{"id":29486,"date":"2015-12-10T09:38:55","date_gmt":"2015-12-10T08:38:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29486"},"modified":"2015-12-10T10:10:54","modified_gmt":"2015-12-10T09:10:54","slug":"anmerkungen-zum-ttip-ceta-antrag-des-parteivorstands-an-den-parteitag-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29486","title":{"rendered":"Anmerkungen zum TTIP-CETA-Antrag des Parteivorstands an den Parteitag der SPD"},"content":{"rendered":"<p>Die SPD-F&uuml;hrung will den bevorstehenden Bundesparteitag offenbar nutzen, um die Positionen der Partei zu den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2015-12\/freihandelsabkommen-ttip-spd-sigmar-gabriel\">Freihandelsabkommen TTIP und CETA aufzuweichen<\/a>. Die Delegierten sind gut beraten, den entsprechenden Antrag des Parteivorstands abzulehnen. Von <strong>Thorsten Wolff<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWas optimistisch stimmen darf: Teile der SPD sehen Freihandelsabkommen im Allgemeinen und das EU-US-Abkommen TTIP sowie das EU-Kanada-Abkommen CETA kritisch. Und zwar mit guten Gr&uuml;nden. Der <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/994059.gabriel-pocht-auf-ttip-und-ceta.html\">Widerstand dagegen<\/a> ist etwa im Arbeitnehmerfl&uuml;gel, in der Parteijugend, in einigen Landesverb&auml;nden (allen voran Berlin) und auch in der Parlamentarischen Linken gro&szlig;.<\/p><p>Der innerparteiliche Widerstand war schon vor etwas mehr als einem Jahr so stark, dass die Parteif&uuml;hrung im Vorfeld des Parteikonvents vom 20. September 2014 eine Mehrheit gegen TTIP ernsthaft bef&uuml;rchten musste. Eine solche konnte Gabriel damals nur durch eine Finte abwenden: Gemeinsam mit dem DGB erarbeitete sein Bundeswirtschaftsministerium ein <a href=\"https:\/\/www3.spd.de\/linkableblob\/123688\/data\/20140919_ttip_anforderungen_bmwi_dgb.pdf\">Positionspapier<\/a>, das Gabriel anschlie&szlig;end als SPD-Position beschlie&szlig;en lie&szlig;. Da das Papier damit von einem Verband mitgetragen wurde, dem viele TTIP-Kritikerinnen und &ndash;Kritiker in der Partei nahestehen, br&ouml;ckelte der Widerstand. Gabriel bekam seine Mehrheit.<\/p><p>Ein klares &ldquo;Nein&rdquo; der SPD w&auml;re damals sicherlich w&uuml;nschenswert gewesen. Inhaltlich aber ist der damalige Beschluss durchaus in Ordnung: Zwar wird etwas weltfremd auf angebliche Chancen und Vorteile des Freihandels verwiesen. Zugleich aber finden sich darin jede Menge roter Linien, die ein durchaus realistisches Bild von den Gefahren des Freihandels zeichnen. Einige Beispiele: Arbeitnehmerrechte, Verbraucherschutz-, Sozial- und Umweltstandards d&uuml;rfen nicht gef&auml;hrdet werden; das Umwelt-, Arbeits- und Verbraucherschutzniveau ist weiter zu verbessern; keine gegenseitige Anerkennung von Standards und Zulassungsverfahren, wenn dadurch das Schutzniveau abgesenkt wird; internationale &Uuml;bereink&uuml;nfte und Normen in den Bereichen Umwelt, Arbeit und Verbraucherschutz sind zwingend zu ratifizieren und umzusetzen; Schutzrechte f&uuml;r Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer d&uuml;rfen nicht als Handelshemmnisse interpretiert werden; das demokratische Recht, Regelungen zum Schutz von Gemeinwohlzielen zu schaffen, darf nicht gef&auml;hrdet, ausgehebelt oder umgangen werden; Finanzmarktregulierung sollte durch TTIP ausgeweitet werden usw. Insbesondere stellt der SPD-Beschluss fest, dass Investitionsschutzvorschriften &ldquo;in einem Abkommen zwischen den USA und der EU grunds&auml;tzlich nicht erforderlich&rdquo; sind.