{"id":29506,"date":"2015-12-10T17:02:48","date_gmt":"2015-12-10T16:02:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29506"},"modified":"2015-12-11T09:52:00","modified_gmt":"2015-12-11T08:52:00","slug":"leserbriefe-zu-kompakte-aufklaerung-gegen-den-kriegseinsatz-mit-hinweis-auf-orwell-und-huxley-und-ein-verweis-auf-horst-e-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29506","title":{"rendered":"Leserbriefe zu &#8220;Kompakte Aufkl\u00e4rung gegen den Kriegseinsatz \u2026\u201c mit Hinweis auf Orwell und Huxley. Und ein Verweis auf Horst E. Richter."},"content":{"rendered":"<p>Der erste Leserbrief: Zun&auml;chst besten Dank f&uuml;r den Hinweis auf den erfreulich guten Artikel&nbsp;im Stern. In der zweiten Spalte&nbsp;hei&szlig;t es dort am Ende des ersten Absatzes: &ldquo;Ewiger Krieg f&uuml;r den ewigen Frieden.&rdquo;&nbsp;Als ich diesen Satz las, musste ich sofort an das Buch &ldquo;1984&rdquo; von George Orwell denken. W&auml;hrend die meisten Menschen dieses Werk&nbsp;haupts&auml;chlich mit der &Uuml;berwachung&nbsp;sowie der Aussage &ldquo;Big Brother is watching you&rdquo; in Verbindung bringen, finden sich die meisten Kernaussagen in direkter Weise in dem Buch im Buch, &ldquo;Die Theorie und Praxis des oligarchischen&nbsp;Kollektivismus&rdquo; von Emmanuel Goldstein, aus dem der Protagonist Winston Smith im zweiten Teil des Romans von Orwell liest. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNach vielen Jahren habe ich Orwells&nbsp;&ldquo;1984&rdquo; vor einiger Zeit erneut gelesen und&nbsp;gerade in Teil 2&nbsp;viele Mechanismen angetroffen, die sich im aktuellen Weltgeschehen beobachten lassen. Nicht zuletzt auch den &ldquo;ewigen Krieg&rdquo;, seine Hintergr&uuml;nde&nbsp;und Implikationen sowie die immense Bedeutung der Kontrolle &uuml;ber die Geschichtsschreibung und &uuml;ber die mediale Berichterstattung.&nbsp;Jedem kritischen Menschen, dem diese Ausf&uuml;hrungen nicht (mehr) pr&auml;sent sind, m&ouml;chte ich ans Herz legen, den Roman von Orwell zu lesen und&nbsp;mit seiner Wahrnehmung unserer Welt abzugleichen. <\/p><p>Der oft vorgebrachte Verweis darauf, dass es sich dabei &ldquo;nur&rdquo; um eine Schilderung eines totalit&auml;ren Systems im Stile der Sowjetunion unter Josef Stalin handele, ist gef&auml;hrlich reduktionistisch. Denn einerseits finden sich wesentliche totalit&auml;re Elemente auch in den westlichen Gesellschaften, das sogar in zunehmendem Ma&szlig;e in einer Auspr&auml;gung, die an die ehemalige Sowjetunion erinnert. Und andererseits funktioniert die Unterdr&uuml;ckung im Westen subtiler, haben wir es mit einem Hybridsystem zu tun, angereichert mit jenen letztlich noch perfideren Unterdr&uuml;ckungsmechanismen, wie sie in &ldquo;Sch&ouml;ne neue Welt&rdquo; von Aldous Huxley aufgezeigt werden &ndash; ein Gef&auml;ngnis, welches nicht als solches wahrgenommen wird, was systematische, gro&szlig;fl&auml;chige Repression &uuml;berfl&uuml;ssig macht. Mechanismen, die bei Orwell in der Unterschicht wirken, was er aber nicht im Detail ausf&uuml;hrt. Und die bei Huxley auf die Mittel- und auch Oberschicht ausgedehnt anzutreffen sind. <\/p><p>Schlie&szlig;lich, wenn ich schon zur kritischen Lekt&uuml;re von &ldquo;1984&rdquo; anrege, so bleibt mir gar nichts Anderes &uuml;brig, als auch auf den Essayband &ldquo;Wiedersehen mit der sch&ouml;nen neuen Welt&rdquo; von Huxley zu verweisen. Darin greift Huxley die Hauptthemen seines Romans knapp 30 Jahre sp&auml;ter auf, misst sie am Weltgeschehen und kommt zum Schluss, dass sich ein &auml;hnliches System wie von ihm in seinem Roman beschrieben, eventuell schon wesentlich schneller etablieren k&ouml;nnte als dies im Roman der Fall ist. Ein Werk, das wenig Beachtung fand &ndash; zu Unrecht. Leider gibt es die deutsche Ausgabe nicht mehr neu zu kaufen. Man kann auf ein gebrauchtes Buch zur&uuml;ckgreifen, darunter etwa auch eine Ausgabe von Piper, die Roman und Essay in einem Band vereint. Oder auf das Original, das es auch neu gibt, sogar in mehreren Ausgaben: &ldquo;Brave New World Revisited&rdquo;. <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nG.L., Hamburg<\/p><p>Der Zweite Leserbrief: <\/p><p><strong>Sehr geehrtes Nachdenk-Team<\/strong><\/p><p>Ich bin, wie wir alle betroffen von dem was gerade in unserem Land vor sich geht.