{"id":29645,"date":"2015-12-18T09:16:02","date_gmt":"2015-12-18T08:16:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29645"},"modified":"2019-04-10T11:42:42","modified_gmt":"2019-04-10T09:42:42","slug":"screenshot-syrien-vom-schachspiel-zum-poker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29645","title":{"rendered":"Screenshot Syrien \u2013 Vom Schachspiel zum Poker"},"content":{"rendered":"<p>Die  Sch&auml;rfe der globalen Spannung, die zurzeit &uuml;ber Syrien lastet, fordert &uuml;ber die Tagespolitik hinaus mehr Beachtung der langfristigen Wirkungen der dortigen Vorg&auml;nge. In Kurzem: &bdquo;The Grand Chessboard&hellip;&ldquo; [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29645#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] nannte Zbigniew Brzezinski sein bekanntestes Buch, in dem er die Strategie der US-Regierung Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts vor aller Welt offenlegte. Essens der Strategie war: Es d&uuml;rfe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, durch den die USA zur einzigen Weltmacht geworden seien, kein neuer Rivale auf dem Globus heranwachsen, der die Vorherrschaft der USA in Frage stellen k&ouml;nne. An dieser Zielvorgabe lie&szlig; sich die US-Politik bis in den ukrainischen und auch bis in den syrischen Krieg hinein messen: Unruhe schaffen, um m&ouml;gliche Rivalen zu schw&auml;chen. Hauptadressat dieser Politik war und ist das nachsowjetische Russland als Impulsgeber einer multipolaren Welt. Von <strong>Kai Ehlers<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29645#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6877\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-29645-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151218_Screenshot_Syrien_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151218_Screenshot_Syrien_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151218_Screenshot_Syrien_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151218_Screenshot_Syrien_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=29645-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/151218_Screenshot_Syrien_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"151218_Screenshot_Syrien_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>CIA-Vorgaben aus den Jahren  90\/91 des letzten Jahrhunderts, die empfahlen, dem absehbaren Bev&ouml;lkerungswachstum der ehemaligen Kolonialgebiete wirksam entgegenzutreten, bildeten den nicht-&ouml;ffentlichen, aber keineswegs geheim gehaltenen Hintergrund dieser Strategie. In den Vorgaben wurde vorgeschlagen daf&uuml;r zu sorgen, dass die in den ehemaligen Koloniall&auml;ndern heranwachsenden &bdquo;&Uuml;berfl&uuml;ssigen&ldquo; (in der Fachsprache der Dienste &bdquo;Youth-Bulge&ldquo;, Jugend&uuml;berschu&szlig; genannt) sich in lokalen Kriegen und B&uuml;rgerkriegen gegenseitig dezimieren. [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29645#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p><strong>Die Partie stagniert<\/strong><\/p><p>Diese 91er Strategien, sagen wir es vorsichtig, haben sich &uuml;berlebt.  Die Jahrzehnte der einsamen US-Vorherrschaft wie auch der ebenso einsamen multipolaren Opposition Russlands dagegen gehen ihrem Ende entgegen. Eine neue Lage hat sich herausgebildet: Vergangen ist die unipolare Welt der scheinbar unaufhaltsamen neoliberalen Globalisierung, die sich nach Ende des Kalten Krieges unter der Dominanz der USA entwickelte hatte. Auch die der Globalisierung vorangegangene systemgeteilte Welt mit ihren leicht erfassbaren Freund-Feind\/Sozialismus-Kapitalismus-Schablonen liegt weit zur&uuml;ck und ist nicht wiederholbar &ndash; auch nicht als Krieg der Kulturen. <\/p><p>Entstanden ist eine globale Gemengelage gegenl&auml;ufiger, sich auf vielf&auml;ltigste Weise &uuml;berschneidender Interessen, die sich in wachsender Rivalit&auml;t gegen&uuml;berstehen. Die langfristigen strategischen  Optionen der systemgeteilten, ebenso wie die der unipolaren und auch der multipolaren Welt sind nicht vergessen, aber sie schrumpfen zurzeit auf kurzatmige taktische Man&ouml;ver zusammen. Im Kampf um Ressourcen, globalen Einfluss und m&ouml;gliche Vorherrschaft ist das Schachspiel  aktuell zum Poker verkommen, in dem sich die &sbquo;Spieler&lsquo; in wechselnden B&uuml;ndnissen gegenseitig belauern, einander zu &uuml;bervorteilen und ins Risiko zu ziehen versuchen. <\/p><p><strong>Eine neue Etappe<\/strong><\/p><p>Man mag vielleicht einwenden, dass Poker gewisserma&szlig;en die nat&uuml;rliche, die &sbquo;normale&lsquo; Form des politischen &sbquo;Spiels&lsquo; sei, dem gegen&uuml;ber die Regeln der system-geteilten Welt nach 1945 und selbst noch jene der US-Alleinherrschaft nach 1991 die entwickeltere, die rationalere, weil Stabilit&auml;t bewirkende Form des globalen Konflikt- und Friedensmanagements gewesen seien, dass die heutigen globalen Beziehungen dagegen von der vor&uuml;bergehenden