{"id":29556,"date":"2015-12-14T10:20:29","date_gmt":"2015-12-14T09:20:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29556"},"modified":"2022-06-21T11:05:12","modified_gmt":"2022-06-21T09:05:12","slug":"informationen-und-anmerkungen-zum-ergebnis-der-franzoesischen-regionalwahlen-am-13-dezember-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29556","title":{"rendered":"Informationen und Anmerkungen zum Ergebnis der franz\u00f6sischen Regionalwahlen am 13. Dezember 2015"},"content":{"rendered":"<p>Die Stimmen sind ausgez&auml;hlt und die Ergebnisse der franz&ouml;sischen Regionalwahlen liegen vor. Mit Analysen und Interpretationen sollte man aber vorsichtig sein, weil die nackten Zahlen keine ausreichende Grundlage daf&uuml;r sind, politische Schl&uuml;sse zu ziehen. Von <strong>Christoph Habermann<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29556#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDas l&auml;sst sich an einem Beispiel gut nachvollziehen: Die Sozialistische Partei (PS) hatte ihre Listen f&uuml;r den zweiten Wahlgang in den Regionen Provence-Alpes-Cote d&acute;Azur und Nord-Pas de Calais-Picardie zur&uuml;ckgezogen, um einen Sieg des rechtsextremen Front National zu verhindern. Das Ergebnis scheint diese Strategie zu best&auml;tigen: Die b&uuml;rgerliche Rechte hat sich in beiden Regionen deutlich durchgesetzt. Im Norden erreichte die Vorsitzende des Front National Marine Le Pen 43,23 Prozent, ihre Nichte Marion Mar&eacute;chal Le Pen erreichte im S&uuml;dosten Frankreichs mit 45,22 Prozent das beste Ergebnis f&uuml;r ihre Partei.<\/p><p>Im Osten Frankreichs, in der Region Alsace -Lorraine &ndash; Champagne, hatte der Spitzenkandidat der Sozialisten gegen den erkl&auml;rten Willen der Parteif&uuml;hrung und auch des Ministerpr&auml;sidenten seine Kandidatur aufrechterhalten. Auch in dieser Region hat die b&uuml;rgerliche Rechte klar gewonnen und die Linke ihr (schlechtes) Ergebnis des ersten Wahlgang bei deutlich h&ouml;herer Wahlbeteiligung gehalten. Der Front National kam hier auf 36,08 Prozent der Stimmen.<\/p><p>Welche Ver&auml;nderungen des Wahlverhaltens zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang der Regionalwahlen dahinter stehen, l&auml;sst sich gegenw&auml;rtig noch nicht sagen. Klar ist das Ergebnis: In den beiden Regionen, in denen der PS seine Liste zur&uuml;ckgezogen hat, werden in den kommenden Jahren nur die b&uuml;rgerliche Rechte und die Rechtsextremen im Regionalparlament vertreten sein; der PS, Parteien links davon und Gr&uuml;ne werden keinen einzigen Sitz in den Parlamenten zweier Regionen haben, die bisher und seit langer Zeit von einer linken Mehrheit aus Vertretern der Sozialistischen Partei, Linken, Kommunisten und Gr&uuml;nen regiert worden waren.<\/p><p>Nach dem franz&ouml;sischen Wahlrecht f&uuml;r die Regionalwahlen 2015 bekommt die st&auml;rkste Partei vorab ein Viertel aller Sitze und drei Viertel der Sitze werden nach dem prozentualen Ergebnis der Parteien verteilt. Diese Pr&auml;mie f&uuml;r die relativ st&auml;rkste Partei f&uuml;hrt dazu, dass die anderen Parteien deutlich weniger Parlamentssitze bekommen als es ihrem Stimmenanteil entspricht. <\/p><p>Deshalb bekommt der rechtsextreme Front National, der in keiner Region die meisten Stimmen erreicht hat, viel weniger Sitze als es seinem Stimmenanteil entspr&auml;che. Auch diesen Umstand muss man &ndash; nicht nur, aber besonders &ndash; mit Blick auf die Pr&auml;sidentschaftswahl im Jahr 2017 ber&uuml;cksichtigen.