon eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r anbieten zu k&ouml;nnen. Und dann weitete sich das aus. Es meldeten sich Leser, direkt im Kommentarbereich unter dem Artikel, aber auch pers&ouml;nlich per E-Mail und wiesen auf weitere Anschl&auml;ge hin, bei denen dieses Muster offenbar ebenfalls zu beobachten war: Boston 2013, Madrid 2004. Einer schrieb aus Norwegen und berichtete, auch dem Breivik-Massenmord 2011 sei eine &auml;hnliche &Uuml;bung am gleichen Tag vorausgegangen. Ich &uuml;berpr&uuml;fte diese Informationen &ndash; die Quellen waren Berichte in der norwegischen Tageszeitung <em>Aftenposten<\/em> und im amerikanischen <em>Boston Globe<\/em> &ndash; und f&uuml;gte alles zu einem zweiten <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/46\/46608\/1.html\">Artikel<\/a> zusammen. Daraufhin gab es erneut hunderte von Kommentaren. Auf Facebook teilten insgesamt gut zehntausend Menschen die beiden Texte. Diese Dimension ist neu. Viele Menschen sind hellwach, m&ouml;chten sich allseitig informieren und nicht f&uuml;r dumm verkaufen lassen. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Vielen f&auml;llt langsam ein bestimmtes Schema auf. Immer, wenn ein gro&szlig;er Anschlag ver&uuml;bt wird, hei&szlig;t es zuerst, die Sicherheitsbeh&ouml;rden seien vollkommen &uuml;berrascht worden. Schon 24 Stunden sp&auml;ter kennt man dann aber angeblich genau die T&auml;ter. Die pr&auml;sentierte L&ouml;sung ist auch immer dieselbe: Noch mehr Krieg im Ausland. Und h&auml;ufig wurde am Tattag ein &auml;hnliches Szenario ge&uuml;bt. Ein bisschen viel Zufall f&uuml;r manchen Beobachter.<\/p><p><strong>Leute, die auf so etwas hinweisen, werden &uuml;blicherweise ja als Verschw&ouml;rungstheoretiker diffamiert und aus dem Diskurs <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/43\/43836\/1.html\">ausgegrenzt<\/a>. Irgendwie schafft es eine solche Analyse &ndash; egal, wie glaubw&uuml;rdig, belegt oder fundiert &ndash; allerdings kaum je in den breiten Mediendiskurs&hellip;<\/strong><\/p><p>Stimmt, in den gro&szlig;en Medien werden solche Zusammenh&auml;nge kaum debattiert, sondern von vornherein als &bdquo;Unsinn&ldquo; ausgesondert. Auch dar&uuml;ber sollte einmal geredet werden.<\/p><p>Die spannende Frage ist f&uuml;r mich, nach welchen Kriterien eigentlich unterschieden wird. Was macht eine &Uuml;berlegung zu einer &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;? Wer legt das fest und nach welchen Prinzipien? Auf diese Frage bekommt man von denen, die den Begriff benutzen, selten eine klare Antwort. Es ist ein Totschlagargument ohne konsistente und logische Definition. <\/p><p>De facto wird das Etikett immer dann vergeben, wenn es um vermutete geheime Absprachen von Menschen geht, die in der eigenen Gesellschaft &ndash; also nicht bei Feinden &ndash; hohe Machtpositionen bekleiden. Wer &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; in abwertendem Sinn sagt, der meint im Grunde: &bdquo;Bei uns gibt es keine Verschw&ouml;rungen M&auml;chtiger zum Schaden der Allgemeinheit&ldquo;. <\/p><p>Auff&auml;llig ist, wie pauschal der Begriff verwendet wird. Um das einmal klar zu sagen: Zu 9\/11 kursieren ohne Frage viele <a href=\"http:\/\/www.hintergrund.de\/20091117530\/hintergrund\/medien\/konspiration-auf-dem-kunstrasen-reframing-911.html\">verr&uuml;ckte und absurde Theorien<\/a>. Als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; gelten aber nicht blo&szlig; diese f&uuml;nf oder vielleicht auch zehn abseitigen Behauptungen, sondern vielmehr alle Interpretationen, die von der amtlichen Story abweichen. Das ist v&ouml;llig indifferent und vom Denken her im Grunde totalit&auml;r. Leider ist das vielen noch immer nicht klar.<\/p><p><strong>Warum sind Fragen zu Terror denn derart <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/45\/45945\/1.html\">Tabu<\/a>? Auch das spricht ja nicht gerade f&uuml;r Offenheit und Ausgewogenheit unserer Medien, oder irre ich mich?<\/strong><\/p><p>Es geht ja auch um viel. Das Thema behandelt Macht auf einer sehr hohen Ebene. Dagegen sind die Aff&auml;ren, die uns sonst so besch&auml;ftigen, vom VW-Abgasskandal bis zur FIFA-Korruption, eher belanglos. Hier geht es an die Grundlagen der Politik. Jeder, der am heiligen Gral Terrorismus r&uuml;hrt und ihn mit Staatsterrorismus verkn&uuml;pft, der stellt die Substanz infrage. Darum die st&auml;ndige Ausgrenzung solcher Debatten. Im Grunde ist das Schweigen zwingend. Wie sollte es denn auch weitergehen, wenn wirklich einmal offen bei <em>Anne Will<\/em> oder <em>Frank Plasberg<\/em> &uuml;ber 9\/11 oder das Wissen um die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24659\">Verstrickungen von Geheimdiensten<\/a> in so manches Attentat geredet werden w&uuml;rde? Was sollte daraus folgen? Da tut sich ein Abgrund auf. Und alle sp&uuml;ren das, auch wenn keiner in den Leitmedien dar&uuml;ber redet. Ich habe das in verschiedenen pers&ouml;nlichen Gespr&auml;chen mit Journalisten bemerkt. <\/p><p><em><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28939\">Elmar Theve&szlig;en<\/a><\/em> etwa, der