{"id":2961,"date":"2008-02-08T14:00:27","date_gmt":"2008-02-08T13:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2961"},"modified":"2015-11-28T13:59:02","modified_gmt":"2015-11-28T12:59:02","slug":"nachtrag-zum-spiegel-offenbar-lernunfaehig-und-zur-weiteren-talfahrt-entschlossen-es-gibt-auf-dauer-keinen-bedarf-an-einem-unkritischen-mainstream-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2961","title":{"rendered":"Nachtrag zum Spiegel: Offenbar lernunf\u00e4hig und zur weiteren Talfahrt entschlossen. Es gibt auf Dauer keinen Bedarf an einem unkritischen Mainstream-Spiegel"},"content":{"rendered":"<p>Kaum hatte ich heute Nacht den <a href=\"?p=2958\">Eintrag zur Entwicklung beim Spiegel<\/a> geschrieben, da wurde um 5:41 Uhr von Christian Reiermann, Wirtschaftsredakteur im Hauptstadtb&uuml;ro des Spiegel, auch schon best&auml;tigt, dass nach Meinung dieses Autors der Spiegel das Kampfblatt der herrschenden Le(h)ere bleiben soll. Wenn Sie wissen wollen, wie diese Leute denken, dann lesen Sie den in Anlage 1 verlinkten Beitrag. In Anlage 2 geben wir zwei Leserbriefe zur Kenntnis, die sich mit dem Beitrag von Christian Reiermann auseinander setzen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nVon mir aus will ich noch anmerken: Aus meinem Studium der &Ouml;konomie kenne ich durchaus einen anderen Gebrauch des Wortes &bdquo;neoliberal&ldquo;. Das waren damals, vor gut 45 Jahren wissenschaftliche Autoren, von denen man viel lernen und sich auch sachlich auseinander setzen konnte. Deshalb f&auml;llt mir der Gebrauch des Wortes in der heutigen Bedeutung auch nicht leicht, genauso wenig wie der Gebrauch des Wortes Reform. Und dennoch kann ich mich dem allgemeinen Sprachgebrauch nicht entziehen.<br>\nIch benutze den Begriff Reform nicht mehr in dem Sinn, wie wir ihn in den sechziger und siebziger Jahren gebraucht haben, als eine Ver&auml;nderung, die der Mehrheit und vor allem den Schw&auml;cheren zugute kam. Heute nutze ich diesen Begriff so, wie die Reformer vom Schlage Schr&ouml;ders und Clements, Merz&rsquo; und Merkels ihn gebrauchen &ndash; als Begriff zur Beschreibung von Ver&auml;nderungen, die vor allem den Oberen zugute kommen.<br>\nGenauso geht es mir mit dem Begriff neoliberal. Ich nutze ihn zur kurzen Kennzeichnung der herrschenden &ouml;konomischen Ideologie. Leider kann man sich eben dem allgemeinen Sprachgebrauch nicht entziehen, wenn man weiter kommunizieren will.<br>\nDies vorweg. Ansonsten sind die beiden Leserstimmen lehrreich.<\/p><p><strong>Anlage 1:<\/strong><br>\n08. Februar 2008<br>\n<strong>ANTI-NEOLIBERALISMUS<\/strong><br>\n<strong>Unsozial sind immer die anderen<\/strong><br>\nVon Christian Reiermann<br>\nDas Wort &ldquo;neoliberal&rdquo; ist zum politischen Kampfbegriff verkommen. Von CSU-Politikern bis zu Vertretern der Linken: Der unsoziale Generalverdacht wird gern und schnell formuliert &ndash; dabei hat die Vokabel mal so unschuldig begonnen.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,533857,00.html\">Spiegel-Online<\/a><\/p><p><strong>Anlage 2:<\/strong><br>\n<strong>Zwei Leserstimmen, eine aus dem Forum von SpiegelOnline, eine an NachDenkSeiten geschickt:<\/strong><\/p><p><strong>A. Lesermail T.K.