{"id":2944,"date":"2008-02-04T08:33:26","date_gmt":"2008-02-04T07:33:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2944"},"modified":"2019-03-02T13:11:30","modified_gmt":"2019-03-02T12:11:30","slug":"mindestlohn-und-maximalgehalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2944","title":{"rendered":"Mindestlohn und Maximalgehalt"},"content":{"rendered":"<p>Zurzeit findet in Deutschland eine &auml;u&szlig;erst interessante Debatte statt, bei der es offenbar um zwei  Seiten der gleichen Medaille geht. Auf der einen Seite wird heftig diskutiert, ob sich Deutschland einen Mindestlohn leisten kann, auf der anderen stehen die nach Meinung der meisten Beobachter weit &uuml;berzogenen Geh&auml;lter vieler Vorstandsmitglieder in der &ouml;ffentlichen Kritik. Heiner Flassbeck hat uns diesen Beitrag aus WuM, Januar 2008, zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\nMerkw&uuml;rdig hilflos sind in dieser Diskussion wieder einmal die deutschen &Ouml;konomen. W&auml;hrend die Mehrheit beim Mindestlohn die traditionelle Ablehnungsfront noch nicht verlassen hat, weil man ja weiter fest daran glaubt, dass der Mindestlohn Arbeitspl&auml;tze kostet, tun sie sich bei den Spitzengeh&auml;ltern viel schwerer. Da hilft in der Regel nur das Argument, die Eigent&uuml;mer k&ouml;nnten schlie&szlig;lich &uuml;ber die L&ouml;hne ihrer Angestellten entscheiden, wie sie wollen. Aber wenn es einen Markt gibt, der alles gut regelt, dann m&uuml;sste der Markt doch immer richtig liegen, ganz gleich, um welche Entlohnung es geht, und dann m&uuml;sste man nicht bei den Managergeh&auml;ltern die Entscheidungsfreiheit der Eigent&uuml;mer bem&uuml;hen?<\/p><p>Auf die herrschende Lehre vom Mindestlohn bin ich hier schon einige Male eingegangen, und will sie nur kurz nochmals darstellen. Man glaubt in &Ouml;konomenkreisen &uuml;berwiegend an die so genannte Grenzproduktivit&auml;t der L&ouml;hne, wonach der Lohn der Arbeitnehmer sich im Grunde immer danach bestimmt, wie viel sie an der &bdquo;Grenze&ldquo;, also sozusagen in der letzten Stunde ihrer Arbeitszeit zum Gesamtergebnis beitragen. Das bedeutet, dass der Unternehmer sie nur genau so lange besch&auml;ftigt, bis die Arbeitsleistung pro Stunde unter den ausgezahlten Lohn f&auml;llt.<\/p><p>Das aber gibt es in der marktwirtschaftlichen Wirklichkeit nicht, weil sich niemand die &ndash; unglaublich gro&szlig;e &ndash; M&uuml;he macht, sie in komplexen Produktionsprozessen f&uuml;r jeden einzelnen Arbeitnehmer oder auch nur f&uuml;r jede einzelne Qualifikation auszurechnen. In rein standardisierten Abl&auml;ufen wie am Fliessband, mag man noch eine gewisse Ahnung davon haben, wie viel jeder Besch&auml;ftigte zum Gesamtergebnis beitr&auml;gt, bei jedem komplexeren Ablauf, wo Teams zusammenarbeiten, gibt es so etwas wie individualisierte Produktivit&auml;t nicht. <\/p><p>Weil es das im einzelnen Betrieb nicht gibt, kann es das auch gesamtwirtschaftlich nicht geben, denn die Information &uuml;ber den richtigen Lohn k&ouml;nnte sich, wenn sie existierte, ja nur aus vielen Einzelinformationen der Betriebe speisen. Folglich zahlen die Betriebe einen markt&uuml;blichen Lohn, dessen H&ouml;he sich einzig und allein aus der Tatsache ergibt, dass eine bestimmte Qualifikation am Markt besonders knapp, also besonders gefragt ist, und dass sich das &uuml;ber die Jahre in den Tarifvertr&auml;gen niedergeschlagen hat. Alles andere ist Ausdruck von Marktmacht oder Zufall.