&nbsp;Auf der Suche nach Erkl&auml;rungen habe ich noch einmal Horst E. Richter &ldquo;Der Gottes-Komplex&rdquo; von 1979 gelesen und m&ouml;chte in der Folge einen Ausschnitt zitieren, der unsere aktuelle Situation, im Kapitel &ldquo;Verwandlung des Leids in projektiven Hass. Mittelalterliche und moderne Ph&auml;nomene magischer Austreibung von Hexen, Rassenfeinden, &ldquo;erblich Minderwertigen&rdquo;, Extremisten, Parasiten, &ldquo;Risikofaktoren&rdquo;, recht treffend beschreibt.<\/p><p>&ldquo;&hellip;.In der politischen Dimension geh&ouml;ren hierzu alle emotional fixierten kollektiven Vorurteilsbildungen gegen Gruppen, Gewohnheiten oder Ideologien, von deren Bek&auml;mpfung sich diejenigen eine entscheidende Entlastung von eigenen Schwierigkeiten versprechen, die diesen Vorurteilen unterliegen. Die Betreffenden vernachl&auml;ssigen eine konstruktive Selbsthilfe, weil sie stereotyp eine Erl&ouml;sung von ihren Problemen durch Unsch&auml;dlichmachung der b&ouml;sen &auml;u&szlig;eren Einfl&uuml;sse erwarten. Der Slogan: &ldquo;Macht kaputt, was Euch kaputt macht&rdquo; hilft, das eigene Kaputt-Sein oder das drohende Kaputt-Gehen nicht innerlich verarbeiten zu m&uuml;ssen. Je mehr diese projektive Entlastung unentbehrlich wird, um so gr&ouml;&szlig;er ist die Anf&auml;lligkeit f&uuml;r eine best&auml;ndige Feindsuche und f&uuml;r kritiklose &Uuml;bernahme von Feindtheorien, auf denen die Eigenwerbung mancher politischer Gruppierungen haupts&auml;chlich beruht. Politische &ldquo;Erfolge&rdquo; in der Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des jeweiligen Feindes n&uuml;tzen indessen denjenigen gar nichts, die ohne die Projektion zusammenzubrechen f&uuml;rchten. Sie d&uuml;rfen also eigentlich gar nicht das kaputtmachen, was sie angeblich kaputtmacht, denn das w&auml;re das sicherste Mittel f&uuml;r sie, wirklich kaputtzugehen. Man m&uuml;sste sonst hinter den bestraften &ldquo;Hexen&rdquo; immer wieder neue finden oder erfinden, damit das schlimme Spiel ad infinitum fortgesetzt werden kann.<\/p><p>Das in Deutschland eine besondere Neigung zur Leidensabwehr durch Projektion besteht, zeigt unsere j&uuml;ngste Geschichte zur Gen&uuml;ge. Diese Tendenz kommt darin zum Ausdruck, da&szlig; politische Spannungen hier immer wieder leicht zu manifesten oder verschleierten Glaubenskriegen ausarten. Nirgends sonst in der westlichen Welt f&auml;rben sich die Ideen des Nationalismus so stark mit Phantasien von der eigenen heiligen Berufung zur Erl&ouml;sung der Welt &ndash; gegen das B&ouml;se. Diese bereits von Fichte gesch&uuml;rten Vorstellungen erwiesen sich wieder und wieder als taugliches Z&uuml;ndmittel zur Aufstachelung von Kriegsbegeisterung oder zumindest zur Aufhetzung gegen Minderheiten. Die Menschheit werde endlich in Frieden und Freiheit erbl&uuml;hen, wenn Siegfried oder Georg den b&ouml;sen Drache t&ouml;te.<\/p><p>Das ist das stereotype Grundkonzept, das sich lediglich in der inhaltlichen Ausf&uuml;llung wandelt. Nach dem &ldquo;Weltjudentum&rdquo; ist seit l&auml;ngerem der &ldquo;Weltkommunismus&rdquo; der gro&szlig;e Drachen, in dessen Ausmerzung viele insgeheim das Rezept zur m&ouml;glichen schlagartigen Beseitigung allen Elends auf der Erde erblicken. Es w&auml;re sicherlich interessant und ergiebig, einmal gr&uuml;ndlich sozialpsychologisch die in unserem Land verbreitete Antikommunismusstimmung auf die ihr beigemischten Anteile von archaisch-magischen Phantasien zu &uuml;berpr&uuml;fen. Allerdings liegen einige klassische Symptome offen zutage, die eindeutig auf die Wirksamkeit des erl&auml;uterten Projektionsmechanismus schlie&szlig;en lassen:<\/p><p>Dazu geh&ouml;ren unter anderem projektierte Wahrnehmungseinengungen und&nbsp;-verzerrungen: Man sieht Aggression, Imperialismus, Menschenrechtsverletzungen nur auf einer Seite der Welt. Fernerhin geh&ouml;rt dazu eine Bereitschaft zu einer generalisierenden Entwertung: Man bezieht die im kommunistischen Machtbereich lebenden V&ouml;lker in allgemeine Klischeevorstellungen von Unkultiviertheit, Primitivit&auml;t, Aggressivit&auml;t ein.