<\/p><p><strong>I Wahlbeteiligung stark gestiegen<\/strong><\/p><p>Die stark gestiegene Wahlbeteiligung zwischen erstem und zweitem Wahlgang kann man mit aller Vorsicht als Zeichen daf&uuml;r sehen, dass eine grosse Gruppe von W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern &ndash; trotz massiver Entt&auml;uschung &uuml;ber die Politik des sozialistischen Pr&auml;sidenten Francois Hollande und seiner Regierung &ndash; verhindern wollte, dass der Front National zum ersten Mal in der Geschichte Frankreichs die politische Macht in einer Region &uuml;bernimmt.<\/p><p>Die Wahlbeteiligung ist um knapp zehn Prozent gestiegen, von 49 Prozent im ersten Wahlgang auf 58,53 Prozent im zweiten Wahlgang. Das ist der st&auml;rkste Anstieg zwischen erstem und zweitem Wahlgang seit der Pr&auml;sidentschaftswahl 2002, bei der im<br>\nersten Wahlgang der sozialistische Kandidat Lionel Jospin ausgeschieden war und Jacques Chirac im zweiten Wahlgang mit etwa 80 Prozent gegen Jean-Marie Le Pen vom Front National gew&auml;hlt worden war.<\/p><p>Die Tatsache, dass der Front National entgegen vieler Erwartungen in keiner Region die Mehrheit und die Pr&auml;sidentin bzw. den Pr&auml;sidenten stellen wird, darf nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass er bei h&ouml;herer Wahlbeteiligung sein  Wahlergebnis noch einmal verbessert hat.  6,71 Millionen Franz&ouml;sinnen und Franzosen haben den Front National gew&auml;hlt, so viele wie noch nie bei einer Wahl. Bei der Pr&auml;sidentschaftswahl 2012 waren es bei h&ouml;herer Wahlbeteiligung 6,42 Millionen.<\/p><p><strong>II Zu den Ergebnissen in den dreizehn Regionen<\/strong><\/p><p>Die b&uuml;rgerliche Rechte aus der Partei &bdquo;Les R&eacute;publicains&ldquo; des fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten Nicolas Sarkozy und von Parteien der Mitte  hat die Mehrheit in sieben Regionen. Das ist deutlich weniger als nicht nur die Verantwortlichen dieser Partei noch vor wenigen Wochen erwartet hatten. Herausragender Erfolg ist, dass die b&uuml;rgerliche Rechte in Zukunft die Mehrheit in der Region Ile de France hat, zu der auch Paris geh&ouml;rt.<\/p><p>In f&uuml;nf Regionen hat die Sozialistische Partei die Mehrheit gewonnen. In der Bretagne gelang ihr das mit ihrem Spitzenkandidaten, dem franz&ouml;sischen Verteidigungsminister Yves Le Drian, alleine, in den vier anderen Regionen hatte sie nach dem ersten Wahlgang<br>\nein B&uuml;ndnis mit der Linken und den Gr&uuml;nen gebildet. In Korsika hat eine regionalistische Liste die Wahl gewonnen.<\/p><p>Im Vergleich zu den letzten Regionalwahlen im Jahr 2010 hat sich die politische Landkarte damit stark ver&auml;ndert. Damals hatte die Sozialistische Partei gemeinsam mit ihren Partnern auf der linken Seite des politischen Spektrums insgesamt in allen der damals noch 22 franz&ouml;sischen Regionen die Mehrheit, mit Ausnahme der Region Elsass-Lothringen.<\/p><p>Auch bei dieser Wahl best&auml;tigt sich, dass der Front National in den grossen St&auml;dte deutlich schlechter abschneidet als im Durchschnitt. Von den zehn gr&ouml;ssten franz&ouml;sischen St&auml;dten w&auml;hlen zwei, Marseille und Nizza, bei allen Wahlen der vergangenen Jahre &uuml;berdurchschnittlich stark die rechtsextreme Partei, in den acht anderen liegt der Stimmenanteil des Front National deutlich unter dem Durchschnitt, am st&auml;rksten in Paris mit 6,1 Prozent, in Nantes mit 8,94 Prozent und in Bordeaux mit 9,78 Prozent.