<\/p><p>So weit, so gut. Doch schon in den darauffolgenden Monaten spielte der Konventsbeschluss f&uuml;r Gabriel faktisch keine Rolle mehr. Er begann, ihn rhetorisch und politisch zu verw&auml;ssern. In einem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24825\">Mitglieder-Rundschreiben vom 28. Januar 2015<\/a> und in einer Zeitungsanzeige anl&auml;sslich der gro&szlig;en <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1678\">Demonstration f&uuml;r einen fairen Welthandel am 10. Oktober 2015<\/a> in Berlin ist etwa von einer Absage an Sonderklagerechte f&uuml;r Investoren nicht mehr die Rede; Standards sollen zwar noch erhalten werden, aber ihre Gef&auml;hrdung ist kein Ausschlussgrund mehr. Weitere Abweichungen, die zugleich Aufweichungen sind, finden sich zuhauf. <\/p><p>Der <a href=\"https:\/\/www.spd.de\/fileadmin\/Dokumente\/Bundesparteitag_2015\/Tischvorlage_Delegierte_und_AK_IA_8_Globalisierung_gestalten_-_fairen_Handel_ermo__glichen.pdf\">Antrag<\/a>, den die Parteif&uuml;hrung nun dem Parteitag vorlegt, reiht sich ein in diese Schritte des Verw&auml;sserns und Relativierens. Dies wird deutlich, wenn man ihm den Konventsbeschluss vom 20. September 2014 gegen&uuml;berstellt &ndash; einige Beispiele:<\/p><p><strong>Investorenschutz und Schiedsgerichte<\/strong><\/p><p>Im Konventsbeschluss steht:<\/p><blockquote><p>\nInvestitionsschutzvorschriften sind in einem Abkommen zwischen den USA und der EU grunds&auml;tzlich nicht erforderlich und sollten nicht mit TTIP eingef&uuml;hrt werden. In jedem Fall sind Investor-Staat-Schiedsverfahren und unklare Definitionen von Rechtsbegriffen, wie &bdquo;Faire und Gerechte Behandlung&ldquo; oder &bdquo;Indirekte Enteignung&ldquo; abzulehnen.\n<\/p><\/blockquote><p>Im Antrag der Parteif&uuml;hrung hei&szlig;t es hingegen:<\/p><blockquote><p>\ndass wir zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten einen &ouml;ffentlich-rechtlichen Mechanismus wollen, und keine privaten Schiedsgerichte mehr;\n<\/p><\/blockquote><p>Das bedeutet: Der Konventsbeschluss schlie&szlig;t jede Form von Schiedsgerichtsverfahren und Investitionsschutzvorschriften aus. Der Antrag der Parteif&uuml;hrung aber lehnt nur noch private Schiedsgerichte ab, Klagem&ouml;glichkeiten f&uuml;r Investoren und Investitionsschutzvorschriften fordert er grunds&auml;tzlich sogar ein.<\/p><p><strong>&Ouml;ffentliche Daseinsvorsorge<\/strong><\/p><p>Im Konventsbeschluss steht:<\/p><blockquote><p>\nF&uuml;r den Bereich der Daseinsvorsorge sollen keine Verpflichtungen in Deutschland &uuml;bernommen werden.\n<\/p><\/blockquote><p>Im Antrag der Parteif&uuml;hrung hei&szlig;t es hingegen:<\/p><blockquote>\n<ul>\n<li>dass die Entscheidungsfreiheit regionaler K&ouml;rperschaften &uuml;ber die &ouml;ffentliche Daseinsvorsorge unber&uuml;hrt bleibt<\/li>\n<li>dass bew&auml;hrte europ&auml;ische Standards bei [&hellip;] der Daseinsvorsorge [&hellip;] erhalten bleiben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Weil Leistungen der Daseinsvorsorge ein Eckpfeiler f&uuml;r den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sind, m&uuml;ssen sie auch k&uuml;nftig ohne Einschr&auml;nkungen durch Handelsabkommen wie bisher erbracht werden k&ouml;nnen.