<\/p><p>Auf der gleichen Linie liegt die ins Paranoide gesteigerte Bef&uuml;rchtung, im eigenen Lager von Feinden unterwandert, verf&uuml;hrt, angesteckt und verdorben zu werden: Wo sich im eigenen Kreis Kritik meldet, wo Arbeiter und Gewerkschaften unbequeme Forderungen stellen, wo die Frauen gegen Sexismus, die Studenten gegen Hochschulmi&szlig;st&auml;nde, die Sch&uuml;ler gegen M&auml;ngel des Schulwesens, wo die B&uuml;rgerinitiativen gegen Kernkraftwerke protestieren, wittern viele sogleich stereotyp &ouml;stliche Fernsteuerung. Oder sie unterstellen zumindest &ldquo;Infizierung&rdquo; durch das sozialistische Gift. Ein typisches Merkmal der Verteufelungsstrategie ist die dem Feind zugetrauten F&auml;higkeiten, sich auf allen erdenklichen dunklen und geheimnisvollen Wegen der Seelen zu bem&auml;chtigen und &uuml;berall Verderbnis zus&auml;en. Dieser magische Hintergrund erkl&auml;rt die hektische Fahndung nach &ldquo;Sympathisanten&rdquo; und vielleicht schon vom B&ouml;sen Besessenen. Die f&uuml;r das Ausland ganz unverst&auml;ndliche, hierzulande mit gr&ouml;&szlig;tem administrativen Aufwand betriebene Observierung, Durchleuchtung, Registrierung und berufliche Behinderung von Linken bis hin zu schlichten Radikaldemokraten rechtfertigt sich eben durch diese magische D&auml;monisierung des Feindes. Damit die Kinder in den Schulen, die Studenten in den Universit&auml;ten, die Beamten in den Beh&ouml;rden als den viralen Zentralorganen des Staates vor Ansteckung bewahrt werden, muss man sie konsequent von den Agenten fernhalten, die nur darauf warten, allm&auml;hlich unsere s&auml;mtlichen Institutionen mit ihrem Gift zu infiltrieren und zu zersetzen. Die panische Ber&uuml;hrungsangst hat ausgepr&auml;gt symptomatischen Charakter.<\/p><p>Ein letztes Symptom des archaischen Projektionsmechanismus zeigt sich darin, da&szlig; die ihm Unterliegenden, wie intelligent sie auch sein m&ouml;gen, keinerlei logischen Belegen mehr zug&auml;nglich sind, die sie an sich dazu zwingen m&uuml;ssten, falsche Vermutungen und Generalisierungen zu revidieren. Weil sie es aus emotionalen Gr&uuml;nden nicht wollen, k&ouml;nnen viele gar nicht mehr Unterschiede zwischen demokratischen Sozialismus und &ouml;stlichem Staatskommunismus, ja nicht einmal zwischen linksliberalen Positionen und Marxismus machen. Der Terrorismus ist f&uuml;r sie nur eine logische Fortsetzung von Links, usw &hellip; &rdquo;<\/p><p>Mit solidarischen Gr&uuml;&szlig;en<\/p><p>Anke Z.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Leserbrief: Zun&auml;chst besten Dank f&uuml;r den Hinweis auf den erfreulich guten Artikel&nbsp;im Stern. In der zweiten Spalte&nbsp;hei&szlig;t es dort am Ende des ersten Absatzes: &ldquo;Ewiger Krieg f&uuml;r den ewigen Frieden.&rdquo;&nbsp;Als ich diesen Satz las, musste ich sofort an das Buch &ldquo;1984&rdquo; von George Orwell denken. W&auml;hrend die meisten Menschen dieses Werk&nbsp;haupts&auml;chlich mit der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29506\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,123],"tags":[1554],"class_list":["post-29506","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-orwell-2-0"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29506"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29506\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29508,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29506\/revisions\/29508"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}