<\/strong><\/p><p>Sehr gesch&auml;tzte NDS-Redaktion,<\/p><p>Ihnen wird bestimmt der Artikel &bdquo;ANTI-NEOLIBERALISMUS: Unsozial sind immer die anderen&ldquo; auf spiegel.de aufgefallen sein. Der Artikel dient nat&uuml;rlich der Rehabilitierung des Begriffs &bdquo;Neoliberalismus&ldquo;. Noch dazu ist er sachlich falsch. Ich habe soeben einen Leserbrief zum Artikel an Spiegel Online geschickt mit folgendem Inhalt:<\/p><p>Sehr geehrter Herr Reiermann,<br>\nich w&uuml;rde ihnen empfehlen, Ihre Etymologie des Begriffs &ldquo;Neoliberalismus&rdquo; noch einmal zu &uuml;berpr&uuml;fen. In seiner heutigen Verwendung entspricht der Begriff weitgehend dem englischen &ldquo;neoliberalism&rdquo;, was einfach eine verk&uuml;rzte Form von &ldquo;neoclassical liberalism&rdquo; darstellt. &ldquo;Neoclassical&rdquo; wiederum bezieht sich auf die neoklassische Wirtschaftstheorie der sogenannte &ldquo;Chicago School&rdquo;, die z. B. die Wirtschaftspolitiken von Pinochet, Reagan und Thatcher entwarf. Im Englischen wird also mit dem Begriff &ldquo;Neoliberalism&rdquo; eine Denkschule bezeichnet, die sich vom guten alten Ludwig Erhard darin unterscheidet, dass sie eben gerade nicht auf einen starken Sozialstaat setzt sondern auf Eigenverantwortung und das freie Spiel der M&auml;rkte. Insofern ist Ihre Aussage &ldquo;Als neoliberal gelten hierzulande generell Leute, die sich mit dem R&uuml;stzeug der &Ouml;konomie den Problemen der Wirklichkeit stellen&rdquo; sachlich falsch. Als neoliberal gelten vielmehr Leute, die sich mit dem R&uuml;stzeug der NEOKLASSISCHEN &Ouml;konomie wappnen. Diese stellt aber nur einen &ndash; durchaus umstrittenen &ndash; Ansatz unter vielen dar. Zum R&uuml;stzeug der &Ouml;konomie geh&ouml;ren auch Keynesianismus, Marxismus, Evolution&auml;re &Ouml;konomie und vieles mehr. Neoliberale &Ouml;konomen beschr&auml;nken sich ganz bewu&szlig;t auf einen Ansatz unter vielen, n&auml;mlich die Neoklassik. Aus den weltfremden neoklassischen Modellen leiten sie immer wieder die gleichen Rufe nach freien M&auml;rkten und Sozialabbau ab. Deswegen ist die Gleichsetzung von Neoliberalismus und Marktradikalismus im Grunde zul&auml;ssig.<\/p><p>T.K.<\/p><p><strong>B. Lesermail Andreas Heil<\/strong><\/p><p>Mein lieber Herr Reiermann<br>\nvon Andreas Heil<\/p><p>Sch&ouml;n dass Herr Reiermann dem Internet-Publikum seine &ldquo;Erkenntnisse&rdquo;<br>\nzum Begriff &ldquo;sozial&rdquo; vorerst vorenth&auml;lt.<\/p><p>Seine &ldquo;Erkenntnisse&rdquo; zum Begriff &ldquo;neoliberal&rdquo; lassen sich im Brockhaus des Jahres 1955 nachschlagen. Dort werden explizit die Herren R&ouml;pke, R&uuml;stow, Hayek, Eucken, B&ouml;hm und Miksch in Bezugnahme auf die legend&auml;re &ldquo;Genfer Konferenz&rdquo; genannt. Sie strebten lt. Brockhaus einen &ldquo;dritten Weg&rdquo; zwischen Kapitalismus und Kollektivismus an. Davon konnte jedoch bei der Gruppe um Hayek schon keine Rede sein und so gr&uuml;ndet sich die ideengeschichtliche Verwirrung schon in der Zeit, als der Begriff<br>\nentstand.<\/p><p>Was fehlt, ist somit der Hinweis auf die Unvereinbarkeit der Ansichten der Gruppe um Hayek und den Freiburgern, sowie die Erw&auml;hnung der Sonderstellung von M&uuml;ller-Armack, der der eigentliche theoretische Vater der &ldquo;sozialen Marktwirtschaft&rdquo; wurde und keineswegs in allen Details mit W. R&ouml;pke oder W. Eucken konform ging.