<\/p><p><strong>III Gr&uuml;nde f&uuml;r das starke Abschneiden des rechtsextremen Front National<\/strong><\/p><p>In der Berichterstattung und in der politischen Diskussion &uuml;ber die Erfolge des rechtsextremen Front National spielen in Frankreich, aber noch st&auml;rker in Deutschland und anderen L&auml;ndern, Fragen von Sicherheit, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus eine grosse Rolle. Viele Untersuchungen aus den vergangenen Jahren und aus j&uuml;ngster Zeit weisen aber darauf hin, dass die wesentlichen Gr&uuml;nde f&uuml;r den Erfolg des Front National im wirtschaftlichen und sozialen Bereich liegen: Steigende Arbeitslosigkeit, vor allem bei jungen Menschen, wachsende soziale Ungleichheit und die Angst vor sozialem Abstieg, die an die Stelle von Aufstiegshoffnungen getreten ist.<\/p><p>In seinem Buch &bdquo;Le Pari du FN&ldquo;, das im Oktober 2015 erschienen ist, untersucht der franz&ouml;sische Historiker und Demograph Herv&eacute; Le Bras, worauf die sehr unterschiedliche St&auml;rke des Front National in den verschiedenen Teilen und Regionen Frankreichs zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist.<br>\nDaf&uuml;r hat er nicht nur Regionen und D&eacute;partements verglichen, sondern die Ergebnisse auf der Ebene der St&auml;dte und Gemeinden analysiert.<\/p><p>Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Erfolge des Front National in starkem Masse mit f&uuml;nf Formen der Ungleichheit in Frankreich einhergehen:<\/p><ul>\n<li>Anteil der 15 bis 24j&auml;hrigen, die arbeitslos sind,<\/li>\n<li>Anteil der 25 bis 34j&auml;hrigen ohne Berufs- oder Studienabschluss,<\/li>\n<li>Anteil Alleinerziehender,<\/li>\n<li>Einkommen der 10 Prozent &Auml;rmsten,<\/li>\n<li>Einkommensunterschied zwischen den reichsten und den &auml;rmsten 20 Prozent.<\/li>\n<\/ul><p>Was die Rolle der Einwanderung angeht, stellt er aufgrund einer Analyse aller Wahlen zwischen 2002 und 2012 fest:<\/p><p>&bdquo;In jedem D&eacute;partement steigt der Stimmenanteil des Front National zwischen 2002 und 2012 umso st&auml;rker, je kleiner und damit l&auml;ndlicher eine Gemeinde ist und, Hand in Hand damit, je geringer der Anteil von Einwanderern ist.&ldquo;<\/p><p>In einem am 12. Dezember in &bdquo;Le Monde&ldquo; erschienenen Artikel kommen zwei &Ouml;konomen aufgrund der statistischen Analyse der Ergebnisse des ersten Wahlgang zu einem ganz &auml;hnlichen Schluss:<\/p><p>Wichtig f&uuml;r die Auseinandersetzung mit dem Front National seien &ouml;konomische Themen und nicht gesellschaftspolitische.<\/p><p>&bdquo;Drei Antworten &ouml;konomischer Natur m&uuml;ssen Vorrang haben: Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit, die Verbesserung der sozialen Aufstiegsm&ouml;glichkeiten und  der Abbau der regionalen Unterschiede.&ldquo;<\/p><p>Zur Bedeutung der sogenannten Sicherheitsthemen stellen die Autoren fest:<\/p><p>&bdquo;Um es zu vereinfachen kann man sagen: Je weniger Kriminalit&auml;t und Delikte es &ouml;rtlich gibt und je weniger Fremde, umso st&auml;rker wurde am 6. Dezember Front National gew&auml;hlt.&ldquo;<\/p><p><strong>Schlussbemerkung<\/strong><\/p><p>Die gestrigen Wahlen waren die letzten vor der Pr&auml;sidentschaftswahl im Jahr 2017.<br>\nIn allen Parteien wird es jetzt darum gehen, welche Deutung des Wahlergebnisses vom Sonntag sich durchsetzt.