{"id":2946,"date":"2008-02-04T09:00:22","date_gmt":"2008-02-04T08:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2946"},"modified":"2015-11-29T14:04:40","modified_gmt":"2015-11-29T13:04:40","slug":"julian-nida-ruemelin-der-naechste-bildungsnotstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2946","title":{"rendered":"Julian Nida-R\u00fcmelin: Der n\u00e4chste Bildungsnotstand"},"content":{"rendered":"<p>Der Umbau auf Bachelor und Master setzt auf Dequalifizierung. Es schadet dem Land, wenn immer mehr junge Menschen studieren sollen &ndash; besser w&auml;re es, die Lehrberufe zu f&ouml;rdern, meint <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/jobkarriere\/artikel\/128\/155720\/\">Nida-R&uuml;melin in der SZ<\/a>. Nida-R&uuml;melin ist ja bekannt daf&uuml;r, dass er sich mit unorthodoxen Ideen hervortut. Nun spricht er sich in der SZ &ndash; entgegen den &uuml;bereinstimmenden Forderungen von der OECD bis hin zum Urteil nahezu aller Bildungsfachleute &ndash; gegen eine allgemeine Anhebung der Akademiker-Quote in Deutschland aus und pl&auml;diert f&uuml;r einen Ausbau der beruflichen Lehrberufe. Eine ziemlich unseri&ouml;se Alternative und ein unsinniger Weg aus der &Uuml;berlastung der Hochschulen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nIch teile Nida-R&uuml;melins Kritik an der Verschulung des Studiums durch den sog. Bologna-Prozess mit Einf&uuml;hrung der Bachelor-Studieng&auml;nge. Mit ihm kritisiere ich die seit Jahrzehnten andauernde Unterfinanzierung der Hochschulen und den Mangel an Studienkapazit&auml;ten, der sich in immer sch&auml;rferen Zulassungsbeschr&auml;nkungen ausdr&uuml;ckt. Ich meine auch, dass die duale Ausbildung in Deutschland einen h&ouml;heren Stellenwert besitzt, als in den internationalen Bildungsstatistiken zum Ausdruck kommt und dass sich die hohen beruflichen Qualifikationen mit den Qualifikationen der terti&auml;ren Ausbildung in der Vergangenheit gut erg&auml;nzt und  sich als Vorteil f&uuml;r das Ineinandergreifen der Qualifikationsprofile der Besch&auml;ftigten in unserem Lande erwiesen haben.<\/p><p>Nida-R&uuml;melin muss aber entschieden widersprochen, wenn er sich gegen einen Ausbau der Studienkapazit&auml;ten und f&uuml;r eine Entlastung der Hochschulen aus ihrer Unterfinanzierung, durch die Verknappung von aus seiner Sicht &uuml;berz&auml;hligen Studienpl&auml;tzen etwa bei Architekten, Juristen, Kommunikationswissenschaftlern und Germanisten ausspricht und stattdessen daf&uuml;r pl&auml;diert, die berufliche Ausbildung aufzuwerten und auszubauen.<\/p><p><strong>Ziel m&uuml;sste vielmehr sein, sowohl die akademischen als auch die beruflichen Ausbildungskapazit&auml;ten auszubauen.<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich ist es doch so, dass &ndash; wie Nida-R&uuml;melin selbst schreibt &ndash;  &bdquo;das duale System aus betrieblicher Ausbildung und staatlich verantworteter beruflicher Bildung &hellip;in einer Krise&ldquo; steckt und dass es gleichzeitig eine deutlich zu niedrige Quote an Hochschulabsolventen gibt.<\/p><p>Die bedr&uuml;ckende Wahrheit ist doch: Die duale Ausbildung ist nur noch ein Fetisch. Ein Blick in den <a href=\"http:\/\/dip.bundestag.de\/btd\/16\/052\/1605225.pdf\">Berufsbildungsbericht 2007 [PDF &ndash; 1.9 MB]<\/a> zeigt:  <\/p><p>Weniger als die H&auml;lfte der neu hinzukommenden Bewerber finden einen Ausbildungsplatz, f&uuml;r Hauptsch&uuml;ler werden die Chancen immer schlechter und nur noch ein Drittel aller Jugendlichen mit Migrationshintergrund k&ouml;nnen in einen Ausbildungsbetrieb vermittelt werden. Die tats&auml;chliche Arbeitslosigkeit der Jugendlichen ist doppelt so hoch wie bei den Erwachsenen. <\/p><p>Seit Jahren wird uns das gleiche M&auml;rchen erz&auml;hlt. Der Ausbildungspakt sei ein Erfolg. Von Oktober 2005 bis Oktober 2006 seien 576.153 neue Ausbildungsvertr&auml;ge geschlossen