<\/p><p>F&uuml;r die heutige (und teilweise auch schon damalige) Struktur der Wirtschaft hat der damalige Ordoliberalismus keine Antwort &ndash; er hat ein eklatantes Theorieloch zwischen angeblich w&uuml;nschenswerter kleinteiliger Konkurrenz, da nur sie dem &ldquo;Ideal&rdquo; des &ldquo;vollst&auml;ndigen Wettbewerbs&rdquo; wenigstens nahekommt und den zur Erzielung von Skalenertr&auml;gen notwendigen Agglomerationen zu Gro&szlig;konzernen. Praktiziert wurde teilweise Verstaatlichung (!), gew&uuml;nscht eher Zerschlagung, jedoch um den Preis, eben jenen Fortschritt, der auf Skalenertr&auml;ge angewiesen ist, gleich mit auszuschlie&szlig;en.<\/p><p>Der Schl&uuml;sselsatz beim Reiermann ist aber ein anderer: &ldquo;Als neoliberal gelten hierzulande generell Leute, die sich mit dem R&uuml;stzeug der &Ouml;konomie den Problemen der Wirklichkeit stellen und dabei auch noch Sympathie f&uuml;r das Wirken von M&auml;rkten erkennen lassen oder die Globalisierung f&uuml;r eine gute Sache halten.&rdquo;<\/p><p>Dieses an Unversch&auml;mtheit kaum zu &uuml;berbietende Eigenlob deckt sich in keinster Weise mit dem was am kontempor&auml;r sogenannten Neoliberalismus von dessen Gegnern vehement und &ouml;konomisch fundiert kritisiert wird. Nicht umsonst beruft sich z.B. Lafontaine ja selbst auf die Begr&uuml;nder der &ldquo;Sozialen Marktwirtschaft&rdquo;, aber vor allem auf das was sie tats&auml;chlich vertreten haben.<\/p><p>Im Brockhaus von 1991 ist der graviere nde Unterschied in Herrn Reiermanns Einheits-Sauce bereits deutlich herausgestellt. Dort werden unter Neoliberalismus die beiden Schulen der Freiburger (Ordo-) und der US-amerik. Str&ouml;mung (Friedman) unterschiedlich subsumiert und einige wichtige Aspekte der Freiburger herausgestellt.<\/p><p>Dort findet sich sogar das Ziel der Verstetigung wirtschaftlicher Entwicklung, um Konjunkturschwankungen auszugleichen. M&uuml;ller-Armack w&auml;re niemals auf die absurde Idee gekommen, dem abstrakten Markt eine Definitionsmacht &uuml;ber etwas, was gut sei oder schlecht sei, zuzugestehen &ndash; oder gar das Marktergebnis als das rekursiv dann einzig richtige anzunehmen, sondern er verstand Markt als das was es sinnvollerweise nur sein kann: Ein vorz&uuml;gliches Instrument um gesellschaftliche Ziele zu erreichen, wenn es richtig angewendet wird, d.h. dass die Politik Rahmen setzt, die die Marktakteure dazu bringen, das gew&uuml;nschte zu erreichen.<\/p><p>Heutige &ldquo;Neoliberale&rdquo; bringen die Politik dazu, die Rahmen zu beseitigen, die sie st&ouml;ren, um das von ihnen selbst gew&uuml;nschte besser zu erreichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum hatte ich heute Nacht den <a href=\"?p=2958\">Eintrag zur Entwicklung beim Spiegel<\/a> geschrieben, da wurde um 5:41 Uhr von Christian Reiermann, Wirtschaftsredakteur im Hauptstadtb&uuml;ro des Spiegel, auch schon best&auml;tigt, dass nach Meinung dieses Autors der Spiegel das Kampfblatt der herrschenden Le(h)ere bleiben soll. Wenn Sie wissen wollen, wie diese Leute denken, dann lesen Sie den<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2961\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,205],"tags":[433,669,442,233,841,420,842],"class_list":["post-2961","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-chicago-boys","tag-chile","tag-eigenverantwortung","tag-marktliberalismus","tag-reagan-ronald","tag-spiegel","tag-thatcher-margaret"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2961"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29188,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2961\/revisions\/29188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}