<\/p><p>Bei den regierenden Sozialisten werden Pr&auml;sident Hollande und Ministerpr&auml;sident Valls keinen Anlass sehen, ihre Politik zu &auml;ndern. Sie k&ouml;nnen dabei darauf hinweisen, dass weder die im &bdquo;Front de Gauche&ldquo; zusammengeschlossenen kleinen linken Parteien noch die Gr&uuml;nen vom schlechten Abschneiden der Sozialisten im ersten Wahlgang profitieren konnten; die Gr&uuml;nen haben gegen&uuml;ber der Regionalwahl 2010 ihren Stimmenanteil sogar halbiert.<br>\nDie innerparteilichen Kritiker der Wirtschafts- und Finanzpolitik Frankreichs sind durch die Wahlen eher geschw&auml;cht als gest&auml;rkt. Das gilt auch f&uuml;r die B&uuml;rgermeisterin von Lille, die fr&uuml;here Arbeitsministerin Martine Aubry, die im vergangenen Jahr immer deutlicher Kritik an einer zu marktgl&auml;ubigen Politik ge&uuml;bt hatte. In ihrer Region, bisher eine sozialistische Hochburg, hatten die Sozialisten im ersten Wahlgang ein katastrophales Ergebnis erzielt und waren im zweiten Jahrgang nicht mehr angetreten, um die Wahl von Marine Le Pen zur Pr&auml;sidentin der Region zu verhindern.<\/p><p>Bei der b&uuml;rgerlichen Rechten wird die Auseinandersetzung darum gehen, wer Kandidat f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaftswahl 2017 werden wird. Aus heutiger Sicht wird sich diese Frage zwischen dem fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten Nicolas Sarkozy und seinem damaligen Aussenminister, dem heutigen B&uuml;rgermeister von Bordeaux, Alain Jupp&eacute; entscheiden.<br>\nSarkozy wird auch aus den eigenen Reihen der Vorwurf gemacht, den Front National dadurch gef&ouml;rdert zu haben, dass er dessen Themen &uuml;bernommen oder stark gemacht habe. Jupp&eacute; steht dagegen gesellschaftspolitisch mehr f&uuml;r Mitte-rechts, vertritt in Fragen der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik aber klar marktradikale Positionen.<\/p><p>Der Front National wird das Ergebnis der Wahlen als Verschw&ouml;rung aller anderer Parteien, der Medien und der franz&ouml;sischen Eliten gegen die einzige Partei des Volkes darzustellen versuchen, wie das Marine Le Pen gestern Abend schon begonnen hat. <\/p><p>Ob es dem Front National gelingen wird, sich zugleich als Sieger und Opfer zu stilisieren, h&auml;ngt weniger vom politischen Schlagabtausch zwischen den Parteien ab als von den praktischen Ergebnissen der franz&ouml;sischen Politik im Interesse der grossen Mehrheit der Menschen. Nach den bisherigen Erfahrungen gibt es da leider keinen Grund zu grossen Hoffnungen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Christoph Habermann<\/strong> war u.a. stellvertretender Chef des Bundespr&auml;sidialamtes in der Amtszeit von Bundespr&auml;sident Johannes Rau, von Ende 2004 bis 2007 war er Staatssekret&auml;r im S&auml;chsischen Staatsministerium f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit und danach Staatssekret&auml;r im Ministerium f&uuml;r Arbeit, Soziales, Gesund, Familie und Frauen von Rheinland-Pfalz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stimmen sind ausgez&auml;hlt und die Ergebnisse der franz&ouml;sischen Regionalwahlen liegen vor. Mit Analysen und Interpretationen sollte man aber vorsichtig sein, weil die nackten Zahlen keine ausreichende Grundlage daf&uuml;r sind, politische Schl&uuml;sse zu ziehen. 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