Terrorexperte vom ZDF, hielt sich zum Thema 9\/11 mir gegen&uuml;ber sehr bedeckt, obwohl er selbst 2011 ein Buch dazu verfasst hatte. Als ich einzelne Punkte mit ihm diskutieren wollte, wurde es schnell still am anderen Ende. Und <em>Jochen Bittner<\/em> von der ZEIT meinte mir gegen&uuml;ber, alternative Sichtweisen zu 9\/11 wolle man lieber nicht drucken, weil das &bdquo;die Leser verunsichern&ldquo; k&ouml;nne. Das ist kein Scherz. So denken f&uuml;hrende Leute in den Redaktionen. Daher bleibt man lieber auf vermeintlich sicherem Boden und redet von &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo;. Das ist bequem, weil man sich dann mit den Fakten gar nicht erst auseinanderzusetzen braucht. Au&szlig;erdem machen es ja alle so und man f&auml;llt dann nicht auf. Das ganze Thema ist sehr stark angstbesetzt, so mein Eindruck.<\/p><p><strong>Was w&uuml;nschen Sie sich diesbez&uuml;glich denn &ndash; von Medien und der Zivilgesellschaft? Wo lang f&uuml;hrte der Ihrer Einsch&auml;tzung nach richtige Weg hin zu mehr Offenheit und Pluralit&auml;t in den Medien und bei der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung? <\/strong><\/p><p>Am Ende geht es um die Frage, wieviel Freiheit in unserer Gesellschaft real existiert. Wie frei sind wir, wenn einige hei&szlig;e Eisen tabuisiert werden, weil alle Angst vor den Folgen haben?<\/p><p>Das ist ja auch der gro&szlig;e Punkt bei der ganzen Snowden-Aff&auml;re. Snowden hat gezeigt, was <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26198\">hinter<\/a> den sch&ouml;nen Worten von der offenen Gesellschaft steht. <\/p><p>Und niemand in Europa hat nun die Souver&auml;nit&auml;t, diesem Mann Asyl zu gew&auml;hren. Was sagt uns das eigentlich &uuml;ber unsere Situation heute? Wenn es wirklich eine offene Gesellschaft geben soll, dann muss sie sich beweisen, gerade in solchen Fragen. Wir brauchen mehr Ehrlichkeit und weniger Angst.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Paul Schreyer<\/strong> ist freier Journalist, unter anderem f&uuml;r das Magazin Telepolis. Zu seinem 2013 erschienenen Buch &bdquo;Faktencheck 9\/11&ldquo; meinte Dr. Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht: &bdquo;Geh&ouml;rt zum Besten, was man an kritischen Analysen zu diesem Thema auf dem deutschen Buchmarkt finden kann&ldquo;. Sein letztes Buch &bdquo;Wir sind die Guten &ndash; Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren&ldquo; (mit Mathias Br&ouml;ckers) wurde ein Spiegel-Bestseller.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28827\">Die Terror-Manipulation<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24659\">Der Terror von Paris und die globale Gewaltspirale<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24886\">Terroralarm<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25067\">Inszenierter Terrorismus<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26060\">Der Terror der Geheimdienste<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26198\">Der Informationskrieg der Geheimdienste<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25535\">Weit &uuml;ber 1 Million Opfer durch &sbquo;Krieg gegen den Terror&lsquo;<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27768\">Die L&uuml;ge von der Zivilisiertheit der &sbquo;westlichen Welt&lsquo;<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Artikel: David Goe&szlig;mann: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.kontext-tv.de\/node\/500\">Die gef&auml;hrlichen L&uuml;gen von Paris<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/95e5be4fc851407a915d51bd236d0e6d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/151207_schreyer.jpg\" alt=\"Paul Schreyer\" title=\"Paul Schreyer\"\/><\/div>\n<p>Der Terror ist allgegenw&auml;rtig in den Medien und rechtfertigt inzwischen nicht mehr nur eine immer gr&ouml;&szlig;er werdende Zahl von <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25535\">Kriegen<\/a>, sondern auch einen immer weitreichenderen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24886\">Demokratie- und Grundrechteabbau<\/a> und beispielsweise die Verwendung von Notstandsgesetzen <a href=\"http:\/\/www.kontext-tv.de\/node\/500\">gegen hunderttausende Protestierende<\/a>. Er soll schuld an<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29392\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,126,209,183,11,166],"tags":[1194,1987,1655,1544,1564,1705,1338,682],"class_list":["post-29392","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","category-terrorismus","tag-1194","tag-broeckers-mathias","tag-dumont-schauberg","tag-kampagnenjournalismus","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-schreyer-paul","tag-transatlantiker","tag-verschwoerungstheorie"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29392","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29392"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29392\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120060,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29392\/revisions\/120060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}