<\/p><p>Das Gleiche gilt f&uuml;r die hohen Geh&auml;lter. Auch hier gibt es keine geheimnisvolle Kraft oder h&ouml;here Philosophie, die f&uuml;r das richtige Sal&auml;r sorgt, sondern der Aufsichtsrat in der Aktiengesellschaft entscheidet f&uuml;r die Eigent&uuml;mer anhand der Gewinnsituation, was man sich leisten kann und will. Dass man dabei heute &ndash; im Verh&auml;ltnis zu dem Lohn des durchschnittlichen Angestellten &ndash; viel h&ouml;her greift als noch vor zwanzig Jahren, hat sicher nichts mit gestiegener Knappheit der deutschen Manager zu tun, sondern vor allem mit der wiederum von der Zunft der &Ouml;konomen verbreiteten Wahnvorstellung, man habe es im Zeitalter der Globalisierung mit einem ganz neuen Kapitalismus zu tun, bei dem sich die Kapitalseite alles leisten kann, der Arbeiter aber nichts.<\/p><p>Diese Wahnvorstellung ist von der deutschen Politik in Wort und Tat bis zuletzt massiv unterst&uuml;tzt worden. Was ist nicht alles &uuml;ber die Leistungsbereitschaft unserer Eliten schwadroniert worden und wie viele Steuersenkungen hat es in den letzten Jahren gegeben, die nichts anderes im Sinn hatten, als diese omin&ouml;se Leistungsbereitschaft zu f&ouml;rdern. Wenn aber selbst der Staat und zudem unter sozialdemokratischer F&uuml;hrung den Eindruck verbreitet, die &bdquo;Eliten&ldquo; w&uuml;rden in zu geringem Ma&szlig;e entlohnt, oder erhielten zu geringe Anreize, warum sollte sich da in einer guten konjunkturellen Situation irgendjemand zur&uuml;ckhalten?<\/p><p>Was man bei all dem Geschw&auml;tz &uuml;ber den Aufstieg der Eliten auf der einen Seite und den Abstieg der gering Qualifizierten auf der anderen Seite vollkommen aus dem Auge verliert, ist die einfache Erkenntnis, das in einer Gesellschaft, deren Erfolg auf Arbeitsteilung beruht, alle Arbeitenden in einer Weise an dem Ergebnis der Arbeitsteilung teilhaben m&uuml;ssen, dass ihnen ein vern&uuml;nftiges Leben ohne staatliche Hilfe erm&ouml;glicht. Verbessert sich das Ergebnis der arbeitsteiligen Gesellschaft fortlaufend, was man an der st&auml;ndig steigenden Produktivit&auml;t erkennen kann, m&uuml;ssen alle in gleicher Weise an diesem Produktivit&auml;tsfortschritt beteiligt werden, will man die Arbeitsteilung nicht fundamental in Frage stellen. K&ouml;nnen die Gewerkschaften das nicht mehr sicherstellen, muss ein sich an die Produktivit&auml;t anpassender Mindestlohn her.<\/p><p>Sind alle Arbeitnehmer (&uuml;brigens auch die, die beim Staat und in sonstigen nicht direkt unternehmerischen Einrichtungen arbeiten) in dieser Weise am Fortschritt beteiligt, bleibt ein Gewinn f&uuml;r die Unternehmen und deren Anteilseigner &uuml;brig, der zeitweise &uuml;ber die Entlohnung entsprechend der Produktivit&auml;t hinausgehen kann. Wollen die Kapitaleigent&uuml;mer diesen risikobehafteten Gewinn mit ihren Managern teilen, ist dagegen nichts zu sagen. <\/p><p>Der Skandal sind nicht solche Pr&auml;mien, sondern die Tatsache, dass in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt die Mehrheit der Arbeitnehmer nicht nur nicht mehr am Produktivit&auml;tsfortschritt beteiligt wurde, sondern einige Gruppen sogar absolut zur&uuml;ckgefallen sind. Ein noch gr&ouml;&szlig;erer Skandal ist freilich, dass der Staat, statt der Ungleichheit entgegenzuwirken, sie mit seiner Steuerpolitik gef&ouml;rdert hat. Es ist heuchlerisch, wenn diejenigen, die sich gegenseitig &uuml;berboten haben im Senken des Spitzensteuersatzes, jetzt beklagen, dass die von ihnen &uuml;ber all die Jahre geh&auml;tschelten &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; sich auch ohne Staat ordentlich einen einschenken.     <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zurzeit findet in Deutschland eine &auml;u&szlig;erst interessante Debatte statt, bei der es offenbar um zwei Seiten der gleichen Medaille geht. Auf der einen Seite wird heftig diskutiert, ob sich Deutschland einen Mindestlohn leisten kann, auf der anderen stehen die nach Meinung der meisten Beobachter weit &uuml;berzogenen Geh&auml;lter vieler Vorstandsmitglieder in der &ouml;ffentlichen Kritik. 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