Ausnahme sozusagen zur historisch Regel zur&uuml;ckkehrten. Mit dieser Sicht ginge man jedoch an der inzwischen erreichten Eskalationsstufe der globalen Beziehungen vorbei, die man, um es paradox aber realistisch zu formulieren, als zunehmende Fragmentierung der Globalisierung charakterisieren kann. Die f&uuml;hrt entweder ins Chaos oder auf bisher nicht beschrittene zukunftsoffene, lebensdienlichere Wege der gesellschaftlichen, man darf ruhig sagen, der kulturellen Entwicklung. <\/p><p>In dem Ma&szlig;e, in dem die Weltbev&ouml;lkerung technisch-logistisch als globale zusammenw&auml;chst, im dem Ma&szlig;e, in dem territoriale  Entfernungen an Bedeutung abnehmen, steigt weltweit zugleich der Grad der Individualisierung, der Atomisierung und der Sektoralisierung der Gesellschaften in sich selbst gen&uuml;gende Einheiten, die ihre Beziehungen zu anderen Einheiten neu definieren m&uuml;ssen. <\/p><p>Der Nationalstaat, wie er im letzten Jahrhundert als Zentralstaat definiert wurde,  erst recht der ethnisch dominierte, sowie der mit dem Lineal ohne jede R&uuml;cksicht auf historische Gewordenheiten gezogene, verliert in diesem Prozess seine bindende Kraft. Das dr&uuml;ckt sich unter anderem darin aus, dass der Nationalstaat heute nicht mehr als Ausdruck eines Volkes, sondern als blo&szlig;er Rahmen f&uuml;r eine in viele Sektoren gegliederte Bev&ouml;lkerung verstanden wird, deren Teile nicht selten mit der Au&szlig;enwelt enger verbunden sind als mit den Menschen innerhalb der nationalen Grenzen. <\/p><p>Zugleich verlieren die Beziehungen zwischen den Nationalstaaten ihre Verbindlichkeit als grundlegende v&ouml;lkerrechtliche, besser gesagt globalrechtliche Ordnungseinheit. Auch sie sind, real betrachtet, in zunehmendem Ma&szlig;e nur noch Sektoren einer &uuml;berstaatlichen, aber deshalb nicht etwa definierten und nicht etwa legitimierten allgemeinen Ordnung. F&uuml;r die internationalen Beziehungen hei&szlig;t das: Es herrscht das Recht des St&auml;rkeren. <\/p><p>All dies sind Indikatoren der Krise des Nationalstaats und der mit ihm verbundenen gegenw&auml;rtigen V&ouml;lker-Ordnung in seiner bisherigen Form und Bedeutung. Die Krise kann kurzschl&uuml;ssige R&uuml;ckwendungen zu nationalistischen Exzessen wie in der Ukraine und als Gegenst&uuml;ck dazu Weltherrschaftsphantasien wie die des &bdquo;IS&ldquo; hervorbringen. Sie kann aber auch zur Weiterentwicklung des Nationalstaates in Richtung souver&auml;ner, miteinander in f&ouml;deralem Verbund gleichberechtigt kooperierender autonomer Regionen, politischer Gro&szlig;kollektive und l&auml;nder&uuml;bergreifender Korporationen f&uuml;hren. In dieser Entwicklung wird auch der Nationalstaat als rechtlicher Rahmen seine neue Bedeutung finden. <\/p><p>Es stellt sich die Frage, welche Karte im globalen Poker um Syrien als n&auml;chste gespielt wird. Wenn Russland darauf besteht, die Souver&auml;nit&auml;t des syrischen Nationalstaates zu achten, ist das selbstverst&auml;ndlich noch nicht der endg&uuml;ltige Weg in die Zukunft, aber vermutlich ist es die Karte, die das geringste Risiko nach sich zieht, die ganze Runde zu sprengen und die Raum l&auml;sst f&uuml;r weitere Runden. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] <strong>Kai Ehlers<\/strong> ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite <a href=\"http:\/\/kai-ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Voller Titel: &bdquo;The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives&rdquo;, Deutsch: Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Fischer tb 14358<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Kai Ehlers, Die Kraft der &sbquo;&Uuml;berfl&uuml;ssigen&lsquo;, Pahl-Rugenstein, 2013, S. 90  ff Pr&auml;ventionswahn<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sch&auml;rfe der globalen Spannung, die zurzeit &uuml;ber Syrien lastet, fordert &uuml;ber die Tagespolitik hinaus mehr Beachtung der langfristigen Wirkungen der dortigen Vorg&auml;nge. In Kurzem: &bdquo;The Grand Chessboard&hellip;&ldquo; [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29645#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] nannte Zbigniew Brzezinski sein bekanntestes Buch, in dem er die Strategie der US-Regierung Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts vor aller Welt offenlegte.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29645\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,37],"tags":[1206,1426,259,1553,260,1556],"class_list":["post-29645","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-globalisierung","tag-brzezinski-zbigniew","tag-hegemonie","tag-russland","tag-syrien","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29645"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29645\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50840,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29645\/revisions\/50840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}