\n<\/p><\/blockquote><p>Das bedeutet: Der Konventsbeschluss fordert, den Bereich der Daseinsvorsorge g&auml;nzlich und ohne Ausnahmen aus dem Freihandelsabkommen auszunehmen. Der Antrag der Parteif&uuml;hrung hingegen l&auml;sst Regelungen durch Freihandelsabkommen zu, soweit sie die Entscheidungsfreiheit regionaler K&ouml;rperschaften (und nur dieser!) und die Standards in diesem Bereich nicht einschr&auml;nken und solange die Erbringung von Leistungen der Daseinsvorsorge keinen Einschr&auml;nkungen unterliegt (Daseinsvorsorge hat mehr Aspekte als nur deren Erbringung!).<\/p><p><strong>Einnahmeausf&auml;lle durch den Wegfall von Z&ouml;llen<\/strong><\/p><p>Im Konventsbeschluss steht:<\/p><blockquote><p>\nWenn die Z&ouml;lle aber beseitigt werden, so soll der Einnahmenverlust der EU ausgeglichen werden.\n<\/p><\/blockquote><p>Im Antrag der Parteif&uuml;hrung hingegen wird diese Forderung nicht erhoben und das Thema nicht angesprochen.<\/p><p>Das bedeutet: Eine erneute Entlastung von Unternehmen, die wie Steuersenkungen wirkt und die finanziell nicht an anderer Stelle ausgeglichen wird. <\/p><p><strong>Umwelt-, Sozial- und Verbraucherstandards<\/strong><\/p><p>Im Konventsbeschluss steht:<\/p><blockquote><p>\nDas Freihandelsabkommen darf Arbeitnehmerrechte, Verbraucherschutz-, Sozial- und Umweltstandards nicht gef&auml;hrden. Einen Dumping-Wettbewerb, bei dem Staaten und Unternehmen sich Vorteile &uuml;ber Sozial- und Umweltschutzdumping verschaffen, lehnen wir ab. Deshalb muss im Rahmen des Handelsabkommens darauf hingewirkt werden, Mitbestimmungsrechte, Arbeits-, Gesundheits- und Verbraucherschutz- sowie Sozial- und Umweltstandards zu verbessern.\n<\/p><\/blockquote><p>Im Antrag der Parteif&uuml;hrung hei&szlig;t es hingegen:<\/p><blockquote><p>\ndass die Abkommen keine Verschlechterung von sozialen, arbeitsrechtlichen, &ouml;kologischen oder kulturellen Standards bedeuten oder Umwelt- und Arbeitnehmerschutzrechte als &bdquo;nichttarif&auml;re Handelshemmnisse&ldquo; interpretiert werden k&ouml;nnen, dass weitere Verbesserungen dieser Normen m&ouml;glich sein m&uuml;ssen\n<\/p><\/blockquote><p>Das bedeutet: Zweierlei. Erstens ist der Konventsbeschluss strenger, weil er schon die &ldquo;Gef&auml;hrdung&rdquo; von Standards ausschlie&szlig;t &ndash; und nicht nur die tats&auml;chliche Verschlechterung. Der Konventsbeschluss fordert also schon ein Nein, wenn nur die M&ouml;glichkeit besteht, dass Standards unter Druck geraten. Zweitens fordert der Konventsbeschluss Verbesserungen der Standards durch das Freihandelsabkommen, der Antrag der Parteif&uuml;hrung hingegen m&ouml;chte Verbesserungen nur erm&ouml;glichen, nicht erzwingen.<\/p><p><strong>Durchsetzung von Standards<\/strong><\/p><p>Im Konventsbeschluss steht:<\/p><blockquote><p>\nDie Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards muss in Konfliktf&auml;llen genauso wirkungsvoll sichergestellt sein, wie die Einhaltung anderer Regeln des Abkommens.\n<\/p><\/blockquote><p>Im Antrag der Parteif&uuml;hrung hingegen wird diese Forderung nicht erhoben und das Thema nicht angesprochen.<\/p><p>Das bedeutet: Investoren sollen laut Antrag der Parteif&uuml;hrung Klagerechte gegen Staaten erhalten (wenn auch &ldquo;nur&rdquo; vor einem &ouml;ffentlichen Handelsgericht). Arbeitnehmer, Gewerkschaften und Sozialverb&auml;nde werden hingegen ihre Rechte gegen&uuml;ber Staaten und Unternehmen nicht in gleicher privilegierter Weise durchsetzen k&ouml;nnen. Hier f&auml;llt der Antrag der Parteif&uuml;hrung einmal mehr hinter den Konventsbeschluss zur&uuml;ck.