worden, das seien 4,7 Prozent mehr als zuvor. <\/p><p>Das h&ouml;rt sich gut an. Verschwiegen wird dabei allerdings, dass sich die Nachfrage nach Ausbildungspl&auml;tzen um 5,9 Prozent erh&ouml;ht hat. Selbst wenn man nur die (gesch&ouml;nten) offiziellen Angaben der Bundesagentur von 763.079 Bewerber und Bewerberinnen um einen Ausbildungsplatz der Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsvertr&auml;ge gegen&uuml;ber stellt, kann man durch einfache Subtraktion ausrechnen, dass eine riesige L&uuml;cke klafft. Nach Hochrechnungen des Bundesinstituts f&uuml;r Berufsausbildung und des Instituts f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, sind 160.000 Bewerber ohne konkretes Ausbildungsangebot geblieben sind, obwohl sie eine betriebliche Ausbildung anstrebten. <\/p><p>Die von der Bundesagentur ausgewiesene Ausbildungsl&uuml;cke ist schon deshalb gesch&ouml;nt, weil alle Jugendlichen, die in Warteschleifen sind oder schlicht aufgegeben haben, aus der Statistik fallen. 22% der erfolglosen Bewerber besuchen mehr oder weniger freiwillig weiter eine allgemeinbildende Schule oder absolvieren eine sog. berufsvorbereitende Ma&szlig;nahme und der Rest landet irgendwo in &bdquo;Zwischenlagern&ldquo;, davon 10% als ungelernte Hilfskr&auml;fte.<\/p><p>Das duale System wird in der politischen Debatte wie eine heilige Monstranz angebetet. Hinter dem als heilig angesehenen Objekt verbirgt sich jedoch die desillusionierende Tatsache, dass die duale Ausbildung <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/stabsabteilung\/04258\/zusammenfassung.pdf\">auf 43 Prozent der j&auml;hrlichen Neuzug&auml;nge zur beruflichen Bildung zur&uuml;ckgefallen ist [PDF &ndash; 160 KB]<\/a>. Gleichzeitig ist das &Uuml;bergangssystem, in dem Jugendliche keine qualifizierte Berufsausbildung, sondern unterschiedliche Ma&szlig;nahmen der Berufsvorbereitung vermittelt bekommen, auf 40 Prozent der jeweiligen Neuzug&auml;nge angewachsen ist. Das Schulberufssystem nimmt 17 Prozent auf. <\/p><p>Wer angesichts einer solchen Entwicklung noch das Hohelied auf die duale Berufsausbildung singt und das gar noch als international beispielhaft bejubelt, <a href=\"?p=2437\">betet einen Fetisch an<\/a>.<br>\nHinzukommt, dass aufgrund der abschreckenden Wirkung der Studiengeb&uuml;hren zunehmend mehr Abiturienten Haupt- und Realsch&uuml;lern die Ausbildungspl&auml;tze wegschnappen und wenn die Entwicklung so weiter geht, werden es in kurzer Zeit die Bachelor-Absolventen sein, die sich um eine berufliche Ausbildung bewerben werden.<br>\nNach den OECD-Indikatoren, Bildung auf einen <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/25\/34\/39315315.pdf%20\">Blick 2007 [PDF &ndash; 344 KB]<\/a> stieg in den meisten OECD-L&auml;ndern in den letzten Jahren die Zahl der Hochschulabsolventen an. In Deutschland und &Ouml;sterreich liegen die Abschlussquoten pro Altersjahrgang jedoch nur bei 20 Prozent und damit  weit unter dem OECD-Mittel von 36 Prozent. <\/p><p>Schon beim <strong>Zugang<\/strong> zur Hochschulbildung mit 36,6 Prozent eines Altersjahrgans steht Deutschland im internationalen Vergleich hinten an. <\/p><p>Was noch viel dramatischer ist: Seit etwa zwanzig Jahren ist die Quote der Nachwuchskr&auml;fte mit einem Hochschul<strong>abschluss<\/strong> in Deutschland kaum angestiegen.<\/p><p>An dieser Tatsache kann man sich auch nicht vorbeimogeln, indem man darauf verweist, dass das Niveau der Hochschulabschl&uuml;sse international nicht ohne weiteres vergleichbar ist oder dass einige der berufsqualifizierenden Abschl&uuml;sse unserer dualen Berufsausbildung in anderen L&auml;ndern h&auml;ufig von Hochschuleinrichtungen vergeben w&uuml;rden. <\/p><p>Solche Relativierungen d&uuml;rfen nicht davon ablenken, dass 20 % der Universit&auml;ts- und  Fachhochschulabsolventen angesichts zur&uuml;ckgehender Jahrgangsst&auml;rken schon in absehbarer Zeit nicht einmal mehr ausreichen, um die aus dem Berufsleben ausscheidenden Akademiker zu ersetzen und das &ndash; wie wir heute schon sp&uuml;ren &ndash; vor allem in den naturwissenschaftlichen und technischen Berufen, die f&uuml;r die  Wettbewerbsf&auml;higkeit unserer Unternehmen unerl&auml;sslich sind.