<\/p><p><strong>&Auml;nderung und K&uuml;ndigung<\/strong><\/p><p>Im Konventsbeschluss steht:<\/p><blockquote><p>\nEin Abkommen sollte eine Klausel enthalten, die eine Korrektur von unerw&uuml;nschten Fehlentwicklungen erm&ouml;glicht.\n<\/p><\/blockquote><p>Im Antrag der Parteif&uuml;hrung hei&szlig;t es hingegen lediglich:<\/p><blockquote><p>\ndas Abkommen eine Klausel enthalten soll, die eine K&uuml;ndigung erlaubt.\n<\/p><\/blockquote><p>Das bedeutet: Dass ein Freihandelsvertrag eine K&uuml;ndigungsklausel enth&auml;lt, ist eine Selbstverst&auml;ndlichkeit und eigentlich nicht der Rede wert. &Uuml;blicherweise sehen diese Klauseln sehr lange K&uuml;ndigungsfristen vor, oft 20 Jahre. &ldquo;Unerw&uuml;nschte Fehlentwicklungen&rdquo;, vor denen der Konventsbeschluss zu Recht warnt, sind daher durch eine K&uuml;ndigungsklausel nicht zu beheben. Eine zus&auml;tzliche Klausel, die in solchen F&auml;llen zeitnahe Korrekturen erm&ouml;glicht, ist daher sinnvoll. Durch ihren Antrag versucht die Parteif&uuml;hrung, die Forderung nach einer solchen aus dem SPD-Forderungskatalog zu streichen.<\/p><p>Auch &uuml;ber diese Punkte hinaus ist der Antrag des Parteivorstands kritisch zu sehen, und zwar aus (mindestens) den folgenden beiden Gr&uuml;nden:<\/p><p>Erstens taucht darin eine rote Linie der SPD nicht auf, die in der Vergangenheit immer wieder gezogen wurde (wenngleich nicht im Konventsbeschluss). Mehrere Abgeordnete und Gliederungen haben erkl&auml;rt, die SPD stimme TTIP nur zu, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26132\">wenn es mit den USA ein &ldquo;No-Spy&rdquo;-Abkommen gebe<\/a>. Davon will der Parteivorstand offenbar nichts (mehr) wissen. Wie &uuml;berhaupt das Thema Datenschutz in seinem Antrag faktisch keine Rolle spielt.<\/p><p>Zweitens wird das Abkommen CETA zwischen Kanada und der Europ&auml;ischen Union (auch) im Antrag des Parteivorstands weniger kritisch behandelt als das TTIP-Abkommen zwischen den USA und der EU. Anders als bei TTIP soll es bei CETA lediglich im Bereich Investorenschutz\/Schiedsgerichte noch Ver&auml;nderungen geben (die aber, siehe oben, hinter dem Konventsbeschluss und dem eigentlich Notwendigen zur&uuml;ckbleiben). Dies ist umso unverst&auml;ndlicher, als Kanada seit Kurzem eine der Sozialdemokratie nahestehende, freihandelskritische Regierung hat.<\/p><p>Man kann den Delegierten des Parteitags &ndash; im Sinne der Glaubw&uuml;rdigkeit ihrer Partei und im Sinne einer vern&uuml;nftigen Au&szlig;enhandelspolitik Deutschlands und Europas &ndash; nur empfehlen, den Antrag des Parteivorstands abzulehnen und sich auch nicht auf einen wie auch immer gearteten Kompromiss einzulassen. Die Partei hat mit dem Konventsbeschluss eine gute und eindeutige Grundlage, um &uuml;ber Pro und Contra zu TTIP und CETA zu entscheiden. Ein weiterer Beschluss ist schlicht unn&ouml;tig. Er w&auml;re zudem gef&auml;hrlich, wenn er hinter den Konventsbeschluss zur&uuml;ckf&auml;llt, wie es der Antrag des Parteivorstands tut.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/ba2abf8c00f344a8a7dd42496b71418c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die SPD-F&uuml;hrung will den bevorstehenden Bundesparteitag offenbar nutzen, um die Positionen der Partei zu den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2015-12\/freihandelsabkommen-ttip-spd-sigmar-gabriel\">Freihandelsabkommen TTIP und CETA aufzuweichen<\/a>. Die Delegierten sind gut beraten, den entsprechenden Antrag des Parteivorstands abzulehnen. 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