<\/p><p>Deutschland holt bei der Qualifikation im terti&auml;ren Bildungsbereich nicht etwa auf, sondern wir sind zur&uuml;ckgefallen.<\/p><p>Dieser Befund ist umso bedrohlicher als alle Prognosen &uuml;bereinstimmend, wie etwa der Bericht der Bund-L&auml;nder Kommission f&uuml;r Bildungsplanung unter dem Titel &bdquo;Zukunft von Bildung und Arbeit&ldquo; voraussagen, dass der  gesellschaftliche Bedarf an Hochschulabsolventen deutlich ansteigen wird.<\/p><p>Der Verweis Nida-R&uuml;melins  dass bei Architekten, Juristen, Kommunikationswissenschaftlern und Germanisten die Studierendenzahlen zu hoch seien und Mangel vor allem bei den Ingenieurwissenschaften best&uuml;nde, so dass eine  pauschale Anhebung der Akademiker-Quote in Deutschland weder bildungspolitisch noch volkswirtschaftlich Sinn mache, mag auf den ersten Blick einleuchten, er ist jedoch nicht zielf&uuml;hrend. <\/p><p>Alle bisherigen Prognosen &uuml;ber den Bedarf an f&auml;cherspezifischen Akademikerquoten, haben sich bisher als Fehlprognosen erwiesen. Noch nicht einmal auf dem relativ geregelten Arbeitsmarkt der Lehrerberufe ist es gelungen, einigerma&szlig;en zutreffende Bedarfsprognosen zu erstellen. Noch um die Jahrtausendwende gab es z.B. Bestrebungen die Ausbildungskapazit&auml;ten f&uuml;r Mediziner um ein Viertel zu kappen, heute zeichnet sich ein &Auml;rztemangel ab. Noch Ende der neunziger Jahre hat eine regierungsamtliche Kommission in Baden-W&uuml;rttemberg den Abbau der Studienkapazit&auml;ten im Fach Informatik um 10 bis 15 % vorgeschlagen, kurze Zeit sp&auml;ter wurde ein dramatischer Mangel an Informatikern beklagt und, um diesen Mangel zu beheben, sogar die Green-Card f&uuml;r ausl&auml;ndische Informatiker eingef&uuml;hrt. <\/p><p>Im Ergebnis beutet Nida-R&uuml;melins Vorschlag nichts anderes, als den Bildungsnotstand im Hochschulbereich durch den Bildungsnotstand im Bereich der beruflichen Ausbildung austreiben zu wollen.<\/p><p>Dem Philosophen and der Elite-Universit&auml;t M&uuml;nchen m&ouml;chte man zurufen:  Si tacuisses, philosophus mansisses, will hei&szlig;en: Wenn du geschwiegen h&auml;ttest, w&auml;rest du ein Philosoph geblieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Umbau auf Bachelor und Master setzt auf Dequalifizierung. Es schadet dem Land, wenn immer mehr junge Menschen studieren sollen &ndash; besser w&auml;re es, die Lehrberufe zu f&ouml;rdern, meint <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/jobkarriere\/artikel\/128\/155720\/\">Nida-R&uuml;melin in der SZ<\/a>. Nida-R&uuml;melin ist ja bekannt daf&uuml;r, dass er sich mit unorthodoxen Ideen hervortut. Nun spricht er sich in der SZ &ndash; entgegen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2946\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[153,17],"tags":[1082,320,521,342,234],"class_list":["post-2946","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-berufliche-bildung","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-ausbildungspakt","tag-bolognaprozess","tag-hochschulzugang","tag-iab","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2946","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2946"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2946\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29196,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2946\/revisions\/29196"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2946"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2946"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2946"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}